Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 04 - Buena

Wie ich schon sagte, waren wir von der Anpassungsfähigkeit unseres kleinen "Wildlings" angenehm überrascht. Das was sie von uns dachte, konnte sie uns ausgezeichnet in ihrer Tiersprache deutlich machen.

Also, das mit dem Denken habe ich jetzt absichtlich eingeflochten, denn ehe ich weiter erzähle, müssen wir uns darüber einig sein, dass es meine Überzeugung ist, dass auch Tiere denken können. Es ist traurig, dass man das als etwas nicht allgemein Bekanntes extra erwähnen muss. Leider ist es notwendig, obschon es Grund zur Hoffnung auf ein besseres Verständnis der Tiere gibt, seit die Diskussionen um das Bewusstsein und die Seele der Tiere immer häufiger werden. Die neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sind längst bereit dem Tier ein Bewusstsein zuzubilligen, das dem unsrigen vergleichbar ist. Da ist z.B. der Verhaltensforscher Ronald Schustermann in Kalifornien, dem es gelungen ist, zwei Robbenweibchen die (abstrakten) Begriffe "groß" und "klein" beizubringen, der Biologe Lou Herman, der entdeckt hat, dass Delphine im Stande sind, Entscheidungen zu treffen oder Sue Savage-Rumbaugh vom George State University Language Centrum in Atlanta, deren Schimpanse Kanzi sich mit Hilfe einer elektronischen Schreibmaschine verständlich machen kann. Die Schreibmaschine hat keine Buchstaben auf den Tasten, sondern Symbole, deren Bedeutung Kanzi fehlerlos kennt. So gibt es noch viele Beispiele und es kommen immer neue dazu..

Durch Jahrtausende haben die Menschen geglaubt, dass nur der denken kann, der ihre Sprache kennt und sich ihrer bedient; der Sprache, die der Entwicklung der Menschen den Tieren gegenüber einen so großen Vorsprung erbracht hat und die zu so viel Verständnis und Missverständnis geführt hat.

Im Mittelalter hat man sogar Menschen für Idioten gehalten, die taubstumm waren. Von Tieren konnte man sich einfach nicht vorstellen, dass sie Verstand oder Gefühl haben. Sie konnten schließlich nicht einmal "Au" sagen, wenn man ihnen weh tat. Noch heute gibt es viele Länder auf dieser Erde, in denen man Tiere ungestraft und ganz legal zur "Volksfreude" und unter dem Deckmantel der "Tradition" auf grausamste Weise quälen darf.

Bis zu meinem Tode werde ich es nicht vergessen was ich in jener Zeit, als der Schah von Persien vertrieben worden war, in den Spätnachrichten sah. Es wurde der Platz vor dem verlassenen Palast gezeigt. Dort hatte eine riesige Menschenmasse ein Kamel als "Schah" herausgeputzt und durfte es nun an seiner Stelle misshandeln. Die johlende Menge schlug es mit Stöcken, stach mit Messern auf es ein, trat ihm gegen die Beine. Der Filmfotograf (es muss ein sehr guter Fotograf gewesen sein) brachte ein "close up" vom Kopf des Tieres, die ratlosen, gequälten Augen sahen mit einer verzweifelten Bitte in die Kamera, als wenn sie einen Gott um Erbarmen flehten. Er war nicht da, der Gott. Die Krone seiner Schöpfung, die Menschen, konnten ungestört ihre Freude an der Qual des Tieres haben.

Man möge mich nicht missverstehen. Dass ich dieses Vorbild erwähne, rührt daher, dass es mich so tief beeindruckt hat. Das Letzte, das ich sagen möchte, ist, dass unsere westeuropäische Kultur ein Paradies für Tiere ist. Auch in Europa gibt es Bräuche, bei denen tausende von Tieren gequält und getötet werden. Sogar kleine Kinder werden noch ermutigt, an den Quälereien teilzunehmen. Das bedeutet nicht nur eine Verstümmelung von unschuldigen Tieren, sondern auch eine Verstümmelung der Kinderseelen. Tierschutzorganisationen und die Presse berichten regelmäßig darüber.

Was werden diese Tiere in den Augenblicken ihres Leidens denken? Und wer fängt ihre Gedanken auf? Gibt es eine außerirdische Instanz, die ihre Ängste, ihre Gedanken registriert? Ich weiß es nicht. „Die Welt ist voll von stummen Bitten, die nicht gehört werden. Es sind die Menschen, die sie nicht hören. Es scheint unmöglich, diese stummen Bitten zu zählen. So viele sind es. Aber sie werden alle gezählt. Sie werden gebucht im Buche des Lebens.“ schreibt Manfred Kyber.

