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Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 12 - Der Kinkajou

Ich habe, nach bestem Wissen, bei allem was ich bisher schrieb, auch Zeitangaben gemacht. Was man aber dazu in die Erinnerung zurückrufen müsste, ist: was war das eigentlich für eine Zeit?

Die sechziger Jahre: für die Geschichtsbücher sind sie gar nicht so interessant. Ein bisschen kalter Krieg, irgendwo auch ein heißer, aber der war weit weg und hatte nicht mehr als ein oder zwei Spalten in den Zeitungen, die man ja nicht einmal zu lesen brauchte. Ansonsten ging es den Menschen allgemein besser denn je.

Schon bald nach dem zweiten Weltkrieg war ein neuer Wohlstand ausgebrochen. Die Nachrichten sprachen von Wachstum und steigenden Quoten, was immer das sein möge; es waren wohl die besten und sorglosesten Jahre dieses Jahrhunderts. Es gab keine Arbeitslosigkeit, eher Mangel an Arbeitskräften, die die Produktion für die immer steigende Nachfrage nach "Bedarfsgütern" hätten befriedigen können. Die optimistische Wirtschaftstheorie jener Zeit drückte sich in der Meinung aus, daß man nur ganz viel von allem gebrauchen sollte, denn Verbrauch stimuliere die Wirtschaft. Diese wiederum ernährte immer besser ihre Mitarbeiter, die dann ihrerseits noch mehr verbrauchen würden und so weiter. Es war eine Art ökonomisches Perpetuum Mobile, nur mußte es tüchtig angekurbelt werden. Das Wort Umweltschutz war noch weitgehend unbekannt, ebenso wie die wassersparende Dusche oder die elektrische Sparlampe. Über so etwas hätte man sich halbtot gelacht. Man hatte es gut und das fand man normal.

Ein Beispiel für die Folgen des Überflusses kann ich aus eigener Erfahrung berichten: Nur ein Zauberkünstler hätte einen Haushalt mit so verschiedenartigen Mitgliedern in Ordnung halten können. Mir hatte meine gute Dini geholfen, von der ich gar viele Haushaltskniffe gelernt habe.

Als sie aber dann auf die Idee kam, heiraten zu wollen, riet sie mir, zeitig eine Anzeige aufzugeben, mit deren Hilfe ich die Folgen dieser Katastrophe (für mich, nicht für Dini, hoffe ich) abwenden könne.

Gesagt, getan. Nur gab es keinerlei Reaktionen auf meinen Hilferuf in der Zeitung nach einer Haushaltsgehilfin. Bei der zweiten oder dritten Anzeige gab es ein paar Bewerberinnen, aber die hakten sofort ab, wenn sie hörten, daß man ihnen zumuten wolle, in einem Haushalt mit zwei Kindern und etwa zehn Katzen zu helfen.

Ich verstand die Welt nicht mehr, niemand hatte mehr das Bedürfnis etwas "dazu" zu verdienen und Tiere schienen eine wahrhaft abschreckende Wirkung zu haben.

Da, eines Tages, geschah das, was einem wohl öfter passiert, wenn die Not am höchsten ist. Ich wurde eines Morgens wach und wußte die Lösung. Sofort gab ich eine neue Anzeige auf: "Suche Assistentin, die bei der Versorgung meiner zahmen und wilden Katzen helfen will und auch bereit ist, mir im Haushalt zur Seite zu stehen." Jetzt klingelte das Telefon am laufenden Band. Viele junge Mädchen und sogar zwei junge Männer wollten mir unbedingt helfen, die Katzen zu versorgen. Ich hatte sichtbar eine andere Zielgruppe angesprochen. Die Wahl fiel auf die bereits erwähnte Els v.D., die von nun an täglich kam. Die hatte eine ganz besondere Eigenschaft: Sie hatte ein ungeheuer gutes Organisationstalent. Unsere Haushaltsführung bekam ein neues System und das funktionierte. Nur einen Fehler hatte Els: sie weigerte sich zu Anfang, Geld für ihre Tätigkeit anzunehmen. Sie hatte kein Geld nötig, sie brauchte nur die Nähe der vielen Katzen, die sie bei sich zu Hause nicht hätte halten können.

