Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 09 - Über viel zu zahme Wildkatzen

aber auch über Manipulationen an Elefanten, Mäusen und Affen

So einseitig katzengerichtet, wie es bisher scheint, war unser Leben übrigens nicht. Nur füllten die Katzen einen so wichtigen Teil unseres Lebens, wie jedes Tier einnehmen sollte, für das wir Menschen verantwortlich sind.

Wenn man ein Tier aus seiner natürlichen Umgebung holt, wird sein Los in die Hände der Menschen gelegt. Das gilt sowohl für die bereits domestizierten "Nutztiere", von denen viele vom Menschen schamlos ge- und mißbraucht werden, als auch für die Tiere, die wir als Haustiere für unser ganz persönliches Bedürfnis halten, ob das nun der Hund, die Katze, der Papagei oder die Fische im Aquarium sind. Für unsere Wildkatzen galt das ganz besonders, dessen waren wir uns bewußt. Wir hatten sie aus ihrer natürlichen Umgebung geholt. Obschon das heute, wenn ich diesen Bericht schreibe, als eine unverantwortliche Tat erscheinen könnte, glaube ich noch immer, daß ich es nicht zu bereuen brauche. Der Erhaltung der Wildkatzen in Südamerika hat es nicht geschadet. Buena wäre sowieso verkauft. Höchstwahrscheinlich wäre sie in einem Zoo gelandet, wenn ich sie nicht gekauft hätte, und dort hätte sie wohl ein kurzes und unglückliches Leben erwartet. Es gibt noch schlimmere Möglichkeiten, die ich jetzt nicht alle aufzählen will. Candy wäre am Fundort gleich getötet worden. Wir hatten nicht versucht, die beiden zu "dressieren" und ich glaube heute noch, daß unsere Methode des "Zähmens durch Liebe" die einzige richtige war. Das Zähmen ist nämlich ein dehnbarer Begriff. Man muß dem Tier so viel Vertrauen geben, daß es entspannt und ohne Furcht leben kann. Die Wirklichkeit allerdings sieht anders aus. Vielerorts wird das "Zähmen" zur Unterwerfung an den Menschen degradiert. Man macht die Tiere wehrlos, bricht ihren Willen und nimmt ihnen ihre Freiheit und ihr Selbstbewußtsein. Daran stirbt die Seele des Tieres, selbst dann, wenn es noch einige Zeit am Leben bleibt.

Ein typisches Bild ist das von den Elefanten in Indien. Sie stehen, wie so viele andere, auf der Liste der bedrohten Tierarten.
Trotzdem werden stets mehr Elefanten gefangen und der Umweltschutz steht sogar an der Seite der Exploitanten der Arbeitselefanten, weil (ich zitiere) Elefanten billiger sind als Maschinen und ihr "Treibstoff" umsonst an den Bäumen wächst. Schließlich sind sie auch noch "umweltfreundlich". Dies ist nur ein Beispiel der anthropozentrischen (den Menschen als Mittelpunkt und als höchstes Ziel der Schöpfung stellenden) Einschätzung des Begriffes "Zähmen" und der anthropozentrischen Arbeitsweise mancher (nicht aller) Umweltaktivisten. Nicht das Wohl der Tiere gilt, sondern der Erhalt UNSERER Welt.

Die holländische Anthropologin Barbara Noske schreibt in "Huilen met de wolven" (Mit den Wölfen heulen): "Tiere, die domestiziert sind und durch Menschen gebraucht werden (Sie meint damit Nutztiere, aber dieses Wort gibt es im holländischen nicht) sind keine Zielgruppe mehr für die Naturschützer und Umweltaktivisten, weil diese Tiere nicht mehr als Natur erkannt werden."

Ähnlich steht es um die "gezähmten" Tiere. Die indischen Elefanten habe ich nicht darum als Beispiel gewählt, weil ich damit sagen möchte, daß es nur im fernen Osten so zugeht. - Wer hat nicht schon einmal applaudiert, wenn im Zirkus ein Elefant auf einem Bein balanciert? Unbewusst liefert man mit dem Applaus einen Beitrag zur Tierquälerei, denn der Balanceakt ist das Resultat einer Dressur, bei der man die Schlachtopfer der Zirkusdressur "mit Ketten, Peitschen und Spitzhacken mißhandelt." (Bericht Walter Karpf in Hör Zu und andere Informationsquellen). Vergleichbare Berichte gibt es von der Dressur anderer Zirkustiere. Die "tierfreundliche Dressur", die man uns vorgaukeln will, ist ein "contradictio in terminis", ein Widerspruch an sich. Dressur ist gegennatürlich und kann niemals tierfreundlich sein. Dressur ist eine Karikatur des Begriffes "Zähmen". Wir gebrauchen das Wort "zahm" sorglos für zwei ganz verschiedene Begriffe, das Zahmsein aus Angst und das Zahmsein als Beweis von Vertrauen.