Von Buena und meinen anderen Tieren habe ich gelernt, dass sie tatsächlich denken und fühlen können. Während Buena in unseren Augen einfach zahm zu sein schien, hatte sie bereits den Entschluss gefasst, uns zu vertrauen. Das war nicht nur Instinkt. Ihr Instinkt hätte sie vor uns warnen müssen, denn wir gehörten zur gefährlichen Spezies Mensch.

Zum Glück gibt es immer mehr Menschen, die sich für ein besseres Los der Tiere einsetzen und die sich in die Welt der Tiere hineinversetzen. Mehr noch als alle gut gemeinte Aufforderung zum Tierschutz trägt die moderne Wissenschaft zu einem besseren Begriff und für eine würdigere Haltung den Tieren gegenüber bei. Sie ersetzt durch eine rationelle Betrachtung der biologischen Zusammenhänge und der Entwicklung der Tiere bis hin zum Menschen die alte Fabelwelt vom "bösen Raubtier", dem "hinterlistigen Fuchs" und dem "dummen Esel". So gibt sie uns einen neuen Einblick in das wahre Wesen unserer Mitgeschöpfe. Der große Professor Lorenz ist wohl der Grundsteinleger der modernen Tierforschung. Er "redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen".

Der amerikanische Biologe und Verhaltensforscher Donald R. Griffin schreibt in "Animals Thinking" (deutsche Ausgabe: "Wie Tiere denken"): "Inzwischen ist es in wissenschaftlichen Kreisen respektabel geworden, von Informationsverarbeitung, Wahrnehmung, Erkennen und sogar Denken bei nicht-menschlichen Lebewesen zu sprechen, aber das tierische Bewusstsein bleibt vielerorts ein Tabu."

Dass in Schulen und selbst Universitäten aber vor allem in der allgemeinen Sichtweise des täglichen Lebens der Widerstand gegen diese Erkenntnisse groß ist, ist schade aber trotzdem verständlich. Verständlich darum, weil - auch wenn die Beweise erbracht sind- der Mensch eine äußerst drastische Kehrtwendung machen müsste, wenn er die Tiere als Auch-Denker und Auch-Fühler anerkennen müsste. Der Mensch bewahrt sich vor einem universalen schlechten Gewissen ungekannter Proportionen den Tieren gegenüber, die seit Menschengedenken unter den Handlungen von Unverständnis und Ausbeutung gelitten haben. Beispiele menschlicher Mordlust auf Kosten der Tiere gibt es in Überfluss: Jagd, Pferde als Transportmittel im Kriege, Hunde und Kamele, die im Golfkrieg als Minenräumer über das Land gejagt wurden, Tiere, an denen die Wirksamkeit grausamer Waffen ausprobiert wird (noch heute), aber auch als Zielscheibe von Grausamkeiten in Arenen und beim Sport. Nicht zu vergessen die Opfer menschlicher Eitelkeit: Pelze, Kosmetik oder der menschlichen Angst vor den Krankheiten unserer modernen Zivilisation: Vivisektion, die Bioindustrie, die die stets wachsende Menschheit ernähren soll und, nicht zu vergessen, die seit Tausenden von Jahren vom Menschen als Lasttier bis zur letzten Erschöpfung gebrauchten Esel, Pferde, Rinder usw. Ich weiß, dass meine Liste unvollkommen ist.

Wenn man also zugibt, dass alle diese und viele andere Tiere denken und fühlen können, dann wächst die Schuld der Menschheit ins Unendliche. Ergo: sie können nicht denken. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Ich bin fest davon überzeugt, dass wenn das sich zum Mensch evolvierende Säugetier sich nicht von seinen Mittieren und von seiner Symbiose mit der Natur abgewendet hätte, die Grausamkeiten innerhalb seiner Spezies sich nicht entwickelt hätten.