Als ich ihr dann erklärte, daß es für mich einfach unmöglich wäre, mir soviel Hilfe schenken zu lassen, nahm sie jeden Freitag den vereinbarten Lohn an und kam am Samstag mit einer großen Tasche voll mit bestem Rind- und Hühnerfleisch an, mit dem sie meine Katzen schändlich verwöhnte. - Die Welt war wieder in Ordnung, es gab noch Tierfreunde!

So verursachte es zwar immer noch Aufregung aber keineswegs Panik, als wieder einmal ein Brief aus Ecuador kam. In dem Brief stand, daß man jetzt einen kleinen Margaykater für mich habe. Er sei etwa sechs Wochen alt, "lieb und verspielt" . Aber das hatte auch im Brief von der Ankündigung von Buenas Ankunft gestanden, war also nicht allzu wörtlich zu nehmen. Da er noch so klein sei, fände man es nicht gut, ihn allein reisen zu lassen. Obendrein seien dann die Frachtkosten nicht gut genützt, deshalb würde dem Katerchen ein kleiner Kinkajou beigefügt. Den Kinkajou bekäme ich zum Vorzugspreis von nur 30 Dollar und ich würde ihn zweifellos mit Gewinn an jeden Tiergarten verkaufen können. "Yours truly....."

Es war einmal wieder zu spät für ein Nachfragetelegramm, also gab es nur eins: Abholen in Schiphol. Dieses Mal war es ein verschlossenes Körbchen, das man mir in Schiphol in die Hand gedrückt hatte und das nun bei uns im Wohnzimmer stand. Alle Türen waren geschlossen und das Körbchen wurde geöffnet. Was da herausschaute war ein strahlender, kleiner Margaykater mit den schon vertrauten dunkeltraubenblauen Augen, genau wie Buena sie zu Anfang hatte, und daneben ein Etwas, das so aussah wie eine Mischung von Äffchen und Teddybär. Ein paar winzig kleine Händchen streckten sich uns entgegen.

Man mußte diesen kleinen Kerl einfach aufheben wie ein Baby und genau wie ein Baby hielt er sich fest und versuchte an irgendeiner Stelle der Kleidung desjenigen zu nuckeln, der ihn gerade festhielt. Mir war klar, ich hatte wieder einmal ein Baby dazu bekommen. Nein, eigentlich zwei Babys, denn der kleine Bueno war auch noch im Babystadium. Als erstes stellten wir also ein Schüsselchen mit warmer Milch vor die beiden. Bueno nahm ein paar etwas zögernde Schlückchen aber der kleine Kinkajou wußte nichts damit anzufangen. Schnell wurde Marion zur Drogerie geschickt, um einen Nuckel zu besorgen. Der mußte zuerst noch ausgekocht werden. Eine kleine Bierflasche wurde gereinigt und die Milch da hinein gefüllt.

Inzwischen hatte der Kinkajou sich allerdings selbständig gemacht. Er lief durch das Zimmer, auf allen Vieren, die kleinen Ärmchen gestreckt, die Hinterbeine etwas schief. Ich nahm ihn auf und sah ihn mir an. Nußfarbiges, braunes Fell, an den Armen und Beinen (Pfoten zu sagen wäre bei so etwas babyhaftem absurd gewesen) kleine Händchen und Füßchen.
Er hatte ein rundes Gesichtchen mit Knopfaugen, runden Öhrchen und einem spitzen, naseweisen Schnäuzchen. Und dann der Schwanz! Der war so lang und kräftig, länger noch als der Schwanz unserer "Langschwanzkatze". Kaum war er an mir heraufgeklettert, wie an einem Baum, da hing er schon an seinem Schwanz an meinem Arm. Die Haltung gefiel ihm ausgezeichnet, mit dem Kopf nach unten und dann schaukeln.

