Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 29 - Das alte Haus

Zum Briefe schreiben an den Abenden hatte ich längst keine Zeit mehr. Nach einem Tag als vielfache Katzenmutter ist man am Abend zu müde zum Schreiben. Teilweise war das auch die Schuld der Post. Die kam immer ausgerechnet dann, wenn man gerade besonders beschäftigt war, im Laufe des Vormittags. Die Katzen meldeten immer, wenn irgendwas in den Briefkasten fiel. Sie hörten es und liefen zur Tür. Dann holte ich die Post und legte sie solange auf meinen Schreibtisch oder sonst irgendwohin. Früher oder später sprang dann eine der Katzen auf den Schreibtisch oder die Kommode und die Briefe rutschten hinter das Möbelstück oder gar in den Papierkorb, der neben dem Schreibtisch stand. An sich war das auch eine Lösung, wenn auch eine schlechte.

Dass ich soviel Post bekam, lag teilweise daran, daß ich immer neue Leute kennen lernte. Hauptsächlich aber kam es daher, daß ich noch immer ein wenig für die Katzenmagazine schrieb. Längst berichtete ich nicht mehr über die Oncillas, sondern über Abessinier, Siamesen oder über die Farbschläge der Orientalen. Ich versuchte, mich mit der Vererbungslehre der Katzen vertraut zu machen. Die Artikel lösten dann wieder Briefe aus, in denen ganze Stammbaumkopien von den Katzen des Absenders mitgeschickt wurden und die Fragen enthielten wie: welcher Kater passt zu dieser Katze? Oder: wenn ich für meine Katze einen blue-point Kater als Partner wähle, welche Farbe haben dann die Jungtiere? - Wenn ich alle diese Briefe hätte beantworten wollen, dann hätte ich für meine Katzen kaum mehr Zeit gehabt. Also tat ich die Briefe erst mal in eine Schachtel mit dem Etikett: "NOCH BEANTWORTEN!" und manche auch in eine zweite Schachtel mit dem Etikett: "DRINGEND BEANTWORTEN!"

Wenn die Schachtel voll war, mußte eine Neue her. Nur zum Beantworten kam ich immer weniger, schon deshalb, weil ich nicht gut wußte, wo ich anfangen sollte bei den vielen liegen gebliebenen Briefen und auch, weil mir am Abend die Augen zu fielen. Die allerbesten Freunde wussten das und griffen zum Telefon.

Zu Weihnachten ließ ich Karten drucken mit "Frohe Weihnachten" und einem Foto von einer meiner Katzen und unter die meisten schrieb ich kurz: "Im neuen Jahr lasse ich von mir hören." Das gehörte tatsächlich zum meinen guten Vorsätzen, den üblichen, die man im neuen Jahr wieder vergisst.

Daß so auf die Dauer meine alten Kontakte einschliefen, ist verständlich. Und so ist es wohl passiert, daß ich von einer Entwicklung keine Ahnung hatte, die mir erst viele Jahre später deutlich wurde. Von dem Trend in Deutschland (und vielleicht auch in anderen Ländern), Wildkatzen als eine Art exotisches Haustier zu halten, auch dann, wenn die Bedingungen keineswegs zureichend waren, in Etagenwohnungen z.B. oder in der gepflegten Villa, wo kein Möbelstück beschädigt werden durfte, weswegen die Tiere dann in Käfigen gehalten wurden.

Über die Situation der Wildkatzen im Deutschland der siebziger Jahre gibt es einen ergreifenden Bericht von Heide-Marie Fahrenholz in ihrem, leider längst vergriffenen Buch "Meine Wildkatzen". Sie hat jahrelang in Bedrängnis geratene Wildkatzen verschiedenster Art in ihr Haus geholt, die von ihren ersten Besitzern einfach weg getan wurden, weil sie zu unbequem und lästig wurden. Wie ich schon sagte, ist es so, daß Wildkatzen bereit sind, einem Menschen, der sie gut behandelt, ihr Vertrauen zu schenken, aber wenn dieser sie "im Stich lässt", d.h. wenn er sie in andere Hände gibt, dann ist alles Vertrauen in die Menschen schlechthin zerstört. Die Katze kann dann kein zweites Vertrauensverhältnis mehr angehen. Trotzdem ist es Frau Fahrenholz mit viel Geduld und Liebe gelungen, die meisten ihrer Tiere zu "zähmen" und ein gutes Verhältnis mit ihnen aufzubauen. Aber sie hatte leider nicht das Glück wie wir, einen Tierarzt zu finden, der zu ihr ins Haus kam, wenn es nötig war. Das allein schon war ein Schwierigkeitsfaktor.