Unsere Buena, die uns immer wieder mit selbstbedachten Kunststückchen überraschte, war ein gutes Vorbild für ein Tier, das uns auch aus eigener Initiative Freude bereiten konnte, ganz ohne Zwang, nur weil sie sich völlig als einen Teil der Familie fühlte.
Der größte Teil unserer Tage mochte zwar den Tieren gehören, trotzdem blieb uns Zeit, ab und zu einmal ins Theater oder Konzert zu gehen. Im Winter hatten wir einen interessanten Vortragszyklus gehört, der anregenden Stoff zu Diskussionen lieferte. Zur Arbeitsgruppe des Vereins, der diese Vorträge organisierte, gehörte auch Mevrouw A., die uns eines Tages ihren Besuch ankündigte. Das erforderte einige Vorbereitungen, denn es war uns bekannt, daß Mevrouw A. Katzen gar nicht liebte.

Also wurden zeitig vor der Stunde des erwarteten Besuchs die Katzen aus dem Wohnzimmer entfernt, die Schiebetür zum Eßzimmer geschlossen und die Sessel noch einmal mit einem leicht feuchten Tuch abgerieben, damit auch vor allem keine Katzenhaare mehr darauf waren. Der Tee war fertig, die obligaten "koekjes" standen auf dem Schälchen bereit, Mevrouw A. konnte kommen.

Sie kam, wie erwartet, im eleganten Kostüm und die Party konnte ihren Lauf nehmen. Nun ist das in Holland so, daß man nicht den Kaffeetisch deckt, wenn Besuch kommt. Nein, es steht die Teekanne auf dem "Teetischchen", daneben die Tassen, Milch und Zucker. Die Hausfrau erkundigt sich nach den Wünschen des Gastes: "Darf ich Ihnen Tee einschenken? Mit Milch? Mit Zucker?" - Fix und fertig bekommt der Gast dort, wo er gerade sitzt, seinen Tee in die Hand gedrückt, ein "koekje" dazu. Wenn er nicht in der Nähe des Tisches sitzt, gibt es so kleine "Nebentischchen", auf denen man seine Tasse und das kleine Tellerchen mit dem Gebäck zwischenzei0­lich abstellen kann. Es wird aber vom Teetrinker erwartet, daß er grundsätzlich die Tasse mit Untertasse in der linken Hand balanciert und mit der rechten Hand die Tasse zum Mund führt. Als ich nach Holland kam, war das eine der Pflichtübungen im holländischen "bon ton", die ich zu lernen hatte. "Immer an die Untertasse denken, daß die nicht auf dem Tisch stehen bleibt!" Später wird es dann zur Gewohnheit. Katzen lieben diese Gewohnheit besonders. Wenn sie auf den Schoß springen, können sie der Untertasse so schön "Köpfchen geben", das hat immer Effekt. Aber an jenem Tag war ja Gott sei Dank keine Katze im Zimmer.
(Dachte ich!)

Mevrouw A. erzählte von der neuen Vortragsserie im kommenden Winter und ich konnte etwas zu dem Thema beitragen, weil ich grade ein dazu passendes Buch in einem Antiquariat gefunden hatte, das ich Mevrouw A. gern einmal leihen würde. Ich wollte es gleich einmal von oben holen.

Wahrscheinlich habe ich in der Eile die Zimmertür nicht gut geschlossen, denn als ich zurückkam, fiel mein Blick auf das Körbchen oben auf dem Schrank. Aus dem Körbchen sah ein Ohr heraus, ein rundes, schwarzes Ohr mit einem weißen Fleck.

"Nicht hinsehen", dachte ich nur, "vielleicht schläft Buena weiter. Lieber Himmel, laß sie weiterschlafen!" Der Himmel reagierte wieder einmal nicht. Etwas nervöser als vorher schenkte ich noch ein Täschen Tee ein, reichte es Mevrouw A. Sie nahm es an: "Dank u wel." und gleich danach ging die Welt unter und das sah so aus: Etwas schwarzgelb Geflecktes flog vom Schrank auf die Teetasse von Mevrouw A. Die Tasse fiel ihr aus der Hand, der Inhalt der Tasse flog auf das Beigefarbene, das sich stellenweise braun färbte und Mevrouw A. sprang vom Stuhl auf und flüchtete in Richtung Tür. Ich stammelte Entschuldigungen und "Natürlich bezahle ich die Reinigung."

