Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 25 - Vaterschaftswehen

Wie wir sehen werden, trifft die im Übrigen unbestrittene Weisheit von Wilhelm Busch auf Milagro nicht ganz oder höchstens was den zweiten Teil dieses so viel zitierten Buschzitates betrifft zu. Aber ich will der Geschichte nicht weiter vorgreifen.

Die vier Hybriden entwickelten sich zu wunderschönen, harmonischen Tieren. Als sie etwa die Größe der Oncillas hatten, waren sie ihren Verwandten von Vaters Seite am ähnlichsten. Aber schnell überflügelten sie die Oncillas an Größe und auch an Substanz. Sie waren ungeheuer muskulös, wie Tiere, die sich "im Leben draußen" absolut behaupten könnten, wenn es nötig wäre. Auch als sie die Größe der Abessinier hatten, hörten sie nicht auf zu wachsen. Es war, als hätten sie für alles die doppelten Reserven mitbekommen. Nun sind Abessinier kleiner und zierlicher als Hauskatzen, aber Iris und Aurelia waren immerhin beide größer als Milagro. Wir nahmen also an, daß die Hybriden dieser so verschiedenartigen Eltern dem einen oder dem anderen Elternteil in Format gleichkommen würden. Aber sie überflügelten beide bei weitem. Sie wurden sogar größer als die Hauskatzen. Das lag vor allem am lang gestreckten Körper und den hohen Beinen. Schnell war es so, daß sie allen anderen die Schau stahlen. Wer sie sah, hielt den Atem an. Sie waren nicht nur stark und muskulös, sie imponierten einfach. Sie hatten das gewisse Etwas, das man gegenwärtig gern "Ausstrahlung" nennt. Sie sprangen niemals auf Schultern, machten keinerlei Annäherungsversuche, aber sie liefen auch nicht vor den Menschen fort. Sie brauchten nur sich selbst zu sein, um Eindruck zu machen, - beneidenswert!

Es gibt keinerlei Fotos von ihnen, auf denen sie mit den Hauskatzen zusammen sind. Mit denen gaben sie sich nicht ab. Es war wie im "House of Lords": vornehme Zurückhaltung. Sie waren in einem Hause geboren, in dem es Oncillas, eine große Buena und noch andere Katzen gab. So sah die Welt nun einmal aus, aber man ignorierte sie. Gloria und Gladys waren nicht ganz so vornehm, sie mochten gern Späße machen von der Art, die Buena auch liebte: Dinge wegschleppen und verstecken, unter dem Tisch an den Zehen von Menschen knabbern, die so dumm waren, Sandalen zu tragen, und Ähnliches. Überhaupt waren merkwürdigerweise diese zwei Halbschwestern einander am ähnlichsten, sowohl äußerlich als im Charakter. Glamour hielt sich meist vornehm zurück. Nur Glauca war eine wilde Problemkatze. Sie war streitlustig, schnell beleidigt und wollte von uns Menschen nichts wissen.

In der Familie Oncilla dagegen gab es ernsthafte Probleme. Milagro betrachtete mehr und mehr seine Tochter Victoria als ein Weibchen, das im großzügigsten Sinne des Wortes "sein" war. Immer versuchte er, sie zu decken, und wenn sie dann erschrocken kreischte und ihn fortzujagen versuchte, mischte Victor sich ein und verteidigte sie. Dann gab es Streit zwischen Milagro und Victor. Auch bei den Mahlzeiten gab es noch immer Wetteifer zwischen den beiden, um die Vorrangstellung und darum, wer Victoria ihre Portion bringen durfte. Vorläufig blieb es bei kleinen Streitereien, aber die Aussichten auf ein weiteres harmonisches Familienleben waren gering und wurden immer geringer. Victor war jetzt schon größer als Milagro, er hatte eine wärmere Fellfarbe und ein perfektes Fleckenmuster. Zum Glück war er sich seiner körperlichen Überlegenheit Milagro gegenüber noch nicht bewusst. Eine typisch männliche Rivalität in Zukunft schien aber unvermeidlich.

Das wiederum führte bei uns zu der Überlegung, ob es nicht besser sei, entweder Milagro oder Victor kastrieren zu lassen. Wir entschieden uns für Victor, schon der Möglichkeit wegen, daß einer von beiden doch einmal Victoria decken würde.

Wenn Milagro der "Glückliche" wäre, dann wäre das höchstens "Linienzucht" und nicht "Inzucht", wie die Terminologien heißen, die eifrig in der Züchterwelt gebraucht werden. Mit anderen Worten: nur das Erbbild von Milagro würde doppelt in der nächsten Generation vorhanden sein und nicht wie bei einer Bruder-Schwester-Kombination beide Erbbilder. Das kleinere Übel also. Außerdem war Victor körperlich schon ausgewachsen, aber noch nicht sexuell an den Weibchen interessiert und er war auch noch nicht aggressiv. Das Gen für Aggressivität liegt nämlich bei Katzen (im übrigen halte ich mich da raus) auf dem Chromosom, das den (männlichen) Sex steuert, so habe ich gelesen. Das ist auch ganz gut zu verstehen. Bei den meisten Tieren ist es das Männchen, das die Gruppe oder die Familie verteidigen muss. Das ist ganz nützlich in der Natur, aber bei Tieren, die beschützt im Haus aufwachsen, hat es weder Sinn noch ist es angenehm. Für uns war sicher: mit der Kastration würde dieser Teil von Victors Entwicklung zum Stillstand kommen und das würde dem Frieden und der allgemeinen Harmonie in der Oncillafamilie zugute kommen.

