Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 20 - Kinderstube

In jeder Familie gibt es von Zeit zu Zeit Probleme. Das Problem der Verteidigung der Privatsphäre, die für eine junge Oncillamutter eine absolute Notwendigkeit ist, war jetzt zweimal in erster Instanz von Emeralda gelöst; denn als Romy und kurz danach Pückie ins Heiligste der Heiligen einbrachen, war Emeralda jedesmal zur Stelle. So viele Rätsel uns die letzten Ereignisse auch aufgeben sollten, es war deutlich, sie gehörte in Candys Augen und auch aus ihrer eigenen Sicht zur Candy-Familie.

Es war mir aufgefallen, daß Candy sich jedes Mal, wenn sich Emeralda selbst zur Verteidigerin ernannt hatte, bei Emeralda "bedankte". Das geschah auch jetzt wieder mit der Gebärde, die ich bereits beschrieb: Candy rieb ihr Köpfchen an Emeraldas Fell und gab auf diese Weise etwas von ihrem Duft an ihre Freundin. "Du bist ein Teil von mir, bist erkennbar am Familienduft, du gehörst zur Familie."

Eine andere Frage kam auf: wäre Candy Eindringlingen gegenüber toleranter gewesen, wenn sie zum kritischen Zeitpunkt allein gewesen wäre? Schließlich hatte jedes Mal Emeralda den Anstoß zur Rauferei gegeben. Diese Frage wurde schon bald beantwortet. Schon tagelang hatte Milagro vor Candys Zimmer hin und her gependelt, an der Türschwelle geschnüffelt und probiert, ob er die Tür nicht öffnen könnte. Das ging natürlich nicht und ich war sehr vorsichtig gewesen, wenn ich ins Kinderzimmer ging.

Die Berichte über die väterlichen Gefühle der Feliden sind sehr unterschiedlich. Die meisten Wildkatzenmütter ziehen ihre Jungen allein groß. Bei manchen Tierarten müssen die Mütter ihre Jungen sogar ausgesprochen vor dem Vater oder auch vor andern Männchen beschützen, um zu verhüten, daß die Kleinen getötet werden.

Ein Muttertier, das seine Jungen verloren hat, ist meist schon bald wieder bereit, sich decken zu lassen. Das sieht man im Allgemeinen als den Grund für das aggressive Verhalten der männlichen Tiere an. Früher dachte man, daß manche Löwenweibchen sich erstaunlich bald schon wieder von den männlichen Tieren decken ließen, auch wenn sie Junge haben. Aber in Vitus Dröschers "Spielregeln der Macht im Tierreich" las ich, daß die Löwenmütter dabei sehr wohldurchdacht handeln. Sie verstecken nämlich ihre Jungen erst schnell vor den sie bedrohenden Männchen und versuchen diese dann von der Verfolgung abzuleiten, indem sie ihnen ihren größten Wunsch erfüllen: sie lassen sich decken. Das tun sie sogar auch dann, wenn sie nicht "heiß", also nicht empfängnisbereit sind. Wahrscheinlich ist das sogar ein im rein physischen Sinn schmerzhaftes Opfer, das sie für ihre Jungen bringen, aber es funktioniert. Der so hinters Licht geführte Löwe wird meist weiter ziehen. Er profitiert also von der Mutterliebe der Löwin.

Bei den meisten Säugetieren - nicht bei allen, wie wir gesehen haben- muss das männliche Tier die Tatsache akzeptieren, daß das Weibchen sich nur dann decken lässt, wenn die Deckung einen Sinn hat, nämlich den, daß sie zur Geburt von Nachkommen führt, die die Art erhalten und das Erbgut des Stärkeren weiter geben. Denn nur der Stärkste wird ein Weibchen erobern können. Ich halte es für möglich, daß diese sinnvolle Einrichtung der Natur darum möglich ist, weil die meisten weiblichen Säugetiere so stark sind, daß sie im Stande sind, ihre Jungen allein zu ernähren und sich unerwünschte Feinde vom Leibe zu halten.

Weibchen in der Tierwelt brauchen sich auch nicht viel Mühe zu geben, um ihre Verehrer zu verführen. Weder Lippenstift noch Mascara, keine neue Frisur, nicht einmal ein verführerisches Lächeln ist nötig. Es sind fast ausnahmslos die Männchen, die sich in Positur setzen. Milagro war ein typisches Vorbild für männliche Selbstdarstellung. Candy blieb immer unbewogen.

