Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 24 - Armer Kinka

Der Sommer war so schön. Unsere große Katzenfamilie genoss den Garten. Sie spielten miteinander und waren fröhlich. Die drei Aurelia-Babys blieben ein unzertrennliches Trio. Manchmal machte Gloria ein Quartett daraus, aber meist spielte sie mit den Oncillas und den Abessiniern, mit denen sie aufgewachsen war, und vor allem mit ihrer Herzensfreundin Niña.

Eine kleine Schattenseite gab es: weil jetzt jeder, der es wissen wollte, von meinen jungen Wildkatzen gelesen hatte, wurde ich mit Anfragen überschüttet, doch eine oder mehrere zu verkaufen. Aber auch wenn das Paradies selbst angerufen hätte, so hätte ich noch keine abgegeben. Sie waren so glücklich miteinander und liebten sich. Das wollte ich nicht zerstören.

Eine Freundin kündigte mir ihre Freundschaft, weil ich ihr keines meiner Tiere geben wollte. Ihr Haushalt erschien mir zur Haltung von Wildkatzen nicht geeignet. Ihr ist es später gelungen, anderweitig Wildkatzen zu bekommen, aber sie hat sie tatsächlich auf die Dauer nicht behalten können. So sehr ich das bedauerte, war ich doch froh, daß es nicht meine Tiere waren, mit denen sie diese Erfahrung gemacht hat. So war ich wenigstens nicht schuldig am Schicksal dieser Tiere. Später hat die Freundschaft sich dann sogar noch wieder eingerenkt.

Einmal kam sogar das Fernsehen und machte das, was sie einen "Animatiefilm" nannten. Sie stellten einen Tag lang das ganze Haus mit ihren Geräten auf den Kopf, räumten das ganze Zimmer um, bis, vom Lärm verscheucht, überhaupt keine einzige Oncilla und selbst keine Hybriden mehr zu sehen waren. Da mussten Buena und die Abessinier wieder die Superstars spielen, was sie mit vollkommener Gelassenheit taten.

Die Kopie des Filmchens, die ich mir erbat und bekam, ist heute auf eine Videokassette übertragen und wird oft abgespielt. Ich habe selten hinterher soviel Freude an irgendeiner Sache gehabt, die erst ein perfektes Chaos zu sein schien.

Ab und zu durften die Kater ins Haus. An den Gedanken, da sie so allein wohnten, konnten wir uns noch nicht gewöhnen. Erst später wurde mir deutlich, da für einen potenten Kater ein eigenes Territorium sehr wichtig ist. Er kann besser allein sein, als mit männlichen Artgenossen. Dummheit und Unkenntnis führen da oft zu ungewollter Tierquälerei. Ich erinnere mich, da ich seinerzeit vergeblich die Eigentümerin eines Katzenzwingers in Süddeutschland davon zu überzeugen versuchte, da man nicht ungestraft zehn unkastrierte Kater oder mehr in einem Raum einschließen darf. In solchen Fällen entsteht ein Zustand, in dem der Stärkere ein gnadenloses Regime führt und die anderen, Schwächeren, die "underdogs" sind. Den Tierschutz interessieren diese Dinge kaum, der hat ganz andere Sorgen. Erst in allerletzter Zeit beginnt der Tierschutz sich für Hund- und Katzenzucht zu interessieren und auch nur soweit es deren Produkte betrifft, nicht (oder noch nicht) die Art der Tierhaltung, auch wenn es da so schöne Worte gibt wie "artgerecht" usw. Die Realisierung der idealen Tierhaltung muss von der Einsicht der Menschen selbst herkommen. Der Staat hat da gar keinen Zugriff. Auch da wieder spielt die erziehende Aufgabe der Presse eine entscheidende Rolle.

Wenn unsere Kater abwechselnd im Haus waren, mussten wir höllisch aufpassen, damit sie nicht gerade eine rollige Katze erwischten, die keinesfalls gedeckt werden sollte. Noch ehe wir es bemerkten, hatten die Kater es schon entdeckt, wenn eine der Katzen empfängnisbereit war. Dann erzählte ein plötzlicher Schrei und eine sich wälzende Katze, daß da "etwas passiert" war.
Genau so erging es uns auch im Herbst 1965 mit unserer kleinen Niña, die gerade ein Jahr alt war. Sie war zum ersten Mal richtig heiß und wurde gleich von Sothis erwischt. Niña war ein zartes, empfindsames kleines Wesen. Wenn man ihr einmal etwas verbieten mußte oder "Nein, Niña!" rief, war sie gleich völlig unglücklich. Dann suchte sie Trost bei Gloria, der unerschütterlichen, die sie dann tröstlich leckte und sich zu ihr legte.

Eigentlich war Niña noch viel zu jung, um schon Mutter zu werden, aber die "Pille danach" gab es noch nicht und das wäre auch wohl für ein so kleines Tierchen eine Pferdekur gewesen. Also pflegten wir Niña besonders gut mit extra Vitaminen usw. und hofften, da alles gut gehen würde.

Es ging gut. Als Niña zwei Monate später zeigte, da "ihre Zeit gekommen war", zog ich mit ihr in ein Zimmer im ersten Stock und zeigte ihr das Körbchen, das dort für sie stand. Ich blieb bei ihr, bis ihr einziges Baby trocken geleckt war und trank. Es war ein wunderschönes, kleines, rotgoldenes Tierchen. Niña war eine liebevolle und glückliche Mutter. Stolz drehte sie sich auf den Rücken und ließ es mich sehen. Ich brachte das übliche zerquirlte Ei und frisches Fleisch mit Vitamintropfen. Ich war froh, da alles so gut verlaufen war.

