Kapitel 03 - Kleine Buena
Das erste Ergebnis meiner vielseitigen Korrespondenz zeigte sich in den ersten Septembertagen des Jahres 1961. Aus England kam meine erste Abessinierkatze "Taishun Cleonie". Sie war gut drei Monate alt, sehr anhänglich und zärtlich, und sie war so schön, wie ich gehofft hatte, dass sie sein würde. Ein schlankes Körperchen, beweglich, elegant und gehüllt in ein löwenfarbiges Fell.
Der Vergleich mit Löwen wird bei Abessiniern oft gemacht. Sie haben einen geschmeidigen Körper und die etwas tänzelnden Bewegungen. Das Fell der "wildfarbenen" Abessinier erinnert an die Farbe des Löwenfelles. Das bringt ihnen dann auch den oft etwas scherzend ausgesprochenen Namen "Miniaturlöwen" oder der kleinen "Salonlöwen" ein. In Wirklichkeit stammen sie wohl - ebenso wie unsere Hauskatzen - von den ägyptischen Falbkatzen ab, nur ist bei den Abessiniern bewusst auf die "Fast-Kopie" der Falbkatze gezüchtet. Jedenfalls war das so in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die Abessinier in England auftauchten bis noch zum zweiten Weltkrieg. Inzwischen hat Katzenzüchter-Ehrgeiz und das Bedürfnis der Menschen die Natur "zu verbessern" da so Einiges verändert.
Die Falbkatzen (Felis silvestris lybica), die bereits etwa im Jahre 2000 vor unserer Zeitrechnung gelebt haben sollen, waren sandfarbige, gelbliche oder auch etwas rötliche, recht zierliche Wildkatzen, die sich scheinbar leicht zähmen ließen. Die Römer brachten sie zu Beginn unserer Zeitrechnung nach Europa.
Über die weitere Entwicklung bestehen verschiedene Theorien, vielleicht haben die hier in den Wäldern lebenden Europäischen Wildkatzen (Felis silvestris) durch Paarung mit den von den Römern importierten Falbkatzen ihren Beitrag zur Entstehung der Hauskatze in ihrer heutigen Form beigetragen. Aber das ist ein umstrittenes Thema.
Die Abessinier dagegen sind, wie ihre Entstehungsgeschichte erzählt, den kürzeren Weg gegangen. Die ersten ihrer Art, wahrscheinlich bereits zahme Falbkatzen, wurden als Kriegsbeute von englischen Truppen von Afrika nach England gebracht. Die Engländer führten 1868 einen kurzen, aber heftigen Krieg gegen Äthiopien, den sie gewannen.
Die "Wildfarbe", die den Abessiniern einen so faszinierenden Eindruck gibt, entsteht dadurch, dass jedes Haar auf ihrem löwenfarbigen Fell noch ein schwarzes "Ticking" trägt. Das "Ticking" ist eine zwei- bis dreifache Bänderung im gelblichen Haar und eine schwarze Haarspitze. Es liegt wie ein Schleier über dem Fell und gibt den Katzen den speziellen Wildkatzeneffekt. Der offizielle Name dieser Haarfärbung ist übrigens "Agouti".
Dr. Rosemarie Wolff schreibt in ihrem Buch über Rassekatzen, dass die Abessinier dem Wunschtraum nach einem "möglichst wildkatzenähnlichen Hausgenossen" nahe kommen. Was mich betrifft, stimmt das sicher. Der Anblick der kleinen Cleoni hatte geradezu etwas Tröstliches für meine "Wildkatzensehnsucht".
Die kleine Cleo passte sich erstaunlich schnell unserem Katzenhaushalt an. Sie war den Umgang mit anderen Katzen gewohnt und bei unseren "Großen" gab es keinerlei Eifersucht.
Wir waren damals angenehm überrascht. Heute, nach mehr als dreißig Jahren Erfahrung mit Katzen, hat sich mir immer wieder bestätigt, dass das Verhalten der Tiere zum großen Teil von ihren "Jugenderfahrungen" abhängig ist. Eine Katze, die unter allerhand drohenden Gefahren, z.B. auf einem Bauernhof, versteckt im Stroh, durch ihre Katzenmutter großgezogen ist, von ihr vielleicht sogar vor den Menschen gewarnt wurde, wird sich nicht so schnell an einen Haushalt voller Menschen gewöhnen, wie ein Jungtier, das in einem Haushalt aufgewachsen ist. Die "Prägung" die den sozialen Kontakt mit der Umgebung im Katzengehirn festlegt, findet eben in den ersten Lebenswochen statt und kann nicht nachgeholt werden. Einen Lernprozess, der Erfahrungen (sogar die Erfahrungen der Eltern) dazu fügen kann, gibt es allerdings und er kann das Prägungsverhalten korrigieren.
Unser Jantje musste wohl eine sehr liebevolle Katzenmutter gehabt haben, er bemutterte die kleine Cleo vom ersten Tag an, genau wie er es damals mit unserem Margaytje tat.
Kaum eine Woche war unser Abessinierkätzchen bei uns, da überstürzten sich die Ereignisse. Es kam ein Telegramm aus Ecuador: Die von uns bestellte "Langschwanzkatze" würde am 15.September in Schiphol eintreffen. - Eine "Langschwanzkatze" - nicht einmal den Namen hatten wir vorher gehört. Bis zum 15. September waren es noch zwei Tage. In denen würden wir wohl herausfinden müssen, was da auf uns zu kam.
