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Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 15 - Goldkinder ...

Goldkinder und ein neuer Herr iim Haus

Wie ich schon vorsichtig angedeutet habe, entsprach unser Haus längst nicht mehr den bürgerlichen Begriffen der haushaltlichen Perfektion, das versteht sich. Aber, wenn wir ehrlich sein wollen: eine "gepflegte gute Stube" kann selbst jemand haben, der glaubt, daß Schopenhauer eine neue Beatband ist. Soviel natürliche, seltsame und überwältigende Schönheit, wie wir zu jener Zeit im Hause vereinigt hatten, das war etwas absolut Einmaliges, so einmalig, daß ich heute Mühe habe, meine Erinnerungen zu zügeln, wenn ich sie aufschreibe. Sie überstürzen sich förmlich. Wer kann das schon von frisch gebohnerten Möbeln sagen oder von einer Stehlampe, die er vor dreißig Jahren einmal gekauft hat?

Sothis war wirklich nicht gerade der Spätentwickler, den Mrs. Winsor mir vorausgesagt hatte. Kaum waren die Kleinen von Dalila dem Milchbrei entwachsen, da erwischte ich Dalila und Sothis in einer unverkennbaren Situation im Treppenhaus. Ich rief den Tierarzt an: "Was soll ich tun? Dalila hat vor kaum drei Monaten ihre Jungen gehabt und jetzt ist sie von Sothis gedeckt. Können Sie etwas unternehmen, damit sie nicht so schnell wieder Junge bekommt?"

"Ich kann sie sterilisieren", sagte er, "aber das wird wohl nicht Ihre Absicht sein."
"Nein, um Gottes Willen, sie ist doch die erste rote Abessinierin auf dem ganzen europäischen Festland."
"Na also, dann lassen Sie sie ihre Jungen bekommen, sie ist jung und gesund. Gutes Futter und ein paar extra Vitamintropfen, das reicht." (Die "Pille danach" gab es damals noch nicht.)

Also erhielt Dalila täglich eine vitaminreiche Zwischenmahlzeit extra und genau 65 Tage nach dem Ereignis auf der Treppe bekam Dalila fünf wunderschöne Babys, drei Mädchen und zwei Jungen.

Es war das Jahr, in dem Marion, unsere Älteste, zur Universität ging. Ihr Zimmer wurde zwar noch vorläufig für sie in Stand gehalten, wurde aber im Augenblick nicht gebraucht. So konnte dort der Nachwuchs von Dalila "in Sicherheit und Ruhe", wie wir sagten, zur Welt kommen.

Cleonie und ich waren bei der Geburt dabei, aber wir brauchten nicht zu helfen. Dalila "wußte", was sie tun mußte. Als alle Babys trocken geleckt waren, drehte sie sich auf den Rücken und ließ uns ihre Goldschätze sehen. Goldig waren sie tatsächlich, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hatten eine strahlende Farbe.

Diesmal hatten wir eine andere Taufpatin: Frau Dr. Wolff aus Deutschland war gekommen. Sie war Katzenrichterin und Autorin verschiedener bekannter Katzenbücher. Außerdem oblag ihr die Redaktion einer Katzenzeitschrift. Frau Dr. Wolff war so begeistert von der Farbe der jungen roten Abessinier, daß sie sich gleich für ganz "goldige" Namen entschied. Die drei Mädchen wurden "Aurora", "Aurelia" und "Aurelita" getauft und die drei jungen Katerchen "Aurelio" und "Aurelius". (Aurum = Gold)

Dalila war von alledem nicht sehr beeindruckt. Als die Jungtiere ein paar Tage alt waren, durfte nach Cleo erst einmal Jantje die Babys bewundern. Eigentlich hätte ja eins der Kleinen nach Jantje genannt werden müssen; wir hatten es ihm versprochen, als er einmal Dalila das Leben gerettet hatte.

Das war, als ich eines Tages die Wäsche in die Waschmaschine getan hatte und noch schnell herüber ins Schlafzimmer lief, um noch etwas zu holen, was noch mitgewaschen werden sollte. Ich warf das letzte Wäschestück in die Trommel und schloß die Maschine. Als ich dann auf den Knopf drücken wollte, gebärdete Jantje sich wie verrückt. Er jaulte, sprang an der Maschine empor, kratzte an der Tür zur Trommel. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich begriff, was los war.
Ich öffnete die Tür der Wachmaschine und da saß Dalila zwischen der Wäsche, unversehrt und sich nicht der Gefahr bewußt, in der sie geschwebt hatte. Wenn Jantje nicht zur Stelle gewesen wäre, hätte ich auf den Knopf gedrückt, ohne noch einmal in die Trommel zu sehen. Davon habe ich allerdings gelernt, immer erst die Trommel der Waschmaschine zu untersuchen, ehe ich die Maschine ansetze, ob nicht doch heimlich eine der Katzen hineingeklettert ist.

