Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 19 - Victor und Victoria

Mit dem Haus an der Jacob Marislaan hatten wir wirklich Glück gehabt. Es war das ideale Haus, wenn man eins suchte, das zum Urwald umgezaubert werden sollte, wenn es dafür auch keineswegs gebaut war. Wir hatten in den ersten drei Jahren die zwei Obergeschosse bewohnt und uns schon sehr wohl gefühlt. Als das Haus dann verkauft werden sollte, ließen wir uns das nicht entgehen. Wir kauften es und kurze Zeit danach zogen die Bewohner des Untergeschosses aus, - wir hatten viel Platz.

Auch mit den Nachbarn hatten wir Glück. Links von uns wohnten Leute, die zwar selbst keine Tiere hatten, aber den unseren gegenüber tolerant waren. An der anderen Seite, nur durch den seitlichen Garten getrennt, wohnten wahre Tierfreunde mit einem Hund und einem ganz besonderen Hobby: die Zucht von wunderschönen Zwerghühnern, Fasanen und ähnlichem Geflügel. Dort war der Garten zur Voliere umgebaut und wer denkt, daß Vogelliebhaber und Katzenfreunde sich nicht vertragen, den muß ich eines Besseren belehren. Die Nachbarschaft blieb bis zum Schluss ungetrübt und einmal pflückte mir der Herr van Y. sogar eine meiner Abessinierkatzen, die ausgerissen war und fasziniert von so vielen Leckerbissen oben auf einem der Volierendächer saß, vom Dach herunter und übergab sie mir mit den Worten: "Sie ist zwar wunderschön, aber ich traue ihr nicht ganz. Also bringe ich sie doch lieber zurück.“

Nachdem nun langsam unsere Katzen immer mehr Territoriumsansprüche stellten, wurde automatisch auch unser Wunsch zur ehrlichen Teilung der Bodenrechte wach. Im Parterre wurde endgültig die Tür zwischen dem Vorzimmer und dem früheren Esszimmer geschlossen.
Das hintere Zimmer wurde umbenannt in Katzenzimmer. Der daran grenzende Wintergarten hatte den Katzen schon lange gehört. In der ersten Etage waren zwei große und ein kleines Zimmer und das auch recht große Badezimmer. Im kleinen Zimmer, in dem schon Buena ihre ersten Tage erlebt hatte, wohnte jetzt der Kinkajou. Die beiden großen Zimmer waren unser Schlafzimmer und das Zimmer unserer Tochter gewesen. Auch diese Zimmer wurden Katzenzimmer, was bedeutete, daß Wände und Fußböden, so gut wie möglich, kratz- und wasserbeständig gemacht wurden und vor den Fenstern, die man schließlich öffnen können mußte, wurden Vorsätze aus Maschendraht angebracht, damit die Fenster geöffnet werden konnten, ohne daß die eine oder andere Katze herausstürzen konnte.

Oben in der zweiten Etage gab es noch zwei Zimmer, ein kleines und ein großes. Das große hatte unserem Sohn gehört, das kleine hatte als Gästezimmer gedient. Jetzt zogen wir mit unserem Schlafzimmer nach oben. Vor der Treppe zur zweiten Etage wurde eine Extratür angebracht. Wie gesagt, auch wir hatten das Bedürfnis am eigenen Territorium. Nur Jantje durfte am Abend mit hinauf. Er gewöhnte sich schnell an das neue Privilegium. Sein Katzenklo konnte auf dem Speicher stehen, falls er es einmal gebrauchen müsste, aber er war sehr umweltbewusst. Er wartete fast immer, bis er am Morgen nach draußen gelassen wurde.

Wenn Besucher kamen, wurden sie in das immer noch ziemlich makellose Wohnzimmer geführt. Die "Katzenleute" (wie Hermien sie immer nannte) sagten dann mit kritischer Miene: "Bei uns dürfen die Katzen ins Wohnzimmer, sie leben mit uns", und die Nichtkatzenliebhaber sagten: "Schade um das schöne Haus, alles für die Katzen."

Hermien dagegen war begeistert: "Das habt Ihr prima gemacht, so hat jeder, was er braucht. Mach dir nichts d‘raus, was die Leute sagen. Leute gibt es so viele, Margays und Oncillas nur wenig. Was findest du wichtiger?"

