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Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 08 - Assunta

Ein Buch wie dieses muß notgedrungen zum großen Teil autobiografisch werden, wie jedes Buch über Tiere, das nicht fiktiv oder ein reines Sachbuch ist. Das Los der Tiere, die man "besitzt" (ein Wort gegen das mein Gefühl sich sträubt, das aber immer noch Gültigkeit hat), hängt eng mit unserem Los zusammen. Sie sind, soweit man ihnen nicht die Freiheit läßt, d.h. lassen kann, in fast allem von uns abhängig. Die Freiheit ist gegenwärtig aber fast nirgendwo mehr "frei". In den Städten gibt es kaum Lebensraum genug für die alles beherrschenden Menschen und noch weniger für Tiere und die Wälder werden abgeholzt und verschwinden.

Das Schicksal der Tiere ist an unseres gekettet und wie sehr wird unseres oft durch Zufälle geleitet. Meinen Mann lernte ich kennen, weil ich meinen Fahrradschlüssel verloren hatte. Sonst wäre ich ihm wohl nie begegnet. Und wer auf Erden hätte mir Katzennärrin je soviel Spielraum für meine Liebhaberei gegeben und sogar aktiv daran teilgenommen? Damals also entschied sich insgeheim nicht nur mein Schicksal, sondern auch das Schicksal meiner Katzen bis heute.

Sogar ein so leicht dahin geworfener Satz, wie ich ihn zu Frau Dietze auf der Ausstellung in Den Haag sagte: "Wenn Sie Assunta einmal nicht mehr haben wollen, dann schicken Sie sie zu mir." war schicksalbestimmend. Assunta nicht mehr haben zu wollen, das gehörte zu den absoluten Unmöglichkeiten. Ich hätte ebensogut sagen können: "Wenn Ihre Katzen einmal Flügel bekommen, will ich das gern sehen." oder irgend etwas anderes vollkommen Unsinniges. Doch hat dieser Satz mein ganzes Leben weit mehr beeinflusst, als ich es für möglich gehalten hätte. – Ob zum Guten oder zum Schlechten? - man weiß ja nie, wie es sonst anders verlaufen wäre.....

Der Frühling 1962 war freundlich und sonnig. Oft konnten schon die Türe zum Garten den ganzen Tag über offen bleiben. Pfirsich- und Morellenbaum blühten und Buena und Candy benutzten sie als Kletterbäume. Wieder fiel uns auf, welch eine gute Tarnung ihr geflecktes Fell war. Im Laub konnte man sie manch mal erst dann entdecken, wenn man genau hinsah. Die schwarzen Flecken auf dem goldgelben Untergrund waren wie Sonne und Schatten im Sommerwald.

Es wurde immer schwieriger Buena und Candy am Abend zu bewegen, ins Haus zurückzukommen. Unsere Nachttiere wollten die Nacht gar zu gern in der freien Natur verbringen. Aber ganz abgesehen davon, daß die Nächte noch ziemlich kalt waren, würden wir uns auch nicht getraut haben, sie da draußen zu lassen. Buena hatte, wenn es dunkel wurde, so ein abenteuerliches Glitzern in den Augen, das unser Vertrauen in die absolute Sicherheit des Maschendrahtes etwas ins Wanken brachte. Dann saß sie da auf dem Kletterbaum oder der Leiter, die wir zum Klettern in den Garten gestellt hatten und ihre Ohren waren heftig in Bewegung, um alle nächtlichen Geräusche aufzunehmen.

Zu Anfang hatten diese Ohrbewegungen uns übrigens ziemlich beunruhigt. Wir dachten, daß Buena Schmerzen an den Ohren hätte oder Jucken. Wir untersuchten sie genau, aber die Ohren sahen völlig gesund aus. Bis wir dann endlich entdeckten, daß ihre Ohren nur dann still standen, wenn es ganz ruhig im Zimmer war. Das haben wir dann ausprobiert, - bei jedem Geräusch, das wir machten oder das sonstwie zu hören war, fingen ihre Ohren wieder an, sich heftig zu bewegen. Allerdings hatte sie ein viel schärferes Gehör als wir. Dagegen hatten wir den Eindruck, daß ihr Sehvermögen am Tage nicht grade überdurchschnittlich war. In der Dämmerung dagegen sah sie Dinge, die wir nicht entdecken konnten.