"Wenn das kein schönes Vorbild für Emanzipation ist, was ist es dann?" fragte Hermien, als wir das besprachen.

Was eine zukünftige Begegnung von Milagro mit seinen Nachkommen betraf, so wollte ich vorläufig lieber nichts riskieren. Trotzdem geschah wieder einmal das Ungewollte und Unerwartete. Wenn man mit einem Teller voll Fleisch durch eine Tür will, kann es eben doch versehentlich geschehen, daß eine Katze, die erst irgendwo weit weg saß, plötzlich einen Anlauf nimmt und einem zwischen den Füßen hindurch ins Zimmer flitzt. Diesmal war es Milagro, dem der Coup gelang. In einem Anfall von Urvertrauen dachte ich: "Es wird schon gut gehen. Schließlich ist Milagro der Familienvater. Er hat das Recht, seine Kinder zu sehen."

Das war zum soundsovielten Mal wieder ein so richtig dummer Menschengedanke. Ganz ohne Emeraldas Vorbild wurde unsere sanftmütige Candy von einer Sekunde zur anderen zur Furie. Ich konnte mich nicht so schnell um meine eigene Achse drehen, wie Candy Milagro im Zimmer herum jagte. Ein zu Tode erschrockener Milagro voraus, eine fauchende, vor Wut schnaubende, knurrende Candy hinterher.

Man stelle sich bitte vor: zwei Katzen, die sich unter normalen Umständen nur selten anfassen lassen, spielen im Zimmer römische Arena! Milagro brauchte Hilfe, die ich ihm nicht geben konnte. In einem Reflex öffnete ich die Tür zum Flur und bei der nächsten Fluchtrunde konnte Milagro zum Glück den Dreh nach draußen kriegen. Candy lief noch ein paar Schritte hinter ihm her, aber dann drehte sie sich um und ging, den gesträubten Schwanz heftig schwingend, zu ihren Kindern zurück. Der Feind war verjagt. Jetzt erwartete ich eigentlich auch ein "Köpfchen" zum Dank, aber Candy würdigte mich keines Blickes. Ich hatte schließlich Milagro nicht nur hinaus, sondern auch erst hinein gelassen.

Väter waren also im Kinderzimmer der Oncillas nicht erwünscht. Ob Milagro wirklich eine Gefahr für seine eigenen Nachkommen gewesen wäre, das haben wir glücklicherweise nie in Erfahrung gebracht.

Candy hatte mit der Erziehung ihrer Nachkommen "alle Hände voll" zu tun. Wie man weiß, werden junge Katzenkinder mit geschlossenen Augen geboren. Erst um den zehnten Tag herum gehen die Augen auf. Die Iris ist dann noch blau. Der Zustand wird „Milchstar“ genannt, weil die blaue Farbe verschwindet, sobald die Jungtiere andere Nahrung als Muttermilch zu sich nehmen. Langsam verändert sich das Blau in die bleibende Farbe, gelb, grün, manchmal auch kupferfarbig oder "echtes" blau bei Siamesen.

Die Augen der kleinen Oncillas öffneten sich erst nach zwei Wochen und dann dauerte es noch ganze drei Tage bis sie völlig offen waren. Blau, wie die Augen der jungen Hauskätzchen waren sie nicht, eher dunkelviolett, sowie Buenas Augen gewesen waren, als sie zu uns kam.

Dass die Kleinen auch in der "Milchstar"-Periode ausgezeichnet sehen konnten, stellte sich schnell heraus. Zuerst hatten sie nur gefaucht, wenn sie mich hörten oder wenn ich sie anfasste. Jetzt fauchten sie schon, wenn sie mich nur sahen. "Die sind wenigstens noch echt!" würde Hermien dazu gesagt haben, wenn sie das gesehen hätte, aber ich traute mich noch nicht, sie ins Kinderzimmer zu lassen. Candy fühlte sich noch viel zu schnell bedroht.

Die jungen Oncillas waren fest entschlossen, die Welt jetzt und keine Minute später zu erobern. Sie wurden immer beweglicher und ab und zu fiel einmal eins aus dem Schrank. Dann trug Candy es sofort zurück. Als Victor zum dritten Mal aus dem Schrank fiel, bekam er "Strafe". Candy hielt ihn im Nackenfall fest und trug ihn immer rundherum durchs Zimmer. Ich habe auf die Uhr gesehen, es waren ganze acht Minuten. Danach brachte sie ihn wieder in den Schrank zurück und er blieb völlig ruhig und brav liegen.

