Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 28 - Stolpersteine

Das oben stehende, holländische Sprichwort besagt es deutlich: Esel sind nicht so dumm, wie wir Menschen immer gern behaupten. Allerdings sind sie meist außerordentlich gutmütig, was nicht nur beim Esel oft mit Dummheit verwechselt wird. Störrisch sind sie allerdings, das heißt, sie zeigen Charakter, auch in hoffnungslosen Fällen. Dazu gehört eine gute Portion Mut. Aber der Esel wird immer vor dem Menschen verlieren, das sieht man oft genug in den Sendungen und Berichten über den Esel als Lasttier, das mit viel zu schweren Lasten arbeiten muss, bis es zusammenbricht und dann seinem Schicksal überlassen wird. Keine Altersrente für überarbeitete Esel.

Wenn man vom Esel sagt, daß er nicht zweimal an demselben Stein stößt, also nicht zweimal denselben Fehler macht, dann geht daraus hervor, daß er wenigstens weniger dumm ist, als wir Menschen. Wie oft stoßen wir uns nicht an demselben Stolperstein!

Ich selbst bin dafür ein gutes Vorbild. Immer wieder bin ich über dieselben Steine gestolpert. So hatte ich z.B. bei allen wichtigen Ereignissen, meinem Versprechen gemäß, der Presse alle Auskünfte erteilt, nach denen ich gefragt wurde, auch die nicht relevanten, und das hatte ab und zu etwas frappierende Resultate. Aber das war nicht das Schlimmste, eher hatte meine eigene Mitteilsamkeit, die kleinen Berichte, die ich für die Katzenmagazine schrieb, viele Neider gebracht und zwar gerade unter den Leuten, von denen ich erwartet hatte, daß sie sich mit mir freuen würden. Im Nachhinein war das eigentlich auch ganz logisch:

Die Leser der Vereinszeitschriften hatten selbst Katzen und es ist eine bekannte Tatsache, daß jeder seine eigene Katze (oder seinen Hund, sein Pferd, seine Taube) das schönste Tier von allen findet. So muss es auch sein, das hängt mit dem Kontakt zu dem Tier zusammen, das einem anvertraut ist.

Immerhin, ein wenig hatte ich im Jahr 1966 aus den Ereignissen doch gelernt. Als nämlich im November 1966 Candy noch einmal Nachkommen erwartete, erzählte ich es niemand. Nur die Familie, mein Tierarzt und meine alte Freundin Hermien wurden unterrichtet. Als also am 7. November die beiden Oncillakitten geboren wurden, die wir später Marius und Sulla nannten, herrschte eine weitaus entspanntere Stimmung bei uns, als vor und nach der Geburt von Victor und Victoria. Und siehe da, auch auf Candy schien sich unsere ruhige Stimmung zu übertragen. Sie war keineswegs nervös und mißtrauisch mehr, schleppte ihre Kitten nicht herum, warnte sie nur noch ein ganz klein bisschen vor uns und stritt sich nicht einmal mit den anderen Katzen, wenn die zufällig mal ins Babyzimmer kamen.

Milagro hielt ich trotzdem in den ersten Wochen von ihr fern. Er hatte genug Gesellschaft an seinen älteren Kindern und den anderen Katzen. Das Wichtigste aber war, daß ich gelernt hatte, daß ich in der Zeit, in der die Jungtiere aufwuchsen, zu Hause bleiben mußte, und daß ich mich täglich mit den Kleinen beschäftigen mußte. So wurden Marius und Sulla zwei junge Oncillakinder, die zwar genau so schön waren, wie Victor und Victoria, aber trotz aller Ähnlichkeit waren sie doch sehr verschieden von ihrem großen Bruder und der Schwester. Sie gingen viel vertraulicher mit uns und den anderen Katzen um.

Das Vertrauen der Tiere in ihre Umwelt kann nur in einer Umgebung aufgebaut werden, die ruhig ist oder wenigstens keine "artfremden" Geräusche erzeugt. In Tierfilmen kann man ab und zu, allerdings immer seltener, die Bemerkung hören: "Hier haben die Tiere noch Vertrauen zu den Menschen. Das kommt, weil hier nicht gejagt wird und keine Touristen zugelassen sind." Ich bin dankbar, daß ich damals für unsere Tiere eine Atmosphäre von Vertrauen habe schöpfen können.

