Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 26 - Die Prägung

Zu Anfang erwähnte ich schon einmal das Buch von Professor Konrad Lorenz "Er sprach mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen". Das Hauptthema in diesem Buch ist die "Prägung". Soviel mir bekannt ist, war Professor Lorenz der erste Zoologe, der entdeckt hat, daß Tiere eine ganz besondere und interessante Eigenschaft haben: sie prägen sich zutiefst das erste Bild ein, das ihnen gleich nach der Geburt vor die Augen kommt. In normalen Fällen ist es das Bild der Mutter. Es ist amüsant und lehrreich zugleich, zu lesen, wie in einem Fall, der in dem Buch beschrieben wird, der Professor zur Gänsemutter wird, weil er der erste ist, den das Gänseküken zu Gesicht bekommt. Später las ich in einem anderen Buch, daß die Prägung dadurch zustande kommt, daß ganz bestimmte Teile des Gehirns des betreffenden Tieres so programmiert sind, daß sie nur dann, kurz nach der Geburt und zu keinem anderen Augenblick, diese Information aufnehmen können, die zu ihrer Sicherheit lebensnotwendig ist. Ohne die Mutter sind die Tiere hilflos jedem erstbesten Feind ausgeliefert und darum müssen sie nichts so gut kennen, wie ihre Mutter, die sie beschützt. Wie eine Münze bei der Prägung ihre endgültige Form erhält, so werden bestimmte Teile des Gehirns in dieser Entwicklungsphase (der so genannten sensiblen Phase) auf ein lebenswichtiges Verhalten programmiert.

Professor Lorenz entdeckte das alles mehr oder weniger durch Zufall. Er hatte lediglich das Verhalten eines Gänsekükens beobachten wollen, das aus dem Ei kriecht. Er hatte eine Truthahnmutter bis zwei Tage vor der Geburt auf zehn Gänseeiern brüten lassen. Danach hatte er die zehn Eier in eine Brutmaschine gelegt und wartete nun auf den großen Augenblick. Eins der Küken schlüpfte etwas früher als die anderen aus. Dieses erste Gänseküken taufte er "Martina" (in meinen Augen ein etwas unheilvoller Name in einem Land, an dem der Martinstag mit gebratenen Gänsen gefeiert wird!).

Martina kroch aus ihrem Ei und schaute Professor Lorenz mit einem Auge an. Als der Professor eine kleine Bewegung machte, begrüßte das Küken ihn in der Gänsesprache: mit einem ganz sanften Zwitschern. In dem Augenblick waren zwei der Wunder der Evolution in Wirkung getreten: das erbliche, genetische "Wissen" des jungen Gänschens um die Gänsesprache und die sich zu gleicher Zeit manifestierende "Prägung", die auch für den Professor eine ganz neue Offenbarung war.

Die Wirkung davon sollte er schnell erfahren. Als er nämlich das Küken der Sorge der Gänsemutter anvertrauen wollte, stellte sich heraus, daß das Küken nur eine Mutter kannte und das war er!. Das Küken watschelte hinter ihm her, wo immer er auch hinging, und stieß jämmerliche Klagelaute aus, wenn es ihn nicht sah.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als nun weiter die Gänsemutter zu spielen, und er merkte schnell, daß das gar nicht so einfach war. Das Küken erwartete von ihm alles, was ihm sonst seine eigene Mutter bieten würde, die Lehre, wie man sein Futter sucht, wie man schwimmt, die Verteidigung gegenüber Feinden und die schützende Wärme in der Nacht. Gerade das war eine sehr anstrengende Aufgabe, weil ein Gänseküken auch in der Nacht in kleinen zeitlichen Abständen die Versicherung braucht, daß es nicht allein gelassen ist, und das wird zu einer Art Frage- und Antwortspiel. Das Küken stößt einen kleinen, klagenden Pieplaut aus: "Bist du noch da?" und die Mutter lässt mit einem kleinen Antwortlaut wissen: "Sei nur beruhigt, ich bin noch hier."