Auch am nächsten Tag war es eine wahre Freude zu sehen, wie die kleine Niña vor Mutterglück strahlte. Als ich am dritten Morgen wieder hinauf ging, stand die Tür zu dem Zimmer, in dem Niña war, etwas offen. Mir kam das komisch vor. Ich wußte sicher, da ich sie am Abend vorher gut hinter mir geschlossen hatte.

Ich ging ins Zimmer und sah im ersten Augenblick nur, daß Kinka in Niñas Körbchen saß und mich anstrahlte, wie immer wenn er mich sah. Einen kurzen Augenblick lang dachte ich, da er sich zu den beiden gesetzt hatte. Dann sah ich seine blutbefleckten Händchen und vor ihm lagen, in kleine blutige Stückchen zerfetzt, die Reste von Niñas Baby. Jetzt erst sah ich Niña; sie saß da wie eine Steinfigur, regungslos, die Augen starr, das schöne, rotgoldene Fell war in einer Nacht bleich geworden. Ich weiß danach nur noch, da ich schrie, ich konnte nicht denken, nur schreien. Mein Mann, der noch zu Hause war, stand auf einmal neben mir.
Er übersah die Situation und brachte als erstes den Kinkajou weg in sein Zimmer. Ich ging zu Niña, um sie zu trösten, streichelte sie, sprach mit ihr, aber sie rührte sich nicht. Ich nahm sie auf den Arm, sie zitterte. Es war deutlich, sie hatte einen Schock. Mein Mann holte das Körbchen mit dem toten Katzenbaby weg und ich brachte Niña, weil ich nichts anderes bedenken konnte, nach unten. Aber auch dort saß sie nur still in einer Ecke des Sofas, bewegte sich nicht, beachtete auch die anderen Katzen nicht. Nicht nur mir, auch meinem Mann liefen die Tränen übers Gesicht. Es war so unsagbar traurig.

Mein Mann wußte, da er mich in dieser Situation nicht allein lassen konnte. Er rief im Büro an und sagte, daß er erst am Nachmittag kommen würde. Dann setzten wir uns zusammen und beratschlagten. In dem Augenblick waren wir uns darüber einig, daß so etwas in unserem Hause nie wieder geschehen dürfte und daß der einzige Weg, das zu verhindern, sein würde, den Kinkajou fort zu bringen. Vielleicht hat es meine Entscheidungen beeinflusst, da Niña während der ganzen Zeit zitternd auf meinem Schoß saß. Mitleid ist ein schlechter Ratgeber.

Wir wußten, Kinka würde auch weiter Türen öffnen können. Das hatte uns schon dauernd Sorgen gemacht. Wir mußten uns schließlich immer vor einer Begegnung zwischen ihm und Buena fürchten, die bestimmt dramatisch verlaufen wäre. Auch Niña würde leiden, wenn sie ihn wiedersehen würde. Kinka für immer hermetisch von den anderen zu isolieren, wäre weder für ihn noch für uns eine gute Lösung, dachten wir. Er war ein so geselliges Tierchen. Wir konnten keinen Gefangenen aus ihm machen.

Eine Stunde später hatte mein Mann beim Arnheimer Zoo angerufen, mit dem Direktor gesprochen und ihm unser Problem vorgetragen. Er bekam die Antwort, dass man bereit wäre, den Kinkajou dort aufzunehmen. Unser Kinka würde dort noch zwei Artgenossen antreffen, mit denen er zusammen leben könnte. Am besten wäre es, wenn wir das Tier gleich bringen würden, sagte der Herr, mit dem mein Mann sprach.

Wir hatten die für damalige Zeit sehr schönen, großen Gehege der Affen dort im Zoo gesehen und stellten uns vor, da Kinka auch in ein solches Gehege kommen würde, in dem er mit seinen neuen Freunden herum klettern könnte. Es schien uns die beste Lösung und weil wir auch dachten, einen solchen Entschluss gleich ausführen zu müssen, packten wir Kinka in ein Körbchen und brachten ihn zum Zoo.

Es war alles wie ein böser Traum und auch wir handelten wohl in einer Art Schockzustand. Ich selbst jedenfalls war wie betäubt. Der Direktor des Zoos empfing uns persönlich, versicherte uns, da Kinka es gut haben würde, und machte noch eine Bemerkung, daß solche Tiere im Zoo besser aufgehoben wären als in Privathänden. Als wir sagten, daß wir bald nach dem Kinkajou sehen würden, sagte er, daß wir das besser vorläufig nicht tun sollten, denn das Tier könnte darunter leiden, wenn es uns erkennen würde. Zum Abschied bekamen wir noch eine Wiederholung der weisen Lehre, daß wilde Tiere in den Zoo gehörten und nicht in Privathände.

Mein Mann mußte ins Büro und ich hatte meine Hände voll zu tun, mich um Niña zu kümmern und die übrige, nicht geringe Arbeit mit den Tieren zu erledigen. Das lenkte mich erst einmal ab. Erst am Abend, als mir auf einmal bewusst wurde, dass ich heute den Kinka nicht für sein tägliches Wohnzimmerstündchen herunter zu holen und ihm auch kein Obst zu bringen brauchte, wurde mir klar, welch eine Leere er hinterlassen hatte. Aber ich hatte immerhin den Trost, da er jetzt bei seinen Artgenossen wäre und es gut hätte. Mein Vertrauen in die gute Sorge des Tiergartens war noch ungebrochen.