Das Gedankenleben der Tiere besteht aus Wahrnehmungen, die genau wie die unsere aus der Umwelt und aus Erfahrungen aufgenommen werden. Sie vervollständigen den "Informationsschatz", den sie aus ihrem Erbgut mitbringen. Sie denken nicht in Worten, sondern in Bildern und Begriffen, für die wir Worte haben, wie Baum, Höhle, Nahrung, Angst oder Gefahr. Tiere, vor allem die höher entwickelten, haben eine große und schnelle Aufnahmefähigkeit. Schon der von 1711 bis 1777 lebende englische Philosoph David Hume sagte: "Keine einzige Wahrheit erscheint mir deutlicher als diese, dass die Tiere mit denselben Gedanken und Vernunft ausgestattet sind, wie die Menschen". Wissen konnte man es also schon lange, aber "Weil sich in jedem Menschen eine maßlose Eitelkeit versteckt hält, wollen wir diese Dinge nicht gern hören." so sagt der moderne holländische Professor Piet Vroom.

Viele Jahre nachdem wir die verschiedensten Tiere in unser Haus aufgenommen hatten, las ich einen Artikel über das Verhalten von (Wild-)tieren, in dem ich eine Erklärung für die Verhaltensunterschiede fand, die wir wahrnehmen konnten. Jedes Tier hat ein angeborenes Warnsystem, das ihm gebietet, sich vor seinen Feinden zu hüten. Aber es gibt noch einen zweiten Faktor, der das Verhalten der Tiere mitbestimmt: Ein wildes Tier, das dabei gegenwärtig ist, wie Menschen seine Mutter oder seine Geschwister töteten, wird diesen Schock niemals ganz überwinden.

Das Trauma, das die Grausamkeit der Menschen bei ihm erzeugt hat, bleibt als Warnung immer in ihm zugegen. Ein Tier dagegen, z.B. das verwaist ist, ohne dass es die Menschen seine Mittiere hat töten sehen und dann von Menschen mit der Flasche großgezogen wurde, ein Tier das keinerlei Aggressionen von seiner Umgebung erfährt, wird wohl noch die angeborenen Reaktionen haben: - was sich fortbewegt, muss verfolgt werden, oder was auf mich zukommt, ist Gefahr -, aber es wird sie dem "befreundeten" Menschen gegenüber beherrschen und nur Stresssituationen und unerwartete Schreckmomente können die Schranke notfalls unterbrechen.

Auch unsere Buena war die schönste Bestätigung dafür. Da sie uns ihre Lebensgeschichte und die ihrer Mutter nicht mit Worten erzählen konnte, haben wir uns nach unseren Erfahrungen mit ihr und aus dem, was man heute von der traurigen Realität der Vernichtung der Regenwälder weil, eine Vorstellung machen können. Hier kommt die Geschichte von Buenas Geburt und vom Leben ihrer Mutter, wie sie sich abgespielt haben könnte:



"ES WAR IM JUNI 1961......................

Die schöne Margaykatze, die einmal Buenas Mutter werden sollte, hatte endlich den Baum gefunden, der ihr zusagte. Ein alter Baum war es und ziemlich weit oben hatte er eine tiefe Höhle. Ein gutes Nest würde das geben. Vage Erinnerungen zogen durch ihre Gedanken: die Erinnerung an die Zeit, als sie selbst noch ein Jungtier war, nah bei ihrer Mutter, die warm war und weich und die zärtlich ihre Pfoten über sie legte. Die süße Milch, das Trappeln des Brüderchens, das immer die beste Zitze haben wollte, die ersten Kletterversuche damals im Baum, die leisen Anweisungen ihrer Mutter, wenn sie sich zu weit vom Nest entfernte.
Danach wird die Erinnerung der Margaykatze schwächer und sie wird wieder erregt und ängstlich, wenn sie an das schreckliche Feuer denken muss, das überall zu sein schien, die sengende Hitze, der Rauch, die Flammen, die schon den Baum erreichten, in dem sie wohnten, und dann der Befehl der Mutter, der "SPRINGEN!" hieß. Die Panik, die sie fühlte, als sie den Befehl befolgte und dann der Schrei der Mutter, der "LAUF!" bedeutete.

Die Angst jagte sie fort, bis sie erschöpft unter einem Strauch zusammenbrach und in tiefen Schlaf fiel. Als sie erwachte, war ihre Mutter nicht mehr da und auch nicht das Brüderchen. Die Luft war trocken und es roch nach versengten Pflanzen und Tierleibern. Dort hinten, wo sie hergekommen war, standen verkohlte Baumstümpfe und man hörte keine Laute von den Tieren, wie sie sie sonst immer gehört hatte. Trotzdem
wollte sie zurück, die Mutter musste doch dort sein! Aber alles, was sie hörte, waren auf einmal die Laute der grausamen zweibeinigen Tiere, die, das fühlte sie, mit all dem Schrecklichen zusammenhingen.

