Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 16 - Ein ganz natürliches Ereignis

Wer eine Hauskatze hat, dem wird bestimmt schon aufgefallen sein, daß die Katze, ehe sie zum Sprung ansetzt, erst eben mit den Hinterpfoten trappelt. Manchmal wackelt sogar ihr ganzes Hinterteil dabei, so eine Art umgekehrter Bauchtanz. Ich denke, daß der Sinn davon ist, daß die Bein- und Fußmuskulatur sich lockert und so eine optimale Sprungfähigkeit voraussetzt. Dasselbe kann man bei Sportlern beobachten. Unsere Tennisstars, die wir so bewundern, stehen nicht still an der Grundlinie, sie springen leicht, fast tänzerisch auf den Fußspitzen, ehe sie dem Ball entgegengehen. Der Grund ist derselbe, sie wollen ihre Muskeln aktivieren, ehe sie zur Höchstleistung gebraucht werden. Bei fast allen Sportarten, bei denen die Beine und Füße wichtig sind, wird das so gemacht.

Bei Buena war uns schon bald aufgefallen, daß sie, ehe sie einen Sprung machen wollte, mit ihren Hinterpfoten scharrte. Sie trappelte nicht, ihre Füße glitten hin und zurück. Wir nannten das "Schlittschuhlaufen", weil es eine so gleitende, abwechselnde Bewegung war. Buena gebrauchte diese Gebärde immer vor einem Sprung. Wir hatten es erst gebührend bewundert und uns dann daran gewöhnt.

Candy hatte ebenfalls solche "Schlittschuhgebärde" gebraucht, wenn sie mit Cleonie oder einer anderen Katze spielte. Auch das waren wir schon gewohnt. Seit aber nun Milagro im Haus war, bekam diese Gebärde eine ganz neue Bedeutung.

Wenn Milagro sich ihr zu stürmisch näherte oder wenn es ihr sonst irgendwie nicht passte, daß er in ihre Nähe kam, dann fing Candy auf einmal heftig an zu "Schlittschuhen", dazu fauchte sie und wenn Milagro doch zu nah an sie herankam, bekam er eine kräftige Ohrfeige. Milagro seinerseits erwiderte die Gebärde und das wiederum machte Candy sichtbar böse.
Wir entdeckten, daß das "Schlittschuhlaufen" nicht nur eine Vorstufe zum Sprung, sondern auch eine Drohgebärde war. Aber das ist eigentlich ganz logisch, denn in der Natur ist der Sprung schließlich nicht nur der Anfang des Spieles, sondern im erwachsenen Alter auch Hauptbestandteil des Beutefangs und für denjenigen, der grade Beute ist, ein Vorzeichen der Gefahr und eine Warnung. Wer will schon gern die Beute sein?

Ob das Trappeln vor dem Wettkampf beim Sport auch eine unterschwellige Drohung ist, wage ich nicht zu beurteilen.

Milagro hatte vielerlei Überraschungen für uns bereit. Zum Beispiel die Bananen! Jedes Haus, das einen Kinkajou beherbergt, sollte einen regelmäßig anzufüllenden Vorrat an Bananen haben. Bei uns lagen die Bananen in einem Obstkorb, für jeden griffbereit.

Milagro war kaum ein paar Tage bei uns, da stürzte er sich voller Freude auf die Bananen, „fing“ eine davon und machte sich damit auf den Weg. In Ermangelung eines Baumes wählte er die Höhe der Treppe, um seine Beute in Sicherheit zu bringen. Mein erster Impuls war, ihm seinen Fang wieder abzujagen, denn schließlich sind Katzen keine Pflanzenfresser und ich machte mir Sorgen, daß ihm die unpassende Kost schaden könnte. Aber dann überwog meine Neugierde und ich ließ ihn gewähren. Er spielte das Beutespiel mit der Banane, biß ein wenig lustlos hinein, aber er verzehrte sie nicht. Das Ganze konnte ihm unmöglich schaden, außer in seinem guten Ruf bei uns, denn wir dachten jetzt entschieden, daß Milagro wohl etwas verrückt sein müsse. "Milagro der Bananenjäger" nannten wir ihn oder "Bananenhäuptling."