Das untere Katzenzimmer wurde nun erst einmal als Wochenstube für Candy umgebaut. Dieses Mal wollte ich kein einziges Risiko eingehen. Es wurde ein Klappbett herein gestellt, damit ich auch in der Nacht bei Candy sein könnte, wenn das große Ereignis sich anmeldete.
Die aus dem ehemaligen Mottenschrank geschaffene "Höhle" wurde neu gepolstert. Ein schönes Körbchen wurde hinein gesetzt, das "höhlenartig" geformt war. Mehr konnten wir jetzt nicht tun.

Am 7. September wurde Candy auf einmal ganz unruhig, sie lief hin und her, machte dauernd Runden durch das Zimmer. Dabei hatte sie in den letzten Tagen fast nur geschlafen. Es war elf Uhr in der Nacht, ich konnte nichts für sie tun, wollte nur in ihrer Nähe sein. Auf einmal ging sie zur Tür des Wintergartens, in dem Buena mit ein paar anderen Katzen war, und machte ein ganz komisches Geräusch. Es klang fast wie das Bellen eines kleinen Hundes. Ich hatte so einen Laut noch nie von ihr gehört. Ich hatte den Eindruck, daß sie Buena warnen wollte, jetzt nur nicht in ihre Nähe zu kommen. Nach einer Weile wurde Candy ruhiger und irgendwann muss ich auch eingeschlafen sein.

Gegen Morgengrauen des nächsten Tages wurde ich durch einen Laut geweckt, der wie ein Quäken klang, ziemlich laut, jedenfalls viel lauter als das Piepen eines neugeborenen Abessinierbabys. Dann hörte ich Candy lecken und etwas zerbeißen. Das Quäken dauerte wohl eine halbe Stunde lang an. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Candy hatte in keiner Weise den Eindruck gemacht, daß sie mich nötig hätte. Aber einschlafen konnte ich nicht mehr, dazu war ich zu aufgeregt.

Es muss wohl etwa eine halbe Stunde später gewesen sein, da zerbiss Candy wieder etwas und schleckte danach etwas auf. Aber diesmal quäkte nichts. Vielleicht war es ein totgeborenes Kitten und Candy fraß es auf? So etwas sollte vorkommen, hatte ich gehört. Ich konnte nichts tun, nur mich ganz still verhalten. Sogar den Atem hielt ich an, mein Herz klopfte so laut, daß ich dachte, es könnte Candy stören.

Wieder verging eine Weile, da hörte ich auf einmal wieder dieses Quäken, diesmal zweistimmig, eine kräftige Stimme und eine, die etwas höher und etwas kläglich darüber lag. Ich konnte und durfte noch immer nichts unternehmen. Ich hielt die Spannung nicht mehr aus. Auf Zehenspitzen schlich ich mich aus dem Zimmer, ging ins Badezimmer, um zu duschen und mich anzuziehen, und machte mich zu früher Stunde an die Arbeit.

Im Laufe des Tages ging ich ein paar Mal auf Zehenspitzen in das Zimmer, wo Candy war. Es war still in der Höhle, auch Candy rührte sich nicht. Man hätte denken können, daß nichts und niemand im Zimmer wäre. Erst am Abend traute ich mich näher an die Höhle heran. Eine halbe Taube brachte ich als Friedenspfand und Abendmahlzeit. Ich legte die Taube hin und sah, daß Candy das Köpfchen hob. Sie zeigte nicht, daß sie die Taube überhaupt gesehen hatte. Aber als ich eine halbe Stunde später zurückkam, saß Candy vor ihrer Höhle und kaute an der Taube. Ich hatte eine Taschenlampe mitgebracht, mit der leuchtete ich kurz in das Körbchen und sah zwei winzig kleine Köpfchen, die gleich anfingen zu fauchen, als der Lichtstrahl auf sie fiel oder vielleicht auch, weil sie mich hörten. So begrüßten mich Victor und Victoria, unser Oncillanachwuchs.

Es waren, so war mir von allen Seiten versichert, soweit man wußte, die ersten unter menschlicher Obhut geborenen Oncillas! Vielleicht war es so. Von den Jaguarundis, den Margays und den Ozelots wird gesagt, daß die Indianer sie früher auch ab und zu gefangen hielten und zähmten. Es gibt keine Berichte dieser Art über Oncillas.

