Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 33 - Ihr letzter Tag

Wir waren von der Stadt in eine ländliche Umgebung gezogen, in der wir Ruhe und Freiheit zu finden hofften. Meinem Mann war inzwischen durch seine Operation ein neues Leben geschenkt. Wir hatten das Gefühl, daß wir noch einmal ganz von vorn anfangen könnten. Inzwischen war viel Zeit vergangen, nur waren wir uns durch die sich überstürzenden Ereignisse kaum dessen bewusst geworden, daß über allem Leben der Schleier des "Niemals wieder" liegt. Kein Tag, keine Minute wird je zurückkommen, außer in unserer Erinnerung.

Wenn ich heute auf die Jahre meines niemals ruhigen Lebens zurückblicke, dann ziehen die Ereignisse an mir vorbei wie ein Traum oder ein Film. Freude, Kummer, Liebe, Neid, kleine und große Kriege, aber auch oft unerwartete, wunderschöne Überraschungen. Vor allem waren es aber die unerwarteten Geschehnisse, die den Kurs unseres Lebens bestimmten.

Noch immer halte ich mich an meine, höchst persönliche Abwandlung der Worte von Konfuzius: Was nicht wert ist, daß man sich erinnert, das soll man vergessen. Die echte Liebe, der echte Schmerz sind im Herzen verwurzelt. Alles was liebenswert war, Menschen, Tiere, Pflanzen und sogar Dinge, lebt in unseren Gedanken fort. Nur das zählt und nur davon möchte ich erzählen.

Ein Katzenleben dauert kaum länger als zehn, höchstens fünfzehn bis zwanzig Jahre. Unsere ersten Hauskatzen und auch die ersten Abessinier lebten schon nicht mehr. Cleo war an einer Nierenerkrankung gestorben, Assunta hatte im Alter von zehn Jahren Brustkrebs bekommen, Sothis und Dalila wurden beide elf Jahre alt. Über die Lebenserwartungen von Margays und Oncillas war uns nichts bekannt. Nach den beiden Unfällen von Rex und Milagro hatten wir sehr aufgepasst, dass keine der Katzen mehr eine Maus fangen würde, aber ganz sicher konnte man dessen nicht sein, solange sie in die Freigehege durften. Und die liebten sie sehr.

Durch den Tod von Milagro und Rex begann die Oncillafamilie auseinander zu fallen. Die Nachkommen von Candy und Milagro wurden im Durchschnitt zwölf Jahre alt. Die Hybriden starben etwas jünger, aber keine wurde weniger als zehn Jahre alt. Nur Glauca, die "wildeste" von den Vieren, wurde, als sie ungefähr acht Jahre alt war, so schwierig und aggressiv den anderen Katzen gegenüber, daß wir vor der Wahl standen, sie entweder in einen Raum allein zu schließen oder sie einschläfern zu lassen. Das war ein schwieriger Entschluss, den sie uns selbst abnahm, weil sie eines Tages eine der jungen Orientalen, ein sehr sanftes Kätzchen, so heftig verwundet hatte, daß der Tierarzt mir riet, Glauca einschläfern zu lassen, ehe noch Schlimmeres geschehen würde. Es war die bessere von zwei schlechten Möglichkeiten, denn Glauca allein einzuschließen, wäre für sie weitaus grausamer gewesen. Trotz ihrer oft ganz unerwartet auftretenden Aggressivität, war sie nämlich eine sehr soziale Katze.

Buena und Candy schlossen sich immer mehr aneinander. Es war, als ob sie sich trösteten oder wie ein paar Senioren, die die Vergangenheit bewahren wollen, indem sie alles Neue ignorieren. Sie schlossen keine neuen Freundschaften mehr.

Eines Morgens kam ich zu den Katzen und sah, daß Buena nicht auf ihrem Platz saß, und als ich näher kam, sah ich, daß sie auf der Erde lag und sich nicht bewegte. Ich kam zu ihr, wollte sie hochheben, da schrie sie laut auf, sie hatte sichtbar Schmerzen. Ich holte schnell eine Decke und schob sie ihr ganz vorsichtig unter. Dann sagte ich zu ihr: "Buena, sei ganz ruhig, ich hole den Tierarzt."