Die Geschichte von den Wildkatzen von Frau Fahrenholz ist traurig. Das Buch endet damit, daß sie in Deutschland einen "Freundeskreis exotischer Wildkatzen" errichtete, der den hilfsbedürftigen, gestrandeten Wildkatzen helfen sollte. Als ich viel später davon hörte, habe ich mir Vorwürfe gemacht, daß ich von allen diesen Dingen nichts gewusst habe. Ich hätte es wissen können, wenn ich mich nicht so völlig auf mein eigenes, kleines Paradies konzentriert hätte. Vielleicht hätte ich doch das Eine oder Andere zur Rettung anderer Tiere beitragen können. Andererseits haben mir diese Berichte bestätigt, daß es richtig war, unsere Oncillas zu sterilisieren. So blieb ihren Nachkommen möglicherweise ein Schicksal, wie das der von Frau Fahrenholz beschriebenen "Wegwerf-Exoten", erspart.

Nicht nur alle Schreiberei wurde vernachlässigt, auch an Marions Mitteilung, daß ihre Freundin ein für uns so passendes Haus gesehen hätte, dachte ich längst nicht mehr. Als Marion eines Tages später anrief und fragte, wie uns das Haus in Ingen gefallen hätte, mußte ich sogar bekennen, daß der Zettel, auf dem die Adresse stand, verloren gegangen war. Diesmal sorgte Marion dafür, daß mein Mann die Adresse aufschrieb. Das Resultat war, daß er ein paar Tage danach später als sonst nach Hause kam und sagte: "Es tut mir leid, aber ich war noch schnell in Ingen, um mir das Haus anzusehen, von dem Marion so schwärmt. Hast Du nicht Lust, morgen einmal mit mir hinzufahren, um es dir anzusehen? Es könnte wirklich ideal für uns sein."

Also fuhren wir am nächsten Tag Richtung Ingen. Von dem kleinen Dorf Ingen hatte ich vorher noch nie etwas gehört. Inzwischen wußte ich jetzt, daß es in der "Betuwe" liegt, dem holländischen "Obstgarten". Als wir den Provinzweg Richtung Ingen eingeschlagen hatten, reihte sich eine Obstplantage an die andere. Die Ernte was schon fast vorbei, nur ein paar späte Apfelsorten hingen noch leuchtend rot an den Bäumen. Hier und da wurde gepflückt. Ich entdeckte zum ersten Mal, daß Obstbäume im Herbst sehr gut mit den herbstlich gefärbten Bäumen der Wälder konkurrieren können. Die Apfel- und Birnbäume werden goldgelb, wie die Birken und Buchen, die Kirschen dagegen bekommen leuchtend rotes Laub, noch strahlender als das der Eichen.

Der Weg machte eine Kurve und mein Mann sagte: "Da steht das Haus!"

"Wo steht es? Ich sehe keins." sagte ich, "Oder steht es hinter dem Bauernhof da?"

„Der Bauernhof ist das Haus." lachte mein Mann, "Ich hoffe, er wird reichen für deine Katzen."

Nicht lange danach hielten wir vor einem Bauernhaus, das für jemanden, der aus der Stadt kommt, ungeheuer groß erschien. Erst später erfuhr ich, daß es für einen Bauernhof nur etwa mittelmäßig groß war. Es bestand aus zwei Gebäuden und es war ein, für meine Begriffe "Riesengarten" darum herum. Auch der stellte sich später als ein, für landwirtschaftliche Begriffe bescheidener, Hektar Landboden heraus, aber es war immerhin ein Hektar Freiheit. Am Haus stand in gusseisernen Zahlen das Baujahr: 1837. Das Haus war unbewohnt, die Tür verschlossen. "Jetzt müssen wir erst einmal zur Dorfschenke, um den Schlüssel zu holen, der dort bewahrt wird." sagte mein Mann. Diese Dorfwirtschaft, "De Kroeg" (Der Krug), war gleichzeitig das einzige Hotel im Dorf. Van Esterik hieß der Eigentümer, der sich später als eine Informationsquelle auf allen Gebieten des Dorflebens erwies. Wir bekamen den Schlüssel und gingen zurück zum alten Haus. Die Tür war farblos und ging quietschend auf.