Niña brauchte lange, bis sie wieder ein bisschen normal im Haushalt funktionierte. Langsam kam auch ihre Farbe zurück. Ich hatte nie gedacht, daß ein Schock so deutlich äußerliche Kennzeichen hinterlassen könnte. Von Menschen erzählt man so ab und zu, daß sie nach einem Schreckerlebnis auf einmal graue Haare bekommen. Ich habe das immer ein wenig für ein Märchen gehalten. Seit dem Drama mit Niña glaube ich es.

Diesmal gab es zu Weihnachten keinen Kinkajou, der die Plätzchen von den bunten Tellern stibitzte oder das Lametta vom Weihnachtsbaum pflückte. Ich dachte viel an ihn, war aber noch immer der Meinung, daß wir richtig gehandelt hatten. Nach diesem Erlebnis mit Niñas Baby hätten wir keine ruhige Minute mehr gehabt. Schon die angespannte Situation zwischen Buena und Kinka war aufreibend. Das hatte auch Buenas Freiheit im Hause oft recht eingeschränkt. Und niemand weiß, was geschehen wäre, wenn Kinka einmal auf eins der jungen Oncillas getroffen wäre. Auch wenn Candy sich bisher ganz gut mit Kinka vertragen hatte, so bin ich doch überzeugt, daß es ein Blutvergießen gegeben hätte, wenn der Kinkajou versucht hätte, Candys Jungen etwas anzutun. Mit den halbwüchsigen Abessiniern hatte er sich immer so gut vertragen, hatte mit ihnen gespielt. Darum hatten wir in dieser Hinsicht auch niemals Sorgen gehabt. Er hatte mit ihnen von einem Tellerchen gegessen und ihre Ohren und ihr Fell liebevoll beleckt. So würden wir ihn in Erinnerung behalten müssen.
Unser gröbster Fehler war es sicher gewesen, daß wir längst vergessen hatten, daß der Kinkajou nicht einfach eine von unseren Katzen war, wenn auch eine mit etwas anderen Gewohnheiten. Wir hatten uns an ihn gewöhnt, so wie er war. Die Einzige im Haus, die gleich verstanden hatte, daß da etwas Fremdes zu uns gekommen war, das war Buena gewesen. Sie hatte sich nicht von seiner babyhaften, fast menschlichen Erscheinung täuschen lassen. Für sie war er ein Fremder, einer von einer anderen Art.

Noch jemand hatte uns gewarnt: Herr Professor Leyhausen. Er hatte uns erklärt, daß der Kinkajou zur Art der Bären gehörte, nicht zu den Feliden, die so harmonisch bei uns zusammen lebten. Aber auch das hatten wir längst vergessen. Wir Menschen haben immer den Mund so voll davon, daß man nicht scheiden soll, was zusammen gehört, aber das dasjenige, was nicht zusammen gehört auch nicht künstlich zusammengefügt werden sollte, das vergessen wir gern.

Kinka, der hauptsächlich von Obst lebte, aß auch gern mit vom Dosenfutter der Katzen, also auch von Fleisch. In der freien Natur würde er vielleicht sogar kleine Tiere erbeuten und verzehren. Trotzdem kam das ganze Drama für uns unerwartet. Man hatte uns Kinka ungefragt zugeschickt und wir hatten sein kindliches Benehmen als eine Selbstverständlichkeit angenommen. Sogar als er sein Spielzeugbärchen zerriß, hatten wir nur "Ach, je" gesagt. Wir waren dumm und naiv gewesen.

Ich muß die Geschichte zu Ende erzählen, so schwer es mir fällt. Erst nach fast zwei Jahren gingen mein Mann und ich zum Zoo, um einmal nachzusehen, wie es Kinka ginge. Wir waren sicher, daß er uns längst vergessen hatte und fröhlich mit seinen Artgenossen spielen würde.

Es dauerte lange, bis wir ihn fanden. Er saß in einem Glaskäfig, in einem dieser "Nachttierhäuser". Ganz allein saß er in einer Ecke und rührte sich nicht. Es waren keine andere Kinkajous im Käfig, es waren überhaupt keine anderen Kinkajous im ganzen Zoo (mehr?). Der "Nachtkäfig" war sicher nicht größer als das kleine Zimmer oben bei uns im Haus, in dem er zuletzt gewohnt hatte. Der Käfig war dunkel und vorn mit einer Glaswand abgeschlossen. Von der anderen Seite konnte man nicht in das Nachthaus kommen. Wir fragten uns, ob es wohl überhaupt unser Kinka sei, der da säße. Automatisch rief ich: "Kinka!". Da wurde er plötzlich wach, lief zur Glaswand und starrte uns an. Und dann fing er an hin und her zu rennen, mit seinen kleinen Händchen kratzte er am Glas. Wir erkannten ihn und er erkannte uns. Uns beiden sprangen die Tränen in die Augen. Wir gingen ganz schnell weg, das schien uns weniger schlimm, als ihn sich weiter quälen zu lassen.

Mein Mann und ich haben uns danach noch bei allerhand Instanzen erkundigt, ob wir Kinka nicht doch noch zurück bekommen könnten. Jeder riet uns, es gar nicht erst zu versuchen. Ein Tier, das einmal im Zoo ist, wird nicht wieder abgegeben, solange es ein Schauobjekt für den Zoo ist, außer wenn es grade eins von der Art ist, die mehr Junge gehabt hat, als der Zoo gebrauchen kann. Wir hatten alle Rechte verspielt. Nie wieder würde er seine Ärmchen liebevoll um den Hals eines anderen Wesens legen können und mit seinem Züngelchen ein Ohr streicheln, nie wieder eine "extra" Süßigkeit bekommen, nie wieder an einer Gardinenstange hängen und Grimassen nach den vorbeigehenden Leuten machen, nie wieder Versteck spielen mit den kleinen Abessiniern. Mit einem Schlag war uns deutlich geworden, was wir ihm angetan hatte. Wir hatten ihn zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilt, auch wenn wir es unbewusst getan hatten.