"Ich gehe jetzt lieber", sagte Mevrouw A., nahm das Buch noch schnell mit und verschwand. Wir haben sie bei uns nie wieder gesehen. Das Buch übrigens auch nicht. Sie fand wohl, daß wir es nicht wert wären, in so einem Haushalt. Buena war den ganzen Tag über noch in Hochstimmung. Sie war sich ihres Wertes wohl bewußt.

So endete die eine oder andere Freundschaft im Laufe der Zeit und wurde gleich durch neue Bekanntschaften ersetzt. Über mangelndes Interesse hatten wir uns nicht zu beklagen.

Herr und Frau van D. kamen eines Tages, um unsere Katzen zu sehen. Herr D. trug ein kleines Päckchen, das er nicht aus der Hand legen wollte. Er nahm es mit ins Wohnzimmer.

Herr van D. war Ingenieur bei einem technischen Institut hier in Holland, das auf vielerlei Gebieten Untersuchungen durchführt. Dabei werden auch Versuchstiere gebraucht, nicht nur Mäuse, sondern auch vor allem Affen. In großen Laboratorien hofft dieses Institut, Lorbeeren für seine wissenschaftlichen Studien zur Bekämpfung von Krebs, Aids und solcher Krankheiten zu ernten. Wie in den vielen Instituten auf der Welt, die an diesem Problem arbeiten, werden u.a. Schimpansen für medizinische Zwecke mißbraucht, weil sie, wie man weiß, dem Menschen nah verwandt sind. Zu fast 99% gleicht ihr genetisches Erbbild dem unsrigen. Die Vereinszeitung des Westdeutschen Rassekatzenvereins brachte schon vor längerer Zeit einen Artikel von der Vereinigung "Ärzte gegen Tierversuche" über Affen, die in den sichersten Tresorräumen der Erde bis zu ihrem Tode isoliert leben, - wenn man das leben nennen darf. Man könnte es "lebend begraben" nennen, aber auch das ist zu optimistisch, denn wer begraben ist, wird wenigstens nicht gepeinigt. Noch heute (und das füge ich im Jahre 2001 ein) werden in Holland, im von der Obrigkeit subsidierten BYRC-Institut 120 Schimpansen und 1400(!) andere Affen für Versuchzwecke ge-(miss-)braucht. . Darunter 500 Makaken, die sozialsten unter den Affen, die ihr Leben lang isoliert in Käfigen gehalten werden,. Die einzige „Abwechslung“ in ihrem traurigen Leben, sind die Augenblicke, in denen sie für grausame Versuche aus dem Käfig geholt werden.

Das Fernsehen berichtet von Zeit zu Zeit über die Versuche an Affen in den Forschungszentren überall auf der Welt, die als "medizinisches Forschungsmaterial" gehalten werden. Zitat aus einer Sendung des WDR: "Die Affen werden behandelt wie infektiöses Material." Keines der Tiere darf sein Leben lang mit den Händen eines Menschen oder mit einem Mit-Tier in Berührung kommen. Und das wird den so sozial lebenden und fühlenden Affen angetan! Die international bekannte Zeitschrift GEO nannte es einmal "eine Affenschande", was überall auf der Welt mit den Affen geschieht.
Solche Sendungen wie die des WDR sind wahrhaftige Heldenwerke. Wer den Film macht, will die Öffentlichkeit informieren, ist also mit Sicherheit selbst Partei und leidet unter der Arbeit. Die Sendeleitung riskiert es, eine unpopuläre Sendung zu bringen. Nur dumm-banale Quiz- und Seriensendungen bringen die Rekord-Einschaltquoten.
Viele Fernsehzuschauer sind eben nicht so mutig wie die Journalisten, der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen. Man sollte den Mut und das Engagement der Journalisten, die sich bleibend für die Tiere einsetzen, besser honorieren.