Am nächsten Tag kam ich ins Zimmer und sah, daß im Laufe der Nacht einige der Pullover, die noch unten in dem Schränkchen aufbewahrt wurden, aus dem Fach gezogen waren und vor dem Schrank auf der Erde lagen. Ich hatte zu viel zu tun, um grade jetzt die Pullover weg zu räumen, also legte ich sie zurück in den Schrank und ging fort. Es gab immer Arbeit und Gloria mußte obendrein noch regelmäßig ihr Fläschchen haben. So vergaß ich das Ganze.

Einen Tag später lagen wieder ein paar Pullover auf dem Fußboden . Ich nahm sie auf und brachte sie in den Wäschekorb. Erst als am dritten Tag die restlichen Pullover vor dem Schrank lagen und gerade, als ich ins Zimmer kam, eins der Jungtiere aus dem Schrank fiel, wußte ich wie schlau Candy gewesen war und wie dumm ich war. Das Kleine war schön sanft auf die Pullover gefallen. Candy hatte haargenau die Zone mit den Pullovern gepolstert, in die die Kinder fallen konnten. Sie hatte das erste, beste genommen, was sie dafür zu fassen bekam. Natürlich ließ ich die Pullover jetzt liegen. Was sind schon ein paar Pullover im Vergleich zu zwei Oncilla-Babys?

Am Tag danach hatte Candy ihre Kinder umquartiert. Die ganze Familie wohnte jetzt auf den Pullovern. Dort blieben sie vorläufig und von dort aus machten die Kleinen ihre ersten Ausflüge in die "Umgebung". Nur einmal, als unsere Heizung uns eines Tages im Stich ließ, verließ sie das Pulloverhaus. Wir hatten, schon der Wildkatzen wegen, immer eine ziemlich hohe Temperatur in der Wohnung. Jetzt wurde es schnell kühler. Wieder zeigte Candy, wie resolut sie neue Situationen zu meistern wußte. Sie nahm schnell entschlossen ihre Kinder und zog mit ihnen zurück in den Schrank. Als nach ungefähr zwei Stunden der Schaden an der Heizung behoben war und es langsam wieder wärmer wurde, kam sie mit den beiden wieder zum Vorschein und installierte sich aufs Neue auf den Pullovern. Das war eine Vorsichtsmaßnahme von Candy, wie man sie oft in der Natur wahrnimmt. Sie wird einfach so selbstverständlich erwähnt: "Sie bringen ihre Nachkommen in Sicherheit". Der Prozeß der Erwägungen, Einschätzungen, der daran voraus geht, wird selten ausführlich in Betracht gezogen.

Wenn man bedenkt, daß Candy bei uns keine Ernährungssorgen kannte, nicht zu jagen brauchte oder sogar wie viele Tiere in der Natur sich ganze Tage ohne Nahrung durchschlagen mußte, daß es keine ernst zu nehmende Feinde gab, gegen die sie ihre Jungen verteidigen mußte, und daß sie trotzdem genug mit der Erziehung ihrer Kinder zu tun hatte, dann erst versteht man, welch eine großartige Leistung wilde Tiere vollbringen müssen, die ihre Nachkommen in der Wildnis aufziehen. Sie müssen meist stundenlang auf Beutefang, wenn sie überleben wollen. Geparden zum Beispiel sind höchstens in einem von fünf Fällen erfolgreich mit ihrer anstrengenden Jagd nach wenigstens dem einen Beutetier, das das Minimum ist, wenn sie nicht verhungern wollen. Das weiß man aus rezenten Beobachtungen. Natürlich gibt es über Oncillas keine dementsprechenden Wahrnehmungen. Niemand hat sich je die Mühe genommen, sie in freier Wildbahn zu beobachten oder zu filmen, wie das mit so vielen anderen, auch sehr kleinen Wildtieren geschehen ist.
Kaum eine Minute ließ Candy ihre Kinder aus den Augen. Die Kleinen wurden immer zutraulicher und kamen angelaufen, wenn ich ins Zimmer kam. Dann war ein kurzer, heller Ausruf von Candy genug, um sie direkt wieder zurückzurufen. Oder wenn sie wollte, daß die Kinder endlich vom Fleisch mitessen sollten, gab sie auch wieder ein kurzes "ürrr" von sich und schon standen sie gehorsam neben dem Teller. Dann schnüffelten sie am Fleisch und rümpften die Nase: "Fleisch riecht überhaupt nicht gut." Trotzdem blieben sie sitzen und sahen geduldig zu, wie Candy ihre Portion verspeiste. Unzählige Gefahren konnten drohen....Bei jedem Geräusch sah Candy auf, schaute sich um: "Alles in Ordnung? Gut, dann kann ich weiter essen."