Unsere ersten Schritte in diesem Haus gingen über Fliesen, die sicher genauso alt waren, wie das Haus selbst, wundervolle, fein gemusterte Fliesen. Rechts eine paar Stufen zu einer "Opkamer", einem höher gelegenen Zimmer. Links ein großes Zimmer mit wundervollen alten Eichenbalken an der Decke, einer Seitenwand aus handbearbeitetem Holz und.....ein Holzfußboden, auf dem ein toter Vogel lag. Die Spinnen krochen an den Wänden entlang, das ganze Haus war kalt und roch ein wenig muffig. Am anderen Ende des Zimmers war wieder ein Treppchen, diesmal mit zwei Stufen, das zu einem weiteren Zimmer führte. Dort war ein von handbearbeitetem Holzrahmen umsäumter Kamin und rechts wieder eine ebenfalls handbearbeitete, prächtige Holzwand mit drei Türen. Hinter den zwei großen, doppelten Türen rechts und links, befanden sich Bettnischen, wie ich sie bisher nur im Freiluftmuseum gesehen hatte.

In alten Tagen schliefen die Menschen in einer Art von Wandschränken, in die Betten eingebaut waren. In der Mitte war eine normale, große Tür, die zum Stall führte.

Es hatte alles etwas geisterhaftes. Wir hatten beide noch nichts gesagt, waren nur durch die Räume gelaufen. Jetzt sagte ich spontan zu meinem Mann: "Bobby, was fangen wir in Himmels Namen mit diesem Haus an? Es sieht vollkommen verwahrlost aus, aber es hat eine Seele!"

"Wir müssen es natürlich umbauen", sagte mein Mann, "Aber sieh erst einmal weiter."

Wir gingen über den Hausflur in die große Küche. Es stand nichts darin, aber daß es eine Küche war, sah man am Kamin. Wasser gab es nicht in dieser Küche. Das gab es in der Spülküche, gleich nebenan. Von dort ging es zur Diele, die etwa 18 x 12 Meter groß war. Rechts und links sah man noch die Balken, hinter denen die Kühe gestanden hatten, in der Mitte eine riesige Tenne.

Durch eine Tür in der Spülküche kam man nach draußen und von dort zu einem Nebengebäude. Dort hatten an der einen Seite die Pferde, an der anderen die Schafe gestanden. Dort gab es auch die "Milchkammer" mit noch einem zweiten Wasserleitungsanschluss. Da wurden sicher früher die Milchkannen gereinigt.

Wir gingen draußen um das Haus herum, an der einen Seite war ein "Bongerd", ein Baumgarten mit 48 Pflaumenbäumen, sonst alles Wiese. An der gegenüberliegenden Seite des Provinzweges sah man auf eine große Kirschplantage. Ein sechseckiger Heuschober mit Strohdach sah aus wie aus einem der Bilder von van Gogh herausgeschnitten. Wir waren geradewegs in das vorige Jahrhundert versetzt.

