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Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 13- über Katzen, Kinder ...

Über Katzen, Kinder und einen verschwundenen Kinkajou

Im Februar bekam Dalila ihre Babys, das Resultat des Weihnachtsbesuchs bei Simba. Es waren wirklich wunderschöne Jungtiere, ganz wie wir erwartet hatten, und Dalila war eine wundervolle Katzenmutter.

Auch das ist eins der Wunder, das wir jetzt wieder miterleben durften, und zugleich ist es ganz natürlich: Katzen (Tiere überhaupt) können nichts falsch machen bei der Erziehung ihrer Nachkommen. Ihnen ist ein festes "Erziehungsprogramm" eingegeben und das führen sie richtig und sichtbar gern aus. Sie haben auch gar keine andere Wahl. Es gibt zum Glück keinen Katzen-Spock oder andere Seelenskulpturkünstler für Tiere. Die menschliche Dressur, mit der man das Verhalten der Tiere zu manipulieren versucht, reicht immer nur für das betroffene Tier und dringt nicht ins Erbgut ein. Wie gut das ist....

Katzenmütter "wissen" auch genau, was sie tun müssen, wenn die Jungen kommen, und die Jungen "wissen" auch, daß sie da ist und daß alles in Ordnung ist. Später nimmt sie ihre Kleinen mit zum Futterteller, spielt mit ihnen, ist gar nicht zimperlich dabei und zeigt ihnen die Umgebung. Mit kleinen Locklauten dirigiert sie die Kleinen "ümmm" (hierhin jetzt), "uh" (Stop, das darfst du nicht!).

Das Programm verläuft bei Hauskatzen und Wildkatzen ähnlich, aber nicht völlig gleich, wie ich später bei der Aufzucht von Wildkatzen feststellen konnte. Das ist wohl so, weil sich im Laufe der Domestikation kleine Veränderungen im Verhalten eingeschlichen haben werden. Bei Katzen, die schon Generationen lang unter Menschen aufgewachsen sind, läßt vielleicht die Alarmbereitschaft nach, aber sie verschwindet nicht völlig. Die Futtersuche ist nicht mehr nötig und es sieht aus, als ob sie fast aus dem Programm gestrichen wäre, aber die Bereitschaft dazu bleibt trotzdem.

Wenn die jungen Katzenkinder erst einmal an normales Futter gewöhnt sind, werden sie wie auch Menschenkinder, eine Neigung haben, selbständige Erfahrungen zu sammeln und viel zu lernen. Aber sie kommen vorläufig immer noch in dasselbe Körbchen oder Kistchen, in dem sie bei der Mutter aufgewachsen sind, zurück.

Wenn sie dann aber trinken wollen, wird die Mutter sie jetzt bald abwehren. Die Milch wird weniger und die Mutter zeigt deutlich und nicht gerade zartfühlend, daß sie jetzt ihre Ruhe haben will. Die Mutter-Kind-Beziehung wird langsam oberflächlicher. Wenn die Mutterkatze dann wieder rollig wird, kann sie ziemlich unfreundlich zu ihren Kindern sein und ab und zu fallen auch schon einmal Hiebe. Man könnte denken, daß sie sich nicht mehr mögen.

Katzenmütter lassen ihre Kinder schon früh los. Die Kinder haben ihre festen Verhaltensregeln schon im Erbgut mitbekommen, darum genügt die kurze Erziehungsperiode. Eins allerdings ist merkwürdig: wenn eines der Jungtiere im Haushalt bleibt, dann wird die Mutter, die erst keinerlei Notiz mehr von ihrem "Kind" genommen hatte, sofort wieder Annäherung suchen, wenn das "Kind" selbst einmal Mutter wird.
Auf einmal liegen die zwei wieder auf einem Stuhl oder im selben Körbchen. Wenn dann die Tochter sich anschickt, ihre Jungen zu bekommen, dann ist die Mutter dabei. Sie leckt und beruhigt die Tochter, hält sie vorsichtig im Nackenfell fest und trappelt mit den Hinterpfoten gegen die Lenden der "Wöchnerin". Ich habe das wiederholt beobachtet und auch fotografiert. Das ist so eine Art Schwangerschaftsmassage, mit der die Frucht langsam in die richtige Bahn gelenkt wird.