Gerade dadurch machten die Wildkatzen zu Anfang auf uns einen unkonzentrierten Eindruck. Das geringste Geräusch konnte sie ablenken. So also würde Candy gelebt haben, wenn sie ihre Kinder "zu Hause" bekommen hätte, immer auf der Hut vor Gefahr, immer bereit zu flüchten. Die im Erbgut verankerte, alerte Haltung ist nicht durch ein wenig "Zähmung" zu unterdrücken.

Konzentration auf eine ganz bestimmte Sache ist ein Luxus unserer Zivilisation. Nur wer sich vollkommen sicher fühlt, kann sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren. Ich weiß nicht, ob man je untersucht hat, ob es einen Zusammenhang zwischen der Konzentrationsfähigkeit und Angst und Unsicherheit bei Kindern gibt. Ich würde wetten, es gibt ihn. Ich glaube, daß man ungeheurer viel vom Umgang mit (wilden) Tieren lernen kann.

Alles, was ich mit Candy in diesen Tagen erlebt habe, hat mir nicht nur Bewunderung vor ihren unermüdlichen Bemühungen abgezwungen, sondern auch vor ihrer Intelligenz. Wenn man bedenkt, daß sie für ein Leben zwischen Bäumen und Sträuchern "programmiert" war, dann erst versteht man, wie viel Anpassungsgabe dafür nötig war, ihr Erziehungsprogramm nach den Gesetzen ihrer Art durchzuführen, während ihr nicht mehr als ein Zimmer zur Verfügung stand. Das Wechseln der Wohnung, vom Schrank zum Schränkchen, das Pullovernest anstelle von Moos und Blättern, die Erziehungsrunden, immer im Zimmer herum, anstatt durch das Gestrüpp, das alles war ein Beweis ihrer Kreativität.

Wer möchte bestreiten, daß Kreativität ein Beweis von Intelligenz ist? Man muss sich einmal den umgekehrten Fall vorstellen: eine Art moderner Genoveva, hier geboren und erzogen, - wie würde die sich zurecht finden, wenn sie ihre Kinder allein im Regenwald groß bringen müsste? Besser als Candy könnte sie wohl nicht improvisieren.

Die Pullover hatten mit der Zeit an Glanz verloren, nachdem die Familie etwa eine Woche darauf gewohnt hatte. Ich holte eine Apfelkiste ins Zimmer, die ich schön warm ausgepolstert hatte, und setzte sie neben die Heizung. Candy verstand sofort was gemeint war. Sie rief ihre Kinder "ürrr, ürrr!" und dann mussten die Kinder hinter ihr her laufen, ein gutes Training im Schnellauf. Sie mussten lernen, sich zu verteidigen oder flüchten. Victor war bei allem frech und selbstbewusst. Er fing Mutters Schwanz und biß hinein, sprang ihr auf den Rücken und versuchte, in ihre Ohren zu beißen. Victoria war ängstlich und zögernd, ein etwas schüchternes, kleines Mädchen. Wenn Victor mit ihr dieselben wilden Spiele spielen wollte wie mit seiner Mutter, dann fauchte sie und versteckte sich hinter Candy.

Dann, eines Tages, tat Victor den ersten Schritt zur Selbständigkeit: er ging zum Teller, nahm ein Stück Fleisch und schleppte es in eine Ecke des Zimmers. Dort aß er es auf. Ich war so begeistert, daß ich gleich ein weiteres Stückchen nahm und es ihm geben wollte, aber Candy drehte sich abrupt nach mir um und "schlittschuhte" mit den Hinterpfoten. Sie legte ihre Ohren zurück und schlug mit dem Schwanz. Zum ersten Mal, seit sie bei uns war, drohte sie mir. "Kümmere Dich um deine eigenen Sachen. Dies hier geht dich nichts an. Ich erziehe meine Kinder selbst!"