Aber sobald ich mich von ihr fortbewegte, schrie sie laut; ich durfte nicht fortgehen, sie wollte nicht allein gelassen werden. Ich legte meine Hand unter ihr Köpfchen und setzte mich zu ihr. Mir wurde auf einmal deutlich, daß der Tierarzt ihr nicht mehr helfen konnte. Sie lag im Sterben und ich konnte nichts anders tun, als bei ihr zu bleiben. Ich saß neben ihr auf dem Boden und wagte nicht, meine Hand fortzuziehen. Sobald ich mich auch nur ein wenig bewegte, schrie sie laut auf und ihre Augen sahen mich an, als wollte sie sagen: "Bleib bei mir!" Auf einmal fing Buena ganz laut an zu schnurren.

Professor Leyhausen ist der erste unter den Biologen, die sich mit Katzen beschäftigt haben, der entdeckte, daß Katzen mit dem Schnurren (dem Spinnen) nicht nur, wie die allgemeine Meinung ist, ihr Wohlbehagen ausdrücken, sondern auch um Hilfe bitten. Ich bin der festen Überzeugung, daß Buena mit diesem Spinnen Abschied von mir nahm.

Die ganze Zeit raste ein Satz durch meine Gedanken, der aus einem Lied stammt, das ich einmal gehört habe: "Ihr letzter Tag wird ewig Nacht.." Es war wie Wahnsinn und ich war auch wie wahnsinnig vor Angst. Immer und immer wieder, wie eine zerbrochene Schallplatte: "Ihr letzter Tag wird ewig Nacht...". Und zwischendurch konnte ich nur immer sagen: "Buena, liebe Buena, bleib bei mir!" Sie antwortete mit einem immer leiser werdenden Spinnen. Auf einmal reckte sie sich aus und ich sah, sie war tot. Das schönste und wunderbarste Geschöpf, das ich je gekannt hatte, hatte mich verlassen.

Wir hatten uns geliebt, wie zwei Lebewesen sich nur lieben konnten. Ihre Liebe war so ehrlich und unvoreingenommen gewesen. Sie liebte mich nicht, weil ich "das Kind" war, oder "unsere Mutter" oder "meine Frau". Sie liebte mich, weil ich ICH war, das Lebewesen, dem sie vertraute, ohne Bedingung, ohne etwas von mir zu verlangen. Das wenige, das ich ihr geben konnte, ihre Nahrung und eine Unterkunft, das hätte sie sich in der Natur leicht selbst und besser besorgen können. Von den Gefahren, vor denen ich sie zu bewahren versuchte, wußte sie nichts. Ihre Liebe war Vertrauen und das ist die beste Liebe, die es gibt. Liebe ohne Vertrauen ist wie Talmi, ist etwas, das den falschen Namen trägt. Buenas Vertrauen zu uns kannte keine Grenzen. Und ich hatte sie geliebt, weil sie so schön war, so klug und so aufrichtig gut. Ihre Kraft gebrauchte sie nie für Aggression, ihre Anhänglichkeit war ohne Berechnung, ihre Schönheit ohne Eitelkeit. Das alles starb mit Buena. Sie war gerade vierzehn Jahre alt, als sie starb.

So lange es Menschen gibt, werden Buenas Brüder und Schwestern in den Regenwäldern sterben. Es gibt keine Hand, die sie in ihren letzten Minuten tröstet. Ihre Mörder wissen nicht einmal, was sie vernichten. Sie ahnen nicht, daß sie Geschöpfe töten, die zu unendlich viel Liebe und Vertrauen im Stande sind. Es ist Buenas Vermächtnis, das ich austragen muss, zu sagen, zu schreiben, daß man doch endlich einsehen müsste, daß man mit den Wäldern prächtige Geschöpfe wie Buena und unzählige andere Tiere, nebst uralten, unersetzlichen Bäumen und Pflanzen, ja eigentlich die wahren Wunder dieser Welt vernichtet. Ohne sie wird dieser Planet einst ein kalter Stern voller technischer Monster sein.

Jedes Menschenleben kennt seine Schmerzen und alle Schmerzen werden mit der Zeit gelindert. Und doch ist meine Trauer um Buena nie weniger geworden, sie hat mich mein Leben lang begleitet.