Nach ein paar gescheiterten Versuchen wußte er, wie man aus der Flasche trinken mußte, und die Milch schmeckte ihm vorzüglich. Als sie ausgetrunken war, fing er an, das Zimmer zu untersuchen, wobei er sorglos und ganz nebenbei eine "Visitenkarte" auf dem Teppich deponierte. Die wurde gleich von uns beseitigt, denn wir waren natürlich schon auf allerlei Eventualitäten vorbereitet, seit Candy zum ersten Mal rollig gewesen war und ihre "Merkmale" hier und da deponierte. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, denn in der Natur muß sie mit Hilfe von Duftspritzern kundtun, daß sie hier wohnt und daß sie bereit ist, um einem gerade zufällig vorbeikommenden Liebhaber den Weg zu weisen. Daß diese Möglichkeit damals bei uns im Hause zu der Zeit noch nicht bestand, tat nichts zur Sache.

Der Markierungsreflex war ihr von der Natur mitgegeben und nur ein Schuft hätte es ihr darum übel nehmen können, daß sie dem Gesetz der Natur Folge leistete. Die Spuren wurden mit Spirituslösung (eine Mischung von Spiritus, Seife und Wasch- Eau de Cologne) beseitigt, was in unseren Augen ganz zweckmäßig war, wenn auch nicht in den Augen von Candy, die ihrerseits vor allem den Geruch von Eau de Cologne unerträglich fand. Wir haben uns unsere verschiedenen Geschmacksrichtungen in Sachen Düfte gegenseitig immer vergeben. Es war eine Frage der beiderseitigen Toleranz. Ach, wenn man doch auf einer einsamen Insel irgendwo im Ozean leben könnte, weit weg von dieser herrlichen, uns jede Minute tyrannisierenden Segnung, die wir Zivilisation nennen!

Mit der Spirituslösung wurden nun auch wieder die letzten Spuren des kleinen "Unglücks" beseitigt, aber uns wurde doch deutlich, daß man den kleinen "Kinka" (so hatten wir ihn schnell getauft) wohl nicht dauernd frei herumlaufen lassen könne.

So wurde er schnell erst einmal in einen Käfig gesetzt, wogegen als erster Bueno protestierte, der sich auf der langen Reise sichtbar mit dem Kinkajou angefreundet hatte und der nun dauernd an der Außenseite vor dem Gitter saß. Den Käfig hatten wir schnell bereit, denn den hatten wir noch von Cleos Babys, die inzwischen einige Wochen alt waren und längst frei herumspazierten. Bueno und auch Candy standen vor dem Käfig und wollten hinein, der Kinkajou saß drin und wollte heraus. Man würde ihn nicht für längere Zeit hintereinander einsperren können, stubenrein oder nicht, das war deutlich. Vielleicht würde er sogar eines Tages lernen, auf das Katzenklo zu gehen, dachten wir. Mit Candy und den anderen Katzen schloß er schnell Freundschaft. Vor allem die kleinen Abessinier hatten es ihm angetan, die hatten eine magische Anziehungskraft auf ihn, aber sein liebster Freund war der Freund aus der alten Heimat, - Bueno. Ich konnte das verstehen!!!

Buena war gerade im Garten, also beschlossen wir, die Bekanntschaft zwischen ihr und "den Neuen" bis morgen zu verschieben.