Man muß das Buch von Professor Lorenz selbst lesen, ich kann das alles hier nur andeuten. Später hat der Professor auch noch ähnliche Erfahrungen mit anderen Vögeln gemacht. Mir gefällt die Geschichte am besten, die von der Krähe berichtet, die er großgezogen hatte, und die in ihm nicht nur die Mutter, sondern später auch den Partner sah. Sie baute nach guter Krähenart ein Nest für den zu gründenden Haushalt und zwar da, wo es sich am bequemsten bauen ließ: in der Tasche des Anzugs vom Professor. Nun mußte die Krähe ihren Partner nur noch dazu bewegen, ihm in sein schönes Nest zu folgen, was, allen Lockrufen zum Trotz, tragischer Weise nicht ausführbar war. Schließlich konnte der Professor nicht in seine eigene Jackentasche kriechen!

Das von der Prägung hatte ich auch zu der Zeit, von der ich erzähle, schon gelesen. Es kam mir gut gelegen, jetzt wo wir die kleine Cilla von einer Abessiniermutter aufziehen lassen würden. Wenn das stimmte, was ich gelernt hatte, dann brauchte ich nur zu sorgen, daß die Kleine als Erstes ihre Stiefmutter und ihre Geschwister zu sehen bekam, sobald sie ihre Augen öffnen würde, und sie würde sich so "abessinisch" fühlen, wie eine Katze sich nur fühlen kann. Das war logisch, dachte ich.

Mir schien das wünschenswert. Schließlich hatte der Aufzug des ersten Oncilla-Nestchens die Theorie befestigt, daß Jungtiere von zahmen Eltern noch lange nicht selbst zahm sein müssen. Von Natur aus sind sie es nicht und Candys gute Erfahrungen mit uns waren "erworben" und daher ­ nicht vererbbar. Man merkte Candy zwar an, daß sie sich alle Mühe gab, ihre Kinder an ihren Erfahrungen teilnehmen zu lassen. Andererseits gab ihre Erbmasse ihr aber doch die Befehle durch, die sie den Kleinen geben mußte: "Seid vorsichtig!", "Haltet Abstand!", "Hütet euch vor unbekannten Dingen!".

Bei Cilla würde das jetzt anders sein. Sie würde von Miranda nicht das Fürchten, sondern das Liebhaben und Vertrauen lernen, die schönste Kunst der Abessinier.

Darum und auch, weil wir keine Ahnung hatten, was Victoria tun würde, wenn sie das Kitten wieder sehen würde, bekam Miranda mit ihren Kleinen einen Platz in unserem Wohnzimmer, das noch immer im besucherfreundlichen Stadium gehalten wurde, als Konzession an diejenigen, die nicht grade viel Verständnis für unser Katzenhobby hatten. Die Oncillas, aber nach Möglichkeit auch die anderen Katzen, sollten, solange Miranda die Kleinen säugte, kategorisch aus dem Zimmer gewehrt werden müssen. Für Cilla sollte es auf der Welt vorläufig nur Abessinier und Menschen geben.

Uns gab das Gelegenheit, extra viel Zeit in der Nähe dieses so interessanten Nestchens zu verbringen. Es war eine helle Freude. - Zunächst jedenfalls ... .

Eines Tages hatte ich ein paar Einkäufe gemacht und ging, wie das so meine Gewohnheit geworden war, wenn ich zurückkam, zum Wohnzimmerfenster, das neben der Haustür lag, um schnell schon einmal hinein zu schauen. Oft sah Miranda mich dann schon und wenn ich ins Zimmer kam, stand sie schon vor der Tür, um mich zu begrüßen. Diesmal sah ich keine Miranda und im Körbchen, das man vom Fenster her sehen konnte, lagen nur die Jungtiere. Und auf einmal sah ich Miranda mitten auf dem Teppich liegen. Sie atmete schwer und konnte kaum das Köpfchen heben, um mich anzusehen.

Schnell ging ich zu ihr, versuchte herauszufinden, was los war. Ich konnte nichts Ungewöhnliches entdecken, aber ich sah, daß sie sehr krank war. Ich lief zum Telefon, rief unseren Tierarzt an, aber der war nicht zu Hause.

Nun hatte ich meinen alten, sonst sehr geschätzten Tierarzt kurz zuvor einmal an einem Sonntag zu einer Katze rufen wollen, die einen Unfall gehabt hatte, aber am Sonntag kam er aus religiösen Gründen grundsätzlich nicht. Bei der Gelegenheit hatte ich entdeckt, daß seit kurzem ganz bei uns in der Nähe ein reizendes Tierarzt-Ehepaar lebte, das meiner Katze damals wundervoll geholfen hatte.