Erst viel später hörte ich, daß die so hoch gepriesenen Nachthäuser in den Zoos, mit denen so viel Werbung gemacht wird, zu den zahllosen Grausamkeiten gehören, die ein Zugeständnis an die Besucher der Tiergärten sind. Sie werden für die Tiere gebaut, die wie der Kinkajou oder auch manche Wildkatzen und verschiedene andere Tierarten, gewohnt sind, in der Nacht zu jagen und am Tage zu schlafen. Man hofft dadurch, daß man sie in der Nacht mit Hilfe von künstlichem Licht, das ihnen vorgaukeln muß, es sei Tag, zum Schlafen anregen kann, um sie am Tage, im verdunkelten Raum, den lieben Besuchern in voller Aktivität zeigen zu können. Die Aktivität kann sich natürlich nur auf ein Hin-und-her-Pendeln im engen Käfig beschränken. Man sperrt sie lebenslang in klimatisierte Glaskäfige. Manche dieser Glasgefängnisse haben wenigstens noch ein Freigehege, aber hier war das nicht so.

Viele Jahre später, als schon keine meiner Wildkatzen mehr lebte, war ich einmal im Zürcher Zoo. Dort sollte es zwei Margays geben, die ich gern sehen wollte. Sie wohnten auch in einem Nachttierhaus, aber hier war es wenigstens einigermaßen geräumig und nicht völlig dunkel, sondern ein bisschen dämmerig. Die Margays, ein Männchen und ein Weibchen, hatte jedes einen eigenen Raum zur Verfügung. Darin waren viele Pflanzen, Bäume sogar, und in einem Baum war eine tiefe Höhle. Die Margays waren gar nicht zu sehen, sie lagen sicher und ruhig, tief in ihren Höhlen. An der Außenseite war ein Freigehege, genau so groß wie der Innenraum, ebenfalls mit Bäumen und Sträuchern. Ich fragte einen der Wächter, wann die Margays in den äußeren Gehegen sein würden und ob man sie dort zu sehen bekommen würde, und ich bekam zu hören, daß sie dort erst am Abend wären, wenn die Besucher fort wären. Obschon ich extra für die Margays gekommen war, machte es mich fast froh, daß ich sie nicht zu sehen bekam, weil das bedeutete, daß sie sich auch nicht den, wie ich übrigens bemerkte, im Vergleich zu den hiesigen sich weitaus disziplinierter verhaltenden Besuchern zu exponieren brauchten. Trotzdem würden sie am Abend ein wenig Freiheit haben, wenn die auch nur ein Tausendstel von der sein würde, die ihnen in der Natur gegönnt war. Sie verbrachten ihr "lebenslänglich" wenigstens in einem Luxusgefängnis im Vergleich zu den Tieren in manchen anderen Tiergärten.

Wie lange Kinka noch unter seinen unwürdigen und grausamen Bedingungen gelebt hat, wissen wir nicht. Als wir ein Jahr später wieder in den Zoo kamen, gab es dort keinen Kinkajou mehr und niemand konnte oder wollte uns Auskunft geben. Ich kann nur hoffen, daß der Tod seinem Leiden ein schnelles Ende gemacht hat. Er war kein Mörder gewesen. Er hatte nur getan, was die Natur ihm eingegeben hatte. Wir dagegen hatten mit Unverständnis und in Panik reagiert. Ich werde es mir mein Leben lang nicht verzeihen.

Seitdem habe ich viel über Tiergärten nachgedacht. Wer hat nicht ein paar schöne Erinnerungen an unterhaltsame Nachmittage im Zoo, mit den Kindern oder einfach so an einem sonnigen Sommertag? Es ist alles so hübsch und friedlich. Man geht über gut versorgte Wege (am Morgen sind sie sogar noch ziemlich sauber, die Eisbecher und Coladosen kommen erst im Laufe des Tages). Überall sieht man Bäume und Blumenbeete. In den Gehegen sitzen die Tiere ruhig und scheinbar zufrieden. Oder sie laufen ein bisschen "hin und her". Es gibt keinen Streit, keine Gefahr. Am Abend bekommen sie ihr Futter. Welch ein schönes Leben und wir dürfen das sehen! Ehe wir nach Haus gehen, gibt es noch schnell eine Cola und einen Hamburger im Restaurant des Tiergartens. Das Fleisch auf dem Hamburger kommt hauptsächlich von Kühen aus Südamerika, von den Weiden, die auf den Ruinen des tropischen Regenwaldes angelegt sind. Aber wer will jetzt daran denken? Man hat einmal berechnet, daß jeder Hamburger die Vernichtung von zwei Regenwaldbäumen in Mittelamerika kostet. Das stand schon 1992 in "Panda" und "Panda" war in jener Zeit das holländische Organ des Welt-Naturschutzbundes WWF (Nr. 6 - 1992). Niemand kann sagen, daß der WWF und andere Institutionen die Menschheit nicht seit langem vor den Folgen der Abholzung der Regenwälder gewarnt haben. Inzwischen hat sich die Situation nur noch verschlechtert und die Folgen werden im wahrsten Sinne des Wortes katastrophal sichtbar. Die europäische BSE-Krise hat kürzlich die Nachfrage nach Fleisch aus Südamerika noch vergrößert.