Wir riefen in Wuppertal an und erzählten, daß Bueno angekommen sei. Am liebsten hätte ich ihn behalten, er war tatsächlich "lieb und verspielt" und sehr zutraulich. Aber es war nun einmal so verabredet, daß er Professor Leyhausen gehören sollte und das war auch wohl besser so. Es bestand zum Glück kein Zweifel, daß Bueno einmal das perfekte männliche Ebenbild von Buena werden würde. Noch war sein Fell mit "soliden" Flecken versehen, genau wie das von Buena als sie noch klein war. Die Flecken würden beim Heranwachsen ihre hellen Innenhöfe bekommen, die das Licht- und Schattenspiel im besonnten Wald widerspiegeln und dadurch zur Tarnung werden. Wir hatten Glück gehabt, daß wir ein Katerchen bekommen hatten, das Buena so ähnlich sah, denn so ganz genau nehmen es die Lieferanten meist nicht.
Als ich Professor Leyhausen von unserem Kinkajou erzählte, lachte er wieder sein kurzes Lachen: "Na, dann passen Sie mal schön auf, daß nichts passiert, wenn er Buena begegnet. Sie könnte denken, daß Sie ihn ihr zum Frühstück servieren wollen."

Wir hatten, wie ich schon sagte, das Urvertrauen auf die Verträglichkeit unserer Tiere, aber diese Ermahnung mit Hinsicht auf Buena gab uns doch zu denken. Schließlich hatte auch in den Büchern gestanden: "Der Margay ernährt sich von Nagetieren, Vögeln und kleinen Säugetieren." Das mit den Mäusen hatte, so hatten wir schließlich später eingesehen, hauptsächlich an den Mäusen gelegen, war also kein Hinweis auf das Verhältnis Baumozelots versus Rollschwanzbären, der doch wohl in die Kategorie "kleine Säugetiere" fiel. Er hatte Händchen wie ein Baby, sein Gesicht erinnerte sprechend an das eines unserer Bekannten, also ein Säugetier war er bestimmt und zwar ein kleines. Also wurde er zur Vorsicht erst einmal von unserer Buena ferngehalten, wenn er frei herumlaufen durfte, und das durfte er oft. Allerdings sorgten wir dafür, daß immer einer von uns dabei war, denn schon bald stellte sich heraus, daß er außer dem "Visitenkartenproblem" auch noch einige andere merkwürdige Eigenschaften besaß. Kinka hatte eine Vorliebe für Bücher. Nun habe ich die auch, ich kann das also verstehen. Nur ging Kinka eben auf seine Weise damit um. Er nahm sie, sehr interessiert, aus dem Schrank, schaute sie sich ernsthaft an und beschäftigte sich intensiv mit dem Inhalt, was wörtlich aufzufassen ist. Seite für Seite zog er heraus und zerriß sie in kleine Schnitzelchen. Das machte ihm mehr Spaß als uns. Ich weiß noch, daß er "Kierkegaard" vernichtete. Den hatte ich einmal im Alter von vierzehn Jahren von einer sehr seriösen Großtante geschenkt bekommen. Ich hatte das Buch immer noch lesen wollen, war nur noch nicht dazu gekommen. Jetzt war es zu spät. Die Tierbücher hatte ich zum Glück schnell in Sicherheit gebracht, als ich Kinkas Vorliebe entdeckte.

Langsam gewöhnten wir ihn an normale Kost. Erst ein wenig Haferbrei, dann eine zerquetschte Banane. Auf die Dauer ging er auch selbständig auf Nahrungssuche. Aus dem Obstkorb holte er sich, was ihm am meisten zusagte. Bananen wußte er schon bald ganz säuberlich zu schälen, genau wie wir das tun. Äpfel, Birnen, aber auch Weintrauben schmeckten ihm vorzüglich.

Professor Leyhausen und Barbara Tonkin kamen, um Bueno abzuholen, der inzwischen schon tüchtig zugenommen hatte. Es war ein schmerzlicher Abschied. Bueno war uns allen ans Herz gewachsen, nicht nur den Menschen, auch den Katzen. Cleo hatte ihn von Anfang an bemuttert.
Der Kinkajou, so sagte Herr Leyhausen, wäre keine Halbaffenart, wie wir vermutet hatten, sondern ein Exemplar der kleinen Bärensorten, verwandt mit Panda und Waschbär. Er wäre eins der wenigen Tiere, die einen Greifschwanz besitzen, den sie sozusagen als fünfte Pfote benützen können. Darum heißen die Kinkajous zu Deutsch auch „Rollschwanzbären" oder „Wickelbären“.