Ich glaube und behaupte, daß unsere Tiere, trotz der räumlichen Grenzen, die Haus und Garten ihnen auflegten, sich nie als Gefangene gefühlt haben. Innerhalb der vier Wände in unserem Haus herrschte ein ungeschriebenes Gesetz gegenseitiger Toleranz.

Die Zeit, in der Marius und Sulla aufwuchsen, habe ich als eine Periode von Ruhe und Freude in Erinnerung. Diese beiden waren ihrer Mutter wie aus dem Fell geschnitten. Das kleingefleckte Fell mit goldgelbem Untergrund und auch den feingliedrigen Typ hatten sie von Candy. Und beide schienen ihren feinfühligen Charakter geerbt zu haben.

Sorgen hatten wir erst wieder, als wir eines Tages entdeckten, daß Milagro Victoria deckte. Es war zu spät, um dazwischen zu kommen, aber Freude kam nicht auf. Victoria war noch immer so scheu wie eh und je und es ist eine feststehende Tatsache, daß Unsicherheit und Misstrauen der Umgebung gegenüber eine schlechte Basis für mütterliche Gefühle sind, besonders bei Wildtieren. Das eben ist der Hauptgrund, warum es in Tiergärten so selten Nachwuchs von den kleinen Wildkatzenarten gibt.

Wir würden mit einer ähnlichen Situation rechnen müssen, wie bei Victorias erstem Wurf, aber diesmal würde es keine Miranda geben, die auch gerade Jungtiere hatte und Stiefmutterpflichten übernehmen könnte. Mit Argusaugen beobachteten wir, seit Victoria gedeckt war, unsere Abessinier, ob nicht eine davon rollig würde. Endlich, nach etwa zwei oder drei Wochen, war es die noch junge, aber immerhin gerade ein Jahr alte Nicolina, die sich meldete und natürlich sofort zum Kater Emir gebracht wurde. Zum Glück wurde sie gleich trächtig.

Als Victoria ihr Baby bekam, geschah was wir schon erwartet hatten. Sie deponierte es in ein Körbchen und ging ihrer Wege. Wir waren schon froh, daß sie es ungeschoren ließ. Nicolinas Kitten waren noch nicht geboren und so mußte ich den kleinen Kater erst einmal selbst mit Kunstmilch am Leben erhalten. Alle zwei Stunden, Tag und Nacht eine Portion, dann das Bäuchlein mit einem nassen Wattebausch massieren, damit er auch Verdauung hatte. - Wie war das noch mit der Prägung? - Wurde er auf mich geprägt oder ich auf ihn? Wir haben uns Zeit seines, leider nur kurzen Lebens, sehr geliebt.

Jetzt allerdings war alles, was ich mit meiner Kunstnahrung erreichen konnte, daß er am Leben blieb. Sein Gewicht nahm kaum zu und wir waren riesig erleichtert, als endlich Nicolina ihre drei Babys bekam. Wir hatten mit viel List und Tücke ihr täglich ein Vitamin-Kalzium-Präparat unter das Fleisch gemischt. Das war gegen Kalkmangel vorbeugend aber, wie so manche gute Medizin, nicht schmackhaft. Darum war es notwendig, sie mit kleinen Mengen an den Geschmack zu gewöhnen. Jetzt nahm sie es ohne weiteres an und so hatten wir auch keine Probleme, als sie den kleinen Oncillakater als Stiefkind dazu bekam. Wir nannten ihn Rex.

Rex war äußerlich "ganz der Vater". Allerdings im Wesen war er das genaue Gegenteil. Milagro demonstrierte unabhängige Selbständigkeit, Rex dagegen war zärtlich und anhänglich, spielerisch und voll Vertrauen zu Menschen und Katzen. Er blieb sein Leben lang Nicolinas auserkorener Liebling. Seine Stiefgeschwister liebte er heiß und innig und er spielte, als ob er sich seiner größeren Kraft voll bewußt wäre, und hielt seine scharfen Krallen und Zähne unter Kontrolle. Unser Haus war seine Welt, unser Garten sein Garten und wir alle, ohne Ausnahme, waren seine Familie.