Vivisektion ist ein Thema für sich. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie unverschämt und kriminell ich es finde, wenn Menschen Tiere zum eigenen Vorteil quälen und mißhandeln. Es ist eine Tatsache, daß wir alle Medikamente gebrauchen, von denen wir wissen könnten, daß sie an Tieren erprobt sind. Wer denkt dabei schon darüber nach, daß bei den gesetzlich vorgeschriebenen Erprobungen der Medikamente oft die Stimmbänder der Tiere durchgeschnitten werden, weil die Schreie sonst "so störend sind"? (Quelle: Eugen Drewermann "Über die Unsterblichkeit der Tiere" u.a.). Jede Stunde werden weltweit viele Tausende von Tieren zum Wohle der Menschheit gemartert. Ob ihr unhörbares Schreien von irgendeiner Instanz im Weltall gehört wird, wissen wir nicht. Wir, die wir doch so viel wissen. In Deutschland ist Vivisektion erst nach dem Kriege wieder erlaubt. In meiner Jugend war sie in Deutschland verboten! Es war nicht alles besser in der "guten, alten Zeit", aber des Guten sollte man sich erinnern dürfen.

Mit Herrn van D. und seiner Frau sprach ich gar nicht erst über meine Abscheu vor der Vivisektion. Ich kannte das Ehepaar nur vom Katzenverein. Eine Diskussion wäre sinnlos gewesen. Herr D. setzte sich, doch ehe er vom angebotenen Tee trank, griff er erst zu dem weißen Schächtelchen, das er noch immer in der Hand hielt, und öffnete es. Ich sah, zu meinem Schrecken, ein paar lebende weiße Mäuse darin. Ehe ich es verhindern konnte, hatte er Buena und Candy, die in den bequemsten Sesseln lagen, je eine weiße Maus vor die Nase gelegt. Ich mußte an Professor Leyhausen denken "der schnelle Todesbiß der Katzen" ......Buena und Candy müssen damals nicht gut zugehört haben, denn sie taten nichts, überhaupt nichts. Buena schnüffelte ein bißchen an dem komischen Tier, stupste es mit der Pfote und fand es ein spaßiges Spielzeug, aber bestimmt nicht eßbar. Candy fand das Ganze uninteressant.

Herr und Frau van D. saßen mit Gesichtern da wie enttäuschte Kinder und ich war ziemlich gerührt. "Sehen Sie doch, wie lieb und zahm meine Schätzchen sind!" Für Herrn und Frau van D. war der Spaß verdorben. Die hatten wohl Mäuseblut sehen wollen.

Als ich am nächsten Tag stolz Herrn Professor Leyhausen anrief und davon berichtete, war er beinah böse. "Dann haben Sie die Tiere gründlich verdorben," fand er, "es ist völlig unnatürlich, wenn eine Katze keine Maus töten will."

Ich war ziemlich unglücklich darüber. Hatte ich meinen Wildkatzen etwas vorenthalten, daß sie jetzt nicht mehr "natürlich" reagierten? Ich hatte ihnen nicht verboten, Tiere zu töten, nur hatte ich ihnen nicht die Gelegenheit dazu gegeben. Ich hätte es sogar verstanden, wenn sie die Mäuse getötet hätten. Man soll ja realistisch sein! Der tödliche Biß ist in der freien Wildbahn lebenswichtig für die Raubtiere. Für unsere Katzen war er überflüssig, denn die bekamen schließlich ihr Fleisch so wie wir es bekommen: tafelfertig und tot.

Ich hatte, wie immer, ein paar Fotos von der Situation gemacht und zeigte sie ein paar Wochen später meiner Freundin Hermien. Ich erzählte ihr auch, wie froh ich gewesen wäre, daß meine Katzen so gutmütig gewesen waren, aber daß ich mir jetzt Sorgen machte, einen Fehler begangen zu haben, indem ich ihre natürlichen Reaktionen unterdrückt hätte.

Meine Freundin lachte mich aus: "Nein": sagte sie, "Deine Katzen sind nicht unnatürlich. Die Mäuse sind schon Generationen lang im Laboratorium gezüchtet und dadurch weitaus entarteter als deine Katzen. Durch viele Generationen hindurch sind diese Mäuse wahrscheinlich schon durch die Menschen manipuliert. Sie fürchten sich nicht und flüchten nicht. Also lösten sie in den Katzen auch den Jagdinstinkt nicht aus, der die Stimulans der Flucht des Beutetiers braucht. Die Mäuse waren eben auch "gezähmt."

Im Nachhinein hätte ich das wissen müssen. Wie dem auch sei, weder Buena noch Candy haben jemals in ihrem Leben den "sekundenschnellen tödlichen Biß der Raubkatzen" praktiziert. Ich kann nicht sagen, dass mir das leid tut.
Die Mäuse übrigens haben wir einem kleinen Jungen in der Nachbarschaft gegeben, der ein Terrarium hatte. Der hat sich gefreut. Wenigstens sind die beiden durch Buena und Candy dem Laboratorium entkommen.