Die Rollschwanzbären seien sehr gut zu zähmen und sehr intelligent. Das hatten wir übrigens schon selbst an den Kierkegaardstudien bemerkt. Nur stubenrein würde er wohl kaum werden. Er wäre schließlich im Urwald zu Hause, nicht in der guten Stube, sagte der Professor lächelnd. Was die von uns erwartete Freundschaft mit Buena betreffe, so bleibe er skeptisch. Er könne sich eine Freundschaft zwischen ihr und Kinka überhaupt nicht vorstellen. Später stellte sich dann heraus, wie überaus recht Professor Leyhausen damit hatte. Es wurden noch ein paar letzte Fotos von Bueno gemacht, und dann würde es lange dauern, bis wir ihn Wiedersehen würden, und inzwischen hatte er Zeit gehabt, uns zu vergessen.

Für Kinka sollte schnell ein größerer Wohnraum geschaffen werden. Dazu bot sich der Wintergarten an, von dem man einen Teil abgrenzen konnte. Ein Käfig, der fast die Hälfte des Wintergartens erfaßte, um den man aber noch herumgehen konnte, wurde fabriziert und mit viel Kletterstangen und Ähnlichem versehen. Als mein Mann die letzte Hand an das Kunstwerk gelegt hatte, versprach ich ihm beim "nightcap": "Gleich morgen früh bezieht Kinka seinen neuen Käfig."

Als also Mann und Kinder an der Arbeit, bzw. in der Schule waren, sagte ich zu Els: "Bitte halten Sie mir die Türen offen, dann kann ich Kinka herüber tragen." Ich nahm Kinka auf und flüsterte ihm zu: "So Kinka, jetzt ziehst du in dein neues Haus." Zärtlich leckte er meine Gesicht und steckte, wie das so seine Art war, ein Zipfelchen von seiner wohl zehn Zentimeter langen Zunge in mein Ohr. Dann setzte ich ihn in den Käfig und gleich turnte er fröhlich auf der Stange herum. Jede fremde Umgebung war ihm recht und interessant.
Durch den Wintergarten mußte man hindurch, wenn man in den Garten wollte. Kinka würde also an warmen Tagen die Katzen hin und her laufen sehen und - wer weiß - vielleicht würde er im nächsten Sommer auch mit in den Garten können. Aber jetzt mußte er, gut beschützt, erst einmal Buena kennen lernen. Wenn die Warnungen von Professor Leyhausen nicht gewesen wären, hätten wir Kinkas Bekanntschaft mit Buena ganz selbstverständlich schon längst im Wohnzimmer vollzogen. Kinka war schließlich mit dem kleinen Bueno sehr befreundet gewesen und er liebte Candy sehr. Zum Glück nahmen wir die Warnungen ernst.

Ich ging ins Zimmer und rief Buena, die immer gleich kam, wenn man sie rief. Sie ging ein paar Schritte in den Wintergarten, erstarrte zur Salzsäule, als sie den Käfig plus Kinka erblickte, und dann brach die Hölle los. Kinka, von dem wir bisher nur ein zartes, halbflötendes "Tschierrrr" gehört hatten, schrie, zeterte, brüllte richtig, raste im Käfig hin und her, drohte und war mit einem Wort vollkommen hysterisch. Darauf nun wieder reagierte Buena mit gesträubtem Fell, hohem Rücken und einem Angriff auf das Gitter des Käfigs. Wenn wir sie nicht zu zweit mit allen Kräften losgezogen und in das andere Zimmer gebracht hätten, so hätten die Beiden sich wohl durch das Gitter hin attackiert.

Viel später wurde uns erst bewußt, wie gutmütig Buena auch in diesem Fall wieder reagierte, denn jede Katze, sogar die gutmütigste Hauskatze, wird sich nicht so leicht aufnehmen und wegtragen lassen, wenn sie erst einmal so richtig wütend ist. Dann wird normalerweise derjenige, der sich in den Streit mischt, der Lückenbüßer und wird an Stelle des Feindes gekratzt oder gebissen. Glücklicherweise war Buena, was das betrifft, "anormal" sanft und zahm. Vielleicht war sie auch so intelligent, daß sie schnell zwischen ihren Feinden und Freunden unterscheiden konnte.