Vor mir liegen zwei Bücher über Tiergärten. Das eine ist ein holländisches. Es ist von einem Dr. de Boer geschrieben und hat den Titel "Één wereld, één Natur." (Eine Welt, eine Natur). Ein geschmackvoll ausgestattetes Buch auf Luxuspapier mit wunderschönen Fotos und Zeichnungen.
Der Autor wird als Direktor der Stiftung "National Onderzoek Dierentuinen" (Nationale Forschung Tiergärten) vorgestellt. Das klingt vertrauenerweckend.

Ich wage es nicht gern, an der guten Absicht und oft auch Liebe zu den Tieren derer zu zweifeln, die gerade in dieser Zeit die Tiergärten von den Tiergefängnissen von früher zu einer Versammlung relativ verantwortlicher, geräumiger Tiergehege verändern wollen. Ich kann verstehen, daß Dr. de Boer behauptet, daß man sich dort (ich übersetze): "von der Tatsache bewusst werden kann, daß nicht nur in der Menschenwelt alles von einander abhängt und zusammen gehört, und daß man dort sehen kann, wie wichtig es ist, für den Erhalt jeden Räderchens in jenem komplizierten Mechanismus, der Natur heißt, zu kämpfen. Und wäre es nur, um unser eigenes Menschenrädchen drehend zu halten." (Unterstreichung von mir.)

Er ist ganz sicher nicht nur ein Tierkenner, sondern auch ein Menschenkenner, dieser Dr. de Boer, das beweist er mit diesen letzten zehn Worten im ersten Kapitel seines Buches. "Wenn es nur zum Nutzen der Menschheit ist, dann ist es gut.", so lautet doch die menschliche Parole. Haben wir nicht in der Schule gelernt, daß der Mensch über den Tieren steht? Verkünden Kirchen und die noch weitaus gerisseneren Sekten der Neuzeit nicht lauthals, daß der Mensch über die Tiere herrschen darf, selbst soll? Darwin kann uns viel erzählen, wir wissen es besser: wir sind die Krone der Schöpfung, die Herrscher der Welt! Eine unser Ego schmeichelnde Lehre, die wir nur allzu gern befolgen.

Tiergärten haben, so habe ich aus dem oben genannten Buch und anderen Publikationen gelernt, in der Hauptsache drei Funktionen. Die der Belehrung: die Menschen können lernen, wie die Tiere aussehen (nicht, wie sie sich verhalten, denn im Tiergarten verhalten Tiere sich nicht nach den natürlichen Regeln, sondern müssen sich an ihre Situation anpassen). Die zweite Aufgabe der Tiergärten ist, Tiere zu züchten, um sie vor dem Aussterben zu bewahren. Und dann die dritte Aufgabe: (typisch für den Homo sapiens): sie wollen alles mögliche über die Tiere erforschen. Im oben genannten Buch wird über Hormon- und Genuntersuchungen gesprochen. Wir sind modern und können dem deshalb nicht viel entgegen stellen. Es ist nun einmal unsere neuzeitliche Weise, Wissen zu versammeln. Viel wissen ist auch viel verstehen. Ich bin sogar überzeugt, daß so etwas, wenn es dann doch schon geschehen muss, noch immer besser im Zoo geschehen kann, als im Laboratorium. Es ist das kleinere Übel. Nur ob es das Ziel eines Tierlebens ist, unser Wissen zu bereichern, das ist eine ganz andere Frage.

Das zweite Buch, das hier vor mir liegt, ist "nur" ein Taschenbuch, aber eins mit brisantem Inhalt. Der italienische Autor ist Emilio Sanna (Dr. phil., Fernsehredakteur, Autor von vielen Fernsehprogrammen, Autor von verschiedenen, sehr ernst zu nehmenden Büchern). Ich habe die deutsche Übersetzung seines Buches über Tiergärten. Sie trägt den Titel "Verrückt hinter Gittern", Untertitel "Vom Leiden der Zootiere". Übersetzt ist das Buch von Sina Walden, die durch ihren Kampf für Tierschutz und Tierrechte bekannt geworden ist. Von ihr gibt es ein Aufsehen erregendes Buch "Endzeit für Tiere".

Ich muss gestehen, daß das Buch von Emilio Sanna mich tief beeindruckt hat. Diesmal nicht die Beschreibung eines schönen Spazierganges durch den Zoo, sondern eine Beschreibung der Hintergründe von all dem Schönen. Wenn ich heute, etwa dreißig Jahre nach den Geschehnissen mit dem Kinkajou, die ersten Sätze des Vorwortes von Sina Walden lese, dann fühle ich, daß sie auch auf mich zutreffen. "Unwissenheit und Überheblichkeit kennzeichnen das Verhältnis des Menschen zum Tier. Die ungeheuren Leiden, die wir Tieren zufügen, sind so sehr Teil unseres Selbstverständnisses, daß sie kaum wahrgenommen werden."

Emilio Sanna wirft in seinem Buch einen Blick hinter die Kulissen der schönen Tiergartenidylle, die sich dem nach Abwechslung verlangenden Besucher darbietet. Wir glauben Tiere zu sehen, die dort "ruhig" und "friedlich" und gut versorgt in ihren Gehegen sitzen oder liegen oder "hin und her spazieren". An die allererste Frage, die wir uns stellen müssen, denken wir erst gar nicht. Sie lautet: "Wie sind eigentlich alle diese Tiere hierher gekommen?

Jeder kleinste Zuchterfolg in den Tiergärten kommt gleich ausgebreitet in die Zeitung, schon der Reklame wegen. Jungtiere haben eine ungeheure Anziehungskraft auf das bezahlende Publikum, darum bekommt man zu Unrecht den Eindruck, daß die Tiergärten in punkto Nachwuchs Selbstversorger sind. Nichts ist weniger wahr.