Dalilas Rettung war eine der vielen guten Taten von unserem Jantje und damals hatte ich gesagt: "Wenn Dalila einmal Junge bekommt, wirst du Patenonkel, Jantje." Jantje hat sich übrigens niemals beschwert, weil ich mein Wort nicht gehalten habe. Es gab sowieso für mich nur einen Jantje.

Über die Nachkommen von Dalila und Sothis könnte man noch ein ganzes Buch schreiben. Aurora wurde später nach Amerika herüber geflogen, Aurelia gründete den ersten roten Abessinierstamm in Schweden. Aurelito ging nach Frankreich, Aurelius blieb in Holland und Aurelia blieb gleich bei uns und machte später, genau wie Iris, Katzengeschichte in einer Weise, von der wir uns damals nichts hätten träumen lassen.

Für diejenigen, deren Denkweise nicht vom Katzensport angetastet ist, wird es wohl kaum von Bedeutung sein, aber der Ordnung halber muß hier jetzt einmal erwähnt werden, daß die roten Abessinier heute "sorrel" Abessinier heißen. Warum, das ist eine lange Geschichte, die den Rahmen dieses Buches sprengen würde. Die inkonsequente Konsequenz dieser Namensveränderung (sorrel ist Englisch für rotbraun) ist, daß züchterischer Ehrgeiz zu einer Auswahl in Richtung einer rötlicheren Fellfarbe geführt hat, so daß die "sorrel" Abessinier von heute viel röter aussehen, als die goldfarbigen damals, die "rot" genannt wurden.

Als unsere ersten Abessinierbabys geboren wurden, ahnten wir von alledem glücklicherweise noch nichts. Für uns gab es nichts Schöneres als unsere "Goldene Göttin" mit ihren grünen Sphinxaugen und unseren strahlenden Papa Sothis und deren fünf kleine Goldkinder.

Auch Buena dachte so darüber, denn als ich eines Tages die sonst vor ihr verschlossene Tür aus Versehen einmal nicht gut geschlossen hatte, kam ich ahnungslos in Marions Zimmer und fand dort eine spinnende Dalila mit ihren Babys und davor Buena, die eins nach dem anderen die Babys zärtlich leckte und sich dann zufrieden daneben legte. Das war eine erfreuliche, aber auch beschämende Erfahrung für uns mißtrauische Menschen.

Weil Buena so mütterliche Züge hatte, machten wir Pläne: sollten wir sie irgendwann einmal, wenn es wieder soweit war, nach Wuppertal bringen, um sie von Bueno decken zu lassen? - Es wäre schön, eine winzig kleine Buenita im Hause herumlaufen zu haben. Aber eins wußten wir ganz sicher: es würde uns absolut unmöglich sein, ein Junges von Buena abzugeben, wenn es erst einmal bei uns aufgewachsen wäre. Das bedeutete für die Zukunft also wenigstens zwei Margays in unserem Haus, vielleicht sogar mehr. Wenn das Junge ein Kater sein würde, könnte es noch mehr Probleme jeder Art geben.

Auch Candy war schon ein paarmal rollig gewesen. Sie rollte auf dem Teppich herum und stieß dabei einen heiseren Schrei aus. Auch war sie plötzlich viel zutraulicher zu uns und richtig anhänglich. Sie schmeichelte um unsere Füße und ließ sich sogar auf den Arm nehmen und streicheln. Die Tage, in denen sie rollig war, eigneten sich gut dazu, ihr einmal ein paar Vitaminpillen einzugeben oder eine Wurmkur. Das konnte man an "normalen" Tagen nicht tun, mit einem Wort, wenn Candy rollig war, dann war sie einfach eine ganz andere, viel zutraulichere Katze.