Die Kastration einer Wildkatze ist immer ein Risiko und darum für den Besitzer ein schwerer Entschluss. Die Frage ist, wie wird das Tier die Narkose überstehen? Wildkatzen sind viel narkoseempfindlicher als andere Katzen. Das gilt für alle Wildkatzen, nicht nur für Oncillas, und wir wussten das.

Für diesen Eingriff konnte der Tierarzt nun nicht zu uns kommen, sondern wir mussten zur Praxis. Es wurde eine Zeit verabredet, in der keine anderen Patienten dort sein würden, damit Victor nicht auch noch fremde Leute oder gar fremde Tiere zu sehen bekäme. Mein Mann hatte einen Druckkäfig entworfen, etwa 70 cm lang und ca. 30 cm hoch und breit. An der Vorderseite eine Tür aus grobem Maschendraht, an der Rückseite eine Schiebetür, die blockiert oder aber auch nach vorn geschoben werden konnte, damit der Kater eng gegen das Gitter gedrückt werden konnte. Dann konnte man ihm schnell eine Narkosespritze geben. Dieser praktische Druckkäfig ist uns noch oft sehr nützlich gewesen.

Im Auto war Victor erst sehr ängstlich und unruhig gewesen. Beim Tierarzt wehrte er sich erst so sehr, daß die Assistentin und ich kaum die Schiebetür nach vorn drücken konnten. Die Spritze wirkte dann aber unheimlich schnell und schon nach ein paar Minuten lag Victor bewegungslos auf dem Operationstisch, und mich erfasste eine panische Angst. Die Kastration ging schnell und schon wurde der völlig regungslose Victor wieder in sein Kistchen gelegt. Der Tierarzt beruhigte mich, es sei ganz normal, daß die Narkose so tief sei. Victor würde wohl schon bald wieder aufwachen.

Während des ganzen Rückweges rührte er sich nicht. Sobald sich eine Parklücke bot, hielt ich an und fühlte, ob ich seinen Herzschlag spüren konnte, - nichts! Da fiel mir der kleine Spiegel ein, den ich in der Handtasche hatte. Den hielt ich ihm vor die Nase und ja, er beschlug. Also atmete Victor, wenn auch nur schwach und oberflächlich. So schnell wie möglich fuhr ich nach Hause und legte Victor im Wohnzimmer auf eine warme Decke in ein Körbchen, das ich in eine dunkle Ecke neben dem Sofa stellte. Alles so, wie der Tierarzt es mir gesagt hatte. Ich setzte mich dazu und konnte nichts anderes tun als warten.

Die Wohnzimmertür hatte ich etwas offen gelassen, damit ich im Hörkontakt mit dem Rest der Familie wäre, aber ich hörte nichts. Sie waren wohl alle im Garten, es war ein warmer Tag. Nach einer Weile kam Jantje und legte sich still neben mich. Ich bemerkte, daß jetzt bei mir die Reaktion auf die Spannung kam und auch darauf, daß ich in der Nacht aus Angst vor diesem Tage nicht gut geschlafen hatte. Ich wurde etwas schläfrig und streckte mich auf dem Sofa aus.

Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht. Als ich wach wurde, sah ich zuerst Buena. Sie saß auf etwa einem Meter Abstand von Victor entfernt und sah ihn an, unbewegt, so wie sie oft die Jungtiere beobachtet hatte oder Menschen, deren Benehmen ihr komisch vorkam, ganz ohne sich zu rühren, aber auch ohne sich auch nur eine Bewegung entgehen zu lassen. Victor hatte die Augen offen, bewegte sich und wollte aus dem Körbchen krabbeln, aber er fiel gleich wieder um. Beim nächsten Versuch kam er zwar aus dem Körbchen heraus, lag nun aber ziemlich hilflos auf dem Teppich. Wie ein Trunkenbold versuchte er sich aufzurichten.

In dem Augenblick kam auch Candy in die Stube, wie immer mit Victoria in der Nachhut. Candy schnüffelte an Victor und fauchte gleich darauf. Der fremde Duft, den er mitbrachte, störte sie sichtbar. Victoria kam auch zu Victor, aber sie erschrak vor ihm, drehte sich um und flüchtete mit einem großen Bogen um mich herum aus dem Zimmer. Sie gab mir wohl die Schuld an dem Unerklärlichen, das sich da abspielte. Recht hatte sie.

Candy blieb, aber sie postierte sich zur Vorsicht etwas hinter Buena. Ich nahm die Gelegenheit wahr, Victor einmal zu streicheln, was er in "nüchternem" Zustand nur selten mehr gestattete. Es dauerte noch wohl eine Stunde, bis Victor wieder einigermaßen normal laufen konnte.

Als mein Mann nach Hause kam, war seine erste Frage: "Wie geht es Victor?"

"Er lebt", sagte ich, "aber das verspreche ich dir, ich werde niemals wieder einen Oncillakater kastrieren lassen!" - Ein Versprechen, das ich schon bald und noch mehrere Male gebrochen habe.

Noch am gleichen Abend nahm Victor brav seine extra Portion Fleisch zu sich. Das war Balsam auf meine Wunde des schlechten Gewissens.

Als Hermien am nächsten Tage kam, erkundigte sie sich zuerst nach dem Patienten, der schon gar kein Patient mehr war. Ich war noch ziemlich deprimiert und in Reuestimmung. Hermien tröstete mich: "Dein Victor wird nun mehr oder weniger ein Kind bleiben. Was kann ihm besseres passieren?"