Noch immer wird "Nachschub" gefragt, schon darum, weil sehr viele Tiere, man denke da an die kleinen Wildkatzen, die dem Tiergartenstress schon schnell erliegen- dauernd "nachgeliefert" werden müssen, wenn man sein vielfältiges Angebot beibehalten will.
Emilio Sanna hat einmal Tierfänger begleitet, hat mit angesehen, wie Zebras, Giraffen und - die grausamste Prozedur- ein Elefantenjunges gefangen wurde. "Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß das Tier sich in diesem Moment der endgültigen Wendung seiner Existenz voll bewusst war, daß es erkannte, alles verloren zu haben, seine Freunde, seine Bindungen, die Erde auf der es aufgewachsen war, seine Identität - um von nun an einem ungewissen Schicksal voller Angst und Qual ausgeliefert zu sein." schreibt Emilio Sanna, und später: "Es ist nicht ungewöhnlich, daß ein Tier nach der Gefangennahme zugrunde geht, ohne daß es auch nur verletzt oder misshandelt worden ist."

Noch jetzt, auch noch seitdem der Weltnaturschutz Listen mit bedrohten Tierarten publiziert, werden Tiere in allen Erdteilen für Tiergärten und zu wissenschaftlichen Zwecken gefangen. Der Einfuhrstopp gilt nämlich nur für Privatleute und nicht für Tiergärten und andere Institutionen, die unter dem Titel „gemeinnützig“ rangieren. Illegal wird diese Regelung noch immer am laufenden Band übertreten. Alle diese Tiere erleiden unschuldig genau die Höllenqualen, die die Menschen, die so gern von ihnen lernen wollen, selbst für ihren Egoismus verdienen. Als wir seinerzeit unsere wilden Katzen von Südamerika hierher holten, wussten wir von alledem nichts und das Buch von Emilio Sanna ist erst dreißig Jahre später erschienen. Aber wenn wir sie auch unwissend aus ihrer Umgebung geholt haben, dann habe ich doch den Trost, daß gerade diese Tiere ohne unsere Intervention getötet worden wären und sie bei uns ein Leben ohne Furcht haben leben können. Was aus ihren Nachkommen geworden wäre, wenn wir einige davon abgegeben hätten, das wäre nicht zu kontrollieren gewesen. Vielleicht hätten auch einige davon den Schrecken der Tiergärten erlebt, den der arme Kinka durch unsere damalige Unkenntnis der wahren Zustände im Tiergarten erleiden mußte. Für mich steht fest, daß der Eindruck, den wir hatten, als wir unseren armen Kinka im Zoo wieder sahen, richtig war. Er war im Zoo, dem wir ihn anvertraut hatten, verrückt geworden.

Die kleine Behausung, die lärmenden Kinder, die man immer wieder in den Tiergärten sieht (und vor allem hört!), müssen eine Qual für die geräuschempfindlichen Ohren aller Tiere sein. Die Wahrheit gebietet mir zu berichten, daß ich im schon genannten Zürcher Zoo eine Schulklasse ruhig und wohlerzogen mit ihrem Lehrer an den Käfigen vorbeiziehen sah. - Sollten die Schweizer so rückständig sein, daß sie nicht wissen, daß man Kinder nicht zu ruhigem, ordentlichem Benehmen erziehen darf, weil sie sonst doch so ganz schrecklich frustriert werden? Und wissen die Erwachsenen so wenig von der Lärmempfindlichkeit der Tiere, daß sie ihre modernen, lärmenden Feste ausgerechnet in die Tiergärten oder in deren Nähe verlegen? Und das noch obendrein mit dieser Art von Lärm, die gegenwärtig "Musik" genannt wird und die so schädlich für die Ohren ist, daß die Zahl der hörgeschädigten Menschen erschreckend steigt!

Im Tiergarten von Kopenhagen ist im Sommer 1994 ein Okapi an einem Herzschlag gestorben, als im benachbarten Park für eine Oper geprobt wurde. Laute Geräusche können für Tiere tödlich sein, das haben ziemlich grausame Untersuchungen ergeben. Meerschweinchen, Kaninchen und Ratten starben, wenn man sie bei Popkonzerten zu nahe an die Musik setzte. In Käfigen, versteht sich, denn sonst hätten sie mehr gesunden Verstand gehabt als die Menschen und wären geflohen. Dasselbe passierte mit Tieren in einer Diskothek. Man stelle sich einmal vor, daß irgend jemand solchen Lärm in einem Krankenhaus machen würde. Die Erreger solchen Ärgernisses wären sofort an die frische Luft gesetzt. Mit Recht übrigens, auf kranke Menschen muss man Rücksicht nehmen. Aber die körperlich und geistig gequälten Tiere im Zoo mit ihren weitaus empfindlicherem Gehör sind täglich dem Lärm der Zuschauer ausgesetzt und manchmal Ärgerem.

Emilio Sanna fasst das alles so zusammen: "Diese Menschen, die in einer panischen Todesangst davon stürzen würden, wenn sie eine dieser "Bestien" auch nur von weitem in Freiheit erblickten, vergnügen sich daran, sie so wehrlos erniedrigt und entwürdigt zu sehen. Sie rächen sich für ihre eigene Feigheit, indem sie die Tiere provozieren, sie mit lauter Stimme anrufen. Und die Ermahnungen der Wärter prallen ab an dem einzigen Argument: "Ich habe doch Eintritt bezahlt."

Wer wirklich ernsthaft einen Blick hinter die Kulissen der Tiergärten werfen will, sollte das Buch von Emilio Sanna lesen.