Auf der Rückfahrt nach Arnheim erzählte mir mein Mann die Geschichte des Hauses, wie er sie am Tage zuvor gehört hatte. Es war Besitz der Familie van der B., die viel Grundbesitz in der Umgebung dort hatte. Dieser Hof hatte schon viel mitgemacht. Im Krieg war er beschädigt gewesen, die Reparaturstelle war noch zu sehen. Eine Wassernot hatte das Haus überstanden und viele Generationen hatten dort gewohnt. Allerdings hatte viel mehr Land dazu gehört, die Ländereien an der anderen Seite der Provinzstraße gehörten ursprünglich ebenfalls dazu. Als die Verkehrsstraße angelegt worden war, die mitten durch das Grundstück führte, hatte der Eigentümer sich gegen die Zerstückelung seines Besitzes gewehrt, aber ohne Erfolg. Ein Grundstück, durch das ein viel befahrener Autoweg führt, verliert für einen Bauern seinen Wert. Das Vieh kann nicht vom Stall aus auf die Weide, das Obst kann nur mit Mühe quer über die Straße zum Hof transportiert werden.
Also wurde die Kirschplantage von einem anderen Hof aus bewirtschaftet und das Haus blieb unbewohnt und das Objekt eines jahrelangen Gerichtsverfahrens. Der Eigentümer wollte Schadenersatz für die Wertverminderung seines Besitzes haben. Ein Bauernhaus mit nur einem Hektar Land darum herum, Land das obendrein noch eine bizarre Form hatte, denn es lief zwischen dem Provinzweg und der alten Dorfstraße spitz zu, wie ein zu groß geratenes Stück Torte, das hat für einen Landwirt nur wenig Wert. Durch den Leerstand und die Vernachlässigung wurde das deutlich gemacht. Die Provinz blieb stur und wollte nicht bezahlen, was der Bauer verlangte. Das Problem war, daß wenn das Haus jetzt verkauft werden würde, das Argument der Wertminderung wegfallen würde. Für den Besitzer war das Haus eigentlich zu nichts mehr nütze, aber andererseits wollte er sein Recht bekommen. Sein Recht war eine Entschädigung für seine Verluste. Eigentlich wollte er darum gar nicht verkaufen, auch wenn der Käufer den Preis bezahlen würde, den die Provinz sich weigerte zu bezahlen.

Der Gemeinde dagegen war das leere Haus am Rande des Dorfes ein Dorn im Auge. Die würde unserem Kauf nichts in den Weg legen. Und daß wir das alte Haus kaufen würden, hatten wir schnell beschlossen. Für einen Landwirt mag ein Hektar Land eine Lappalie sein, für uns war er ein Stück Freiheit.

Fast zwei Monate lang hat mein Mann mit dem Eigentümer immer wieder verhandelt, dann war Herr v.d. B. bereit, das alte Haus an uns zu verkaufen.

Vor Ende des Jahres waren wir die neuen Eigentümer des "alten Hauses". Das Haus hatte sogar einen Namen, es hieß "De Brei". "Breien" ist holländisch für Stricken. Die Dorfstraße, an der Vorderseite des Hauses hieß auch "De Brei" und die Verlängerung der Straße hieß "Weverstraat", d.h. Weberstrasse. Früher hatte man im Dorf Schafe gezüchtet und die Wolle verkauft oder verarbeitet. Noch jetzt gibt es in der Umgebung Wolle- und Textilindustrie.

Der Umbau konnte fast ausschließlich von den noch altmodisch soliden und vorzüglichen Fachleuten im Dorf oder im Nachbarort versorgt werden. Es mußte so ungefähr alles neu angelegt werden, Elektrizität, Heizung, Wasserleitung, auch ein Badezimmer und eine Toilette mußte kommen, wenn wir uns nicht mit dem kleinen Häuschen mit dem Herzen, das draußen stand, begnügen wollten.

Die große Diele sollte zum Katzenhaus umgebaut werden. Da eine Fußbodenheizung eingebaut werden sollte, mußte der Boden erst einmal abgegraben und dann, nachdem die Fußbodenheizung angebracht war, zementiert werden, denn unsere Kätzchen sollten schön warme Füße haben. Auf angemessener Höhe wurde eine Decke von Wärme isolierendem Material angebracht. In die Seitenwand kamen kleine Luken mit Schiebetüren, durch die unsere Katzen nach draußen konnten, denn an diese Seite sollte ein 10 x 12 Meter großes Freigehege angebaut werden. Platz genug war vorhanden.

Die Kater, deren Unterbringung immer besonders problematisch ist - der Territoriumsmarkierungen wegen, die sie naturbedingt immer anbringen müssen - bekamen eigene Räume im früheren Pferdestall, ebenfalls mit Fußbodenheizung. Jeder Kater sollte seinen eigenen Auslauf haben.

Um das alles zu bestellen und zu organisieren, waren wir fast jeden Wochentag unterwegs. Die Katzen sahen uns jetzt viel weniger, aber, so dachten wir, schließlich taten wir das alles ja für sie und wenn wir erst einmal in Ingen installiert wären, dann hätten wir wieder viel Zeit für sie.