Einmal noch habe ich geglaubt, Buenas Stimme zu hören. Ich hatte eine schwere Operation hinter mir. Als ich aus der Narkose erwachte, fühlte ich Buena neben mir liegen. Sie lag ganz nah bei meinem Kopf auf dem Kissen und ich hörte ihr tiefes, warmes Schnurren. Ich träumte nicht, ich war hell wach. Ich blieb ganz still liegen, um den Zauber nicht zu durchbrechen. Dann kam auf einmal die Schwester herein und fragte in ihrem munteren Schwesternjargon: "So, sind wir endlich wach? Das hat lange gedauert." Und damit war alles vorbei, weg. Als die Schwester endlich gegangen war, versuchte ich krampfhaft in die Stille hinein zu hören, aber da war nichts, ich war allein.

Ich suche gern nach einer rationalen Erklärung für alles. Dieses merkwürdige Erlebnis erkläre ich mir so, daß, wie man weiß, eine Narkose die zutiefst versteckten Gefühle aus unserem Unterbewusstsein hervorholt. So muss bei mir wohl das an die Oberfläche gekommen sein, was sich mir am tiefsten eingeprägt hat: die Erinnerung an Buena und ihre Stimme, die von mir Abschied nahm.

Wir haben Buena im Garten begraben, dort wo schon die anderen Oncillas lagen, und ich glaubte zu wissen: "Jetzt können wir hier nie mehr fort, ich kann Buena hier nicht zurücklassen."

Candy wurde jetzt einsam. Es gab genug andere Katzen, auch Abessinier, aber sie schloss sich bei niemand mehr an. Allein saß sie meist oben auf dem Schrank in der Küche. Das war ihr einsames Refugium. Nur, wenn sie auf die Katzenschale gehen mußte, kam sie herunter, denn bis auf den letzte Tag blieb sie so sauber wie immer. Zuletzt stellte ich sogar ihr Futter zu ihr oben auf den Schrank, sie fand es nicht mehr der Mühe wert, für das bißchen, was sie noch aß, herunterzukommen. Sie war so lebensmüde und passiv, wie man es bei alten Menschen auch oft sieht. Sie lebte noch, aber sie liebte das Leben nicht mehr.

Eines Tages stand ich in der Küche an der Anrichte. Ich glaube, daß ich mit irgendwelchem Obst beschäftigt war, ich weiß es nicht mehr genau. Auf einmal kam Candy vom Schrank herunter und setzte sich neben meine Füße. Ich sah, daß die Beule, die sie noch immer an ihrem Schwanz hatte, plötzlich blutete und sagte zu ihr: "Candy, altes Mädchen, du wirst doch auf deine alten Tage nicht noch einmal rollig werden?" Schließlich war sie jetzt sechzehn Jahre alt. Sie kam noch näher und legte ihr Köpfchen auf meinen Schuh. Ich blieb still stehen, weil sie da so zufrieden lag, und arbeitete weiter. Als ich fertig war, trocknete ich meine Hände an einem Tuch ab und bückte mich, um Candy zu streicheln. Sie reagierte nicht. Auf einmal fühlte ich, daß Candy, meine Candy, tot vor mir lag. Sie war mit ihrem Köpfchen auf meinem Fuß für immer eingeschlafen.

Wie kann man Schmerz beschreiben? Ich kann es nicht. Ich kann nur hoffen, daß meine Worte irgend jemand erreichen, der mit mir fühlen kann. Auch mit Candy starb ein Stück reiner, bedingungsloser Liebe. Gerade Candy, die die Gefahren, die von Menschen ausgehen, zweifellos schon erfahren hatte, hatte uns, als sie zu uns kam, ihre Liebe als Geschenk angeboten.