Der Erhalt der Tierarten ist der Stolz der Tiergärten und ein wichtiger Teil ihrer Legitimation. Zwar steht gegenwärtig in manchen Tiergärten ein erklärender Text auf einem Schild, auf dem man lesen kann, daß man zwar bemüht ist, die Tierarten zu erhalten, aber aus Platzmangel leider nicht immer alle Jungtiere dort behalten kann. Die würden dann "anderweitig" untergebracht, steht da. Wie "anderweitig" das sein kann, das ist vor einiger Zeit den bestürzten Tierfreunden deutlich geworden, als der ARD einen Skandal aufdeckte, der die Gemüter erregt hat. (Die erste Sendung zu dem Thema war am 6.9.93, später wurde dieses Thema wiederholt.)

Damals hat sich nämlich herausgestellt und es konnte bewiesen werden, daß manche Tiergärten junge Bären, diese Publikumslieblinge, zwar aufziehen aber keineswegs "für die Art erhalten" sondern sie an Schlachtereien verkaufen, wenn sie erst einmal groß sind. Namen von bekannten Tiergärten wurden dabei öffentlich genannt. Auch wurden Tiere an Tierhändler verkauft, die sie ihrerseits an Wanderzirkusunternehmen und ähnliche Schauprojekte weiter verkauften. Eine Liste von Tieren lag vor. Darauf, außer Bären: ein Sibirischer Tiger, ein Ceylon-Leopard, ein Jaguar, ein Luchs! Nach meiner Meinung sind diese Tiere noch weitaus erbärmlicher dran als diejenigen, die getötet wurden, denn die traurigen Zustände der Tiere in kleinen Wanderzirkuskäfigen sind allgemein bekannt. (Sie sollten auch den Regierungen bekannt sein, aber die haben ja bekanntlich für so etwas keine Zeit!)

Die Heuchelei der Zooleute, der so genannten Hüter der Wildtiere, die so stolz auf sich sind, weil sie sich so für die bedrohte Tierwelt einsetzen, löst Empörung unter den wahren Tierfreunden aus. Und wenn dann ein Zoodirektor im Fernsehen (Morgenmagazin, 22.9.1999) zugibt, daß das Klonen eines Jahrtausende alten Mammutleichnams, der in Sibirien im Eis gefunden wurde, nicht der Arterhaltung dienen kann, weil zur Arterhaltung schließlich auch die Artenvielfalt gehört, sondern nur eine Sensation ist und wenn er anschließend sagt, daß er ein solches, geklontes Tier gern in seinem Zoo hätte, weil es schließlich viel Publikum anziehen würde, dann wird mein Glaube an die Tierliebe und die Verpflichtung zur Erhaltung der Arten aufs Neue auf die Probe gestellt. Noch abgesehen von der Elefantenkuh, die für ein solches Experiment mit unbekanntem Ausgang missbraucht werden soll. Die informative Aufgabe der Tiergärten ist da wohl ein zweischneidiges Schwert.

Auch wenn wir von alledem damals keine Ahnung hatten und nach bestem Gewissen handelten, war es doch schlimm und grausam, was wir unserem kleinen Kinkajou angetan haben, als wir ihn in den Zoo brachten. Wir sind Schuld an seinem schrecklichen Lebensende. Mein Mann dachte in solchen Sachen etwas nüchterner als ich. Er sagte: "Wir wussten schließlich nicht, daß es Kinka so ergehen würde und wir waren überzeugt, daß wir das Richtige taten. Also musst du dir auch keine Vorwürfe machen."

Für mich ist aber gar nicht wichtig, ob ich mir selbst vergeben kann oder nicht. Daran hat niemand etwas. Das Leid, das unserem kleinen Kinka angetan ist, kann man nicht wieder gut machen. Kinkas Los ist so schrecklich wie das von vielen Tieren, aber sein Los ist meine Schuld. Kinka hatte seine Ärmchen um meinen Hals gelegt und mir vertraut. Einige Jahre später zogen wir aus der Stadt auf einen großen Bauernhof. Dort hätten wir soviel Platz für Kinka gehabt, wie wir nur wollten. Kinkajous können bis zu dreißig Jahre alt werden. Hermien hat weder meinem Mann noch mir je vergeben, daß wir nicht erst nach einer anderen Lösung gesucht haben. Ich verstehe sie. erstehe verstehe sie.

Niña ist nie wieder rollig geworden und hat nie wieder Junge bekommen.

Ich mußte dies alles erzählen, auch die Fehler gehören zu meinem Bericht. Zurückdenkend bleibt vor allem das Gefühl von Machtlosigkeit, das uns befiel, als wir entdeckten, daß Kinka so maßlos unglücklich war und wir nichts für ihn tun konnten, weil wir vom Zoo keinerlei Verständnis erwarten konnten. Es ist dieselbe Machtlosigkeit, die einen Tierschützer überfällt, wenn er vom Martyrium der Laboratoriumstiere weiß und sie nicht befreien kann, weil die anderen die Stärkeren sind. Oder die Machtlosigkeit, die eine Dian Fossey überfiel, als man sechs der prächtigen Gorillas tötete, die zusammen ein Gorillajunges verteidigten, das von einem belgischen Tierhändler für den Zoo in Köln verschleppt wurde. Das ganze Tierelend für ein Jahr im Zoo: nach einem Jahr war der junge Gorilla schon tot.