Wir hatten jetzt acht Oncillas und die Kapazität unseres Haushalts war damit reichlich ausgelastet. Dazu kam, daß ich es immer noch nicht lassen konnte, ab und zu ein Nestchen von den Rassekatzen haben zu wollen, ein Fehler, ein Stolperstein sozusagen, den ich viel zu spät bereut habe, als wir schon mehr Katzen hatten, als gut für uns war. Aus jedem Nestchen blieb eben mindestens eins bei uns, weil ich mich nicht davon trennen konnte. Eine Ausrede dafür fand ich immer. Über diesen Stolperstein bin ich immer und immer wieder gestolpert. Ein Esel hätte man sein müssen, dem wäre das nicht passiert. Ich war, wie schon gesagt, zum Züchter nicht geeignet.

Schweren Herzens entschlossen wir uns, Milagro kastrieren zu lassen, und auch Marius wurde, als er etwas älter als ein Jahr war, kastriert. Dasselbe Los wurde dann auch später unserem kleinen Rex zuteil. In all' den Jahren hatten wir niemand gefunden, der eine Oncilla unter Bedingungen halten würde, wie wir sie für erforderlich hielten. Übelnehmen konnte man das niemandem, denn wir wussten, wie viel Opfer man für die einigermaßen freie Haltung der Wildkatzen bringen mußte. Mindestens einmal im Jahr mussten unsere Möbel neu überzogen werden, ein großer Teil des Hauses war den Tieren zur Verfügung gestellt und für andere Dinge blieb wenig Raum.

Trotzdem gehören diese "Opfer" zu dem Teil meines Lebens, den ich wieder so machen würde, wenn ich noch einmal von vorn anfangen könnte. Manches, nein, vieles andere, dem "normalen" Beschauer weitaus Selbstverständlichere, würde ich dagegen gern ungeschehen wissen. Nichts in meinem Leben hat sich so gelohnt, wie die Erfahrungen, die mir die so genannten "Wilden" übermittelt haben. Die Erfahrungen dagegen mit der so genannten zivilisierten Menschheit, mit den "Zahmen" also, sind nicht so ganz ungetrübt.

Obwohl wir die Tierschutzinvasion an meinem Geburtstag als ein amüsantes Intermezzo betrachteten, so war sie uns doch ein Menetekel, das uns zeigte, wie verletzlich man ist, wenn man in unserer fest geregelten Gesellschaft aus der Reihe tanzt, sicher wenn es um den Besitz von lebenden Tieren geht. Man ist nicht nur "anders" als die meisten, man hat in ihnen auch eine verletzliche Achillesferse.

Es kam noch etwas dazu, das ich noch nicht erzählt habe, ein noch nicht aufgedeckter Stolperstein sozusagen. Ich werde also jetzt beichten müssen.

Dafür muss ich zum Frühjahr 1963 zurückgehen. Cleonie hatte ihren ersten Wurf gehabt. Anuschka und ihr Bruder Nono waren bei uns geblieben. Nono war ein zärtliches, anhängliches Katerchen, jetzt grade 6 Monate alt, und sollte gerade kastriert werden, als ich einen Brief von einer Dame aus Schweden bekam, die nach einem Abessinierkater fragte. Ich schrieb zurück, daß ich gerade keine Jungtiere hätte, nur einen jungen Kater, den ich aber selbst behalten wolle. Die schwedische Dame versicherte mir in allen Tonarten, daß sie den Kater so gern haben wolle und daß er ein liebevolles Heim bei ihr finden würde. Allerdings durfte er damals nicht direkt nach Schweden eingeflogen werden, weil dort Quarantäne bestand. Aber eine dänische Bekannte der schwedischen Dame würde Nono für 6 Monate liebevoll versorgen und danach würde er ohne Probleme nach Schweden weiter fliegen dürfen. Die Dame in Dänemark hätte einen Siamesenzwinger und auch eine Tierpension, die gleichzeitig Quarantänestation sei. Anders als in einer staatlichen Quarantänestation seien die Tiere dort in persönlicher Obhut der Dänin. Es klang alles sehr verlässlich. Also ließ ich mich überreden und versprach, Nono an die Adresse in Dänemark zu schicken.
Leider viel zu spät und nach vielen Stolpersteinen habe ich gelernt, dass man eben nichts tun sollte, nur weil andere das so gern wollen und weil man sich mit dem "Nein" sagen schwer tut. -