Die alte Katze wird ihre "Enkelkinder" trocken lecken und der Tochter bei der Erziehung helfen. Manchmal legt sie sich hin, als ob sie die Kleinen mitsäugen will, und die spielen mit und saugen dort, wo eigentlich die Milch sein müßte.

Das Wunderbarste habe ich auf diesem Gebiet einmal erlebt, als eine junge Mutterkatze krank wurde und keine Milch mehr produzierte. Die Großmutter nahm die Kleinen gleich "an Kindes Statt" an und ließ sie saugen. Sie selbst hatte schon lange keine Jungen mehr gehabt, trotzdem kam tatsächlich ein wenig Milch aus den Zitzen. Es war nicht genug, aber es war unverkennbar Milch und es hat uns sehr geholfen, die Kleinen überleben zu lassen. Wir brauchten sie nur ein wenig dazu zu füttern. Das Lecken und den Rest der Erziehung besorgte "Oma". Mein Tierarzt allerdings, dem ich von diesem Wunder erzählte, war nicht sehr beeindruckt. So etwas käme vor, sagte er, bei Hunden auch.

Meine Freundin Hermien kam gleich nach der Geburt von Dalilas Babys zur Taufe. Da es feststand, daß natürlich eins der beiden weiblichen Jungtiere bei uns bleiben würde, suchten wir gemeinsam eins aus und Hermien durfte ihm einen Namen geben. Das Kitten wurde Iris getauft und die Taufe mit Kaffee und Kuchen gefeiert. Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester würde Iris auf einem Gebiet bekannt werden, von dem wir zu der Zeit noch keine Ahnung hatten.

Hermien und ich bewunderten Dalilas geduldige Mutterschaft und bestaunten das Wunder, daß Dalila so gut wußte, wie sie ihre Babys behandeln mußte, ohne daß irgend jemand (außer ihrer eigenen Mutter natürlich) ihr ein Vorbild gegeben hätte und ganz ohne eins dieser schönen Bücher "Wie erziehe ich mein Kind?" oder "Wie werde ich eine perfekte Mutter?". Und schon sprachen wir von den Unterschieden in der Erziehung von Katzen und Menschenkindern. Hermien hatte zwei Kinder wie ich, nur waren die Beiden etwas älter als unsere.

"So eine Katzenmutter hat es gut", sagte Hermien, "die braucht sich keine Sorgen über die Zukunft ihrer Kinder zu machen. Sie bringt ihnen das bißchen Verhalten bei, das sie nötig haben und die Kinder zweifeln nicht an der Richtigkeit von Mutters Ratschlägen."

"Ach Hermien", meinte ich, "wir armen Menschenmütter müssen uns damit abfinden, daß wir allerhand Gefahren für unsere Kinder fürchten, aber es hilft wenig, wenn wir sie warnen. Sie wollen ihre eigenen Erfahrungen machen. Sie haben als Menschen die freie Wahl der eigenen Entscheidung. Die menschliche Entwicklung hat das schöne, feste Verhaltensmuster abgeschaltet und jetzt trudeln wir auf eigene, freie Verantwortung durch unser Leben und müssen das Beste daraus machen."

"Freie Verantwortung klingt gut, Maria, aber was bleibt davon übrig? Sie fangen in der Schule, der Universität, im Verein auf, was andere denken und übernehmen es einfach. Sie "lassen sich überzeugen" oder sie "glauben". Wenn sie jemals soweit kommen, daß sie sich aus allen Informationen, mit denen sie überschüttet werden, ein ganz eigenes Weltbild formen können, das nur ihnen selbst gehört und aus dem Inneren kommt, nicht von außen, dann haben sie die Freiheit des Wollens und des Denkens erreicht, die du meinst. Aber die meisten Menschen lassen sich doch vom ersten bis zum letzten Tage von ihrer Umgebung prägen."