Sie hatte recht. Victor war zeitlebens ein freundlicher, liebenswürdiger Kater, sowohl für alle Katzen als auch für uns Menschen.

Wenn Buena rollig wurde, sahen wir uns an: "Sollen wir doch einmal mit ihr nach Wuppertal fahren und versuchen, sie von Bueno decken zu lassen?"

Bueno hatte im Max-Planck-Institut in Wuppertal inzwischen eine Partnerin bekommen, eine Margay, die Bonita getauft war. Herr Professor Leyhausen hatte sie in sehr verwahrlostem Zustand in einem Tiergeschäft entdeckt und sofort gekauft. Sie und Bueno waren ein schönes Paar und verstanden sich gut. Nachkommen hatten sie allerdings noch nicht miteinander. Bonita wurde wohl ab und zu heiß, aber sie verhielt sich ähnlich, wie unsere Buena. Sie schenkte ihre Liebe an Frau Leyhausen, die ihr nach allem Elend wieder mit guter Sorge über den Berg geholfen hatte.
Margays scheinen Gutes, das ihnen angetan ist, genau so wenig zu vergessen wie Elefanten. Wenn Bonita rollig war, wollte sie Frau Leyhausen ihre Liebe schenken, so wie Buena meinem Mann.

Wie würde unsere Buena sich Bueno gegenüber verhalten, wenn wir mit ihr eine so lange Reise unternehmen würden? Wir dachten, daß es ziemlich sinnlos wäre, sie der Strapaze auszusetzen. Ganz bestimmt wäre sie viel zu durcheinander und ängstlich, als daß sie sich von Bueno decken lassen würde. Und obendrein: wenn sie, so unwahrscheinlich das sein möchte, doch junge Margays bekommen würde, dann wussten wir im voraus, daß wir uns nie und nimmer von ihnen trennen könnten. Und unser Haus war schon jetzt kaum noch groß genug für alle kätzischen und menschlichen Bewohner. Vielleicht hätte es irgendwo auf der Welt Tierliebhaber gegeben, die bereit gewesen wären, dieselben Opfer zu bringen, die nun einmal nötig sind, wenn man so ein Tier in sein Haus nimmt. Wenn es sie gibt, dann kannten wir sie jedenfalls nicht.

Später habe ich noch über viel Tierelend gehört, als in den siebziger und achtziger Jahren in vielen Ländern als Folge des Wohlstandes ein regelrechter "Wildtier-Run" ausgebrochen war und manches Tier, das man erst seiner Schönheit wegen ins Haus geholt hatte, sich als keineswegs pflegeleicht erwies. Fast ohne Ausnahme enden alle Geschichten, die ich darüber hörte, mit Enttäuschung der Menschen und einem traurigen Schicksal der Tiere. Es waren nicht einmal immer die Besitzer der Tiere, die ihre Aufgabe, die sie auf sich genommen hatten, nicht durchführen konnten oder wollten. Es waren vor allem auch die Mitmenschen, die Familienmitglieder, die Nachbarn, mit einem Wort, die Gesellschaft, die sie zwang, wieder zu einem "normalen" Leben zurückzukehren.

Ein normales Leben ist in der heutigen Gesellschaft ein Leben in engster Gemeinschaft, in großen, überfüllten Städten, wo der eigene Lebensraum (das Territorium) durch andere bedrohlich überschritten wird. Aus der Tierwelt wissen wir, daß so etwas notgedrungen zu Aggressionen führen muss. Unsere Regierungschefs haben leider im Biologieunterricht nicht gut aufgepasst, sonst wüßten sie, daß sie selbst mit ihrer Unkenntnis der ursprünglichen, menschlichen Natur, die Verursacher der Misstände sind, die sie so scheinheilig verurteilen. Für Tiere ist in einer so explosiven Gesellschaft kaum noch Platz mehr. Hundebesitzer in der Stadt können ein Liedchen davon singen.

Von den heute bekannten Entwicklungen, die nicht nur viele Tierarten, sondern die Existenz der ganzen Erde bedrohen, hatten wir natürlich in der Zeit, von der ich erzähle, noch keine Ahnung. Wir hätten jemandem, der ein solches Zukunftsbild gezeichnet hätte, auch nicht geglaubt Alles war gut und würde immer besser werden. Allgemeines Wachstum war die Parole.

Nein, es ist schon gut, daß es bei unserem Traum von einer großen Margayfamilie geblieben ist, dem Traum und den Erinnerungen, die ich weiter geben darf, damit das Leben unserer Wildkatzen ein doppeltes Geschenk war: das Glück, das sie uns geschenkt haben und die Botschaft, die hoffentlich ein wenig zum Verständnis ihres Wesens führen kann.

Wie gut, daß man nicht in die Zukunft sehen kann. Die Liebe, die - wie man behauptet- eine Himmelsmacht sein soll, beherrschte unser ganze Katzenhaus immer mehr. Zum Trost ließen wir Buena, wenn sie heiß war, mit Milagro zusammen im Wintergarten. Ein kleines Männchen würde vielleicht besser sein als gar keins. Das ging dann so, daß Buena erst ihn an- fauchte, dann er Buena, oder umgekehrt. Danach bedachte Buena sich und präsentierte vor Milagro. Der bekam einen Mordsschreck und flüchtete, soweit er konnte. Das wiederholte sich, bis ich aus Mitleid mit Milagro die Tür vom Wintergarten wieder öffnete und die Hauptdarsteller der Aufführung sich in verschiedenen Richtungen davon machten.