Aber sie musste doch zu ihrer Mutter! - Da war es plötzlich als ob sie noch einmal den Schrei der Mutter hörte, diesmal tief in ihrem Inneren: "LAUF!" - und sie drehte sich um und lief mit ihren letzten Kräften weiter, weiter in den Teil des Waldes, der noch lebte.

Hunger hatte sie und schrecklichen Durst. Der Durst war das Schlimmste. Ihre Kehle war trocken und rauh davon. Zum Schluss schleppte sie sich nur noch ganz langsam fort, - da war dann auf einmal dieser kleine Tümpel mit Wasser! Trübe war es und es schmeckte scheußlich, aber sie trank es und fühlte ihre Kräfte zurückkommen. Es gab ihr den Mut, in einen Baum zu klettern, in dem sie sich sicherer fühlte. Sie war müde, so müde.

Noch war es Tag, heute Nacht würde sie auf Jagd gehen müssen, wie sie es bisher mit ihrer Mutter getan hatte. Bis dahin würde sie schlafen. Über ihr schrie ein Papagei. Er schrie als ob er in wenigen Tagen die Angstschreie aller Urwaldtiere auswendig gelernt hätte. In die Träume der jungen Katze drang der Schrei und er klang ihr, wie der Schrei der Mutter......

Das alles war jetzt schon lange her. Die Margay rief sie nicht auf, die Erinnerungen, so wie wir Menschen Erinnerungen wachrufen können. Sie trug sie mit sich, würde sie ihr Leben lang mit sich tragen. Ein Feuer oder Rauch oder die Nähe dieser schrecklichen Tiere (die wir Menschen nennen) würde wieder die panische Angst hervorrufen, die sie durchzog wie ein Schmerz, und würde sie zur Flucht antreiben. Ihre Mutter und ihren Bruder hatte sie nie wieder gesehen, das Feuer hatte sie ihr fortgenommen.

Sie hatte weiter gelebt, die kleine Margay, hatte sich allein am Leben halten können und war erwachsen geworden. Jetzt in diesem Frühjahr 1961 genoss sie die Geborgenheit der Baumhöhle. In letzter Zeit hatte sie sich verändert. Ihre Jagdlust war heftiger geworden, der Hunger größer. Dass das kurze Zeit nach ihrer stürmischen Begegnung mit dem starken Margaykater begonnen hatte, dort hinten im Walde, darüber dachte sie nicht nach. Nur dass sie gut für sich sorgen musste, das wusste sie, ohne darüber zu grübeln, und als die Zeit kam, wo sie fühlte, jetzt würde sie sich in ihre Höhle zurückziehen müssen, legte sie sich auf den Höhlenboden, der weich war von hinein gewehten Blättern, und sie tat alles was die Natur ihr gebot zu tun. Dann lag auf einmal ein winziges Katzenbaby vor ihr. Jetzt war sie selbst eine Margaymutter: unsere Buena war geboren!





Es war ein schönes Jungtier, das da auf die Welt gekommen war. Die Margaymutter leckte ihr Baby liebevoll trocken und schnell wusste es die Zitze zu finden, die prall von Milch war. Die kleinen Pfötchen kneteten und das Mündchen saugte. Die Margaymutter streckte sich in eine bequeme Haltung und schnurrte ihr Wiegenlied. Ein warmer, tiefer Laut war es, der aus ihrem Inneren kam, als ob er geradewegs von Herzen käme. Sie war so glücklich, wie jede Menschen- oder Tiermutter, wenn ihr Baby an ihrer Seite liegt.
Einige Wochen lang war sie glücklich. Ab und zu musste sie ihr Kleines für kurze Zeit allein lassen. In der Nacht musste sie auf Beutejagd und zur kleinen Quelle in der Nähe, um zu trinken. Den Rest der Zeit verbrachte sie ausschließlich bei ihrem Baby. Sie putzte es, stupste es liebevoll mit der Schnauze und sah zu, wie es die ersten Kletterversuche machte. Wenn es zu weit kletterte, genügte ein kleiner, kurzer Laut und sofort kehrte die Kleine zur Mutter zurück. Es hätte eine sehr glückliche Zeit für beide werden können, wenn es keine Menschen gäbe auf der Welt.