Endlich war alles bestellt, das Material ausführlich besprochen, die Farben, die Tapeten, die Fliesen für unser Badezimmer ausgesucht. Wir hatten sogar im letzten Augenblick verhindern können, daß der eifrige Zimmermann eine "schöne, moderne, weiße Zimmerdecke" fabrizierte, die die herrlichen, alten Eichenbalken verdeckte. ("Die sind doch ganz altmodisch, Mevrouw!") Nach den Weihnachtstagen würden wir aufatmen können und abwarten, bis alles fertig sein würde, denn gleich im neuen Jahr würden die Arbeiten beginnen, so hatte man uns versichert.

In der zweiten Woche im neuen Jahr fuhr ich einmal hinaus, um zu sehen, wie weit man schon wäre. Im Haus war niemand zu sehen. Hier und da war ein Anfang gemacht mit der Arbeit und im Stall war jemand mit einer großen Maschine dabei den Fußboden, auf dem die Heizung angelegt werden sollte, zu ebnen, aber weiter sah man nur am Zustand der Kiste mit Bierflaschen, die wir auf Rat des allwissenden Dorfgastwirts hingestellt hatten, daß schon wirklich jemand dort tätig gewesen war. Ich ging zum Zimmermann ... Wieso noch weiter nichts getan sei ?

Ja, da waren noch ein paar Dinge ungeklärt. Er müsste doch erst wissen, wie wir uns dies und das vorgestellt hatten ?--

Ich fuhr zum Installateur. ... Wieso noch nichts am zukünftigen Badezimmer getan sei?

Also, da konnte ER erst etwas tun, wenn der Maurer fertig sei mit den Wänden und den Fliesen.

Ich ging zum Maurer: ...-- Warum er noch nicht an der Arbeit wäre ?

Oh, an der Arbeit wäre er schon. Nur erst noch an einem Neubau, der erst fertig gestellt werden müsste.

Ich fuhr nach Hause ... "So geht das nicht.", sagte ich zu meinem Mann. Es muss täglich einer von uns hinfahren. Aber mein Mann hatte, ganz nebenbei, auch noch seine Arbeit. Er hatte sowieso schon an den ganzen Feiertagen den Rückstand einzuholen versucht, den die Verhandlungen und die vielen anderen Besuche in Ingen ihm eingebracht hatten. Also mußte ich es sein, die herüber fuhr, fast täglich.

Im Frühjahr lernte ich die Betuwe in ihrer ganzen Schönheit kennen. Der Weg nach Ingen führte mitten durch die blühenden Obstgärten. Erst die durchsichtig weißen Kirschblüten, zart und märchenhaft. Da kann man verstehen, daß die Japaner ein Fest von der Kirschenblüte machen. Dann die etwas robusteren Pflaumenblüten, weiß mit einem Hauch von rosa, und anschließend die rosafarbenen Apfelbäume, die so lange und ergiebig blühen. Die ganze Gegend war davon erfüllt. Wir hatten ein Paradies gefunden und würden für den Rest unseres Lebens darin wohnen dürfen. - Wie war das doch noch mit dem Paradies? ...

Wenn ich wieder nach Hause kam, sahen mich die Katzen vorwurfsvoll an. "Unser Frauchen liebt uns nicht mehr, es ist immer weg." - Doch das würde anders werden, wenn wir erst einmal in Ingen wohnten! Ohne die kleine Saskia, die jetzt immer mehr zur Bezugsperson für die Katzen wurde, und die in diesen Tagen über sich hinauswuchs, wäre das alles gar nicht möglich gewesen.

Der Bauernhof war nicht gerade einsam gelegen, man konnte die nächsten Bauernhöfe sehr gut sehen. Aber keiner davon lag in Rufweite. Das genügte, um uns zu überzeugen, daß wir nun zum ersten Mal einen Hund haben müssten. Ich erkundigte mich bei einem mir bekannten Hundekenner nach den verschiedenen Hunderassen. Das Ergebnis war, daß ich mich überzeugen ließ, daß zu unserem Haushalt nichts besser passen würde, als eine Deutsche Dogge.