Das war also nichts. Aber bald vergaßen wir diese Frage über einer neuen, die sich anbot: als erste von den drei Hybriden wurde Gladys heiß und zwar sehr sichtbar und lautstark. Sie rollte über den Fußboden, stieß heisere Schreie aus und benahm sich überhaupt recht unübersehbar. Sie schien damit genau Milagros Geschmack zu treffen, der wie ein Pfeil aus dem Bogen auf sie flog. Trotz des Größenunterschiedes gab es hier überhaupt keine Kontaktprobleme und in uns wurden die schönsten Hoffnungen wach. - Wie würden die Nachkommen von Milagro und Gladys aussehen? Wie zahm oder wild würden sie sein?

Nun, wir hätten uns die Mühe des Rätselratens ersparen können. Drei Wochen später war Gladys wieder rollig. Sie war also keineswegs schwanger. Gleichzeitig mit ihr war diesmal auch Gloria heiß. Da gerade Gloria immer mehr Zuneigung für die Abessinier gehabt hatte, lockten wir sie mit Sothis in einen Raum und Milagro mit Gladys in einen anderen. Diesmal würde es klappen. Vielleicht war die Verbindung mit den Abessiniern das Richtige.

Noch einmal drei Wochen später waren sowohl Gladys als Gloria wieder rollig und obendrein die beiden anderen Hybriden auch. Ich rief den Tierarzt an und fragte um Rat. Er schlug Hormonspritzen vor. Die Hormonforschung war damals natürlich noch nicht so weit wie heute, aber es gab immerhin eine Hormonkur, mit der die Ovulation bei Katzen stimuliert werden konnte. Diese Kur bekamen drei von den vier Hybriden. Es war nicht so schlimm, nur ein kleiner Einstich und sie merkten nicht viel davon, aber der doch schon so reizbaren Glauca wollten wir das nicht zumuten.

Viele Jahre sind seitdem vergangen und heute, mit dem gebührenden Abstand zu den Ereignissen jener Jahre, frage ich mich, warum wir uns soviel Mühe gaben, gerade diese Jungtiere zu bekommen. Wir hatten die Oncilla-Babys, wir konnten weitaus mehr junge Abessinier haben, als wir beherbergen konnten. Wir fanden es einfach interessant, und daß das so war, das war wohl der Einfluss derer, die uns immer wieder versicherten, wie einmalig diese Tiere waren. Es wäre wichtig zu wissen, ob man Nachkommen von Milagro und diesen Hybriden bekommen würde und wie die dann aussähen. Das dachte ich jedenfalls , - damals.

Zurückblickend finde ich es allerdings wichtiger, daß es uns gelungen ist, den Tieren ein möglichst gutes Leben zu bereiten, als dass sie der Wissenschaft zu Informationen verholfen haben. Kein Mensch, den ich kannte, dachte damals daran, daß wir einer Zeit entgegen lebten, in der saurer Regen, "totes Wasser", zerstörte Wälder und ein Ozonloch den Tages- und Wochenzeitungen genügend Stoff zum Schreiben liefern würden. In einer Zeit, wo es um den Erhalt der letzten, knapp gewordenen Lebensräume für die Tiere geht, ist wohl jedes Stückchen Regenwald wichtiger, als die Zahl der Chromosomen derer, die mit dem Aussterben bedroht sind. Denn die Zahl der Chromosomen spielte bei der Geschichte eine ganz entscheidende Rolle, wie wir noch sehen werden.

Nun, die Hormonspritzen wirkten. Und wie die wirkten! Gloria, Gladys und Glamour wurden gleichzeitig und lautstark so heiß, wie ein Backofen, "aus dem Stand auf 250 Grad, und Glauca "ungespritzt" wurde aus Solidarität genau so heiß. Wir hatten weder soviel Zimmer frei, noch Kater für jede einzelne Hybride, also ließen wir sie alle in ein Zimmer und brachten den einigermaßen verblüfften Milagro dazu. Zu locken brauchten wir ihn nicht, das taten Gloria & Co ganz allein. Was sich danach tat, kann man am besten mit dem Wort "Pandämonium" beschreiben.

Wenn wir auch nicht schlafen konnten, des Lärmes wegen, eins muß man Milagro nachsagen: er behielt die Übersicht und die Oberhand. Nachweislich und von uns kontrolliert haben wir mindestens jede der Katzen ein bis zweimal unter seinen Pfoten dahin schmelzen sehen.

So! Jetzt würden wir unseren biologisch so interessierten Freunden weitere Einblicke in die Verwandtschaft zwischen den Katzen der alten und der neuen Welt verschaffen können. Mindestens eine der Hybriden müsste nun doch Nachkommen bekommen. Es würde die Welt erschüttern!

Nun, erschüttert waren nur wir, als wir nach einiger Zeit entdeckten, daß keine der vier Hybriden schwanger war. Zurück blieb die Erinnerung an eine außerordentlich hektische Periode in unserem Leben, nach deren Wiederholung niemand verlangte.

Unsere Hybriden hatten also der Wissenschaft keine neuen Erkenntnisse zufügen können. Was das erste tote Kitten von Candy, das von Professor Leyhausen nach Amerika geschickt war, an Erkenntnissen gebracht hatte, haben wir nie erfahren. Ich habe aber die starke Vermutung, daß entweder der amerikanische Professor nicht sehr mitteilsam gewesen sein mußte, oder aber - und das scheint mir wahrscheinlicher, das Kitten, als es erst einmal das Land der unbeschränkten Möglichkeiten erreicht hatte, nicht mehr in einem Zustand war, in dem es noch wissenschaftliche Ergebnisse zu liefern im Stande war. Jedenfalls hatten wir nichts mehr davon gehört und ich weiß sicher, daß Professor Leyhausen es uns erzählt hätte, wenn er etwas Neues aus Amerika erfahren hätte.