Wie viel Bereitschaft zur Liebe stirbt an jedem Tag, in jeder Minute auf der Welt? Was ist doch mit den Menschen geschehen, daß sie das Wort Liebe gebrauchen, wie ein paar alte Schuhe, die man ausziehen oder wegwerfen kann? Liebe als Wegwerfware. Die sich selbstsüchtig immer maßloser vermehrende Menschheit geht in einer kalten Welt an der Tatsache vorbei, daß ihr Wohlstand auf getöteter Liebe basiert ist.
Das ist es, was ich von meinen "wilden Tieren" gelernt habe: die wilden Tiere sind nicht wirklich wild. Sie sind, jedes in seiner Art, anders als wir. Sie vertrauen jedem, der sich als vertrauenswürdig erweist, innerhalb der ihnen von der Natur gestellten Grenzen. Die Natur ist ihr Gesetz. Wir haben uns einen "lieben Gott" erdacht, dem wir auch noch die Schuld für alles geben. Er hat schließlich alles so gemacht, hat uns die Welt geschenkt. Wie sollen wir uns das eigentlich vorstellen? Soll der Initiator allen Lebens nun sagen: "Das einzige meiner Geschöpfe, das so entartet ist, daß es die Kreaturen, die der ihnen von mir gegebenen Natur treu geblieben sind, vernichtet, gerade dieses Geschöpf ist mein auserkorener Liebling?" Der Gedanke allein schon ist absurd. Wir wollen uns den Urgeist des Universums, weil er von unserem Verstand nicht zu erfassen ist, als einen "Gott" vorstellen. Diesem Gott, der obendrein - welch eine Anmaßung! - uns nach seinem Ebenbild erschaffen haben soll, haben wir den totalen Krieg erklärt. Die wahren Wilden, das sind wir doch selbst mit unserem ungezähmten Drang zur Vernichtung!

Der Friede, von dem wir so gern reden, kann nur dann über die Erde kommen, wenn wir lernen, die ganze Schöpfung mit Liebe zu umfassen. Das einander Verstehen und Dulden, alle Natur inbegriffen, ist dazu die Voraussetzung. Ich darf und muss das sagen zum Gedächtnis an meine "zahmen, wilden" Tiere. Es ist eine Verpflichtung, die ihre Liebe mir auferlegt hat.

Von den alten Getreuen lebte nur noch Jantje. Er hat alle seine alten Freunde überlebt, obschon er mit neun Jahren eine schwere Blasenoperation durchgemacht hatte. Der Tierarzt hatte ihn schon aufgegeben, aber mein Jantje kämpfte sich durch alles hin. Es war als ob er sich seiner Aufgabe, mir bei allem zur Seite zu stehen, voll bewusst wäre. Er ist achtzehn Jahre alt geworden und bis zum letzten Tag schlief er am Fußende meines Bettes. Mit seinem feinen Gespür wußte er, ob ich froh oder traurig war. Dann tröstete er mich auf seine Weise.

Als Jantjes Nieren versagten, sagte der Tierarzt: "Ich kann ihm nicht helfen. Es wäre besser, ihn einzuschläfern." Noch heute schäme ich mich dafür, aber ich konnte es nicht. Es war egoistisch, aber ich nahm ihn wieder mit nach Hause. Vollkommen unlogisch hoffte ich auf ein Wunder. - Es gibt keine Wunder: Jantje schlief ein paar Tage später in meinen Armen ein. Wir haben ihn neben Candy begraben.

Nach dem Tod von Jantje dachte ich, daß ich das nicht auch noch ertragen könnte. Nicht auch dieses letzte noch! Das alles war doch mein Leben! Ich hatte und habe noch viele mir sehr liebe Kätzchen, aber zu der Gruppe von Buena, Candy und ihrer Familie, Dalila und Cleo hatte ich eine ganz besondere Verbindung. Sie hatten das Wunder in mein Leben gebracht, das ich erleben durfte. Aber man ist immer stärker als man selbst glaubt, man muss es sein. Den Schmerz vergräbt man irgendwo im Inneren, ob wir das nun Seele nennen wollen oder Herz oder Unterbewusstsein. Es ist der Platz, der uns allein gehört.

Auf die Gräber von Buena, Jantje und den Oncillas habe ich viele Schneeglöckchen gepflanzt. Sie blühten im ersten Frühjahr und dann pflückte ich einen Strauß davon und stellte ihn in unser Wohnzimmer. Als wir Jahre später Ingen doch verlassen mussten, habe ich einen Teil davon ausgegraben und in meinen neuen Garten gepflanzt.

Der Dichter Max Dauthendey, der heutzutage wohl nicht mehr so bekannt ist, schrieb einst an seinen Sohn: "Mein liebes Kind, wenn wir scheinbar von dir fortgehen und du uns eine lange Zeit nicht sehen solltest, wir bleiben doch in allen Dingen, die du siehst, um dich herum.....Vielleicht werden wir Singvögel, vielleicht eine Blume in deinem Blumentopf..... Denn sieh, du bist so gut wie wir in und bei allen Dingen zu Hause und solltest dich darum vor keinem Leben fürchten. ..."