Jeden Abend war Sportstunde. Die Kinder wurden immer wilder. Manchmal kletterten sie auf meinem Rücken und sprangen von dort mit einem Satz wieder auf den Fußboden. Manchmal ließ Candy sie gewähren, aber dann wieder rief sie sie zur Ordnung. Das hing ganz von ihrer Laune ab oder vielleicht auch von ihrer Beurteilung der Situation.

Ein anderer Programmpunkt war das "Spazierengehen". Candy lief im Zimmer hin und her und die Kinder im Gänsemarsch hinterher. Erst Victor und dann Victoria. Mit kleinen Lauten gab Candy die Richtung an: "hierhin", "dorthin". Dann liefen sie auch manchmal im Kreis um mich herum, erst große Kreise, dann immer kleinere. Ich erwartete, daß Candy die Kinder zu mir führen würde, aber das geschah nie. Trotzdem wurden die Kleinen mit jedem Tag zutraulicher. Vor allem für Victor war ich so eine Art Kletterbaum. Seine spitzen, kleinen Krallen brachten mir manchen Kratzer ein. Man gewöhnte sich daran, merkte es schon gar nicht mehr. Victoria war etwas vorsichtiger im Umgang mit menschlichen Wesen, aber sie ließ sich doch von mir streicheln, wenn ich mit dem Futter kam.

Oft kam Emeralda jetzt mit mir ins Kinderzimmer, mal mit, mal ohne ihre kleine Niña. Emeralda war etwas wie eine Tante für die kleinen Oncillas geworden. Sogar in Candys Apfelkistenhaus wurde sie geduldet. Das war ein großes Vorrecht. Niña war längst ein geliebter Spielgefährte für die Kleinen.

Das Klappbett stand noch immer im Zimmer. Die Nächte bei den Oncillas hatten mich ziemlich geschafft, zu oft hatte ich mich nicht getraut zu schlafen, um nur nichts zu verpassen. Also schlief ich jetzt in der Nacht wieder im eigenen Bett. Nur am Nachmittag legte ich mich für ein halbes Stündchen auf das Klappbett, so konnte ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Das Angenehme war es, die Jungtiere zu beobachten, das Nützliche, daß ich ein wenig ausruhte.

Oft, wenn ich kam, lag Candy mit ihren Kitten jetzt auf dem Bett. Wenn ich dann selbst darauf liegen wollte, mußte ich mich an die Seite drücken oder die Familie Oncilla etwas wegschieben. Das nahm Candy mir sehr übel. Als ich einmal die Kitten von "ihrem" Platz weg schob, fauchte sie in meine Richtung, griff Victoria mit der Schnauze und brachte sie in die Apfelkiste. Victor wollte bei mir bleiben, aber ein kleiner Ruf von Candy genügte und er folgte ihr gehorsam in die Apfelkiste.

Als ich am selben Abend das Futter brachte, war Candy mir böse, sie fauchte in meine Richtung, ging mir demonstrativ aus dem Weg und weigerte sich, etwas vom Fleisch zu nehmen.

Zum Glück war sie am nächsten Tag wieder etwas gnädiger und ich durfte die Kitten sogar anfassen. Das gehörte zu den Zugeständnissen, die sie mir zuliebe machte. Im Übrigen war sie äußerst konsequent. Das Ergebnis waren dann auch sehr gehorsame und - im Oncillasinn - brave Kinder.

"Völlig anders, als bei uns Menschen" bemerkte Hermien, "Candys Kinder sind einfach vorprogrammiert, gute Oncillas zu sein. Wie schön wäre es, wenn wir auch so programmiert wären, menschlich zu sein, - human meine ich, im besten Sinne des Wortes. Wie schön wäre es, wenn unsere Kinder auch von selbst immer das Richtige täten."

"Aufstrebend musst du dich bemühen,
doch ohne Mühe sinkest du.
Der liebe Gott muss immer ziehen,
dem Teufel fällt's von selber zu."
zitierte ich Wilhelm Busch.