Nach jenen so leidenschaftlichen Szenen mit den Hybriden und nach verschiedenen Manövern, die notwendig waren, um die Abessinierkatzen vor neuen Annäherungsversuchen von Milagro zu beschützen, war schon ab und zu einmal flüsternd so zwischen Suppe und Hauptmahlzeit das Wort Kastration gefallen. Aber das wäre dann doch wohl zu endgültig gewesen, und so konnte es passieren, daß Milagro im schönen Mai 1966 eines Tages zum Ehemann seiner Tochter Victoria wurde. Nach weiteren drei Wochen war uns deutlich: Victoria war schwanger. Das war an sich kein Problem, Victoria war jetzt zwei Jahre alt. Allerdings war sie noch immer so scheu und würde sich im Notfall wohl kaum helfen lassen.

Den anderen Katzen gegenüber wurde sie jetzt fast unfreundlich. Sie jagte Buena fort, wenn die sich ihr näherte, so daß die Arme, trotz ihrer größenmäßigen Überlegenheit vor Schreck auf ihren Schrank flüchtete, und sie war Milagro gegenüber ausgesprochen aggressiv. Nur Victor hatte die Ehre, seiner Schwester weiterhin das Fleisch "anreichen" zu dürfen, und Candy wurde leidsam geduldet. Da ich mich längst von den Strapazen des Oncillanestchens erholt hatte, freute ich mich ungeheurer auf den neuen Nachwuchs.
In meinem Tagebuch aus jener Zeit sind die Seiten bis zum letzen Millimeter voll geschrieben und außerdem liegen allerhand lose Zettelchen zwischen den Seiten. Ich muss damals so mitteilungsbedürftig gewesen sein, daß die Mitglieder des Haushalts nicht ausreichten.
Nur Hermien hatte so viel Zeit, daß sie mir immer geduldig zuhörte und ihr verdanke ich auch genau wie meinem Mann viele Hilfe beim Zurückrufen der Erinnerungen.

Immer wieder steht da, wie unzertrennlich in den verschiedensten Situationen die Familie der Oncillas war, zu denen Buena manchmal wohl und dann wieder nicht zu gehören schien. Aber nur für Buena und Candy war ich die Bezugsperson. Victor und Victoria hatten Candy, die ihr Schutzengel und ihre beste Freundin war, und Milagro fühlte sich verantwortlich für seine Familie (ohne Buena), aber er stellte sich völlig unabhängig von uns auf.

Als Candy ihre Jungen erwartete, hatten sie und ich eine fabelhafte Zusammenarbeit gehabt, bei der ich meine Grenzen kannte, aber die doch effektiv genug war, um auf die Geschehnisse einzuwirken. Ich hatte ihr ihre "Höhle" gezeigt, ihr neue Schlafplätze angeboten, wenn die alten "verbraucht" waren, und sie wie immer gefüttert.

Jetzt bei Victoria hatte ich nichts von meinen schönen, höchst persönlichen Weisheiten "Kleiner Leitfaden für Leute, deren Oncillas Junge im Wohnzimmer bekommen." Victoria war nicht wie Candy und Buena mit schlechten Erfahrungen in der Welt "da draußen" zu uns gekommen. Für sie waren wir weder die Retter aus Bedrängnis noch ein unerwartetes Refugium. Eigentlich waren wir eine völlig unwichtige Selbstverständlichkeit in der Welt, die sie kannte: unser Haus. Und die wichtigen Personen in dieser Welt waren ihre Verwandten. Sie wurde von Victor gefüttert oder von Milagro. Candy verteidigte sie gegen alles, was ihr zu nahe kommen könnte. Dass ich das Futter geliefert hatte und daß ich nur gar zu gern ihr einen sicheren Platz einräumen würde, an dem sie ihre Jungen zur Welt bringen konnte, nahm sie überhaupt nicht zur Kenntnis. Wie sollte ich sie nur in ein Zimmer oben locken können, in dem sie ihre Jungen in Ruhe zur Welt bringen könnte? Denn daß sie die bestimmt nicht inmitten der anderen Katzen aufziehen könnte, das war sonnenklar.

Der Anfang der Aktion war deutlich: ich mußte die Kisten und Körbe und vor allem die Mottenschrankhöhle nach oben in das kleine Zimmer bringen. Victoria mußte dort Dinge vorfinden, die sie als Nest oder Höhle gebrauchen könnte. Aber Victoria war so mit sich selbst beschäftigt, sie nahm nicht einmal Notiz von meinen Bemühungen. Mir wurde klar: mein einziger Bundgenosse war Candy mit ihrer Intelligenz. Ich rief sie und sie kam auch hinter mir her, wie immer, wenn ich: "Candy, komm!" rief. Oben zeigte ich ihr die "Höhle". "Voor de kindjes" sagte ich und sie unterzog alles einer Inspektion und ich hoffte, daß ihr halb spinnendes, halb fragendes: "ürrrr" wohlwollende Zustimmung ausdrückte.

Das war etwa vier oder fünf Tage vor dem Datum, an dem ich erwartete, daß Victorias Jungen geboren werden sollten. Es wurde also höchste Zeit, daß Victoria in das Zimmer zog, damit sie noch Zeit hatte, sich daran zu gewöhnen. Ich rief Candy und sagte "Candy, breng Victoria".