Schon als Candy zu uns kam, war uns etwas aufgefallen, für das auch unser Tierarzt keine Erklärung hatte. An ihrem Schwanz befand sich an einer Stelle, etwa fünf Zentimeter vom Schwanzansatz entfernt, eine Beule, so groß etwa wie eine Haselnuß. Erst dachten wir, daß Candys Schwanz wohl eingeklemmt gewesen sei, als sie gefangen wurde. Aber als Candy zum ersten Mal rollig wurde, sprang die Beule auf und blutete. Das wiederholte sich bei jeder Rolligkeit und der Tierarzt meinte dann, daß vielleicht irgendeine Drüse auf dem verkehrten Platz gewachsen sei. Wir sind nie dahinter gekommen was es wirklich war und wir gewöhnten uns daran.

Sothis zeigte viel Interesse an der rolligen Candy und er versuchte sie zu decken. Es klappte nicht, wir wußten eigentlich nicht warum, aber wir waren ganz froh darüber. Es schien uns unmöglich, daß bei so verschiedenen Tieren eine Deckung überhaupt Erfolg haben würde. Während wir das alles überdachten und besprachen und so unsere Tage in nur relativer Ruhe aber niemals uninteressant vorbeigingen, ereignete sich fern von uns etwas, von dem wir noch keine Ahnung hatten. Ein Ehepaar aus Wassenaar, das wir nicht kannten und auch persönlich nie kennengelernt haben, reiste zu der Zeit durch Südamerika. Kurz vor der Heimreise nach Holland wurde ihnen in Bahia von einem kleinen Jungen "etwas“ angeboten. Der Junge holte das "Etwas" aus einem Sack: es war ein kleiner Oncillakater! Das Ehepaar aus Wassenaar liebte Katzen und hatte Mitleid mit dem kleinen Tierchen, das recht erbärmlich aussah. Sie kauften es und brachten es mit nach Holland. Dort warteten schon ein paar andere Katzen sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Herrchens und Frauchens.

Weit weg davon, in Arnheim, waren wir ahnungslos mit unseren Tieren beschäftigt und hatten keine Ahnung, daß große Wendungen in unserem Leben irgendwo in Brasilien prädestiniert waren.

Irgendwann im Herbst rief ein Herr bei uns an, den wir im Katzenklub kennengelernt hatten und der in und neben seinem Haus so eine Art Privatzoo hatte. Wir waren einmal dort gewesen, um uns seine Tiere anzusehen. In einem der Käfige, die er hatte, saß ein Puma, in einem andern eine Goldkatze. Es waren noch mehr Wildkatzen dort, ich erinnere mich nicht mehr, was für Tiere es waren. Dieser Herr war auch bei uns gewesen, um Buena und Candy anzusehen. Jetzt fragte er plötzlich am Telefon: "Ich wollte mich einmal erkundigen, ob Sie Candy nicht verkaufen wollen."

Ich war empört: "Was denken Sie wohl, ich verkaufe meine Candy doch nicht!"
"Ich wollte nur mal fragen", sagte er und legte auf.

Als mein Mann nach Hause kam, erzählte ich ihm von dem merkwürdigen Anruf. "Ich verstehe auch nicht, wie man so etwas fragen kann", war der Kommentar meines Mannes, "dieser Herr sollte doch gesehen haben, wie sehr unsere Wildkatzen zur Familie gehören. Und er hat doch gesehen, daß Candy uns vertraut."
Wir hatten den ganzen Vorfall schon vergessen, als wieder ein Anruf von demselben Herrn kam. Wieder fragte er, ob ich ihm Candy nicht doch verkaufen wollte. Und jetzt sagte er auch, warum er sie haben wollte. Er hatte nämlich einen Oncillakater bekommen und jetzt brauchte er eine Katze dafür, um damit zu züchten.

Ich erklärte ihm kurz und bündig, daß das dann in jedem Fall nicht meine Candy sein würde und damit war der Fall für mich erledigt.

Dann bekam ich kurz danach einen dritten Anruf. Diesmal bot dieser Herr mir an, den kleinen Oncillakater zu kaufen. Für 300,- Gulden könnte ich ihn haben.

Da brauchte ich meinen Mann gar nicht erst zu fragen. Ich wußte so schon, daß er "ja" sagen würde. 300.- waren damals mehr Geld als heute, aber selbst die Abessinier waren teurer gewesen und einen kleinen Oncillajungen kaufen zu können, das war schon eine besondere Gelegenheit. Wir waren sicher, daß Candy sich freuen würde, einen Artgenossen zur Gesellschaft zu bekommen. Obendrein würde der kleine Kater bei uns die Freiheit des ganzen Hauses genießen dürfen und nicht mehr in einem Käfig sitzen müssen.