Als ich zum Kinkajou zurückkam, saß er zitternd in einer Ecke des Käfigs und wimmerte leise vor sich hin. Es war, als ob er sich plötzlich in eine fremde, gefährliche Welt versetzt fühlte. Ich nahm ihn auf den Arm und versuchte, ihn zu trösten. Er klammerte sich an mich, wie er sich bei Gefahr sicher an seine Mutter geklammert haben würde, wenn man ihn "zu Hause" gelassen hätte.

Ganz leise sprach ich mit ihm, streichelte über sein Köpfchen und langsam konnte man fühlen, wie sein verkrampftes Körperchen sich entspannte - und auf einmal war er in meinen Armen eingeschlafen. Schlafend setzte ich ihn auf sein Bettchen zurück, das war eine kleine Kiste mit einer schon etwas von ihm zerfetzten Decke darin. Als ich später wieder nach ihm sah, spielte er ruhig vor sich hin, scheinbar hatte er das ganze, schreckliche Abenteuer bereits vergessen. Die Erinnerung würde nur dann wieder auftauchen, wenn er Buena wiedersehen würde. Und gerade das mußten wir nun auf alle Fälle vermeiden.

Jetzt mußte ich am Abend meinen Mann schonend darauf vorbereiten, daß er noch einmal an die Arbeit müßte. Es wurde ein Käfig im "Gästezimmer" gebaut, in dem schon Buena und Candy ihre ersten Tage bei uns verbracht hatten. Der Käfig war nicht so groß wie der im Wintergarten, aber ganz praktisch mit einem Boden von Aluminiumblech, das mit Sand bestreut wurde, und im ganzen Käfig gab es wieder viel Klettergelegenheit. Genau wie der erste Käfig im Wintergarten hatte dieser die ganze Höhe des Zimmers. Die große Tür, groß genug, daß wir auch hindurch konnten, um den Käfig sauber zu halten, wurde mit Haken geschlossen. Dort mußte Kinka nun bleiben, wenn wir nicht auf ihn aufpassen konnten, so leid uns das auch tat. Kinka war viel zu erfinderisch, als daß wir ihn in einem Teil des Hauses frei herumlaufen lassen könnten, und das Verhältnis zu Buena viel zu explosiv, als daß man noch einmal eine Begegnung riskieren konnte.

Wir wären nie auf den Gedanken gekommen, einen Kinkajou haben zu wollen, aber andererseits hatte er selbst sich sein Schicksal auch nicht ausgesucht. Jetzt war er hier und wir mußten das beste daraus machen. Einen uns ungefragt zugesandten Gegenstand hätte man zurückschicken können, aber er war nun einmal ein lebendes Wesen.

Weil er ein sichtbares Bedürfnis nach Spielzeug hatte, schenkten wir ihm einen Teddybären. Er nahm ihn und drückte ihn liebevoll an sich. Am nächsten Morgen lag der Teddybär in tausend kleine Fetzen zerrissen über den Boden des Käfigs verstreut. ...

Wir sagten: "Ach je!" und "Nein, sowas!" und dachten nicht weiter darüber nach. Das war falsch. Es ist immer falsch "Ach je!" und "Nein, sowas!" zu sagen und nicht weiter nachzudenken.

So oft wie möglich wurde Kinka nach unten geholt. Meist in den Nachmittagsstunden, wenn Buena grade in ihrem Körbchen im Eßzimmer schlief. Mit den Abessinierkindern spielte er wilde Spiele. Da wurde das
Zimmer zur Spielwiese und wir waren die Zuschauer. Für einen gutbürgerlichen Haushalt wäre das wohl nichts gewesen, denn gegen sterile Langeweile hatte Kinka eine genauso starke Abneigung wie wir. Auch Candy beteiligte sich an den Spielen, sie vertrug sich, im Gegensatz zu Buena, ganz ausgezeichnet mit dem kleinen Waldbewohner.