Wir bekamen auch gleich die Adresse eines Züchters und fuhren dorthin, um uns zu orientieren. Ich muss sagen, daß mir erst ziemlich blümerant zumute war, als wir zwischen Zwingern hindurch gingen, hinter denen, wie es schien, riesige Hunde gegen die Gitter hochstanden und mit gewaltigen Stimmen eine Bell-Symphonie anstimmten.

Der Züchter führte uns dann zu einem Muttertier, das ganz kleine Junge hatte, sechs löwenfarbige, fast abessinierfarbige, kleine Welpen lagen an ihren Zitzen. Der Hundezüchter gab mir eins von den Kleinen auf den Arm. Es fühlte sich warm und hilflos an, es zitterte ein wenig. Dann hob es das Köpfchen und sah mich aus braunen Babyaugen an und ich, die Katzennärrin, verlor mein Herz an einen Hund. Der Hundezüchter kannte seine Pappenheimer: "In sechs Wochen können sie ihn abholen, wenn sie ihn haben wollen.", sagte er schlicht. Und ob ich wollte. ...

In sechs Wochen würde doch wohl endlich alles fertig sein, dachten wir. Man soll ja immer positiv denken. Es war natürlich viel zu positiv gedacht. Im Juni war noch immer nicht alles in Ordnung und als die Ferien auf der Universität begannen, kamen Tochter und Schwiegersohn zu Hilfe. Während ich mich in Arnheim der Packerei und den anderen Vorbereitungen widmen konnte, siedelten sie sich provisorisch in Ingen an, machten dort so eine Art Camping davon und sorgten, daß die Arbeit voran ging. Selbst fassten sie auch mit an. Gerard, der Schwiegersohn, half beim Zimmern der Freigehege, Marion nahm den Pinsel in die Hand und strich die Balken, die den Maschendraht tragen mussten, schön grün an, und schließlich kam auch noch Sohn Freerk aus Groningen und half beim Zimmern und Malen.

Den Hund holten Marion und Gerard dann auch noch für uns ab. Mir fehlte einfach die Zeit dafür. Er würde erst einmal in Arnheim bleiben müssen, weil sie unmöglich in Ingen auch noch auf so ein junges Tier aufpassen konnten. Denn, Freiheit oder nicht, die Provinzstraße mit allem Verkehr war gefährlich. Wie sehr, das sollten wir später noch schmerzlich erfahren.

Unser Wohngenuss in Arnheim hielt sich immer mehr in Grenzen. Alle gepolsterten Sitzmöbel waren beim Möbelmacher. Sie bekamen neue Polster und wurden frisch überzogen.

Für den Juli war dann der endgültige Umzug geplant, auch wenn nicht alles ganz fertig wäre. Marion und Gerard würden schließlich auch einmal zurück müssen und sie wollten doch noch beim Umzug helfen. Sie hatten ihren Hund mitgebracht. Ihre Katzen und die Ziegen wurden von Freunden versorgt.

Die Frage war: würden wir erst die Katzen herüber bringen und dann die Möbel oder umgekehrt? Wir entschieden uns dafür, daß wir in jedem Fall so bald wie möglich mit den Katzen beginnen würden und dann würden wir schon sehen, wie schnell das zu schaffen war. Ich würde sie in Gruppen von vier oder fünf herüber fahren. Es waren, alles zusammen, ein paar Jungtiere, die von Ingen aus zu ihren neuen Besitzer wechseln würden, mitgerechnet, jetzt fast fünfzig Tiere.

Ich entschloss mich, erst einmal einen Teil der Haus- und Rassekatzen umzusiedeln, damit die Wildkatzen etwas Vertrautes vorfinden würden. Dann käme ihnen die neue Umgebung vielleicht etwas weniger unheimlich vor. Die Kater würden als letzte übersiedeln müssen. Ihre Räume waren die Stiefkinder der Handwerker gewesen, sie waren noch immer nicht fertig.

Nun, die ersten Katzen eroberten den neuen, großen Raum zwar mit Misstrauen, aber doch ohne Panik. Sie beschnüffelten alles und probierten die zahlreichen Liegeplanken aus, die überall an den Wänden angebracht waren. Es schien gut zu gehen. Nur durch die Luken, die nach draußen führten, trauten sie sich noch nicht. Auch daran würden sie sich gewöhnen.