Dort rief ich jetzt an und innerhalb von zehn Minuten stand Frau Dr. Evers schon bei uns im Wohnzimmer. Sie untersuchte Miranda, bestätigte mir, daß sie tatsächlich sehr krank sei, aber was ihr fehlte, konnte sie so schnell auch nicht sagen. Sie gab ihr als erstes eine Spritze, die den Kreislauf anregen sollte. Miranda reagierte, aber doch nur eine bisschen. Sie richtete sich auf, wollte zum Körbchen gehen, aber sie fiel gleich wieder um.

Frau Dr. Evers sah mir an, wie sehr ich mich ängstigte und sagte: "Machen Sie sich keine Sorgen, ich bleibe bei Ihnen, bis wir herausgefunden haben, was Miranda fehlt."

Nach einer Weile gab sie Miranda noch eine Spritze; ich glaube, es war etwas anderes, als das Herzmittel, das sie zuerst gegeben hatte, genau weiß ich es nicht mehr. Aber Miranda reagierte nicht. Weiter konnten wir für Miranda im Augenblick nichts tun, wir mussten abwarten, wie sie auf die Medizin reagieren würde.

Ich ging in die Küche, um Tee zu kochen. Dort fand ich eine weinende Saskia, die ich erst trösten mußte. Saskia war die Nachfolgerin von Els, die zu meinem Kummer mit ihrer Familie nach Amsterdam gezogen war. Aber ehe sie fortging, hatte sie selbst noch für eine Nachfolgerin gesorgt. Das war Saskia, die siebzehnjährige Tochter ihrer Freundin. Saskia liebte Tiere sehr und Katzen ganz besonders. Bei ihr waren die Katzen in allerbesten Händen. Jetzt war sie voller Sorge um Miranda und die Kleinen.

Inzwischen hatte Frau Dr. Evers Gelegenheit, sich die Jungtiere anzusehen. Als ich wieder ins Zimmer kam, fragte sie, warum das gefleckte Kitten zwischen den Abessiniern läge. Ich erzählte ihr von Victoria und daß sie ihr erstes Kind verstoßen hatte. Frau Dr. Evers hatte bei ihrem ersten Besuch bei uns bereits die Wildkatzen sehr bewundert.

"Es ist so schade", sagte ich, "daß Victoria das Baby nicht selbst großziehen will. Milch hatte sie genug, ihre Milchdrüsen waren so groß, wie ein halbes Äpfelchen, das konnte ich sehen."

Frau Dr. Evers sah mich nachdenklich an: "Sagten sie, so groß, wie ein halber Apfel?"

"Na ja, so groß wie ein halber, kleiner Apfel."

Frau Dr. Evers sah sich die Milchdrüsen von Miranda an. Sie waren so groß, wie die von allen säugenden Abessiniern, kaum so groß, wie eine halbe Walnuß. Sie fragte: "Wie groß waren eigentlich die Zitzen von Candy, als sie ihre Jungen hatte?"

"Viel größer, als die von anderen Katzen, auch etwa wie ein halber, kleiner Apfel."

"Dann haben die Oncillas also viel mehr Milch, als unsere Hauskatzen und dann wird die kleine Oncilla hier auch wohl viel mehr trinken, als die Abessinierkitten. Da haben wir schon die Antwort auf unsere Frage!"


Frau Dr. Evers stand auf: "Ich muss schnell mal telefonieren." Sie rief in ihrer Praxis an und sagte etwas, was ich nicht gut verstand und fügte hinzu: "Aber schnell!!" und hing auf.

Dann erst erklärte sie mir, was los war. "Das Mittel, das ich mir bringen lasse, ist etwas, was man nur selten für Katzen braucht. Aber bei Kühen kommt es oft vor, daß sie, wenn sie zu viel Milch geben müssen, Kalk- und Magnesiummangel entwickeln. Das erzeugt dieselben Erscheinungen, wie die, die Miranda hat. Schwindelanfälle, bei denen das Tier umfällt, die Herztätigkeit lässt nach, und wenn man es nicht erkennt und nicht sofort behandelt, kann es zum Tode führen. Ich vermute, daß Miranda den großen Milchbedarf ihres Stiefkindes einfach nicht verkraften konnte.