Erst viel später hörten wir die Erklärung: in Südamerika sind Bananen so ungefähr das billigste Nahrungsmittel, das es gibt. Wenn also jemand "bichitos" hat, wird er versuchen, sie zu ernähren, damit sie nicht sterben, denn er will sie schließlich verkaufen können. Aber er wird ihnen wohl kaum teures Fleisch geben. "Sollen die Viecher Bananen fressen, schließlich sind die für Menschen auch nahrhaft", denken sie da wohl.

So bleibt den gefangenen Fleischfressern, wollen sie nicht verhungern, nichts anderes übrig, als sich mit den angebotenen Bananen am Leben zu halten. Das gelingt natürlich nur für kurze Zeit, denn eine ausreichende Nahrung ist das für sie nicht.

Obwohl Milagro Bananen gar nicht mochte, war der Duft davon wohl mit Erinnerungen an "zu Hause" verbunden. So schleppte er sie im Hause herum und wir hatten unseren Spaß, wenn Besucher ganz erstaunt fragten: "Füttert Ihr Eure Katzen mit Bananen?"

Im März wurde Candy wieder rollig. Die Beule am ihrem Schwänzchen begann zu bluten, sie lag auf dem Teppich und drehte und wendete sich. Ab und zu stieß sie einen ihrer lauten, heiseren Schreie aus. Zu uns war sie wieder ungewöhnlich zärtlich, aber weder Milagro noch Sothis durften sich ihr am ersten Tag näheren. Sothis hielt sich sowieso im Hintergrund, als ob er seine Rolle als Bräutigam und Vater in spe nur allzu gern an Milagro abtreten wollte.

Milagro hatte keine Aufklärung nötig, er wurde von Candy angezogen, wie von einem Magneten. Nur der Magnet, genannt Candy, spielte nicht mit. Sobald Milagro in ihre Nähe kam, wurde sie geradezu wütend, sie fauchte, schlug mit der Pfote nach ihm und jagte ihn schließlich durch das ganze Haus. Aber Milagro war ein raffinierter Liebhaber. Während Candy ihn abwies, demonstrierte er Zärtlichkeit. Er rollte auf einem Tuch, einem Kissen oder auf irgendeiner Zeitung hin und her, gab Köpfchen an alles, was erreichbar war, als ob er sagen wollte: "Schau her, so lieb bin ich!" Manchmal machte er Candy auch eifersüchtig, dann wendete er sich den anderen Katzen zu. Dabei galt seine Vorliebe natürlich wieder den Abessiniern. Wenn er so seine Friedlichkeit demonstriert hatte, zusammen mit den anderen auf dem Sofa lag, kam Candy manchmal dazu. Aber das waren nur kurze Pausen im Eroberungskrieg. Meist saß Candy irgendwo auf einem höheren Platz als Milagro und sah mit erhabener Gleichgültigkeit auf ihn herab.

Meinem Mann tat Milagro leid, aber ich schlug mich auf Candys Seite. Ich streichelte sie, nutzte die Gelegenheit, in der sie das erlaubte.

Ich sprach mit ihr: "Wenn du den Jungen nicht magst, Candy, dann soll er dich in Ruhe lassen." Candy schnurrte um meine Beine herum, sie konnte auch wundervoll und laut spinnen, aber man bekam es nur selten zu hören. Diesen entspannten Augenblick nützte Milagro dann. Er kam seinerseits näher und im Nu griff er Candy im Nacken.