Bald danach konnten wir unseren neuesten Hausgenossen holen und den anderen Katzen vorstellen. Bei der Gelegenheit hörten wir, daß der junge Oncillakater aus Brasilien stammte und von einem Ehepaar aus Wassenaar mitgebracht worden war.

Das war nun die vierte Variation einer Introduktion einer Wildkatze in unserem Haushalt. Ganz anders als Margaytje, Buena und Candy war dieser kleine Wildkater weder ängstlich noch Mitleid erweckend.
Er kletterte aus seinem Transportkörbchen, schaute sich selbstbewußt um und fing an, ohne große Vorbereitungen, das Zimmer zu untersuchen. Erst lief er wie jemand, der dringend etwas zu besorgen hat, an den Wänden entlang, dann, als er wohl nichts Verdächtiges gefunden hatte, betrachtete er erst einmal die anderen Katzen. Candy, Jantje und Buena und natürlich auch mein Mann und ich bildeten das Empfangskomittee. Buena und uns fand das neue Katerchen völlig uninteressant, es würdigte uns kaum eines Blickes. Jantje wurde beschnüffelt und uns zugeordnet. Auch ihn fand er sichtbar nicht der Rede wert. Dann aber sah er Candy, die auf einem Sessel lag und tat, als ob sie schliefe. Er sprang auf den Sessel, Candy flog auf, machte einen hohen Rücken, sträubte die Haare und fauchte. Der kleine Kater seinerseits fauchte nun auch erst einmal, aber nicht sehr überzeugend und ging dann aber ruhig und selbstbewußt weiter. Gleich darauf drehte er sich um und kam zurück, schnüffelte an Candy und stieß denselben hohen Schrei aus, wie wir ihn schon von Candy kannten. Mehr als an seinem Äußeren schien Candy daran den Artgenossen zu erkennen. Es war auch schon ein sehr besonderer Laut, den die Oncillas anstatt des "Miau" der anderen Katzen zur Verständigung gebrauchten. Ich habe Mühe, ihn zu beschreiben, es gibt fast nichts, womit ich ihn vergleichen könnte. Als ich einmal an einem Garten vorbeikam, in dem Pfauen waren, hörte ich einen hellen, hohen Schrei von einem der Pfauen. Da dachte ich: "Wenn der jetzt ein ganz klein bißchen heiser wäre, dann riefe er ein wenig wie Candy damals.“

Der kleine Kater hatte, so hatten wir gehört, bei der Familie, die ihn aus Bahia mitbrachte, den Namen "Panda" bekommen. Der Name schien uns nicht gerade passend und so tauften wir ihn "Milagro di Bahia" und riefen ihn "Milagro".

Er war ein ganz klein wenig heller als Candy, die Flecken ein ganz winziges bißchen größer, aber er war ihr doch so ähnlich, daß er ihr Bruder hätte sein können. Wir waren erleichtert, es gehörte schon Glück dazu, bei der Vielfalt von Unterarten der Zwergtigerkatzen, zufällig einen passenden Partner für Candy zu bekommen zu haben. Neben Candy sah er fast groß aus, aber als wir ihn mit viel Mühe und unter Einsatz eines extra leckeren Stückchens Fleisch auf eine Küchenwaage locken konnten, registrierten wir knappe vier Pfund. Candy wog jetzt reichlich drei Pfund.

Nach einer Woche bekamen wir einen Anruf von der Familie in Wassenaar, die gehört hatte, daß Milagro jetzt bei uns wäre. Sie fragten, wie es ihm ginge und erzählten uns, wie sie ihn bekommen hätten. Es täte ihnen leid, daß sie ihn nicht behalten konnten, aber es hätte im Haushalt mit ihm zu viel Probleme gegeben. Darum hatten sie ihn dem Herrn geschenkt, der ihn seinerseits an uns verkauft hatte. Was für Probleme das waren, erzählten sie nicht. Das haben wir später selbst entdeckt. Ich erzählte Milagros ersten Besitzern, daß es ihm gut ginge und daß er jetzt Milagro hieße.