Dinge, wie wir nicht sehen konnten, sah Buena allerdings auch oft am Abend im Zimmer. Oft geschah es, daß sie völlig fasziniert in eine Ecke des Zimmers blickte, etwas verfolgte, das wir beim besten Willen nicht sehen konnten. Zu Anfang wirkte das auf uns fast ein wenig unheimlich.

Das gab dann Anregung zu Diskussionen zwischen meinem Mann und mir. Mein Mann, der aus dem nördlichen Holland stammt und eigentlich der nüchternere von uns beiden sein müßte, fand es ganz natürlich, daß Buena Dinge sehen konnte, die nicht für unsere Augen bestimmt waren. Ich dagegen weigerte mich, an "sowas" zu glauben und behauptete, daß da irgendein Insekt herumfliegen müßte, das so klein wäre, daß wir es nicht sehen könnten. - Ich schiebe das endgültige Urteil immer noch auf.

Eine Woche vor Pfingsten bekam ich einen Anruf aus Deutschland von Frau Dietze. "Frau Falkena, Sie sagten doch auf der Ausstellung, daß Sie sich so sehr für meine Assunta interessierten? Leider muß ich aus persönlichen Gründen alle meine Katzen abgeben. Wollen sie Assunta immer noch haben? Sie ist inzwischen Champion." Frau Dietze nannte den Preis und der war für damalige Zeiten nicht gering, aber dem besonderen Wert eines so schönen Tieres entsprechend.

Ich sagte, daß ich das erst einmal mit meinem Mann besprechen müßte. Meinem Mann hatte ich lange und begeistert von der schönen Abessinierin vorgeschwärmt, die ich in Den Haag gesehen hatte. Er wußte, wovon ich sprach. Er hörte sich die Geschichte an und sagte etwas, was typisch für ihn war. "Man weiß nie, ob es richtig ist, das zu bekommen, was man sich grade wünscht. Aber wenn du dieses Kätzchen jetzt nicht kaufst, wirst du dein Leben lang denken, daß du es hättest tun sollen. Also kauf es." Das war so seine Art die Dinge zu sehen und man mußte schon einen starken Charakter haben, um dann noch zu sagen: "Nein, danke. Ich muß noch einmal darüber nachdenken."

Zu Pfingsten kam Frau Dietze und brachte Assunta mit. Wir hatten verabredet, daß sie sich erst einmal persönlich davon überzeugen sollte, daß von Seiten der Wildkatzen für Assunta keine Gefahr drohte. Nun, die Wildkatzen benahmen sich vorbildlich und keineswegs "wild" und Assunta saß bei Frau Dietze auf dem Schoß, als ob sie mit ihr zusammen bei uns zu Besuch wäre. Sie war ja schon oft mit ihrem Frauchen auf Reisen gewesen, um Ausstellungen zu besuchen.

Frau Dietze blieb ein paar Stunden, dann mußte sie wieder nach Hause und ließ Assunta bei uns. Assunta wollte mit zur Tür gehen ("Jetzt gehen wir also zusammen wieder fort"...) aber wir schlossen die Tür schnell vor ihr. Ich brachte Frau Dietze zum Auto, winkte ihr nach und ging wieder in die Stube. Da saß Assunta auf der Fensterbank und sah dem verschwindenden Auto nach. Wir wollten sie streicheln, trösten, aber sie bemerkte uns kaum. Zwei Tage lang hat sie dort fast ununterbrochen gesessen, auf dem Platz vor dem Fenster, dann endlich konnten wir sie dazu bewegen, etwas Futter von uns anzunehmen. Wenn Frau Dietze sie hätte behalten können, dann hätte ich sie ihr gleich zurückgebracht, so leid tat mir das arme Tier. Später hat Assunta uns gegenüber dieselbe Anhänglichkeit gezeigt, wie ihrer ersten Besitzerin gegenüber. Sie liebte uns und wir liebten sie. Sie war eine ausgesprochene "Menschenkatze", die gern auf den Schoss kam. Sie lebte zwar in Frieden mit den anderen Katzen, aber sie hat sich nie so innig mit den anderen befreundet, wie wir es von denen gewohnt waren, die immer die Nähe der anderen suchten, immer zu zweit oder zu dritt auf Stühlen und in Körbchen lagen. Buena gebrauchte wieder ihr altes Zaubermittel, mit dem sie "die Neue" von ihren guten Absichten überzeugte: sie machte sich kleiner als sie war oder suchte sich einen tiefer gelegenen Sitzplatz.