Schon bald danach läutete es an der Tür und die Medizin wurde abgegeben. Sofort zog Frau Dr. Evers eine Spritze davon auf und injizierte sie bei Miranda. "Jetzt müssen wir abwarten, ob meine Theorie richtig ist." sagte sie.

Ehrlich gesagt war ich zu nervös und ängstlich, um auf die Uhr zu sehen, aber es wird wohl nicht mehr als eine halbe Stunde gewesen sein, da stand Miranda plötzlich auf und ging, noch etwas vorsichtig, aber ohne sich nach uns umzusehen, zu ihren Babys, die sofort über sie herfielen und zu trinken begannen.

Frau Dr. Evers packte ihre Sachen ein: "So, jetzt brauchen wir uns erst einmal weiter keine Sorgen zu machen. Ich komme morgen wieder vorbei und werde nach der Patientin sehen. Dass Miranda extra gutes Futter nötig hat, brauche ich wohl nicht zu sagen."

Nein, das brauchte sie wirklich nicht. Ich bedankte mich herzlich bei Frau Dr. Evers und ging erst einmal ins Zimmer zu Miranda. Ich war unglaublich glücklich, daß sie gerettet war. Und auch die Babys waren gerettet. Ach, ich hatte das Gefühl, als ob ich selbst gerettet war. Seitdem rief ich Frau Dr. Evers, wenn meine Katzen einen Tierarzt brauchten. Heute lebt Frau Dr. Evers nicht mehr, aber in meinem Herzen hat sie für immer ein Denkmal.

Die ungleichen Babys wuchsen und gediehen prächtig. Bald liefen sie schon durch unser Zimmer und machten ihre ersten Spiel- und Kletterversuche. Dabei stellte sich dann heraus, wo die viele Milch geblieben war. Die hatte sich bei Cilla in ungebändigte Energie umgesetzt. Obwohl sie kleiner war als die jungen Abessinier und im Gewicht immer etwa zwanzig Gramm hinter den anderen zurücklag, war sie doch viel stärker. Sie war die ausgesprochene Anführerin der Rasselbande. Alles was Muskelkraft erforderte, sich balgen, klettern, rennen, konnte sie besser. Sogar ihre Stimme war, wenn nötig, weitaus durchdringender. Sie und ihre Stiefgeschwister waren unzertrennlich. Aber die Zärtlichkeit der Abessinier hatte sie trotzdem übernommen, sie entwickelte sich zur Schoß-Oncilla und damit war sie schon ein Unikum.

Als die Kitten zehn Wochen alt waren, kam Frau Dr. Evers, um sie zu impfen. Sie war mit mir stolz, als sie sah, wie strahlend gesund sie alle aussahen, Mutter Miranda und auch die Babys. Eine Woche später entschloss ich mich, die Familie Miranda auf den Rest des Haushalts loszulassen. Ich war riesig gespannt, wie sich die Bekanntschaft mit den ihr zwar unbekannten, aber doch nahen Verwandten von Cilla entwickeln würde. Sie waren alle im Nebenzimmer, Candy, Milagro, Victor und Victoria und natürlich auch Buena. Ich öffnete die Schiebetür. Wie Miranda und die kleinen Abessinier reagierten, weiß ich gar nicht, meine Augen waren nur auf Cilla gefestigt. Die stand einen Augenblick wie erstarrt, schaute zu den Oncillas herüber und stieß einen lauten Schrei aus. Dann nahm sie einen Anlauf und stürzte sich förmlich auf Candy. Die kam ihr entgegen, schnüffelte an ihr, stupste sie mit der Nase und leckte dann ausführlich über ihr Köpfchen. Es war wie die Geschichte vom verlorenen Sohn, nur das geschlachtete Kalb fehlte. Eine Vorstellungszeremonie war überflüssig. Cilla wußte „a priori“: zu denen gehöre ich!

Seitdem verteilte Cilla ihre Liebe ehrlich zwischen Miranda, mit der sie, so lange sie lebte, ein sehr zärtliches Verhältnis hatte, und den Oncillas, die sie unzweifelhaft als ihresgleichen betrachtete.