Das funktionierte nicht. "Candy, breng kindjes".
"Wieso?" fragten ihre Ohren und ihr Schwanz, der langsam hin und her schwengelte.
"Candy, bring Victoria, bring das Kind!"

Endlich schien Candy begriffen zu haben, sie ging halbwegs die Treppe herab und kam bald danach zurück, - mit Victor!
"Nein, Candy, nicht Victor, bring Victoria, bring anderes Kind!"

Mit einem leisen "rrrunkiiii", das ganz tief aus der Kehle kam und mit ihren Ohren fragte Candy: "Was ist los?"

Ich ging ihr vor nach unten; sie und Victor hinterher. Dann ging ich wieder rauf mit Candy ohne Victoria und wieder rauf mit Victor usw., bis ich auf eine Idee kam, die ich eher hätte haben sollen.

Ich nahm das Körbchen aus der Höhle mit herunter, stellte es, so nah es ging, in Richtung Victoria, nahm es auf, rief: "Kom Candy, breng Victoria!!!" - und ja, es wirkte. Sie kam mit einer zögernden Victoria langsam die Treppe herauf. Ich habe noch nie mit soviel Genugtuung eine Zimmertür geschlossen, wie die an dem Tag hinter Candy und Victoria, genau vor Victors Nase übrigens. Männer waren hierbei überflüssig. Den Eintragungen in meinem Tagebuch zufolge, hat die ganze Aktion mit kleinen Unterbrechungen mehr als zwei Stunden gedauert.

Victoria fand die Höhle und schien sich wohl darin zu fühlen. Sie legte sich hinein und Candy legte sich ganz nah an ihre Seite. Beide sahen sehr glücklich aus und ich hörte Candy leise spinnen. Vielleicht war es auch Victoria. Jetzt hatten sie nur eins nötig: gutes Futter und Ruhe. Also brachte ich in den nächsten Tagen Taubenstückchen und etwas frisches Fleisch mit Vitamintropfen, gab frisches Wasser, machte auf Zehenspitzen gehend ein wenig sauber und ließ sie im übrigen allein und in Ruhe.

Es dauerte eine ganze Woche und nichts geschah. Dann am Morgen des 14. Juli kam ich in das Zimmer und da lag Victoria ganz ruhig und neben ihr ein winziges Oncillababy. In solchen Augenblicken verdoppelt sich der Herzschlag. Das ist und bleibt ein Wunder. Candy lief etwas unruhig im Zimmer hin und her, als ob sie etwas zu erledigen hätte und vergessen hätte, was und wo. Als ich ihr das Futter anreichte, nahm sie es und brachte es zu Victoria. Aber die nahm keine Notiz davon. Sie lag völlig ruhig und zufrieden da. Alles schien wundervoll zu sein.

Auch am Abend nahm Candy wieder das Fleisch an und brachte es an Victoria. Ich dachte, daß die es wohl eher annehmen würde, wenn ich nicht dabei wäre und zog mich diskret zurück.

Am Tag darauf ging das Leben erst seinen gewohnten Gang. Ich bereitete das Katzenfrühstück. Irgendwo unten im Haus summte der Staubsauger. Zwei Katzen zankten sich ziemlich lautstark um irgend etwas und ich wollte gerade meinen Teller mit dem Oncillafrühstück nehmen und heraufbringen, da hörte ich einen durchdringenden Oncillaschrei. Ich lief zum kleinen Zimmer und öffnete die Tür. Da stand Candy vor der Tür und schrie wieder, schrie mich an und lief mir vor zu Victorias Höhle.
Da lag das schöne, kleine Kitten mit Bißwunden an Hals und Rücken und daneben eine vollkommen gleichgültige Victoria, die es nicht einmal mehr ansah.

Ich hatte die Tür in der Aufregung offen gelassen und Candy lief immer noch laut schreiend die Treppe herunter. Es war wie ein Protestschrei; anders kann ich es nicht beschreiben.

Nachdem ich das verletzte Kitten in ein Handtuch gewickelt hatte, rief ich den Tierarzt an. Er kam sehr schnell, gab mit der Spritze ein ganz klein wenig von einem Antibiotikum der Wunden wegen und riet mir, das Tierchen jede Stunde mit ein wenig von dem bewussten Milch-Ei-Vitamingemisch zu füttern. Eineinhalb Tage und zwei Nächte, in denen ich das Kitten neben meinem Bett hatte und jede Stunde fütterte, habe ich den kleinen Kater noch am Leben halten können. Dann ist er doch noch gestorben.

In der zweiten Nacht hatte ich noch eine andere Beschäftigung: meine ganz entzückende rote Abessinierkatze Miranda, eine der allerliebsten von den vielen Lieben, bekam ihre ersten Kitten, zwei Katerchen und zwei Kätzchen. Alle vier waren so strahlend rotgolden wie ihre Mutter. Miranda war wieder einmal eine der Katzenmütter, die "von selbst" wussten, was zu tun sei. Noch ein Problem wäre auch wohl zu viel für mich gewesen. Ich hatte Sorgen genug, erst einmal den Kummer um den kleinen Oncillakater, um den ich so gekämpft hatte, und dann auch noch um Victoria. Die weigerte sich nämlich, das kleine Zimmer oben zu verlassen. Ihr Futter ließ sie stehen. Candy dagegen weigerte sich, noch einmal wieder zu ihr gebracht zu werden.