Der Nackenbiß gehört, wie man wohl weiß, zur Deckung. Der Kater hält die Katze mit den Zähnen fest, damit sie ihm nicht entwischen kann. Aber Candy wußte sich auch jetzt zu helfen, sie drehte sich einfach auf den Rücken. Ihr loses und dehnbares Fell ließ das zu. Dadurch wiederum wurde Milagro richtig böse, er schleppte Candy am Nackenfell durch das ganze Zimmer und brummte dabei recht schauerlich. Wenn er eben losließ, flüchtete Candy sofort wieder zu mir. Und so ging das den ganzen Tag und auch den nächsten, bis sogar ich, - wer hätte das gedacht ? - Mitleid mit Milagro bekam. Als er diesmal kam, hielt ich Candy so fest, daß er "sein Ziel erreichte" und ich wurde, vielleicht als erster Mensch, Augenzeuge einer Paarung von zwei Exemplaren der Gattung Leopardus tigrinus. Candy allerdings benahm sich danach noch furioser als vorher. Sie schlug Milagro um die Ohren, kreischte und jagte ihn unter den Schrank.

Danach wollte sie auch von mir erst nichts mehr wissen. Ich ließ die zwei allein und als ich eine halbe Stunde später wieder ins Zimmer kam, sah ich, daß meine Hilfe und mein Segen nicht mehr nötig waren. Die zwei waren sich einig geworden. Allerdings bekam Milagro immer noch seine Keile "danach", aber das entmutigte ihn nicht.

Als nach zwei konstant stürmischen Tagen noch keine Änderung in der Situation eingetreten war, machte ich mir Sorgen, daß die Beiden sich völlig überanstrengen würden. Vor allem um die zarte Candy sorgte ich mich. So trennte ich mit viel Mühe die zwei Verliebten, sehr zum Entsetzen von Herrn Professor Leyhausen, dem ich das später erzählte. "Das ist Tierquälerei." sagte er. - "Aha!"

Übrigens verstanden wir jetzt, warum das mit Sothis nicht geklappt hatte, als er versucht hatte, Candy zu decken. Dies ist kein Biologiebuch und ich bin altmodisch, aber der Vollständigkeit halber muß ich es doch erwähnen. Ich will es so ausdrücken: Sothis hatte eben nicht den richtigen Schlüssel zu Candys Herzen.

Für uns war jetzt eine lange Zeit des Wartens angebrochen. Die Abessinier werfen ihre Jungen nach genau 65 Tagen. Bei anderen Katzen, z.B. Siamesen habe ich auch etwas längere Tragezeiten wahrgenommen, aber nie länger als höchstens 68 Tage.

Daß Candy schwanger war, das konnte man sehen. Nach einer Weile wurde ihr Bäuchlein runder. Sie wurde viel anhänglicher als sonst, schien fast zu uns zu sagen: "Wartet ab, es geschieht etwas sehr Schönes." Auf den Rücken rollte sie sich, um uns ihre schon geschwollenen Zitzen sehen zu lassen. Es schien, als ob sie uns auf die zu erwartenden Ereignisse vorbereiten wollte. Gegen Milagro allerdings hatte sie eine herzliche Abneigung. Er durfte nicht einmal in ihre Nähe kommen, sie schrie und fauchte ihn an und er reagierte dementsprechend. Sie hatte ihn nicht mehr nötig. Mit den anderen Katzen vertrug sie sich wie immer. Vielleicht zog Candy sich ein wenig mehr zurück, aber sie stritt sich mit niemanden.

Wir hatten eine "Höhle" für Candy gemacht. Die bestand aus einem dieser Mottenschränke aus Sperrholz, wie man sie meist auf dem Speicher stehen hat. Er war etwa 1,70 m hoch. Zwei Schiebetüren, jede über die Hälfte der Höhe reichend, konnte man hoch oder herunter schieben. Den Schrank legten wir auf die Seite. Die eine Schiebetür wurde durch eine Tür aus Maschendraht ersetzt, aber doch noch so, daß man sie noch hin und her schieben konnte. Die linke, dunkle Seite hinter der festgesetzten Tür war die Höhle, die andere Seite der Eingang. Weiche Tücher kamen hinein, es war ein schönes, warmes Nest. Ich rief Candy und zeigte es ihr. Sie ging hinein, schaute sich das an: "Was soll das Ganze?". Gelassen schlenderte sie wieder heraus.