Es gibt hier in Holland wie in Deutschland Gesetze, die sich mit der artgemäßen Haltung der Tiere beschäftigen. Wenn man allerdings nach der Ausführung solcher Gesetze sucht, findet man nur wenig Sichtbares. Ein paar Zentimeter mehr Raum für die Opfer der Massentierhaltung sind eine Farce; und wie artgemäß ist ein Tiger, der durch einen brennenden Reifen springt? Wer hätte schließlich gedacht, daß wir "NUR-PRIVATE" einen Kinkajou aus dem Tropenwald immerhin weitaus artgemäßer hätten versorgen können, auch wenn wir ihn von den Katzen getrennt gehalten hätten, als der fachkundige Zoo?

So kann man in letzter Zeit eine, wenn auch langsame, Wendung in de Einstellung der Tiergärten wahrnehmen. Längst noch nicht überall, aber doch vielfältig werden Tiergärten vergrößert, kommen große Freigehege anstelle der kleinen Käfige. Wenn dieser Trend sich fortsetzt, sind Tiergärten noch immer nicht der ideale Platz für Tiere, aber ein erträglicher. Hier in Holland gibt es ein sehr gutes Projekt im Tiergarten Ouwehand in Rhenen. Dort gibt es ein großes, waldiges Gelände, das man zum „Berenbos“ (Bärenwald) um gezaubert hat. Dort leben ausschließlich Bären, die man aus grausamen Situationen befreit hat. Einer der Bären hatte im russischen Staatszirkus „ausgedient“, zwei andere wurden von ihrem vorigen Eigentümer blind gemartert als man sie zum Tanzbären „zähmen“ wollte. Bei fast allen ist die Nase verstümmelt vom Ring, mit dem sie „gefesselt“ waren, usw. Dieses Projekt ist das Beste, das ich je von einem Tiergarten gehört habe und seit es besteht, hat es bereits vielerorts Nachfolge gefunden.

Eine ganze Storchenkolonie gibt es bei Ouwehands. Die Bewohner sind ausschließlich Störche, die man als Schlachtopfer von Stromleitungen and anderen Hindernissen gefunden und genesen hat. So sollte der ideale Tiergarten handeln, wenn er die Menschen „belehren“ will. Man kann ihnen die Tiere näher bringen, indem man sie ihnen zeigt, und gleichzeitig Vorbild sein, indem man ihnen hilft, anstatt sie ihrer Heimat zu berauben. Selbst die Tiergartenbesitzer, denen es nur um ihr eigenes Portemonnaie geht, sollte so etwas tun, denn die Besucherzahl von „Ouwehand“ hat sich seitdem vervielfältigt.

So gibt es noch mehr gute Berichte. In Südafrika gibt es großzügige Projekte zum Schutz der Wildtiere. Mir wurde aus Johannesburg der Gesetzentwurf zum Schutz von Löwen, Leoparden und Cheetahs (Geparden) zugeschickt. (Parliamentary Proposal for the Special Protection of Lion, Leopard and Cheetah), ein Dokument von 55 Seiten. Wenn man es gelesen hat, wünscht man, daß es für unsere Europäischen Haustiere genauso gute Gesetze gäbe. Auch aus anderen Teilen der Welt erreichen uns positive Nachrichten. Der ehemalige Tiergarten in Singapur hat sich zu einem weltweiten Vorbild für ideale Tierhaltung und gleichzeitig Informationszentrum für Wissbegierige verwandelt. Das Projekt wird als ein Mittelweg zwischen Safaripark und Wildreservat beschrieben. Es gibt dort keine Gitter. Alle Tiere leben in natürlicher Umgebung. Dort können die Besucher sogar die Nachttiere sehen, weil künstlicher Mondschein den Wald mit einem sanften Lichtschein übergießt. Die Besucher fahren in kleinen Zügen über das Territorium oder in Booten über den Fluss. Das ist Information ohne Tiergefängnisse.

Wieder wird mir dasjenige deutlich, was ich in einem langen Leben habe lernen müssen: nichts ist schwarz oder weiß, gut oder schlecht. Das Schlechte kann sich zum Guten kehren, wenn wir uns nur Mühe geben, es zu erkennen und zu unterscheiden. Und vor allem müssen wir, d.h. diejenigen, die sich für das Schicksal alle Tiere interessieren, unsere Stimme hören lassen.

Ab und zu sind mein Mann und ich doch noch einmal in den Zoo von Arnheim gegangen. Es war kein Vergnügungsausflug für uns, mehr ein Gedächtnisgang. Es gibt da jetzt ein Gebäude mit einer Ausstellung aus dem Regenwald. Wie nützlich er ist, welche Bodenschätze es dort gibt, die vielen Pflanzen aus denen man Medizin für die Menschheit machen kann; das alles wird "in bunten Bildern" dargestellt. Und natürlich werden auch die Tiere genannt, die im Regenwald leben. Die Margays, Oncillas und Kinkajous hat man dabei leider vergessen, die werden gar nicht erst erwähnt. Vielleicht weil es sie kaum noch gibt.

Das neue Nachttierhaus ist größer als das alte. Man wird es wohl "schöner" finden. Man geht selbst auch in die dunkle Nacht. Die Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen: "Richtig echt!". Es gibt dort keinen Kinkajou mehr, wohl eine Menge anderer Nachttiere. Niemand soll mir vorgaukeln, daß der Herr Dr. de Boer und seine Freunde vom Holländischen Verein von Tiergärten sich nicht dessen bewusst sind, daß Nachttiere sich nicht darum im Laufe der Evolution zu Nachttieren entwickelt haben, weil sie ihr Leben in dunklen Glaskäfigen verbringen sollen, anstatt im Wald.

Ist das nun die Art und Weise "sich der Tatsache bewusst zu werden, daß nicht nur in der Menschenwelt, sondern auch in der Welt der Natur alles voneinander abhängt", wie das in dem Buch so schön beschrieben wird?