Milagro war so selbstbewußt, daß wir ihn gleich frei im Haus herumlaufen lassen konnten. Auffallender Weise benahm er sich dabei äußerst männlich und vollkommen Herr der Situation. Er hatte keine Spur von Angst vor uns, nicht einmal Respekt. Nur wenn man ihn auf den Arm nehmen wollte, wehrte er sich, aber ohne zu kratzen oder zu beißen. Er hatte sehr starke Muskeln und konnte sich einfach freizappeln. Da er es nicht mochte, haben wir es auch weiter so viel wie möglich unterlassen, ihn aufzuheben. Er wollte eben festen Grund unter den Füßen haben. Aber wenn er auf einem Stuhl lag, konnte man ihn vorsichtig streicheln. Das ließ er geschehen, zeigte aber in keinerlei Weise, ob ihm das angenehm oder unangenehm war. Also ließen wir es auf die Dauer. Welchen Sinn hat eine unerwünschte Liebkosung? Wichtig ist nur, daß die Tiere keine Angst vor uns haben und entspannt leben können. Ich bin der Meinung, daß die Menschen vielfach die Katzen zum Abreagieren ihrer eigenen Gefühle mißbrauchen. Tiere sollten kein Menschenersatz sein. Auch sie müssen sich selbst sein dürfen. Man kann doch Tiere auch liebhaben, ohne sie gleich mit menschlicher Zärtlichkeit zu überfallen, wenn man merkt, daß ihnen nichts daran liegt. Wie ich oft bemerkt habe, ist das etwas, was manchen Menschen schwer fällt.

Milagros erste Eroberung sollte Buenas geliebtes Körbchen werden, aber da hatte er seine Rechnung ohne den Wirt gemacht. Diesmal verteidigte Buena ihren Besitz würdevoll und ohne Aggression. Sie kam einfach zum Körbchen und machte Anstalten sich zu Milagro zu setzen, der sofort die Flucht ergriff. Da gerade kein anderes Katzenkörbchen im Haus unbesetzt war, opferten wir unser Einkaufskörbchen. Das verstand er sofort.
Er nahm es in Besitz und, als wir das Körbchen auf einen Schrank stellten, besah er von dort aus die Umgebung, unkritisch, beschaulich. Ab und zu erlaubte er uns sogar, ihn in dem Körbchen herumzutragen. Er muß keinerlei böse Erinnerungen an seine lange Reise von Brasilien nach Holland gehabt haben, die er doch auch wohl zum großen Teil in einem geschlossenen Körbchen verbracht haben wird. Alles war gut, solange man ihn nicht festzuhalten oder auf den Arm zu nehmen versuchte.

Die Bekanntschaft mit den andern Katzen verlief ohne besondere Ereignisse und zu Weihnachten machte er Buena und dem Kinka Konkurrenz als Star in Sachen "Weihnachtsfotos", eine absolut ernst zu nehmende Arbeit, denn das wurden nämlich die Weihnachtskarten für das nächste Jahr. Im weiteren Sinne waren das auch schon die Vorläufer dieses Buches in dem Bestreben, diese seltsamen Tiere den Menschen etwas näherzubringen und um Verständnis für sie zu werben.

Schon bald merkten wir, welches das Problem oder wenigstens eins der Probleme war, die Milagro in Wassenaar verursacht haben könnte: er war so sehr Herr de Situation, daß er unser Haus schon bald als sein Territorium zu betrachten begann. Und das bedeutete, daß er es dementsprechend kennzeichnete: er spritzte an allen, aus seiner Sicht strategischen Ecken und Punkten seine Duftmarken. Das war eine unangenehme Überraschung. Diese Duftmarken haben eine ziemlich starke "Zirkusluft", die nur fort zu bekommen ist, wenn man sofort mit der Spirituslösung hinterher putzt, und auch dann noch ist sie ziemlich hartnäckig.

Wenn jetzt Besuch angesagt war, wurde es zur festen Gewohnheit, schon Stunden vorher Milagro sorgfältig zu beobachten, ob er nicht ... .

Es ist etwas Merkwürdiges, wie abwehrend die Menschen auf den Geruch von Tieren, welche es auch sein mögen, reagieren. Tiergeruch ist immer "widerlich", der Geruch von allerhand chemischen Substanzen, Seife z.B. oder Bohnerwachs, ist "frisch." Ich hatte da noch so einen kleinen "Trick." Ich tat einen kleinen Schuß Terpentin unter die Flurmatte. Wenn die Leute dann kamen, rochen sie das Terpentin, das sie mit "Bohnerwachs" assoziierten. Sie reagierten alle positiv darauf, es entsprach ihrer Idee von "frisch".
Menschliche Vorprogrammierung! Von einer guten Hausfrau wird erwartet, daß sie fleißig bohnert, nicht daß sie Tagebuch über irgendwelche Wildkatzen führt, von denen man noch nie gehört hat. Unsere Besucher wollten ein paar seltsame Katzen sehen, aber sie wollten sie nicht riechen.