"Von unseren Kindern wollen wir doch hoffen, daß sie zu den Menschen gehören, die sich etwas Eigenes zu schaffen wissen und nicht hinter falschen Propheten herlaufen wie die Schafe hinter dem Leithammel."

"Oder wie die Wölfe," sagte Hermien, "vergiß das nicht. Deine Kätzchen werden Katzen, sie bleiben ihrer Eigenart treu, wie alle Tiere, außer den Menschen, die uns schon manchmal recht entartet vorkommen können, zum Glück nicht nur im negativen Sinne. Die einen treiben oben und die anderen unten im großen Brei der Menschheit. Leider ist das Verhältnis recht ungleich.
Das ist die Welt, in die wir unsere Kinder hinauslassen müssen, ob wir wollen oder nicht. Du kannst Deine Kinder nicht bewahren vor dem, was du "falsche Propheten" nennst, und auch nicht vor Konfrontationen mit ihren Artgenossen. Sie können sich nicht einmal auf Bäume retten, wie Buena oder der Kinkajou. Nur die Perspektive, aus der sie die Welt betrachten wollen, die können sie sich selbst schaffen." - So konnten wir endlos miteinander klönen über Kinder, Katzen und Kinkajous.

Die jungen Dalilababys entwickelten sich großartig und kaum liefen sie frei herum, da gesellte Sothis sich zur Familie und spielte den großen Bruder. Ab und zu mußte ich sogar eingreifen, damit er den Kleinen nicht auch noch die Milch wegtrank.

Die Kleinen hatten Spielgefährten genug. Alle anderen Katzen, Buena und Candy und vor allem Kinka liebten sie sehr und alle spielten froh aber heftig durch unser Haus. Das Los unserer Stehlampe, das ich in einer Serie von Fotos verewigt habe, ist ein gutes Beispiel dafür. Die Lampe war zwar zweckmäßig aber ziemlich häßlich und hatte wohl nichts besseres verdient.

Ich weiß nicht, ob Kinkas Vorbild einen Einfluß auf die Verhaltensentwicklung der jungen Abessinier hatte. Ich habe bei denen, die später in andere Hände übergingen, nie etwas Nachteiliges über ihr Verhalten gehört. Kinkas Aktivitäten machten es aber leider notwendig, ihn wenigstens einen Teil des Tages und auch in der Nacht in seinen Käfig zu schließen. Allerdings war der Käfig, den wir für Kinka gebaut hatten nur eine relativ gute Lösung. Kinka konnte nämlich, wie ein Äffchen, jeden Verschluß öffnen. So wurde Kinka mit der Zeit der Herrscher über das ganze Gästezimmer, in dem sich der Käfig befand.

Kinka war kein Sonnenanbeter; genau wie bei Buena waren seine runden Augen für die Dunkelheit bestimmt. In der Dämmerung wurde er lebhaft und wollte gern nach draußen. Das war möglich, denn das kleine Zimmer hatte einen kleinen Balkon, der das Stückchen Terrasse hinter der Küche überdeckte. Genau daneben war der Wintergarten und auf dem war auch ein größerer Balkon. Beide grenzten aneinander, nur lag der Balkon des Wintergartens um eine Stufe niedriger. Um für Kinka ein kleines Freigehege zu machen, wurde der kleine Balkon mit Maschendraht abgesetzt.
Allerdings mußte eine Tür zum anderen Balkon, den wir sonst nicht mehr hätten erreichen können, eingebaut werden. Natürlich wurde die Tür gut gesichert, zwei Riegel und ein Windhaken mußten sie verschlossen halten. Vorläufig funktionierte das auch, bis ich eines Tages Kinka nach unten holen wollte und ihn vergeblich rief. Er kam immer gleich mit einem begeisterten "Tschiiiirrr" zu mir, wenn ich "Kinka" rief. Jetzt blieb es still. Ich fing an zu suchen, aber weder im Zimmer noch auf dem Balkon konnte ich Kinka entdecken. Ich sah, daß die Balkontür offen stand, beide Riegel und der Haken waren geöffnet. Völlig entsetzt lief ich nach unten: "Kinka ist weg!"
Sofort wurde nun erst einmal eine Suchaktion rund um das Haus herum eingesetzt, danach, mit Erlaubnis der Nachbarn, in deren Gärten. Es gab keine Spur vom Kinkajou. Als es dunkel wurde, mußten wir die Suche aufgeben, es hatte keinen Zweck mehr. Ich glaube, ich war wohl nicht die Einzige im Hause, die in dieser Nacht nicht geschlafen hat.