Auf der ersten Ausstellung, zu der ich Assunta brachte, bekam sie ihr erstens CACIB (das ist einer von drei Schritten zum internationalen Champion). Aber als ich dachte, daß die Schau vorbei war und ich Assunta schon in ihr Transportkörbchen gepackt hatte, wurde auf einmal mein Name gerufen und der von Assunta. Als ich nachfragte, was man von mir wollte, wurde mir gesagt, daß ich mit Assunta auf die Bühne kommen müßte, Assunta wäre "Best in Show" geworden, d.h. sie wurde als die beste von allen Katzen auf der Ausstellung beurteilt. Assunta und ich ernteten an jenem Tage viel Lob, eine Goldmedaille und eine Menge Neid. Die beiden letzteren erwiesen sich als äußerst haltbar.

Ein vernünftiger Mensch hätte die Ausstellungsabenteuer in diesem Augenblick beendet, als es am Schönsten war. Leider bin ich kein vernünftiger Mensch. Erst war ich nur so zum Spaß zu den Ausstellungen gefahren, jetzt war es fast eine Verpflichtung, Assunta überall zu zeigen. Diese Abessinierin war so vollkommen, wie aus dem Bilderbuch. Immer wurde sie bewundert. Auch ihre Nachkommen waren fast ohne Ausnahme schön und erfolgreich. Das alles brachte mir damals in Holland den Namen ein, daß ich der Abessinierzucht viele Impulse gegeben hätte. Ich habe das damals in vollen Zügen genossen, mich voller Begeisterung in die Welt des Katzensports gestürzt.

Das alles hatte ich nicht geahnt, als ich Assunta kaufte. Es hat mein Leben grundlegend verändert und mich erst endgültig in die Arme des Katzensports getrieben. So schlägt das Schicksal manchmal zu. - Gute oder schlechte Erfahrung: lernen kann man in jedem Fall davon.

Die Welt des Katzensports ist eine bunte und sehr verschiedenartige Welt. Die unterschiedlichsten Menschentypen zieht sie in ihren Bann. Für mich hatten diese Ausstellungen auch noch darum eine besondere Anziehungskraft, weil sie eine ausgesprochen internationale Atmosphäre ausstrahlten. Ich war in einer Zeit als Deutsche nach Holland gekommen, die nicht grade die günstigste war, ein Jahr nach dem Kriege.

Es war nicht leicht, da mit einem deutschen Akzent durchs Leben zu gehen. Ich hatte das Gefühl, daß ich nicht nur Bürger zweier Nationen, sondern eher Bürger zweier Welten war. Meine kleine Welt zu Hause war harmonisch genug, daran hatten auch die Tiere ihren Anteil. Aber "da draußen" sah alles ganz anders aus. Mir wurde ungefragt ein kleiner Nach-Krieg aufgelegt, sobald ich mit Fremden ins Gespräch kam. Das gab mir ein Gefühl der Wehrlosigkeit.

Von deutscher Seite war wenig zu erwarten, da war man in der "mea culpa" Phase. Die lag mir nicht so, zu der fühlte ich mich auch nicht verpflichtet. Ich hatte keine Lust mir ein Bußkleid anzuziehen, weil andere vor mir irgendwelche schrecklichen Dinge getan oder auch nicht getan hatten. Andere, die sowieso nicht auf mich gehört hätten, wenn ich mir Gedanken über ihr Tun und Lassen gemacht hätte. Eine Demutshaltung, so wie Buena sie bei Candy annahm, also gegenüber den Schwächeren, ist sicher großartig und hilfreich, aber dem Stärkeren, dem Sieger gegenüber ist sie unsinnig und entehrend. Das ist wenigstens meine Meinung. Den Stärkeren braucht man nicht aufzubauen, der baut sich selbst schon auf.
Sicher, ich hatte in den ersten Jahren ein paar liebe und gute Freunde gewonnen, aber beim Einkaufen z.B. oder in ganz unerwarteten Situationen konnte man doch ziemlich diskriminiert werden. So suchte ich nach einer Relativierung der in Kriegs- und Nachkriegszeiten aufgeputschten Nationalitätsgefühle, von denen ich umgeben war, und fand sie auf den Katzenausstellungen. Dort war man nicht Holländer oder Franzose oder Deutscher, sondern der Züchter oder die Züchterin von der und der Katze von dieser oder jener Rasse. Das war sehr wohltuend.