Die Margaykatze hatte Hunger. Zwei Nächte lang hatte sie sich nicht getraut zu jagen, weil sie tagsüber die Stimmen der grausamen zweibeinigen Raubtiere gehört hatte, die zu dem Feuer gehörten und die so Furchterregend waren. Jetzt musste sie einfach auf Futtersuche und dringend etwas trinken. Hunger und Durst hatten bereits verursacht, dass ihre Milch zurückging und die Kleine wurde nicht mehr satt. Jetzt schlief das Baby und seine Mutter machte sich langsam von ihm los und verließ die Höhle. Am Baumstamm kletterte sie herunter und ließ sich auf den weichen Waldboden fallen. Sie blieb stehen und lauschte, aber es war nichts anderes zu hören, als die üblichen Geräusche der Nachttiere des Regenwaldes und das Rauschen der Bäume.

Hatte sie vielleicht eine Vorahnung und trieb der Hunger sie trotzdem weiter? Oder lief sie völlig ahnungslos in den Tod, wer kann es sagen? Irgendwann in dieser Nacht wurde ihre Pfote von einer eisernen Klemme erfasst, die in ihr Fleisch schnitt, immer tiefer, als sie sich losreissen wollte. Mit allen ihren Kräften kämpfte sie, sie musste sich freimachen!

Sie musste in die Höhle zu ihrem Kind! Grausam schnitt das Eisen in ihr Fleisch, sie versuchte es durchzubeißen, versuchte sogar ihre eigene Pfote zu zerbeißen, nur um los zu kommen. Der Blutverlust machte sie mit jeder Minute schwächer. Gegen Morgengrauen kamen die schrecklichen Menschentiere. Sie kamen lärmend und einer rief: "Da ist wieder ein Fell!" Halb bewusstlos wollte sie sich doch noch wehren. Einer trat mit dem Fuß nach ihr. Der andere erschlug sie dann.

Ihr Fell ist nun wohl, mit dem vieler ihrer Schwestern und Brüder, ein Teil eines Mantels, den irgendeine frustrierte Frau trägt, die nicht über die Tiere nachdenkt, die ihrer Eitelkeit wegen grausam gestorben sind. Sie will einen Pelzmantel haben, der ihr eine Schönheit verleihen soll, die nicht die ihre ist und die sie selbst nie erreichen könnte.

Das Margaybaby, das später einmal Buena heißen würde, wurde wach. Es lag allein in der Höhle, die Mutter war nicht da. Das war es nicht gewöhnt. Die Kleine fror und sie hatte Hunger. Sie stieß einen ihrer kleinen Schreie aus. Jetzt würde die Mutter kommen; sie kam immer, wenn man so schrie. Sie müsste es jetzt doch hören, dass sie nach ihr rief! Immer wieder schrie die Kleine, bis sie vor Angst und Kummer einschlief. Als sie wach wurde, war sie immer noch allein. Vorsichtig kletterte sie auf den Ast neben der Höhle. - Jetzt würde die Mutter sie gleich zurückrufen, wie sonst auch, wenn sie so weit kletterte. Aber nichts geschah. Nun wurde ihr Gejammer ganz kläglich. Auf einmal hörte sie unbekannte Geräusche, Stimmen. Sie verstand es nicht, dass da jemand sagte: "Da oben ist noch so ein Bichito, (Bichito ist das spanische Wort für ein kleines Tier.) das nehmen wir mit in die Stadt, das will der Tierhändler noch." Sie merkte nur, dass sie in etwas Dunkles, Rauhes gesteckt wurde, das unangenehm roch, aber die Angst und der Hunger hatten sie fast bewusstlos gemacht.

Von dem schmutzigen Sack wurde sie später in ein ebenso schmutziges Kistchen gesetzt. Die Greifhände, die sie vom Baum geholt hatten, steckten sie da hinein, aber sie taten ihr nicht weh. Nach einer Weile setzte so eine Hand auch noch ein Schüsselchen mit Milch in die Kiste. Sie trank davon, obwohl sie den Geschmack scheußlich fand, aber es stillte ihren Hunger. Dann schlief sie ein und wurde nach Stunden in ihrem eigenen Schmutz wach. Es war keine Mutter da, um sie zu putzen. Die Sehnsucht nach der Mutter brannte in ihrem kleinen Körper wie die ungewohnte Milch in ihren Eingeweiden.