Diesmal mußte ich nicht nach Schiphol, um eine Katze zu holen, sondern um eine fort zu bringen. Nono saß ruhig in seinem Körbchen, er vertraute mir noch vollkommen. Als ich ihn dort allein zurücklassen mußte, überfiel mich das ganze Elend des Abschieds. Ich fuhr weinend nach Hause. Trotzdem dachte ich noch immer, daß ich das Richtige getan hatte. Wir hier hatten schon viel zu viele Katzen und dort war jemand, der Nono so gern haben wollte. Sie können nämlich völlig harmlos aussehen, die Stolpersteine, an denen man sich stößt. Schnell bekam ich den Bericht, daß Nono gut in Dänemark angekommen sei, daß man ihn schön fände und ihn gleich einmal ausstellen wolle. Zu dem und dem Datum wäre nämlich eine Ausstellung in Kopenhagen.

Ich entschloss mich von dieser Gelegenheit Gebrauch zu machen, um Nono noch einmal zu sehen. Ich nahm den Nachtzug nach Kopenhagen, der gegen acht Uhr am Abend aus Arnheim abfuhr, und war am nächsten Morgen in Kopenhagen. Dort nahm ich ein Taxi zur Ausstellung und fand mit Hilfe eines Katalogs schnell den Käfig, in dem Nono saß. Ich ging zu ihm und sprach ihn an: "Nono, kennst du mich noch?" Nono sah auf, schaute mich mit traurigen Augen an und drehte mir den Rücken zu. So hat er den ganzen Tag gesessen oder gelegen, bis ich am Abend wieder zum Zuge mußte. Ich weiß und wußte damals schon, daß eine Katze ihre Verachtung und Abscheu auf diese Weise zu erkennen gibt, indem sie jemandem den Rücken zudreht. Es war deutlich, daß Nono mir nicht vergeben konnte, daß ich ihn im Stich gelassen hatte. Aber, und das war viel schlimmer, ich wußte, daß er sehr unglücklich war. Bei uns zu Hause war er ein so fröhliches Katerchen gewesen. Ich hatte das Gefühl, als ob ich mein eigenes Kind verkauft hätte.
Im Laufe des Tages kam auch die zeitweilige Gastfrau zum Käfig. Sie hatte gehört, daß ich aus Holland gekommen sei. Sie begrüßte mich, d.h. sie sagte etwas, das sich wie Begrüßungsworte auf Dänisch anhörte. Sie wollte mir Nono auf den Arm geben, aber es gelang ihr nicht, ihn aus dem Käfig zu holen. Er wehrte sich und man sah, daß er sich vor ihr fürchtete.

Ich deutete mit Gebärden an, daß sie ihn im Käfig lassen sollte, und versuchte mit ihr zu reden. Erst Englisch, dann Deutsch, dann mit dem bisschen Französisch, das mir grade noch gelingt, aber sie sagte nur irgend etwas auf Dänisch und das verstand ich nun wieder nicht. So blieb nur die Gebärdensprache zur Konversation übrig. Mir war deutlich, daß alles, was ich noch für Nono tun konnte, war seine Gastfrau bei guter Laune zu halten.

Auch das ist eine bekannte, wenn auch traurige Tatsache, daß viele Leute ihre Sympathie oder Antipathie dem früheren Eigentümer gegenüber -bewusst oder unbewusst - auf die Tiere übertragen. Also fing ich erst einmal damit an, daß ich die dänische Dame zu "Smörrebröd" und Kaffee einlud, und danach ging sie mit mir zu ihren Käfigen, in denen ihre Siamesen saßen. Mit bewundernden Lauten und Gebärden deutete ich an, wie gut mir ihre Tiere gefielen. Das war nicht schwer, denn die Siamesen, die sie mir zeigte, waren wirklich wunderschön. Sie hatten eine Farbe, die ich noch nie gesehen hatte: es waren lilac-point Siamesen. Die gab es in Holland zu der Zeit noch gar nicht. Wir trennten uns als schweigende, aber (vielleicht gerade darum?) gute Freunde, und ich konnte nur das Beste für Nono hoffen. Zurückbekommen würde ich ihn nicht. Ich hatte ihn im wahrsten Sinne des Wortes "verraten und verkauft".