Schon früh am nächsten Morgen wurde weiter gesucht, ohne Erfolg. Els kam auf den Gedanken, Zettel zu schreiben und in der Nachbarschaft zu verteilen: "Wer hat unseren Kinkajou gesehen? Er sieht aus wie ein Äffchen, ist braun und hat einen langen Schwanz. Man kann ihn mit Bananen locken."

Telefonisch wurde jetzt auch Hermien von Kinkajous Verschwinden benachrichtigt. Er war schließlich ihr ganz besonderer Liebling. Sie kam gleich und vom Balkon aus rief sie: "Tshiiirrr", "Tschiiirrr" so lange, bis eine Nachbarin in ihrem Garten so besorgt herüber blickte, daß ich fürchtete, sie würde gleich den Notarzt rufen. Kinka jedenfalls reagierte nicht.

Plötzlich kam mir eine Idee: ich rief unseren Freund von der "Arnhemse Courant" an und bat ihn, doch einen Aufruf an die Leser zu schreiben, nach unserem Rollschwanzbärchen aus zu schauen. Er sei völlig ungefährlich und mit einer Banane leicht zu locken. Aber das wußte der Journalist bereits, er war ja bei uns gewesen.

Am Tage darauf stand die Geschichte von Kinkas Verschwinden ausführlich in der "Kroniek van de Dag" mit dem Titel "Moeder, moeder, de beer is los..." (Mutter, Mutter, der Bär ist ausgebrochen!) das sind die Anfangszeilen eines holländischen Kinderreims. Das Foto von Kinka, das der Reporter bei seinem Besuch gemacht hatte, war wieder dabei.

Das war der dritte Tag. Am vierten, gegen Mittag, ging ich wieder auf den Balkon, dessen Tür natürlich jetzt weit offen stand, für den Fall, daß Kinka doch noch zurückkommen würde. Richtig daran glauben konnten wir allerdings schon nicht mehr. Da hörte ich auf einmal ein "Tschiiirrr", "Tschiiirrr" in der Ferne. Ich wußte nicht woher es kam, aber ich rief, so laut ich konnte: "Kinka, Kinka!". Jetzt sah ich etwas in den Zweigen einer Birke im Wäldchen hinter dem Garten bewegen.

"Tschiiirrr" rief er wieder und ich: "Komm, Kinka, komm!!" und er wieder freundlich "Tschiiirrr". Das ging so eine Weile und dann flog auf einmal etwas Braunes über den Maschendraht des Gartens, von da auf das Dach der Garage, von dort wieder auf den "Wintergartenbalkon", dann auf den "Kinkabalkon" und dort geradewegs in meine Arme. Ach, war das ein Wiedersehen!!!

Nachdem Kinka und ich uns ausgiebig durch Streicheln (ich ihn), Ohren und Gesicht lecken (er bei mir) unsere Wiedersehensfreude bewiesen hatten, setzte ich Kinka in seinen Käfig und lief ganz schnell zum einzigen Gemüsehändler, den es auf dem "Hoogkamp" gab. "Ich möchte gern ein Pfund frische Bananen."

Der Gemüsehändler war verlegen: "Ja, das ist schwierig," sagte er, "Sie wissen ja, ich habe immer genügend Bananen für Sie vorrätig, aber seit gestern Abend sind sie ausverkauft. Die Leute wollen doch alle ihren Kinkajou fangen ..."