So vegetierte sie tagelang in diesem Kistchen dahin. Ihre Angst wich der Apathie. Schließlich konnte sie nicht einmal mehr stehen oder sitzen. Ihre Hinterbeine waren gelähmt.

Sie kam zu uns mit offener Seele, unbefangen wie jedes Tier, das die Grausamkeiten der Menschen noch nicht bewusst erfahren hat.

* * *
Das war die Geschichte von Buenas Mutter und von Buenas ersten Lebenstagen, wie Buena sie uns - in ihrer eigenen Sprache- erzählt hat und wie wir sie aus den Informationen, die wir über die Verhältnisse in den Regenwäldern erworben haben, zusammenreimten.

Laufend werden Regenwälder verbrannt. Wir lesen es, finden es traurig und tragisch für das Fortbestehen der Erde, aber ein wirkliches Bild vom Elend der Tiere kann man sich kaum machen. Wenn man sich das Leid der Urwaldtiere vorstellen will, sollte man sich nicht scheuen an die von Phosphorbomben brennenden Häuser im zweiten Weltkrieg zurückzudenken oder, wenn man zu jung ist, sich darunter etwas vorzustellen, an die Reihe von Kriegsbildern, die ganze brennende Städte zeigen, in denen unschuldige Menschen mit verbrannten. Ich habe das alles mit erlebt. Ein gnädiges Los hat mich vor dem Schlimmsten bewahrt, aber ich weiß wie es ist, wenn die Stadt, in der man lebt, sich durch feindliche Phosphorbomben in eine Hölle verwandelt. Der Verbrennungstod ist der schmerzlichste von allen Todesarten. Menschen liefen wie brennende Fackeln durch die Straßen. Mein erstes Kind ist während eines solchen Infernos geboren. Ich kenne aus eigener Erfahrung den teuflischen Erfindungsreichtum, der den Menschen fähig macht, seine eigenen Mitmenschen (wenn man ihnen nur ein Feindbild einprogrammiert hat) zu vernichten. Als der zweite Weltkrieg schon so gut wie beendet war, starben in der deutschen Stadt Dresden zwischen 350 000 und 700 000 Menschen einen unbeschreiblichen Flammentod durch Phosphorbomben, die irgendein Homo sapiens aus einem Flugzeug auf Mitmenschen herab warf.
So verbrennen auch lebende, fühlende Tiere, werden Tierwohnungen und Jahrhunderte alte Bäume durch Feuer von Menschenhand oder durch menschliches Verschulden zerstört.

Seit dem zweiten Weltkrieg haben längst einige hunderte Kriege mit Millionen Toten überall auf der Welt stattgefunden. Die Menschheit ist unbarmherzig, auch der eigenen Spezies gegenüber. Daran sieht man, wie schwer es ist, Mitleid mit lebenden, genau wie Menschen Schmerz empfindenden Tieren zu erwecken. Tiere, die einen erbarmungslosen Tod sterben, nur damit ein Stück Land für einige Jahre bebaut werden kann, um dann für immer brach zu liegen.

Wenn wir heutzutage lesen: die Wildkatzen in Südamerika sind fast ausgestorben, dann wird sich deren Schicksal so oder ähnlich abgespielt haben. Der Raubbau an den Regenwäldern überall auf der Welt hat längst lebenszerstörende Formen angenommen. Dort wo Buenas Vorfahren gewohnt haben müssen, in Ecuador, wird es im nächsten Jahrhundert fast keinen Regenwald mehr geben.

Der Biologe und Tierfilmer Heinz Sielmann hat eine Naturfilmserie gemacht, die den Titel "Sielmann 2000" heißt. Ziel der Serie war der Besuch aller der Stätten, wo er in den sechziger Jahren verschiedene Tierfilme gemacht hatte. Das Resultat ist erschreckend. Fast überall, wo Sielmann erst noch Tiere gefilmt hat, sind sie verschwunden. Sie haben Platz machen müssen für Dörfer, Viehweiden oder Fremdenverkehr. Oder sie sind das Schlachtopfer von Industrie, z.B. Ölbohrungen oder Pelzjägern geworden.
Sielmann beruft sich auf einen ecuadorianischen Experten, der die Zahl der Großbrände auf durchschnittlich 7000 in einer Nacht schätzte. 10 000 Jahre würde jedes Stück Wald nötig haben, wieder so zu wachsen, wie es war, aber selbst dazu wäre es nötig, dass wenigstens ein Teil erhalten bliebe, denn die Pflanzen und Tiere dort sind unersetzlich, manche von ihnen durch die Menschen noch nicht einmal registriert. Ehe sie von Menschen entdeckt wurden, sind sie schon für immer ausgerottet.

