Hauskatze
Heilige Birmakatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 35 - Epilog

Neun Jahre haben wir mit unseren Katzen noch in dem kleinen Dorf am Rhein gewohnt. Zwischen dem neuen Wintergarten und einer großen Garage wurde der Garten mit einer hölzernen "Mauer" umgeben, die obendrein noch oben zur Sicherheit einen Leichtstromdraht hatte, der bei Berührung einen leichten Prickelstoß gab. Der wäre nicht nötig gewesen, denn keine der Katzen hat sich je am glatten Holz herauf gewagt, aber er gab uns ein Gefühl von Sicherheit. Die Garage wurde rundum isoliert und mit Heizung versehen. Auch die gehörte fortan den Katzen, denn es waren noch immer zu viele, um sie alle zugleich im Hause herumlaufen zu lassen. Das hätte, vor allem auf der Treppe, früher oder später zu Unglücken geführt.

Die Katzen und wir gewöhnten uns schnell an die neue Umgebung. Wir hatten ein Haus am Rande des Dorfes gekauft und zu Anfang konnten wir in der Ferne die grünen Weiden mit grasenden Kühen und Pferden sehen. Neun Jahre später war so viel um uns herum gebaut worden, daß wir fast das Gefühl hatten, in der Mitte des Dorfes zu leben. Auch hier rückte die Menschheit vor.

In diesen neun Jahren hatten wir noch eine relativ große Katzenfamilie. Einige alte Kätzchen starben, aber es kamen keine neuen mehr an ihre Stelle. Alles war kastriert und sterilisiert, die Zeiten des "Vermehret Euch" waren vorbei.

Unsere Umzüge hatten immer unter dem Motto: "Jetzt wird alles schöner, geräumiger, freier!" gestanden. Nur der letzte Umzug war schmerzlich, aber unsere letzten Kätzchen und die Sorge um ihr Wohlergehen halfen uns über den Abschied von unserem schönsten Lebensabschnitt hinweg. Katzen sind vorzügliche Psychologen, sie wissen nur allzu gut, was ihre Menschen bewegt, ob sie froh sind oder traurig oder gar krank. Dann kommen sie auf den Schoß und erzählen uns spinnend, daß sie uns lieben und daß wir schließlich sie doch noch haben.

Man weiß längst, dass die Gesellschaft viel Geld für soziale Hilfe sparen könnten, wenn alle älteren Leute Haustiere hätten. Viele Probleme, die durch Einsamkeit entstehen, könnte man durch ein einfaches "Hausmittel" lösen: man gebe einsamen Menschen ein Haustier, für das sie sorgen können und für das sie sich verantwortlich fühlen, und es geht ihnen besser. Das wissen sogar die Versicherungen und sozialen Einrichtungen. Hier in Holland wächst in schnellem Tempo die Zahl der Seniorenheime, in denen es erlaubt ist, ein Haustier zu halten. Die kleine Extramühe macht sich durch den besseren Gesundheitszustand der Einwohner bezahlt.

Welch ein Glück, wenn ein einsamer, alter Mensch am Morgen aufsteht und einen vierbeinigen oder auch geflügelten Hausgenossen vorfindet, der schon auf ihn wartet. Nicht der leere Tag, den einsame Menschen oft vor sich liegen sehen, sondern das Gefühl, für etwas Geliebtes sorgen zu dürfen, das sie ebenfalls liebt ... Diese Wechselwirkung von Liebe und Anhänglichkeit, von Sorge und schmeichelnder oder Schwanzwedelnder Dankbarkeit, das ist die beste Medizin, die es gibt.

Aber natürlich sind es nicht nur die Alten, deren Leben reicher wird, wenn sie ein Haustier haben. Auch Familien mit Kindern, so hat man festgestellt, haben eine festere soziale Struktur, wenn ein Haustier zugegen ist. Krankheiten genesen schneller, wenn ein geliebtes Tier den Heilungsprozess beeinflussen kann. Das wissen selbst Kinderkliniken gegenwärtig.

Wer gut beobachtet, wird feststellen, daß eine Familie mit einem oder mehreren Tieren im Haus eine wärmere Atmosphäre ausstrahlt; es herrscht nicht die Sterilität, die manche Haushalte so auszeichnet. Keine bessere Schulung zur Toleranz als eine Katze oder ein Hund, die oder der seine Nägel oder Zähne in den neuen Teppich setzt.

Fast alle meiner letzten Kätzchen waren Nachkommen meiner ersten Abessinier oder Siamesen. Sie gaben mir das Gefühl, daß Assunta, Dalila, Cleo, Miranda, Sothis, Iris, Faidra und Liekki nie ganz gestorben sind.