Ich erinnere mich noch gern an ein Erlebnis, das ich auf der ersten Ausstellung in Paris hatte: Ich stand vor dem Käfig von Cleoni und plötzlich stand ein Herr vor mir, der auf fließend Französisch ein Loblied auf Cleonie sang, "Une chatte si douce et élégante, n'est-ce pas?" Da von den vielen Mühen, die unsere gute Frau Dr. Schulz sich mit uns kleinen Mädchen im Städtischen Oberlyzeum zu Minden gegeben hatte, uns die Geheimnisse der französischen Sprache zu offenbaren, nicht viel mehr übrig geblieben war und das wenige sich auch nur sporadisch manifestierte, hielt ich es bei einem zustimmenden: "C'est vrai!" und sonst nichts.
Das wiederum hatte einen neuen Strom von neuen französischen Vokabeln zur Folge, deren Sinn mir nun doch nicht mehr ganz deutlich wurde. Fest entschlossen versuchte ich dem Gespräch eine Wendung zu geben mit einem: "Could we speak English, please?"

Der Herr sah aus, als ob das kein Problem für ihn wäre und das war es auch nicht. Er ging sofort fließend auf Englisch über. Jetzt verstand ich ihn und konnte ihm antworten. Aber irgendwie ist mir im Laufe des Gespräches doch wohl ein deutsches Wort in einen der Sätze geschlichen, was den höflichen Herrn sofort zu einem: "Wenn Sie lieber Deutsch sprechen wollen.?...."anregte.

"Gern," sagte ich, und er: "Sind Sie Deutsche?"
"Von Geburt, ja. Seit meiner Heirat bin ich Holländerin."
"Dan kunnen wij ook nog Nederlands praten" ("Dann können wir auch noch Holländisch reden"),

sagte mein Gesprächspartner und er erzählte mir, daß er in Holland geboren sei, aber jetzt schon lange in der Schweiz lebe.

So international waren die Ausstellungen und grade das tat mir gut.

In den letzten zwölf Jahren, in denen ich noch zu Ausstellungen fuhr, war ich oft nicht mit meinen eigenen Katzen, sondern als Mitglied der Jury dabei. In der Zeit habe ich viele herrliche Tiere gesehen, manche so schön, daß noch jetzt ab und zu auf einmal ein Bild in meiner Erinnerung auftaucht. Auch viele Menschen habe ich kennengelernt, in verschiedenen Ländern habe ich Freunde gewonnen, mit denen ich noch heute in Kontakt stehe. Aber leider habe ich auch viele Menschen erlebt, die meine Meinung über die Menschheit im Allgemeinen nicht gerade verbessert haben. Die Katzen haben da besser abgeschnitten.

Wenn ich heute noch einmal dort anfangen könnte, an jenem Pfingsttag, als Assunta zu uns kam, dann würde ich sie wieder zu mir nehmen, ich würde Abessinier um mich herum haben wollen, als Freunde für mich und für meine Wildkatzen. Aber ich würde, statt Rassekatzen zu züchten, deren es heutzutage durch "Überproduktion" ohnehin mehr als genug gibt, mich lieber für den Erhalt der Wildkatzen einsetzen. Aber wie konnte ich damals ahnen, daß ich es noch erleben würde, daß die südamerikanischen und alle anderen Wildkatzen heute vom Aussterben bedroht sind, soweit sie nicht bereits ausgestorben sind?

Meinem kleinen Paradies zu Hause schienen meine Reisen nicht zu schaden. Ich hatte eine sehr reizende und liebevolle Assistentin, die die Tiere genau so liebte wie wir und die sie zusammen mit meiner Familie zärtlich versorgte.

Einen Versuch zum Erhalt der Wildkatzen habe ich trotzdem gemacht, indem ich noch einmal nach Ecuador schrieb. Ich schickte Fotos von Buena mit und erkundigte mich nach einem kleinen Margaykater, einem BUENO für Herrn Professor Leyhausen. Damit spielte ich leider Schicksal für ein Tier völlig anderer Art, ganz ohne es zu wollen. Das ist leider eine traurige Geschichte, die mir noch heute weh tut.

Assunta hat noch zehn Jahre bei uns gelebt, dann mußten wir sie einschläfern lassen, weil sie Brustkrebs hatte. Ich habe um sie getrauert, wie um einen Menschen. Ohne sie wäre mein Leben wohl völlig anders verlaufen. Es wird schon einen Sinn gehabt haben, daß sie zu uns kam.