Ich muss auf die nun folgende Zeit etwas ausführlicher eingehen, denn sie ist das Interessanteste, was dieses Buch zu bieten hat.

Schon am nächsten Tag saß Candy, als ich ins Zimmer kam, oben auf dem Schränkchen, annex "die Höhle". Sie ließ ihre Kinder also so schnell schon allein. Zu Anfang erschrak ich, weil ich dachte, daß die Kleinen vielleicht tot wären. Abessiniermütter rühren sich nämlich in den ersten Tagen nach der Geburt ihrer Jungen nicht vom Fleck. Das geht so weit, daß ich oft das Futter so nah herantragen mußte, daß sie es im Körbchen gleich verzehren konnten.

Candy war von Haus aus eine wilde Katze, die Abessinier sind Rasse -, bzw. Hauskatzen, die seit Generationen von Menschen gezüchtet und zwischen Menschen aufgewachsen sind. Über die Diskrepanz im Nestverhalten dieser beiden Katzenarten haben wir viel nachgedacht. Die einfachste Antwort ist wohl diese: die Abessinier rechnen darauf, daß sie von den Menschen gefüttert werden, die Oncillas nicht. Eine andere Antwort wäre: die Abessinier sind wachsamer, was ihre Jungen betrifft, als die Oncillas.
Eine völlig unsinnige Annahme, denn die Abessinierjungen konnten wir ruhig in die Hand nehmen, die jungen Oncillas keineswegs. Außerdem ist Nestverhalten etwas sehr tief verwurzeltes, nicht etwas das der einzelnen Situation angepasst wird. Schließlich mussten wir auch die Möglichkeit erwägen, daß wir uns geirrt haben, wenn wir dachten, daß Oncillas ihre Jungen am Boden, versteckt unter Sträuchern bekommen, sondern, wie die Margays, im Geäst der Bäume. Das würde erklären, warum Candy eine Art Aufsichtswache hielt, sichtbar ohne zu befürchten, daß ihre Kinder in Gefahr sein könnten.

Ich hatte drei Katzentoiletten aufgestellt, eine nah bei der Höhle, die anderen in den Ecken des Zimmers. Es stellte sich heraus, daß Candy diejenige benutzte, die am weitesten vom Nest entfernt war. Sie wollte also ihre Spuren so weit wie möglich vom Nest entfernt zurücklassen, dafür riskierte sie es, länger vom Nest entfernt zu sein.

Ich bewachte das Kinderzimmer wie ein Zerberus. Außer meinem Mann durfte niemand hinein. Die Katzen wurden sorgfältig vom Eingang des Zimmers ferngehalten. Ich hatte keine Ahnung was passieren würde, wenn eine, wenn auch noch so kleine Wildkatze meinte, ihre Jungen verteidigen zu müssen. Natürlich hatte ich nicht mit dem Erfindungsreichtum der Abessinier gerechnet. Emeralda, Assuntas Tochter, war grade eine Woche vor der Geburt von Candys Babys Mutter eines winzigen Abessinierbabys geworden, das wir Nina getauft hatten. Ob das Rufen der kleinen Oncillas Emeraldas Mutterinstinkt geweckt hatte oder ob es reine Neugier war, weiß ich nicht. Jedenfalls war, zu meinem Schrecken, ehe ich es überhaupt merkte, Emeralda mit mir in Candys Kinderzimmer gelaufen.

Emeralda war sehr gut mit Candy befreundet. Die beiden schliefen oft zusammen in einem Körbchen und spielten miteinander. Candy spielte nur mit von ihr Auserkorenen und das waren ausschließlich Abessinier. Trotzdem fand ich die Situation gar nicht geheuer, wollte aber nicht eingreifen, ehe überhaupt irgend etwas geschah. (Im Ernstfall erst einmal ruhig bleiben!!!)
Emeralda ging zum "Höhlenschrank", schnüffelte daran und sprang dann oben auf den Schrank. Dort saß sie und blickte von oben herab auf Candy und die Oncillajungen. Candy tat als ob sie gar nichts bemerkte und blieb ruhig bei ihren Kindern. Ich war beruhigt und ging hinaus, um noch etwas zu holen. Da schlüpfte auch noch Romy, eine unserer Hauskatzen, ins Zimmer, einfach zwischen meinen Füßen durch. "Geht eins gut, dann geht auch das andere gut, Candy hat sich noch nie mit Romy gestritten", dachte ich, aber ich hatte es noch nicht zu Ende gedacht, da stürzte sich, nein, nicht Candy, sondern Emeralda auf Romy und attackierte sie furchtbar.