"Die Gene sind die Unsterblichen" sagt Richard Dawkins in einem der interessantesten Bücher, die ich kenne: "The selfish Genes" (Die selbstsüchtigen Gene). Das ist eine Theorie, die für meinen Verstand annehmbar ist, denn sie ist nachweisbar, und auch für mein Gefühl, denn sie ist befriedigend. In diesem Sinne haben meine Katzen doch ein wenig zum Weiterbestehen ihrer Art beigetragen. Gerade so, wie unsere Kinder uns auch ein klein wenig unsterblich machen.

Als wir etwa ein Jahr im neuen Haus wohnten, suchte ich eines Tages meine alten Fotos heraus. Mein Mann besah sie mit mir und ich sagte zu ihm: "Kannst Du dir vorstellen, daß wir hier Fotos von Tieren ansehen, die manche Menschen noch nie gesehen haben? Man müsste eigentlich ein Fotobuch davon machen."

Mein Mann sagte: "Du hast doch deine alten Tagebücher. Sieh die doch auch einmal wieder durch und schreib dann alle deine Erinnerungen auf. Zusammen mit den Fotos könnte ein Buch daraus werden."

Die Idee habe ich aufgegriffen und begann, erst etwas zögernd, zu schreiben. Und während des Schreibens fing alles wieder an, zu leben. Mein Mann las alles mit und füllte es mit seinen Erinnerungen an.

Zeit zum Schreiben hatte ich jetzt, denn meine Aktivitäten im Katzensport hatte ich fast gleichzeitig mit dem Umzug beendet. Zwischen 1961, als ich meine erste Abessinierin bekam, und jetzt hat der Katzensport ein explosives Wachstum erlebt. Dadurch ist ein Überschuss an Katzen entstanden, der für viele Katzen verhängnisvoll ist. Tierschützer sind oft wahrhaft verzweifelt, wenn sie für die vielen angebotenen Tiere keine Lösung finden können. Je länger je mehr darunter sind auch Rassekatzen, deren man überdrüssig ist.

Die erste Rassekatzenausstellung fand 1887 im Crystal Palace in London statt. Die erste amerikanische Katzenausstellung folgte 1895 und die erste deutsche 1897 in München. Damit startete das, was man die "Cat Fancy", oder, etwas ehrlicher auf Deutsch: "Rassekatzenzucht" nennt. Zu Anfang gab es in jedem Land nur einen Zuchtverein, aber schnell haben unterschiedliche Meinungen zu Spaltung und zu immer mehr eigenständigen Vereinen geführt. Allein der FIFE (dem Dachverband einer bestimmten Richtung in der Katzenzucht) gehören weit über hundert Vereine auf dem europäischen Kontinent an, England nicht mitgezählt.

Unabhängige Katzenzuchtvereine gibt es allein in Europa mindestens dreimal soviel. Überall auf der Welt gibt es zahllose solche Zuchtvereine, von Südafrika bis Amerika und Canada, von Neuseeland bis Australien. Es gibt sie auch in Rußland und Japan. Wenn man bedenkt, daß ein solcher Verein jährlich hunderte, wahrscheinlicher noch tausende von Stammbäumen ausstellt, dann wird einem erst die ungeheure Explosion in der Katzenzucht deutlich. Das ist längst nicht mehr das niedliche Damenhobby von einst. Ganze Industrien leben vom vorgefertigten Futter für die Millionen Katzen, die da gezüchtet werden, und auch von den Luxusartikeln, die für sie gekauft werden. Wen wundert es, wenn die Tierschützer verzweifelt um Verständnis für den Überschuß und nach Mäßigung rufen? Innerhalb eines Jahrhunderts ist Liebhaberei zur Industrie geworden. Ich habe die Entwicklung von 1960 bis fast 1990 verfolgt und frage mich heute, wie das weiter gehen soll. Es werden andere sein, die eines Tages diese Frage beantworten müssen. Die neun Jahre in unserem neuen Domizil in Driel dienten mir dazu, Abstand von alledem zu bekommen.

Ab und zu besuchten mein Mann und ich noch einmal unser geliebtes Ingen. Aber auch dort war jetzt viel verändert. Wo einst Baumplantagen gestanden hatten, standen jetzt neue Häuser. Unsere geliebten Bäume gab es nicht mehr, sogar der schöne, alte Birnbaum, in dem die Eule gewohnt hatte, war gefällt. Die Hecke mit ihren tausenden Vogelnestchen war auf ein Minimum herab geschnitten. Sogar der antike, alte Heuschober stand nicht mehr da und der alte Brunnen war verschwunden. Wo werden alle die Vögel geblieben sein, unsere Drosseln, die Finken, Rotkehlchen, Meisen und Zaunkönige?

Mein Mann sagte auf einmal: "Das ist alles symbolisch für die Zeit, in der wir leben. Von unseren alten Werten bleibt nicht viel mehr übrig. Unsere Zeit ist vorbei."