Seit der durch Candys Ankunft ausgelösten Publizitätswelle hatte ab und zu einmal ein junger Journalist angerufen und mich danach besucht. Er hatte in der "Arnhemse Courant" eine Rubrik, genannt "Kroniek van de Dag" (Die Chronik des Tages). Er mußte sich scheinbar viel Mühe geben, immer neuen Unterhaltungsstoff für diese Rubrik zu finden, aber was er schrieb, war sehr amüsant und gut geschrieben. Man las es gern.
Er hatte während der Verolme-Publizitätskampagne in Sachen Candy einen sehr netten Artikel über Buena geschrieben und er war einer dieser Menschen, denen man ruhig anvertrauen konnte, daß die Hauptperson, Candy, eigentlich durch Abwesenheit glänzte, weil sie sich so fürchtete. Er bat mich, noch einmal zurückkommen zu dürfen, wenn Candy ihre Furcht ein wenig überwunden hätte. Ich gab ihm eine Nachricht, als es soweit war, und tatsächlich kam noch ein richtiger Artikel über Candy in "De Kroniek van de Dag", sogar mit einem Foto von der richtigen Oncilla.

Ab und zu rief dieser junge Journalist bei uns an und fragte, ob es noch etwas Neues gäbe. Jetzt konnte ich mit einer Neuigkeit dienen: dem Kinkajou, alias Rollschwanzbären. In der nächsten "Kroniek" schon stand ein Artikel: "Rollschwanzbär im Haus". Dazu ein Foto vom Plätzchen essenden Kinkajou.

Wie immer brachten uns solche Artikel die verschiedenartigsten Besucher, die "das" sehen wollten. Da mußte man einfach durch. Bei solchen Gelegenheiten war der Kinkajou ein beliebter Beitrag zur Unterhaltung. Er kraulte den Besuchern die Haare und steckte sein langes Züngelchen in ihre Ohren, - eine absolute Erfolgsnummer. Oder er führte seine Possen auf, hing am Schwanz oben in der Gardine oder stahl die Plätzchen, die auf dem Tisch standen. Ganz begeistert war er vom Spekulatius, der in der Weihnachtszeit angeboten wurde. Aber seine allerliebste Süßigkeit waren die Fondantbonbons, die damals noch zur Nikolauszeit populär waren, ehe die Zahnärzte zum Erbfeind der Zuckerfabrikanten wurden.

Besucher wurden immer erst gefragt: "Wollt Ihr erst Buena sehen oder den Kinkajou?" Fast immer war es dann der Kinkajou, denn die meisten kannten unsere Buena schon. Dann wurde Kinka geholt, kletterte an den Leuten herauf und herunter, inspizierte den Tisch auf Plätzchen oder Kuchen (eine extra Portion war immer für den Kinkajou bereitgestellt) und zog sich mit seiner Beute auf einen Schrank oder die Gardinenstange zurück, wo er sich erst einmal den lukullischen Genüssen hingab. Dann kam er wieder zurück. Der Kuchen für die Besucher war bereits im Schrank versteckt und wurde nur schnell zum Anbieten hervorgeholt.

Aber Kinka hatte noch mehr zu tun, - man konnte ja noch die Haare der Besucher untersuchen, in ihre Ärmel kriechen, am ausgestreckten Arm hängen. Wenn er sein Repertoire abgedreht hatte, hieß es "Kinka raus, Buena rein." Dazu mußte Kinka erst einmal gefangen werden. Normal kam er einfach auf meinen Arm, wenn ich ihn rief, aber wenn Besuch da war, machte es ihm Spaß, sich fangen zu lassen. Also: "Eben auf einen Stuhl steigen, er sitzt oben in den Gardinen." - "Nein, er steckt unten im Bücherschrank." - "Ach was, da sitzt er ja, auf dem Tisch." Und dann hatte er erreicht, was er erreichen wollte, aus der Küche wurde eine absolut unwiderstehliche Banane geholt. Damit konnte man ihn immer fangen. In meinen Armen wurde er, seinerseits mit der Banane im Arm, wieder "nach oben" gebracht und Buena betrat bald darauf hoheitsvoll den Tatort, schnüffelte verächtlich an den Stellen, wo Kinkajou gewesen war (Killroy was here!!) und ließ sich, lässig und längst an "Ah's" und "Oh's" gewöhnt, wieder einmal bewundern.