Viele Fragen sind offen geblieben. Wieso erkannte Cilla die Oncillas und war so freudig überrascht? Wie ist das mit der Prägung? Die Augen bei den Oncillas öffnen sich ein paar Tage später als die der anderen Katzen. Oft erst am zwölften Tage. In dem Augenblick hat sie nur Abessinier gesehen. Sollte es eine Prägung des Geruchssinnes geben, die schon gleich nach der Geburt entwickelt war? Cilla war schließlich in den ersten Lebensminuten bei ihrer wirklichen Mutter. Wir werden es wohl nie erfahren. Für mich bleibt die ganze Geschichte ein Wunder, das ich akzeptiere, ohne eine weitere Erklärung nötig zu haben.

Etwa um die vorletzte Jahrhundertwende, lange Zeit bevor Professor Lorenz seine tierfreundlichen Experimente mit "dem Vieh, den Vögeln und den Fischen" ausführte, lebte in Südafrika ein Mann namens Eugène Marais. Auch er wollte die Geheimnisse des Verhaltens der Tiere erforschen, eine Beschäftigung, die in jenen Tagen ganz gewiss nicht viel Anerkennung fand, weitaus weniger als heutzutage, wo niemand mehr übersehen kann, daß die Verhaltensforschung eine wichtige und wertvolle Wissenschaft ist, mit Ausnahme der ganz Verstockten, die sie für überflüssig oder ihrer Glaubenslehre nicht entsprechend finden. Eugène Marais beobachtete Ameisen, Affen, Ottern und viele andere Tiere. Sein ganz besonderes Interesse galt den Webervögeln, deren Name daher stammt, daß sie ihr Nest im wahrsten Sinne des Wortes aneinander "weben". Sie flechten ein hängendes Gebäude, das aus kleinen Zweigen besteht und das wie eine zu groß geratene, hohle Birne aussieht, die da im Baum hängt. In diese schwebenden Nestchen legen die Vögel ihre Eier und dort ziehen sie auch ihre Jungen auf.

Marais wollte mehr über dieses kunstfertige Talent der Webervögel wissen und gab seinem Kanarienvogel einige Eier von den Webervögeln, um sie von ihm ausbrüten zu lassen. Die Eier wurden ausgebrütet und die Jungen wurden groß und legten ihrerseits Eier, die Marais wiederum von Kanarienvögeln ausbrüten ließ. Und so ging das vier Generationen lang.

Keines dieser Tiere hatte Gelegenheit oder Material zum Bau eines Webervogelnestes. Erst die vierte Generation wurde wieder frei gelassen und zwar in der Nähe von Bäumen, deren Material zum Webervogel-Nestbau geeignet war. Und siehe da, die jungen Vögel, die von niemandem zum Bau eines Nestes nach Webervogelart ausgebildet waren und ein solches auch nie zu Gesicht bekommen hatten, machten sich sofort an die Arbeit und webten ein perfektes, hängendes Nest. Ihr Genmaterial war von vier Generationen falscher Haltung nicht angetastet worden. Ein Webervogel bleibt nun einmal ein Webervogel, auch wenn er in einer Kanarienvogelfamilie aufwächst, und eine Oncilla bleibt eine Oncilla trotz der Erziehung durch eine Abessiniermutter.

Den Bericht über die Webervögel findet man (manchmal leider ganz ohne Erwähnung des Namens von Eugène Marais) gegenwärtig in manchen Büchern über das Verhalten der Tiere. Ich nenne als Quelle das hochinteressante Buch "Adam kam aus Afrika" von Robert Ardrey. Man könnte denken, daß diese Geschichte den Erkenntnissen der Lorenz‘schen Prägung widerspricht, aber das ist nicht so. Ihre Sicherheit in ihrer hilflosen Phase suchte Cilla ganz bestimmt bei der Mutter, die sie erzog. Aber neben dem Genpaket mit festen Informationen, das die Tiere auf ihren Lebensweg mitbekommen, bringen die Gene auch die Fähigkeiten und selbst die Erfahrungen unzähliger Generationen mit. Das Erbgut, aber auch die Entwicklung der Vorfahren sind die Grundregeln im offenen Buch der Lernfähigkeit.

Die Tiere machen ihr Leben lang von diesem Erbgut Gebrauch.

Und wir.....?