"Ob es nun der liebe Gott ist, der ziehen muss, oder die Erzieher, es kommt auf dasselbe raus. Kinder zu anständigen Menschen zu erziehen, ist gar nicht so einfach. Bestrafen ist unmodern und genetisch ist der Mensch nicht so "gut", wie wir ihn gern hätten. Darum denke ich manchmal, daß bei der Entwicklung der Menschheit etwas schiefgegangen ist, sonst gäbe es keine Kriege, keine Verbrechen und keine Menschen- und Tierquälerei."

... Und damit war Hermien ihrer Zeit weit voraus. Die Stellung der genetischen Fehlentwicklung der Menschen wurde erst im letzten Jahrzehnt wirklich populär, auch wenn Wilhelm Busch und andere, etwas ernstere Philosophen das natürlich längst wussten. Nur drücken die Wissenschaftler das meist etwas komplizierter und vorsichtiger aus.

Als die kleinen Oncillas sechs Wochen alt waren, wurden sie zum ersten Mal geimpft. Der Tierarzt kam und ich war recht nervös, wie die kleinen Wilden sich benehmen würden und auch wie Candy diesen Übergriff auf ihre Rechte auffassen würde. Ich hätte mich nicht zu fürchten brauchen. Die Kleinen betrugen sich verhältnismäßig zivilisiert. Sie kratzten oder bissen nicht, nur Victoria fauchte leidenschaftlich.

Candy zog sich zurück und beobachtete alles mit zurückgelegten Ohren und nervösem Schwanzklopfen, aber ohne weitere Protestkundgebungen. Ich vermute, sie erkannte die Obermacht von zwei großen Menschen. Innerhalb von wenigen Minuten war alles vorüber. Der Tierarzt ging fort, nicht ohne seine Begeisterung über den Nachwuchs von Candy zu äußern, jener Candy, der er einst das Leben gerettet hatte mit seiner Joghurt-Kur.

Die Babys waren keine Babys mehr, sondern junge Oncillas und sie würden nun bald mit den anderen Katzen im Haus Bekanntschaft machen müssen. Dann würde ich auch meine Aktivitäten wieder etwas gleichmäßiger über den Haushalt verteilen können, der je länger je mehr von den Vierbeinern beherrscht wurde.

Hermien hatte die Kleinen zwar bis jetzt nur eben von draußen durch die Fenster gesehen, aber sie nahm lebhaften Anteil an ihrem Ergehen und ich erzählte ihr alles ausführlich.

"Alles was wir hier erleben ist doch ein klarer Beweis, daß die Tiere dieselben Regungen und Erwägungen haben, wie wir Menschen." war ihr Kommentar. "Nur denken sie unkomplizierter, zweifeln nicht erst lange, ob sie dies tun sollen oder vielleicht doch das. Viele Leute wollen das wohl hauptsächlich darum nicht einsehen, weil sie ihr Privilegium, das einzige intelligente Lebewesen auf der Erde zu sein, nicht aufgeben wollen. Leute, die den Tieren Verstand und dasjenige, was wir so schön Seele nennen, bestreiten, sind in meinen Augen dümmer als die Tiere. Dumm, weil sie so auf sich selbst fixiert sind, daß sie nicht einmal im Stande sind, sich in die Regungen der Tiere zu versetzen."
"Wobei wir wieder bei unserem Lieblingsthema sind, dem des selbständigen Denkens, statt blindlings den falschen Propheten zu folgen."
Viele Jahre später haben Hermien und ich noch einmal an das Gespräch zurück gedacht. Die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft bestätigen unsere Wahrnehmungen von damals. Tiere wissen, können denken und fühlen viel mehr, als die Menschheit bis vor Kurzem in ihrer egozentrischen (anthropozentrischen) Haltung dem Rest der Schöpfung gegenüber eingesehen hatte. Diejenigen, die mit den verschiedenartigsten Heillehren diese Sonderstellung des Menschen innerhalb der Schöpfung verkündet haben, kämpfen einen verlorenen Streit für ein Dogma, das durch die Realität der Wissenschaft bereits entlarvt ist.