Und wieder, wie noch bis heute, unterschieden wir zwischen den Menschen, die - frei nach Konfuzius - ein Gespräch wert waren oder nur Zeitverlust. (Konfuzius: "Läßt sich mit einem reden und man redet nicht mit ihm, so hat man einen Menschen verloren. Läßt sich mit einem nicht reden und man redet doch mit ihm, so hat man seine Worte verloren. Der Weise verliert weder einen Menschen noch verliert er seine Worte").

Zu meiner Freude kam auch meine Freundin Hermien jetzt besonders oft. Sie hatte sich in den Kinkajou verliebt. Hermien war einer der Menschen, die ein Gespräch mehr als wert waren. Sie war eigentlich meine erste Freundin in Holland, als ich kurz nach dem verlorenen Krieg aus Deutschland hierher kam. Das war gar nicht einfach, man fühlte sich ziemlich isoliert und auch ein wenig Lückenbüßer für Dinge, mit denen man nichts zu tun hatte und die man auch nicht hätte verhindern können. In langen Gesprächen hat Hermien mich damals von einer unsicheren, etwas weltfremden jungen Deutschen in eine realistische, fast selbstbewußte junge Frau verändert, die ihre Umgebung schätzen lernte, ohne ihr Geburtsland zu verleugnen. Hermien verstand auch gut, daß ich mich lieber an die Tiere hielt, als an Menschen. Tiere haben keine politischen Vorurteile. Vorteile haben sie: sie können uns nichts vormachen, können nicht lügen und sind treu. Darin waren wir uns einig, Hermien und ich.

Hermien selbst hatte keine Haustiere, meine gehörten ihr ein wenig mit. Sie hatte mit mir geweint um Margaytje, sich gefreut an den Hauskatzen, den Wildkatzen und den Abessiniern. Jetzt zum ersten Mal äußerte sie Bedenken: "Der Kinkajou gehört einer Spezies an, die mit den Katzen in der Natur auf Kriegsfuß steht. Bist du sicher, daß so etwas auf die Dauer gut geht? Und wird es dir gelingen, auf die Dauer ein Aufeinandertreffen von Buena und Kinka zu vermeiden?"

Das war an dem Abend im Advent, als wir im Wohnzimmer saßen und Kinka auf einmal unerwartet vor uns stand. Er hatte durch den Maschendraht hindurch seinen Käfig geöffnet und war hinaus spaziert. Zum Glück schlief Buena im anderen Zimmer in ihrem Körbchen.

Ich schloß schnell die Schiebetür und sagte zu Hermien: "Bleib noch eben hier, dann werde ich die Abessinierbabys füttern und dann kannst du etwas sehen, was dich überzeugt."

Ich holte die kleinen Abessinier und den Futterteller. Zusammen mit dem Kinkajou wurde friedlich alles verputzt, ohne auch nur irgendein Zeichen von Rivalität.

"Siehst du," sagte ich, "man muß nur das Urvertrauen haben."

"Schön und gut,", sagte Hermien, "aber vergiß nicht, daß du eines Tages zwischen zwei Fronten stehen könntest."

"Auch das habe ich schon erlebt, Hermien, ich habe es sogar überlebt. Mit meinen Tieren werde ich schon fertig, ich liebe sie doch alle."

Hermien seufzte nur und, ehe sie ging, sagte sie: "Ich komme bald wieder."