"Wenn der letzte Mensch einmal ein Geschichtsbuch der Menschheit schreiben würde, dann könnte er kurz sein. Es genügt zu schreiben: Die Menschheit hat sich auf Kosten der restlichen Natur bis zur Selbstvernichtung vermehrt", so lautet ein Kommentar von Heinz Sielmann.

Unsere dem Inferno menschlicher Grausamkeiten entkommene Buena machte unser Haus zu ihrem Urwald. Am liebsten suchte sie sich einen hohen Sitzplatz aus, von dem aus sie alles schön übersehen konnte. Ihre Liebe zu Pflanzen war deutlich. Sie suchte immer wieder deren Nähe.

Das Körbchen auf dem Schrank war die Baumhöhle, die Gardinen an denen man herauf- und herunterklettern konnte, ersetzten Baum und Zweige. Sie demonstrierte uns auch die einzigartige Weise der Margays, mit dem Kopf nach unten herunterzuklettern. Die Hinterbeine der Margays sind beweglicher, als die der meisten anderen Wildkatzen, die Gelenke können sich förmlich drehen und die breiten Pfoten geben genügend Halt, um wie ein Affe herumzuklettern. Dazu kommt, dass sie ganz erstaunlich springen können, sie landen nach den gewagtesten Sprüngen federleicht und elastisch am Boden. Unser Zimmer wurde zum Übungsplatz, die Hängelampe zur Schlingpflanze und die Küche zum Jagdterrain, wenn das Katzenfutter aufgetaut wurde und man es vorzeitig zu "fangen" versuchte.

Von ihrer liebevollen Mutter hat Buena uns durch ihr Verhalten erzählt. Es ist bekannt, dass Tiere (und auch Menschen) liebevolle Mütter werden, wenn sie selbst eine liebevolle Mutter gehabt haben. Buena hatte leider nie Nachkommen, aber zu den anderen Katzen war sie von einer erstaunlichen Zärtlichkeit und sie behandelte sie in rücksichtsvoller Weise als ihresgleichen. Die Katzen liebten sie ohne Ausnahme. Später - aber darauf komme ich noch zurück- zeigte sie jungen Abessiniern gegenüber sogar ausgesprochene mütterliche Züge.

Langsam aber sicher beherrschte sie auf diese Weise nun das Leben im Hause Falkena. Es pendelte sich so ein, dass unser Tagesablauf sich mehr oder weniger um Buena drehte.

Manchmal gab es natürlich kleine Pannen. Die Lampe war nicht ganz auf schaukelnde Margays berechnet. So musste dann ab und zu ein Elektriker kommen, der alles wieder funktionsfähig zu machen wusste.

Eines Tages stand dieser, der gute Herr Klosterman, oben auf der Leiter, die Lampe in der einen Hand, in der anderen einen Schraubenzieher, als Buena mit einem ihrer eleganten Sprünge vom Schrank unerwartet auf seinen Schultern landete. Herr Klosterman kannte Buena längst und liebte sie, aber jetzt wurde er doch etwas weil um die Nase, auch wenn er hinterher fest behauptete, dass er überhaupt nicht erschrocken sei. "Schließlich habe ich zu Hause selbst eine Katze", sagte er. Eine Katze..............ja, ja.
Wir waren, so unglaublich das klingt, eigentlich eine ganz normale, allerdings sehr beschäftigte Familie. Mein Mann hatte eine recht arbeitsintensive Praxis als Rechtsanwalt. Er brachte jeden Abend eine Aktentasche voll Arbeit mit nach Hause. Nach dem Essen wurde starker Kaffee gekocht und seine Schriftstücke bedeckten den Tisch. Die beiden Kinder gingen zum Gymnasium, sie arbeiteten dem Abitur entgegen. Am Abend gingen sie auf ihre Zimmer, um dort ihre Hausaufgaben zu machen.

Nach dem Abendessen bekamen auch die Katzen ihre Abendmahlzeit. Nur Jantje mochte nicht mit den anderen gefüttert werden. Er wusste, dass auf ihn in unserem Schlafzimmer noch eine Extraportion wartete.