Mit der nächsten Gruppe ging alles schon viel einfacher. Die sahen die anderen Katzen und taten, als ob sie diese noch nie gesehen hätten. "Erst mal sehen, wer das ist? Ach ja, die kommt mir doch bekannt vor. Da braucht man sich höchstens ein wenig um den besten Platz zu streiten." Der beste Platz ist, bei Katzen, wie bei Menschen, immer der, auf dem der andere sitzt.

Die meisten unserer Wildkatzen konnte man nicht einfach in den Nacken greifen und in ein Körbchen stecken. Also standen überall Trageboxen und Körbchen mit weichen Decken darin, einfach so herum in der Hoffnung, daß die Oncillas sie als Schlafgelegenheit gebrauchen würden. Dann würden wir schnell die Türchen schließen können.

Die erste, die in einem der Körbchen "gefangen" wurde, war Candy. Ich nahm sie darin mit nach Ingen und öffnete das Körbchen auf der Diele. Es war ungeheuer spannend, niemand konnte mir voraussagen, wie eine, wenn auch zahme Oncilla auf eine plötzliche räumliche Veränderung reagieren würde. Die anderen Katzen kamen angelaufen, um zu sehen, wer diesmal gebracht wurde, aber Candy beachtete sie nicht. Sie lief geradewegs auf eine Wand zu, schnüffelte, lief dann systematisch rund herum, an den Wänden entlang, versuchte, ob man ohne Gefahr quer durch den Raum laufen könnte, bei alledem stieß sie ihren typischen Frageschrei aus:“ Ürrr, - was ist dies? - muss ich hier bleiben? - Ist es hier gefährlich?"

Zuletzt sprang sie auf eine der Liegeplanken und sah sich alles noch einmal von oben an.

Erst ein paar Tage später gelang es mir, Marius und Sulla mit etwas Fleisch in eins der Körbchen zu locken. Schnell packte ich auch noch ein paar von den "bequemen" Katzen in ein paar bereitstehende Transportkörbchen, warf noch ein paar von den Dingen, die zum Mitnehmen bereit standen, ins Auto und fuhr gleich nach Ingen.

Als ich das Körbchen mit Marius und Sulla auf die Diele setzte, brauchte ich Candy nicht erst zu rufen. Sie stand sofort vor dem Körbchen, noch ehe ich es öffnen konnte. Als es dann offen war, rief sie ihre Kinder, wie sie diese in den Wochen der Erziehung gerufen hatte: "Kommt hier, ich zeige Euch etwas." Und dann lief sie mit den Kindern hinter sich her, dieselbe Route, die sie am ersten Tage gelaufen hatte. Alles mussten sie erst ein paar Mal gesehen haben, dann legten sie sich zu dritt auf eine der Liegeplanken. Genauso ging es bei jedem der Oncillakinder, die ich im Laufe der Zeit brachte, und sogar bei Milagro. Buena allerdings orientierte sich selbständig und suchte sich die höchste Liegeplanke aus.

Es sah alles gut aus. Gleichzeitig mit den Katzen hatte ich schon so allerhand Gegenstände mitgebracht, die man für die Versorgung von Mensch und Tier nötig hatte. Vieles wurde auch weggeworfen. Wir hatten ein paar dieser großen , damals noch eisernen Abfallcontainer extra bekommen. Die wurden schon ganz schön schwer. Zwei Tage bevor der Möbelwagen kommen sollte und auch noch die letzten Katzen in Arnheim waren, wollte ich einen dieser Container auf einen anderen Platz setzen und bekam ihn auf meinen Fuß. Die große Zehe schwoll sofort und sehr schmerzlich an und mir blieb nichts anderes übrig, als zum Arzt zu gehen. Der sah sich die Zehe an und sagte: "Die Zehe ist mit Sicherheit gebrochen. Ich gebe Ihnen einen Brief mit für das Krankenhaus. Dort muss erst einmal ein Röntgenfoto gemacht werden."

"Ich bin mitten im Umzug, Herr Doktor!"

"Ich weiß, aber es muss sein."

Es mußte so vieles sein. ...