Ich dachte darüber nach, wie es geschehen konnte, daß Victoria auf einmal ihr Kitten attackiert hatte. Denn daß es Victoria war und nicht etwa Candy, das war aus der ganzen Situation sichtbar. Candy war eine zur Oncilla gewordene Entrüstung. Sie wollte nichts mehr von Victoria wissen und auch in den ersten Tagen nichts von mir. Sie gab mir wohl die Schuld daran, daß ich nicht zur Stelle gewesen war, als sie schrie; jedenfalls kam es mir so vor und ich kannte meine Candy recht gut. Vielleicht hielt sie mich auch sowieso für alles verantwortlich, was geschah. Victoria, die Scheue, mußte wohl durch den Lärm im Hause nervös geworden sein, und für den war ich tatsächlich auch verantwortlich.

Trotz alledem machte sich der Schlafmangel in den vorhergehenden beiden Nächten jetzt bemerkbar. Am Tag darauf verschlief ich mich. Als mich die Dusche und viel starker Kaffee einigermaßen wieder munter gemacht hatten und ich endlich wieder wußte, wer ich war, mußte ich erst einmal nach Miranda sehen, die ihr „Extra-junge-Mutter“-Frühstück bekam. Dann machte ich die Runde zu Buena und den Oncillas und erst danach ging ich nach oben zu Victoria. Victoria saß auf der Fensterbank und schaute etwas verächtlich auf den Teller mit Fleisch, den ich auf den Boden stellte. Ganz zufällig warf ich einen Blick in die Höhle ... da lag ein kleines, sichtbar erst vor ganz kurzem geborenes Oncillakitten!

Es war einer der Augenblicke, in denen man völlig unvorbereitet eine Entscheidung treffen muss. Sollte ich Candy rufen? Aber sie hatte auch dem ersten Kitten nicht helfen können. Sollte ich hoffen, daß doch noch mütterliche Gefühle in Victoria erwachten? Sie sah nicht danach aus und es gab für mich auch keine Möglichkeit, sie zu dem Kitten zu bringen, wenn sie es selbst nicht wollte, und man sah, sie wollte nicht.

Mir fiel der Ausdruck von Professor Leyhausen ein: "Das erste Nest ist nur eine Generalprobe." Das mag in der Natur so seinen Sinn haben, aber ich hatte keine Lust, dieses kleine Tierchen auch noch sterben zu lassen, - es gab eine Lösung.

Schnell nahm ich das winzige Etwas auf und brachte es nach unten zu Miranda. - Wie würde sie reagieren? Nun, sie reagierte fast gar nicht. Sie schaute eben auf, leckte das Kleine etwas zerstreut kurz mit der Zunge übers Köpfchen und legte sich spinnend wieder zurecht. Ich legte das Kleine zwischen die vier anderen Babys und zu meinem Erstaunen fand es sofort eine Zitze und fing fast gierig an zu trinken. Die kleinen Pfötchen kneteten, das Mündchen saugte. Das war die erste Demonstration der Lebenslust unserer "Cilla", von deren Aktivitäten wir noch eine Menge merken sollten. "Das ist wenigstens eine Sorge weniger", dachte ich. Und so schien es auch, - vorläufig.
Das tote Kitten hatte ich in Plastik verpackt und für Herrn Professor Leyhausen bewahrt. Er holte es bald ab und hat es diesmal zu einem Institut in Bonn geschickt. Dort wurde es untersucht und es wurde später festgestellt, daß es nur 18 Chromosomenpaare hatte, im Gegensatz zu unseren Hauskatzen. Die Hauskatzen, zu denen auch die verschiedenen Rassekatzen gehören, haben 19 Paar Chromosomen. (Wir Menschen besitzen 23 Chromosomenpaare.) Das war also die Antwort auf unsere Frage, warum es zwar Nachkommen von den Abessiniern mit dem Oncillakater hatte geben können, aber keine Nachkommen von den Hybriden. Das war also so eine Art "Mauleselproblem". Die Maulesel, die Nachkommen von der Kombination von Pferd und Esel sind nicht fruchtbar. Die Natur ist da sehr wachsam, was die Produkte ihrer Entwicklung im Laufe der Evolution betrifft. Es ist schade, daß wir Menschen gerade solche Naturgesetze je länger, je mehr, auf allen Gebieten missachten. Ein Extremfall ist wohl die moderne Gentechnik, die der Natur ins Handwerk pfuscht Niemand kann die Folgen davon noch übersehen.

Auch in der Welt der Biologiewissenschaft gibt es ein "Tam-Tam". Ein paar Jahr später meldeten einige Bücher schon, daß es Feliden mit 18 Chromsomenpaaren gibt. Ich selbst sah es zum ersten Mal in "Genetics for Cat Breeders" von Roy Robinson, das 1977 erschien. Heute gehört das alles zu den normalen Erkenntnissen der Wissenschaft.

Komischerweise sind es, soviel ich erfahren konnte, vier Katzenarten, die nur 18 Chromsomenpaare haben. Alle vier leben oder lebten in den südamerikanischen Regenwäldern. Es sind die Ozelots, ihre kleinen Verwandten, die Margays (Baumozelots), die Oncillas (Zwergozelots oder Tigerkatzen heißen sie auch hier und da) und die Kleinfleckkatzen (auch Salzkatzen genannt). Sie alle haben natürlich regionale Unterarten.