Buena aber wurde gegen Abend erst so richtig munter. Sie war nun einmal, in noch stärkerem Maße als Katzen überhaupt, ein Nachttier. Ihre großen, dunklen Augen schienen keine Dunkelheit zu kennen. Sie untersuchte das Haus auf Abenteuer. Wie jede andere Katze liebte sie es, hinter allem herzu rennen, was sich bewegte, ein Bällchen oder ein Garnröllchen. Manchmal schlich sie sich heimlich ins Badezimmer und kam dann strahlend mit ihrer "Beute" wieder nach unten, mit einer Socke z.B. oder mit einem Handtuch. Wenn man ihr das dann wieder abnehmen wollte, gab es eine herrliche Jagd. Sie war natürlich weitaus schneller als wir, sprang auf Schränke, Gardinenstangen oder die Flurgarderobe.

Gegen zehn Uhr war dann der große Augenblick da. Ihre Abendmahlzeit, eine Taube, ein halbes Hähnchen oder Ähnliches wurde hervorgeholt. Wenn ich einmal die Zeit vergessen hatte, ging sie selbst auf "Beutefang". In der Küche musste die gefrorene Taube erst im Warmwasserbad auf Zimmertemperatur gebracht werden. Dann schaute sie mal eben nach. Sie hatte eine Innere Uhr und wusste genau, wann es soweit war. Ich brauchte nur zu DENKEN: "Noch eine Reihe stricken und dann füttere ich Buena", dann stand sie schon bereit. Nun gab es ein feststehendes Zeremoniell. Buena stand ein paar Meter entfernt und die Taube wurde ihr zugeworfen. Dann brachte sie sie selbst wieder zurück und man musste wieder werfen. Dieses Apportierspiel hatte sie selbst erfunden. Das war gleichzeitig für uns eine Lektion über die lebensnotwendigen Aufgaben der Raubtiere. Das Hin- und Herlaufen und Fangen war Ersatz für die Jagd. Danach kamen die beiden anderen Programmpunkte, das Töten der Beute und die Mahlzeit. Die Beute wird von den Raubtieren entweder auf der Stelle verzehrt oder "zu Hause", d.h. in der Höhle, wo die Jungen sind oder im Baum, wie z.B. bei den Leoparden. Nach der Jagd kam erst das Beutespiel, das beinah wie ein Freudentanz aussah. Buena warf die Taube hoch in die Luft und schüttelte sie. Wenn die Taube noch gelebt hätte, dann wäre ihr dabei sicher das Genick gebrochen. Dann warf sie sie wieder hoch.

Erst wenn dieses Kapitel gründlich erledigt war, ging sie zum folgenden Ritual über, dem Rupfen. Das war ein perfektes Schneefest. Das Zimmer wurde zum Federballett und mitten drin saß mein Mann unerschütterlich am Tisch und machte noch einen Schriftsatz. Mir ist erzählt, dass es mehr als einmal vorgekommen sein soll, dass am nächsten Tage, wenn er im Gerichtssaal seine Aktenmappe öffnete, eine Taubenfeder zu Boden schwebte. Aber inzwischen wussten die meisten bereits dass bei Falkenas alles etwas anders war, als bei anderen und dass da ab und zu einmal "die Federn flogen", im wahrsten Sinne des Wortes.


Wenn die Taube gerupft war, wurde sie "angeschnitten", d.h. erst wurden die Innereien verzehrt, dann der Rest. Danach reckte Buena sich zufrieden und zog sich auf ihren "Baum", den mit dem Körbchen versehenen Schrank zurück. Mein Mann schloss seine Schreiberei ab und schenkte uns noch einen kleinen "nightcap" ein. Dann standen er, Jantje und ich auf und gingen nach oben. Dort, im Schlafzimmer, wartete auf Jantje noch ein Schälchen mit Katzenfutter. Aber noch rührte er es nicht an. Erst mussten wir im Bett liegen und ihm abwechselnd ein paar Streicheleinheiten geben. Spinnend ließ er sich's Wohlgefallen, dann reckte er sich und machte sich über sein Futter her. Danach legte er sich brav unten am Fußende auf eines der Betten.

- Am Tage war er unauffällig, brauchte keinerlei extra Aufmerksamkeit. Ihm gehörten wir in der Nacht ganz allein. Und wenn einmal einer von uns krank war, wich er nicht von unserer Seite.

Achtzehn Jahre hat er so mit uns gelebt, der kleine Kater, den irgend jemand beim Tierheim abgegeben hatte, um ihn "einschläfern" zu lassen.