Das war das Signal für Candy, die nun auch in Aktion kam und ebenfalls auf die arme Romy zustürzte. Wenn ich Romy nicht schnell gefangen und aus dem Zimmer gebracht hätte, dann weiß ich nicht, was aus ihr geworden wäre. Romy hat nie wieder versucht, in das Zimmer zu gehen, solange die Oncillakitten klein waren und die Tür geschlossen. Das Ganze lieferte genug Gesprächsstoff mit meinem Mann, als er nach Hause kam, und auch ein paar Tage später mit Hermien.

Dass Candy Emeralda in der Nähe ihrer Jungen duldete und die anderen Katzen nicht, das konnte eine Folge der Freundschaft sein, dachten wir. Aber warum fühlte Emeralda sich verpflichtet, Candys Nachkommen zu verteidigen? Warum entschloss Candy sich erst zur Verteidigung ihrer Jungen, nachdem Emeralda das Startzeichen gegeben hatte? Warum verteidigte Emeralda Candys Kitten gegenüber den anderen Katzen, während sie ihr eigenes Baby im anderen Zimmer inmitten von anderen Katzen zurück gelassen hatte? Warum überhaupt formierten sich immer öfter die Wildkatzen und die Abessinier einerseits und die übrigen Katzen andererseits zu zwei Gruppen, die sich zwar nicht stritten, aber doch eine deutliche Zusammengehörigkeit mit der eigenen Gruppe zu haben schienen? Eine Erklärung dafür habe ich nie gefunden. Selbst Hermien wußte auf alle diese Fragen keine Antwort.

Emeralda besuchte Candy nun oft, aber sie brachte ihr eigenes Kitten, die kleine Nina, zu Anfang nicht mit. Später hat sich noch einmal dieselbe Situation mit fast demselben Ablauf abgespielt, als die Hauskatze Pücky unerwartet in "Candys Zimmer" schlüpfte. Wieder wurde sie erst von Emeralda attackiert, dann von Candy.

Genau eine Woche waren Victor und Victoria alt, als Candy ihre beiden Babys schlafend zurückließ und aus dem Zimmer ging. Das gab mir Gelegenheit, die Kitten endlich einmal in die Hand zu nehmen. Es ist wichtig, junge Katzen (übrigens auch Hunde) schon früh zu berühren und aufzunehmen, wenn man will, daß sie später zahm und zutraulich sein werden. Sie gewöhnen sich dann an den Duft der Menschen und erfahren ihn so später nicht als etwas Bedrohliches, Fremdes.

Als ich die Winzlinge in der Hand hatte, sah ich, wie schön goldfarben das Fell war mit schon richtigen kleinen Pantherflecken. Es waren allerdings noch dichte Flecken, nicht offenen Ringe wie bei Candy. Ich wußte, daß die Flecken sich erst später "öffnen" würden. Ich legte die Jungen auf die Waage und siehe da, sie hatten ein gutes Gewicht: Victor wog ganze 250 Gramm und Victoria immerhin 195 Gramm. Keine junge Mutter hätte stolzer sein können als ich. Ich zog das Körbchen etwas aus dem Schrank, um die ersten Fotos von den Beiden zu machen. Die Fotos sind, wie man sehen kann, ganz gut gelungen, wenn man bedenkt, wie klein die zu fotografierenden Objekte waren und die Fotoapparate noch nicht die Perfektion der heutigen hatten.

Während ich die Fotos machte, sah ich, daß das Flanelltuch, das in dem Körbchen lag, sehr schmutzig war. Es lag da schließlich seit der Geburt der Jungtiere. Ich nahm ein neues, holte das alte aus dem Korb und legte meine Schätze schön säuberlich auf das frische Tuch. Dann setzte ich das Körbchen zurück. Candy würde sich freuen, daß ich so gut für sie sorgte, dachte ich. Die Abessinier liebten es schließlich auch immer, wenn sie gleich nach der Geburt der Jungen saubere Tücher bekamen. Sie räkelten sich dann wohlig auf dem weichen, warmen Stoff.