Hermien und ich erinnern uns auch, daß im Grunde in jenen Tagen der Gedanke an dieses Buch entstanden ist. Es war Hermiens Idee, als sie zum ersten Mal die kleinen Oncillas ansehen konnte. Sie sagte nachdenklich: "Jetzt bin ich einer der ganz wenigen Menschen auf dieser Erde, der Junggeborene Oncillas gesehen hat. Die meisten Menschen kennen nicht einmal den Namen. Und wenn sie ihn hören, dann nur als den Namen vom Material, aus dem Pelzmäntel gemacht werden. Wer weiß schon, daß eine junge Oncilla eine ganz besondere Persönlichkeit ist? Dass sie sich anpassen kann, sich zu etwas entschließen, lieb haben oder sich fürchten? Ich fühle mich bevorzugt, weil ich das anschauen darf. Eigentlich müsstest du ganz vielen Menschen dieses Wunder zeigen!“

"Um Gottes Willen, davon würden die armen Viecher wohl völlig durchdrehen", sagte ich und dachte heimlich "..und ich auch!"

...und Hermien wieder: "Aber du könntest wenigstens alles, was du mit den Tieren erlebt hast, als Buch zusammen fassen. Damit würdest du doch auch andere teilnehmen lassen."

"Wie stellst du dir das vor? Ich habe so schon zu wenig Schlaf und weiß manchmal nicht, wo mir der Kopf steht."

"Ich verstehe, aber führe wenigstens Tagebuch, damit du später nichts vergessen hast, wenn du einmal mehr Zeit hast." sagte Hermien, die ziemlich beharrlich ist. Noch immer ist sie das übrigens, denn sie ist, zusammen mit meinem Mann, die treibende Kraft, die mich immer wieder zum Schreiben anhält.

Wenn ich damals nicht wußte, wo mir der Kopf stand, dachte ich an die Worte von Konrad Lorenz, der von den Unbequemlichkeiten erzählt, die seine Frau dadurch erdulden mußte, daß er seine vielen Tiere frei im Hause hielt.

"Man wird mich fragen, ist denn das alles unbedingt notwendig? Und meine Antwort wird ein lautes und deutliches "Ja" sein. Gewiß kann man Tiere auch in salonfähigen Käfigen halten. Kennen lernen jedoch kann man höhere und geistig regsame Tiere nur dann, wenn sie sich frei bewegen dürfen." (Konrad Lorenz: "Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen.")

Wir haben viele Jahre bürgerlicher Durchschnitts-Politur gegen eine Erfahrung eingetauscht, die uns das Wesen der Tiere näher brachte. Mein Mann und ich haben das nie bereut. Ich hoffe so sehr, daß ich ein wenig von unseren Erfahrungen weiter geben kann, gerade jetzt, wo es höchst unwahrscheinlich ist, daß noch viele Menschen Oncillas beobachten können, da deren Existenz mehr denn je bedroht ist. Die kleinen Tigerkatzen wie Candy und Milagro stehen nicht einmal auf der Liste der bedrohten Tierarten, dazu sind sie viel zu unbekannt und für die meisten Menschen zu unbedeutend. Noch immer sieht man Pelzmäntel mit dem Muster der Kleinfleckkatzen.

Der englische Zoologe Paul Appleby hat ein Buch geschrieben "Wildside Rainforests", deutsche Übersetzung: "Leben in den Regenwäldern". Darin gibt es ein schönes Foto von einer Margay. Appleby schreibt u.a. "Das größte Problem liegt darin, daß man ein Fell eines geschützten jungen Ozelots kaum unterscheiden kann vom Fell einer nicht geschützten Langschwanzkatze.
Außerdem werden die meisten Katzen in der Wildnis in Fallen gefangen und Fallen können nicht zwischen "geschützt" und "ungeschützt" entscheiden. Für den einen Mantel müssen 40 bis 50 Langschwanzkatzen gefangen und getötet werden."

Wie viele von den Kleinkatzen wie Oncillas und Kleinfleckkatzen für einen Pelzmantel sterben, schreibt Mr. Appleby gar nicht erst, aber es werden unzweifelhaft mindestens zweimal so viel sein. Und jedes dieser Felle war Teil eines Wesens mit gleich viel Recht auf Leben, wie wir es zu haben behaupten, und jedes würde, wenn wir es kennen lernten, einen genau so phantastischen Charakter haben wie Candy und Buena.

Wilde Katzen, große und kleine sind hoch intelligente, wertvolle Lebewesen. Auch für sie gelten die Worte von Jacques Cousteau im Zusammenhang mit den Grausamkeiten, die die Menschen an Walfischen begehen: "Kaum hat der Mensch bei einem anderen Wesen Intelligenz entdeckt, da versucht er es schon in seine eigene Dummheit zu verstricken."