Der 65. Tag war angebrochen. Wir waren so nervös, als ob wir selbst ein Baby erwarten würden, nein, viel mehr. Candy spazierte durch das Haus und sah sich überall um. Sie probierte Schränke aus, kletterte hinauf, aber da war es wohl nicht so, wie sie erwartet hatte. Dann sprang sie, trotz ihres dicken Bäuchleins, elegant wieder herunter.
Im Übrigen blieb sie ruhig, im Gegensatz zu uns. Der 66. Tag verging und es vergingen noch weitere zehn Tage und es passierte nichts. Ich rief in Wuppertal an, ich rief auch den Tierarzt an. Antwort in beiden Fällen: "Kein Grund zur Sorge, man weiß doch gar nicht, wie lange die Tragzeit von Oncillas ist."

Am 76. Tage nach der "Hochzeit" von Candy und Milagro ging Candy in unser Badezimmer. Sie war unruhig, wollte nicht, daß ich in ihre Nähe käme. Sie verkroch sich im Wäschekorb unter der Wäsche. Ich brachte ihr ein Körbchen, stellte es hin und ging schnell wieder hinaus. Sie wollte allein sein, das zeigte sie auf jede Weise. Die Tür ließ ich einen Spalt offen. Einmal glaubte ich ein leises Schlecken zu hören, einmal klang es, als ob etwas leise quäkte. Ich beherrschte mich. Erst gegen Abend ging ich vorsichtig hinein, eine halbe Taube als Friedenspfand trug ich vor mir her.

Da lag Candy in dem Körbchen und zwischen ihren Pfoten ein winzig kleines, geflecktes Oncillababy, das man erst gar nicht sah. Es bewegte sich ein wenig, das kleine Köpfchen hob sich, aber es trank nicht. Ich legte die Taube vor Candy hin und ging leise hinaus, nahm schnell ein paar notwendige Sachen aus dem Badezimmer mit.

"Keiner darf heute noch ins Badezimmer, wascht euch bei Euren Waschbecken!"

Am nächsten Morgen ging ich wieder zu Candy. Sie lag ganz ruhig im Körbchen, die Taube hatte sie nicht angerührt. Das Kleine lag noch immer zwischen ihren Pfoten, es sah etwas apathisch aus und hob jetzt nicht einmal das Köpfchen. Um Candy nicht zu beunruhigen, ging ich nicht näher heran, aber man sah auch so, daß sie das Kitten jetzt schön sauber geleckt hatte. Es sah so hübsch aus mit seinem gelben Seidenfellchen und den schwarzen Flecken.

Ich rief wieder einmal in Wuppertal an: "Ich mache mir Sorgen, das Kitten trinkt nicht, kann ich etwas tun?"

"Nein, nur und vor allem Mutter und Kind in Ruhe lassen."

Aber am dritten Morgen lag das Kleine nur noch ganz winzig und still neben Candy und am Nachmittag verließ Candy das Körbchen und ging nach unten. Ich ging zum Körbchen und sah nach dem Kitten. Es war tot. Jetzt konnte ich es in die Hand nehmen, es war so reizend und zart.

Weinend rief ich in Wuppertal an: "Das Oncillakitten ist tot, es war so süß!"

Professor Leyhausen blieb ruhig. "Das ist weiter nicht schlimm", sagte er, "in der Natur kommt es öfter vor, daß das erste Junge nicht lebensfähig ist. Das ist so eine Art Generalprobe."

Natur und Gefühle passen leider nicht immer gut zusammen.

Das erste, in menschlicher Gefangenschaft geborene Oncillababy haben wir sehr unwissenschaftlich im Garten begraben. Candy suchte schnell wieder die Gesellschaft ihrer alten Freundinnen, Cleo und Dalila. Zwei Wochen später wurde sie wieder rollig.