Ich hatte mich gründlich geirrt. Nach einer Weile kam Candy zurück ins Zimmer und dann war gleich die Hölle los. Sie ging auf das Körbchen zu, schnüffelte, fauchte, holte eins der Kitten aus dem Korb, warf es richtig heraus, griff das andere, das verzweifelt schrie. Das erste versuchte zu flüchten. Candy biß es so fest, daß ich sie anschrie: "Candy, laß los! Las los, Candy!" So böse hatte ich noch nie mit ihr gesprochen. Sie erschrak, ließ das Kitten fallen, aber sie packte es gleich wieder zurück.
Ich hätte das Kleine "retten" wollen, aber ich wußte, daß ich damit alles noch schlimmer machen würde. Candy schleppte ausgerechnet das zartere Kitten, Victoria, im Zimmer herum, immer rund herum, an den Wänden entlang, wohl eine Viertelstunde. Auf meine beruhigenden Worte reagierte sie überhaupt nicht. Ich existierte einfach nicht für sie.

In meiner Verzweiflung rief ich in Wuppertal an, bei Herrn Professor Leyhausen. "Schnell das alte Tuch zurückholen, es wieder in den Korb legen und Candy völlig in Ruhe lassen!" riet er mir. Das Tuch lag in der Mülltonne aber es mußte wieder her. Ich legte es einfach über das saubere Tuch und ging schnell aus dem Zimmer.

Erst am Abend traute ich mich wieder hinein. Ich ging zur Höhle, sah hinein - sie war leer!

Im Zimmer stand ein halbhoher Schrank. Er hatte etwa die Höhe einer Kommode, aber er hatte nur oben eine Schublade, darunter zwei Fächer. Im oberen Fach bewahrte ich die Flanelltücher, von denen ich eins für das Körbchen genommen hatte. Unten lagen in zwei Stapeln einige Pullover, die gerade nicht gebraucht wurden. In der Eile hatte ich die Tür des Schränkchens offen gelassen. Ich sah hinein und bemerkte, daß sich im oberen Fach etwas bewegte. Candy war umgezogen, mit beiden Kindern lag sie nun auf den (sauberen, - wer sagt's denn?) Flanelltüchern. Sie hatte nach der "Zerstörung" ihres alten Hauses ein neues gesucht. Als ich sah, daß beide Kitten sich bewegten, war ich sehr erleichtert.

Erst später begriff ich, was sich da eigentlich aus der Sicht von Candy zugetragen hatte. Sie hatte ihre Kinder in einer Höhle bekommen, die sie selbst gewählt hatte und die ihr Sicherheit bot. Als sie auf "Beutesuche" war, hatte man ihr das Haus im wahrsten Sinne des Wortes "entfremdet", denn ein Haus das den vertrauten Duft nicht mehr hat, ist fremd geworden. Die Kinder mussten dringend lernen, sich nicht mit "Fremden" abzugeben. Darum mussten sie gestraft werden. Das Herumtragen als Strafe habe ich später noch öfter bei Candy gesehen. Es ist genau dasselbe wie früher die Leibstrafe mit der Rute bei der menschlichen Erziehung. Denn wenn ein Kitten nicht im Wohnzimmer, sondern im Strauchgewächs des Urwalds herumgetragen würde, dann würde es tatsächlich von den Sträuchern seine Hiebe bekommen.

Auch daß Candy jetzt das Haus wechselte, hatte seinen Grund. Schließlich hatte "der Feind" ja ihr altes Haus entdeckt und könnte es wieder überfallen. Da mußte man schnell ein neues Versteck suchen.

So zeigte Candy uns alles, was man wissen muss, wenn man ein Vertrauensverhältnis zu einem wilden Tier aufbauen und erhalten will. Man kann mit viel Geduld und Liebe erreichen, daß es einem vertraut, aber man kann das Erbgut des Tieres damit nicht verändern. Und das diktiert ihm, daß man so und nicht anders verfahren muss, wenn man seine Kinder vor den Gefahren der Welt beschützen will. Das Gefühl des Schutzes von Seiten der Menschen oder gar ein Gefühl des Schutzes von Seiten unserer Zivilisation (oder dem, was wir so gern als Zivilisation sehen wollen) ist mit gutem Grund nicht einprogrammiert.

Der Homo sapiens hat noch eine Menge zu lernen.