Alle anderen Katzen, wild oder zahm, groß oder klein, ob es nun unsere Hauskatzen sind oder die Löwen, die Tiger oder sogar die Luchse, die Geparden und Servale, ja selbst der südamerikanische Jaguar haben 19 Chromsomenpaare. Es ist, als ob die Evolution mit den vier kleinen südamerikanischen Katzenarten und ihren Unterarten einen eigenen Weg eingeschlagen hat, der sich ausschließlich in den Regenwäldern von Südamerika entwickeln konnte.

Mich würde interessieren, wie viel Chromosomen die Schleichkatzen z.B. die Zibethkatzen und Genetten haben. Die Wissenschaft ist sich nicht darüber einig, ob sie wohl oder nicht zu den direkten Vorfahren unserer heutigen Feliden gehören, oder mehr oder weniger ein eigener Zweig der Felidenfamilie sind, der sich in langverflossener Vorzeit selbständig gemacht hat. Der Zoologe Beverly Halstead ist sehr positiv in seinem Urteil: "Die primitiven Feliden, aus denen die wahren Katzen sich entwickelten, waren die Zibethkatzen.“ - Es würde mich nicht wundern, wenn ich eines Tages irgendwo lesen würde, daß auch sie nur 18 Chromosomenpaare haben. Ich glaube sogar, daß die Anzahl der Chromosomen uns auch etwas über das Lebensalter der ganzen Art erzählt.

Professor Grzimek hat einmal eine (zahme?) Zibethkatze in seinem Hause gehabt und berichtet darüber in seiner Enzyklopädie "Grzimeks Tierleben". Es gibt noch mehr Berichte über die Schleichkatzen, die in oder bei den Häusern der Menschen gehalten wurden, z.B. im alten Ägypten, wo sie genau wie andere Katzen zur Bekämpfung der Mäuse und Ratten eingesetzt wurden.

Ich finde das alles so interessant, weil Abbildungen von gefleckten Genetten mich ein wenig an die Oncillas erinnern. Manche sind auch vertikal gestreift, wie unsere Oncillas. Weitläufige Verwandtschaft? Aber, ganz gleich, ob die Zibethkatzen und die Genetten nun mehr oder weniger zur großen Katzenfamilie gehören, eins ist sicher erwähnenswert: sie haben sich über mehr als 25 Millionen Jahren in Stand gehalten, fast unverändert, wenn auch mit vielen Subspezies. Genetten können wir gegenwärtig noch ab und zu im südlichen Europa finden und sogar, wenn auch seltener, in Südfrankreich und Süddeutschland. Es wird sogar behauptet, daß man schon einmal das eine oder andere Exemplar in Holland oder in Belgien gesehen haben will. - Eine 25.000.000 Jahr alte Art! Ist das nicht etwas, worüber man einmal nachdenken sollte? Wenn man bedenkt, dass der Homo sapiens erst vor ca. dreißig tausend (30 000) Jahren erschienen ist und die gemeinsamen Vorfahren der Affen und Menschen höchstens vor dreieinhalb Menschen (3.500.000) Jahren ganz vorsichtig anfingen, auf den Hinterbeinen zu balancieren, ohne ihre Arme zur Fortbewegung zu gebrauchen, dann gebührt es sich wohl, den Zibethkatzen einigen Respekt zu zollen, denke ich so. Aber ja, die sind auch mit allen ihren vier Pfoten auf der Erde geblieben. Sie haben keine Wälder vernichtet, keine giftigen Stoffe in die Luft gejagt und keine Atome gespalten. Wir haben uns laufend verändert, bis wir uns voll Stolz den "Homo sapiens" oder noch schlimmer: den "Homo sapiens sapiens" nannten, und das wird wohl der Grund sein, weshalb es ganz danach aussieht, daß wir die 30 Millionen Jahre niemals schaffen werden. Die ersten Feliden dagegen, soweit sie nicht in die Hände der Menschen gefallen sind, haben der Evolution standgehalten.

Es sieht ganz danach aus, daß die Entwicklung der kleinen südamerikanischen Wildkatzen und ihrer Unterarten einen eigenen Weg gegangen ist, der sich ausschließlich in den tropischen Regenwäldern vollziehen konnte. Mit der Vernichtung derselben Regenwälder, die längst nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, wird, zusammen mit unzähligen anderen Tierarten und Pflanzen, auch dieser Zweig der Feliden aussterben. In einem Zeitraum, der im Vergleich zur Erdenevolution wie eine Sekunde ist, haben wir Menschen einen Vernichtungsfeldzug größten Ausmaßes geführt.

Ich habe zu drei Exemplaren dieser Katzengruppe in engstem häuslichen Kontakt gestanden: zu Buena, der Margay, zu meiner Oncillafamilie und, trotz der nur kurzen Zeit, in der wir sie kennen lernen durften, zu "Margaytje", die den Namen Margaytje zu Unrecht trug, weil sie eine Kleinfleckkatze war. Außerdem kenne ich verschiedene Leute, teils persönlich, teils durch Briefkontakt, die einen Ozelot im Haus hatten. Von allen vier Katzenarten kann man sagen, daß sie außerordentlich intelligent, aber auch, wenn man sie richtig behandelt, friedfertig und treu den Menschen gegenüber sind. Selbst die scheueste unter unseren Oncillas, unsere Victoria, ist in ihrem ganzen Leben nicht ein einziges Mal Menschen gegenüber aggressiv gewesen.

Unser kleiner, toter Oncillakater war der erste in der Reihe der 18-Chromosomen-Träger, der zu der Erkenntnis dieses Unterschiedes zwischen den vier kleinen Wildkatzenarten und den übrigen Feliden beigetragen hat. Und so hat der kleine Namenlose doch noch ein wenig zoologische Geschichte gemacht.