So ist es wohl. In relativ kurzer Zeit ist die Zahl der Menschen so gestiegen, daß für die Natur kein Platz mehr ist. Täglich sterben Tier- und Pflanzenarten aus und damit ist das Ende dieser Erde in ihrer natürlichen Form vorprogrammiert. Wie werden unsere Generationen einmal von unseren Nachkommen beurteilt werden? Vorausgesetzt, daß sie dann im Kampf ums Überleben überhaupt noch Zeit haben werden, darüber nachzudenken.

Es gibt eine Prognose des Umweltexperten John Cairnes von der Universität Virginia. Er hat ausgerechnet, wie es um die Erde stehen würde, wenn es keine Menschen mehr auf Erden gäbe.

Bereits nach drei Wochen würde der für Tiere so unangenehme Duft der Menschen verschwunden sein. Tiere würden die leeren Häuser beziehen und sich über die vielen nutzlosen Gegenstände darin wundern.

Nach etwa zwölf Wochen wären die Gärten wieder von Singvögeln, Hasen, Kaninchen und Eichhörnchen bewohnt.

Schon dreißig Wochen danach würden die Biber wieder ihre Dämme in die Flüsse bauen können, die Füchse würden die noch übrig gebliebenen Nahrungsreste der Menschen aufstöbern und verzehren.

Zwei Jahre später wären dann unsere hässlichen Autobahnen wieder mit wilden Pflanzen überwachsen. Die Wildtiere, die die Menschenherrschaft überlebt haben, würden langsam zurückkommen.

Vier Jahre danach wüchsen schon junge Bäume an den Fassaden der Häuser entlang und zwischen fünf und etwa zwanzig Jahre später würden Hirsche und Rehe und andere Tiere die unverdauten Saatkörner von vielerlei Pflanzen über das Land verbreiten; die allerschönsten wilden Bäume würden zurückkommen.

Andererseits würden auch Tiere aussterben, nämlich alle die, die vom Menschen profitiert haben: die Ratten und Mäuse, Ungeziefer, alle die, die vom Abfall der Menschen leben, sie würden, so sie nicht ganz verschwinden, doch erheblich weniger werden. Andere Tierarten, die "zahm" waren, würden wieder in ihren Naturzustand zurückfallen, wie z.B. die Schweine, Pferde, Katzen und Hunde. Bereits nach hundert Jahren würde Europa aussehen, wie der Urwald von Mexiko. Nach tausend Jahren würden Präriegebiete die ganze nördliche Halbkugel der Erde überdecken. Die Welt würde aussehen, wie ein einziges, großes Wildreservat. Dann wäre das Paradies zurückgekommen! ... - So weit John Cairnes.
Wir hoffen natürlich, daß der Zukunftstraum von John Cairnes nicht zur Wahrheit wird, schon unserer Nachkommen wegen. Wir stecken schließlich, bei aller Liebe zu den Tieren, doch in unserer menschlichen Haut.

Ich habe jetzt ein langes Leben hinter mir, ein Leben, in dem unvergessliche Tiere eine bedeutende Rolle gespielt haben. Ich bin dankbar, daß ich das alles erleben durfte und fühle die Verpflichtung, meine Erfahrungen vor dem Vergessenwerden zu bewahren. Ich bin auch dankbar, daß mir die Zeit gegönnt ist, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Ich hoffe, daß ich damit erreicht habe, daß auch andere sich vorstellen können, wie viel Charakter und Fähigkeit zu Liebe und Treue auch in den Tieren vorhanden war, die sinnlos vernichtet wurden und noch werden.

Als 1975 der Herzspezialist zu meinem Mann sagte: "Wenn Sie nicht sofort operiert werden, dann werden Sie höchstens noch drei Wochen leben, aber wenn Sie sich operieren lassen, können wir damit Ihr Leben wohl um etwa zehn Jahre verlängern.", waren wir sehr dankbar. Zehn Jahre erschienen uns wie ein Geschenk der Vorsehung. Es sind 21 Jahre geworden, aber es waren zu wenig.

Noch immer komme ich ab und zu nach Ingen, dem Ort, wo wir so glückliche Jahre verlebt haben. Dort, wo unsere Schafe grasten, grasen jetzt ein paar Esel. Unser früherer Nachbar, der das Land gekauft hat, hält sie aus Liebhaberei. Seine Frau sagte kürzlich zu mir: "Die meisten Esel auf der ganzen Welt haben ein so trauriges Dasein. Diese hier sollen es wenigstens gut haben." So erfüllt unser kleines Stückchen Erde, das wir so liebten, doch noch einen guten Zweck. Es ist gut, das zu wissen.

Wenn ich in Ingen bin, blicke ich an unserem alten Haus vorbei über die Felder zum weiten Horizont, an dem wir so oft den Sonnenuntergang beobachteten. Langsam sinkt die Sonne hinab in das unbekannte Land in dem die Träume und die Erinnerungen wohnen. Dann denke ich an das Wort von Marie von Ebner-Eschenbach:

"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können!"