Etwa vier Monate nach meinem betrüblichen Wiedersehen mit Nono in Kopenhagen kam ein Brief von der dänischen Dame in englischer Sprache. Den hatte wohl irgend jemand für sie geschrieben. In dem Brief stand, daß das siamesische Kätzchen, das ich auf der Ausstellung in Kopenhagen bestellt hatte, jetzt groß genug sei, um verschickt zu werden und dann und dann in Schiphol ankommen würde. Bezahlung bitte per Bankscheck. Sie hatte meine gestikulierende Bewunderung dahingehend gedeutet, daß ich eins ihrer Jungtiere kaufen wollte.

Ich sagte zu meinem Mann: "Das wird wohl so vom Schicksal bestimmt sein....." und holte die kleine Lilac-point-Siamesin vom Flughafen. Es gibt eben vielerlei Steine, über die man stolpern kann. Diesmal war es ein Glücksstein. Die kleine Siamesin hieß "Lilac Faidra". Sie war zu Anfang sehr scheu aber später mit Hilfe von viel Liebe und Vitamin B sehr anhänglich und lieb. Obendrein war sie eben die erste Lilac-point-Siamesin in den Niederlanden.

Zu so einer seltsamen Katze gehört dann doch ein passender Kater. Ein halbes Jahr später ergab sich die Gelegenheit zum Erwerb eines Lilac-point Katerchen. Es kam aus Finnland und hieß "Polaris Lila Liekki", was soviel heißt wie Lila Polarlicht. Liekki war bildschön und lieb und wir hatten nun ein lilac-point Siamesen Pärchen, die ersten ihrer Art in den Niederlanden.

Es war unsere erste Bekanntschaft mit Siamesen als Hausgenossen. Der Kontrast der Hochgezüchteten Siamesen mit den so dicht bei der Natur stehenden Wildkatzen war faszinierend. Die Bekanntschaft war schnell gemacht. Beide Teile waren in Gruppen aufgezogen und "Mitbürger" gewöhnt. Liekki machte seinem Namen alle Ehre. Er war genau so strahlend wie ein Polarlicht.

Der Charakter der Siamesen ist gar nicht so verschieden von dem der Abessinier, wie einerseits die Siamesenbesitzer, andererseits die Abessinierfreunde gern behaupten. Beide Rassen sind anhänglich, haben ein starkes Vertrauensverhältnis zum Eigentümer und beide sind ganz schön lebhaft. Allerdings sind die Siamesen leichter zu "erziehen", d.h. es liegt ihnen nicht so viel daran, um jeden Preis ihren Willen durchzusetzen. Wenn man einer Abessinierkatze etwas verbietet, dann schaut sie einen erstaunt an: "Du hast wohl nicht verstanden, was ich will?" Ein Siamese wird, in den meisten Fällen, versuchen zu verstehen, was von ihm verlangt wird, und sich danach richten. Generalisieren kann man das nicht. Ich habe unter meinen Katzen außerordentlich schlaue Tiere und ganz liebe Dummerchen gekannt. Auch mutige und ängstliche waren dabei. Alles ist eigentlich genau wie bei den Menschen, nur gab es bei den Tieren keine bösen, hinterhältigen und keine abartigen Exemplare.

Siamesen sind nicht gern allein, sie haben einen Spielgefährten nötig und sie brauchen extra viel Wärme, weil sie ein sehr feines Fell haben und auch die helle Fellfarbe keinen Kälteschutz bietet. Zu der Zeit, von der ich erzähle, war der „Typ“, also die Form von Kopf und Gliedmaßen, bei den Siamesen gar nicht so viel anders als der Typ der Abessinier. Die waren damals schlanker als heute und die Siamesen kräftiger.