Jedes Lebewesen hat schließlich seinen eigenen Duft. Er hat seine Bedeutung als Erkennungsmal des Wesens. Sie kann Freund oder Feind, Beute oder Lockmittel bedeuten. Das ist ein von der Natur gegebenes Signal. Wir Menschen sind, was das betrifft, gar nicht so weit von den Tieren entfernt wie manche wohl möchten, die nichts von Tieren verstehen. Aber wir gebrauchen gern fremde Duftstoffe, um uns zu parfümieren oder als Deodorant. Das ist eine Form der Camouflage. Es sind auch Duftstoffe im Waschpulver und in den meisten Kosmetikartikeln. Basis für vielerlei Parfumsorten ist Moschus, das aus bestimmten Drüsen von verschiedenen Tierarten gemacht wird. Das kostbarste Moschus wird aus einer Drüse des Moschushirsches gewonnen. Aber auch Zibethkatzen werden für die Produktion von Moschus in winzigen kleinen Käfigen gehalten, wo ihnen laufend und sehr qualvoll der für Menschen so verführerische Duftstoff entnommen wird. Sich mit Hilfe von Duftstoffen bemerkbar zu machen, ist eine weitverbreitete menschliche Gewohnheit. Wir deuten das als Eitelkeit, aber könnte es nicht eigentlich dasselbe sein, wie bei den Tieren? Alle Tiere, mit Ausnahme unserer domestizierten Haustiere, finden Menschengeruch beängstigend. Rieche Menschenduft und es droht Gefahr! Vielleicht geht es uns genau so und darum tarnen wir unsere eigenen Gerüche mit denen von Tieren und Pflanzen.
Als Jane Goodall noch am Anfang ihrer Beobachtungen der Schimpansen stand, hatte sie einen festen Aussichtsposten, hoch auf einem Hügel. Eines Tages sah sie einen Leoparden auf sich zukommen. Obschon sie wußte, daß der Leopard nur dann Menschen anfällt, wenn er selbst verwundet ist, wurde sie doch ängstlich und zog sich schnell nach unten ins Tal zurück. Als sie wieder zum Hügel zurückkam, hatte der Leopard ein Häufchen schön säuberlich auf den Platz gesetzt, auf dem Jane Goodall erst gesessen hatte. Jane Goodall verstand die Botschaft, die ihr zugegangen war: für den Leoparden war es wichtig, den gefährlichen Menschenduft zu überdecken.

Keiner unserer anderen Kater, kastriert oder nicht, hatte bis jetzt machoartige Züge gezeigt. Auch der kleine Kinkajou war ein "er", aber er blieb scheinbar immer ein Baby oder war höchstens ein kleiner Lausbub. Es herrschte absolute Gleichberechtigung unter unseren Katzen. Seit der Ankunft von Milagro änderte sich das Bild. Milagro kam nicht zu uns, er eroberte uns und alles, was zu uns gehörte, mit Ausnahme von Buena.

Längst war die Schiebetür zwischen dem Wohnzimmer und dem Eßzimmer, die früher meist offengestanden hatte, in ständiger Alarmbereitschaft. Wenn Besuch kam, wurden alle Anwesenden, sofern es nicht Menschen waren, mit Gebärden oder Lockrufen ins Eßzimmer gelockt. Das Wohnzimmer, an der Vorderseite des Hauses, blieb in nicht nachlassender Sorge im Stande der gutbürgerlichen Ordnung erhalten. Das hatte alles gut funktioniert, bis zum Zeitalter von Milagro. Der sah uns an, wenn wir ihn riefen und staunte: "- wieso? Wer sagt mir, was ich will?"

Er kannte seinen Namen inzwischen ausgezeichnet: er bedeutete "Futter." Ohne Futter allerdings, kein Grund zur Aufregung. Da konnte man bitten und flehen, er saß wo er saß, tragen ließ er sich nicht. Furcht hatte er keineswegs, daran lag es nicht. Er war eben so.

Natürlich wollten wir ihn nicht aufscheuchen, das hätte sein Vertrauen zu uns zerstören können. Also saß er da, wie eine Reklame für Klebepasta "Hier sitze ich, ich kann nicht anders." - Wir hatten unseren Herren gefunden.