Zurück zum Jahr 1978. Es stimmt, unser Haus wurde zu klein. Irgendwann würden wir ernsthaft nach einem anderen suchen müssen, vielleicht schon bald, denn unsere Nachbarn, nicht die Hühner züchtenden, sondern die an der anderen Seite, kündigten an, daß sie umziehen würden. Wer würde der neue Bewohner des Nachbarhauses werden? Würde es Schwierigkeiten geben?

Wir machten Pläne. Wie würde das Haus sein müssen, das uns und unseren ganzen Tierbestand aufnehmen könnte? Wo könnte man ein Haus finden, das groß genug wäre, um den Katzen viel Freiraum zu geben? Es durfte auch nicht zu weit von Arnheim entfernt sein. Schließlich hatte mein Mann dort seine Praxis. Ach, eigentlich hatten wir uns auch so sehr in unser Haus in Arnheim eingegraben, wie die Kaninchen in der Höhle. Wobei mir auffällt, daß dieser Vergleich auch bezüglich des Katzenfamilienbestandes gar nicht so schlecht geraten ist.

Unsere Tochter Marion hatte inzwischen ihren Jugendfreund Gerard geheiratet. Gerard studierte, wie sie, in Groningen und er war - das zählte hoch in unserer Beurteilung - ein großer Tierfreund. Eine Wohnung war in der Universitätsstadt Groningen nicht zu finden. Also wurde mein Mann aktiv und suchte und fand für die beiden einen entzückenden, kleinen Bauernhof ganz in der Nähe von Groningen. Den bezog das junge Paar und schon bald breitete sich ihr Haushalt bemerkenswert aus. Drei Katzen waren schon immer auf dem Hof gewesen, eine vierte kam und blieb. Auch der Hund Robbie hatte dem vorigen Eigentümer gehört. Er gewöhnte sich erstaunlich schnell an seine neuen Besitzer und war ein lieber und treuer Hausgenosse. Außerdem kamen dann noch schnell Liesbeth und Ramses, die beiden Ziegen dazu. Sie waren zahm wie die Hündchen und ab und zu brachen sie aus dem Stall aus, um im Wohnzimmer die Blumen auf ihre Essbarkeit zu untersuchen.

Es war eine Idylle da in Zuidwolde bei Groningen, und wenn wir dort zu Besuch waren, sagte ich mehr als einmal zu Marion: "Ich beneide euch richtig um ein Haus, das soviel Freiheit bietet. So etwas müßten wir in der Nähe von Arnheim finden, aber das ist wohl unmöglich."

Eines Tages kam Marion wieder einmal zu Besuch bei uns in Arnheim. Sie erzählte, daß ein befreundetes Ehepaar, das ein Haus in der Nähe von Utrecht suchte, einen Bauernhof gesehen hatte, der etwa dreißig Kilometer von Arnheim entfernt läge. "Für uns ist das zu weit von Utrecht entfernt." hatten Marions Bekannte gesagt, "Aber für deine Eltern wäre das einfach ideal. Das Haus hat eine große Diele und ein großes Nebengebäude, das einmal als Pferdestall gedient hat. Ein Hektar Land gehört auch dazu."

So ganz im Ernst hatte wir an Umzug doch gar nicht gedacht. Allerdings hatte das Schicksal in Gestalt der Stadtplanung uns bereits eingeholt. Dort, wo früher das schöne Birkenwäldchen stand, waren Häuser gebaut, eine ganze Straße war entstanden. Ich bedauerte das sehr, trauerte "meinem" schönen Wäldchen nach.

Auch vor dem Haus hatte sich der Verkehr gesteigert. Ich konnte längst keine Haustiere mehr frei auf der Straße herumlaufen lassen, zu oft wurden dort Katzen, Hunde und manchmal sogar Igel überfahren. Das alles machte Marions Vorschlag etwas weniger revolutionär.

Trotzdem: "Das Haus in Ingen müsste schon viele Vorteile haben, wenn ich mich mit allen meinen Katzen in einen Umzug stürzen sollte." warf ich noch ein.
Marion ließ nicht locker: "Schaut es euch doch mal an." sagte sie.

"O.K." sagten wir und vergaßen es wieder..