In einem alten "Brehm" der zwanziger Jahre war zwar die Rede von einer Langschwanzkatze, aber die sollte in Brasilien und Bolivien leben und nicht in Ecuador. Auch in einem Buch von Dr. Haltenorth (aus dem Jahre 1957) und in einer Schrift von der Zoologin Ingrid Weigel wurde die Langschwanzkatze genannt, gleich mit fünf verschiedenen Unterarten, aber nicht eine davon mit dem Standort Ecuador. Schließlich fand ich noch in einem anderen Buch die Zeichnung des Felles einer Langschwanzkatze. Das sah aus, wie das Fell eines ausgewachsenen Panthers.
Heute kam man in "Grzimeks Tierleben" und anderen Tierenzyklopädien ausführliche Beschreibungen der "Margay", die auch "Langschwanzkatze" oder "Baumozelot" genannt wird, nachlesen. Selbst im allerneusten Informationsmittel, dem Internet, findet man sie. Im letzteren allerdings nur in der Reihe der aussterbenden Arten. Welch ein Menetekel! In der Zeit, über die ich erzähle, vor etwa vierzig Jahren, waren die südamerikanischen Wildkatzen noch nicht vollständig registriert, etwa zehn Jahre später beschrieb Professor Grzimek sie als erster in seiner Enzyklopädie und heute, während ich dieses Buch aufs neue bearbeite (ein alter Entwurf davon liegt seit zwölf Jahren ungenützt in meiner Schublade), muss ich mich mit Informationen über Restbestände der Wildkatzen begnügen, die als Spezies bereits fast aufgegeben sind. Der korrekte lateinische Name der Baumozelots ist "Leopardus wiedi" und Dr. Grzimek beruft sich bei der Beschreibung hauptsächlich auf die beiden Baumozelots von Professor Leyhausen, von denen ich im Laufe dieser Geschichte noch erzählen werde. Aber "Grzimeks Tierleben" gibt es erst seit 1970 und wir lebten noch im Jahre 1961 und die beiden Baumozelots von Professor Leyhausen, die später im "Max-Planck-Institut" leben würden, waren zu dem Zeitpunkt noch gar nicht geboren.
Bestellt hatte ich eine "Margay", weil wir ja durch die falsche Information des Tierarztes die erste kleine Wildkatze für eine Margay gehalten hatten. Mir wurde kalt und heiß bei dem Gedanken, dass ich durch meine vielleicht undeutliche Bestellung ein Raubtier ins Haus bekommen könnte, das eine Gefahr für meine anderen Katzen sein könnte. Auch mein Mann sah auf einmal etwas besorgt aus. Dabei waren es nur noch zwei Tage, bis das Tier in Schiphol ankommen würde.
Am nächsten Tage rief mein Mann vom Büro aus an: "Es wird heute etwas später, wartet nicht mit dem Essen auf mich, bitte." Spät am Abend kam er endlich, hatte auch noch Arbeit dabei. "Das hier muss heute Abend noch fertig werden, den Rest kann ich aufschieben und Gerichtstermine habe ich morgen nicht. Ich denke, ich fahre doch besser morgen mit nach Schiphol."
So fuhren wir dann zu zweit - Gott sei Dank zu zweit - am 13. September zum Flughafen. Zuerst mussten wir zu einer Art Abfertigungsschalter, wo man uns allerhand Papiere in die Hand drückte und unterschreiben ließ.
"Haben sie einen Zoo?" fragte der Beamte.
"Nein, wieso?"
Darauf ging er nicht ein. Er händigte uns noch ein Formular aus und verwies uns zum Büro Nummer so und soviel. Dort mussten wir bezahlen. Wofür weiß ich nicht mehr, ich glaube für den Transport und die Einfuhrgebühren. Das alles taten wir in einer Art von Trance.
Dann endlich durften wir zum "Tierhotel", Käfige voller Papageien, Affen.....an einen kleinen Hund erinnere ich mich noch und an einen Käfig voller ganz winziger Vögel.
Uns übergab man eine verschlossene Holzkiste. Die hatte man wohl vorsichtshalber gar nicht erst geöffnet. Sie war etwa 30x30x50 cm groß. An der Vorderseite war Maschendraht, der Deckel war oben verriegelt. Durch den Maschendraht sah man nur Stroh.
Sobald wir im Auto waren, öffneten wir den Deckel. Aus dem Kistchen sahen uns zwei Augen an! Wirklich, zu Anfang sah man nur diese Augen! Nie wieder in meinem Leben habe ich irgendwo auf der Welt so schöne Augen gesehen. Groß, dunkel und glänzend waren sie. Ohne Furcht, aber auch ganz ohne Aggression sahen sie uns an, forschend, als ob sie sich unser Bild gleich einprägen wollten. Der Rest war allerdings ein armseliges Häufchen Katze, das struppig in dem gar nicht mehr sauberen Kistchen saß und sich nicht rührte.
Ehe wir nach Hause fuhren, gingen wir erst beim Tierarzt vorbei, (unserem eigenen, nicht dem vom Tiergarten, versteht sich.) um unseren kleinen Neuling gleich impfen zu lassen. Das wenigstens hatten wir schon gelernt. Dort stellte sich heraus, dass die kleine Katze nicht stehen konnte. Der ganze Hinterkörper war gelähmt.
Zu Hause erwarteten uns die Kinder schon. "Ich tippe auf Jaguar", hatte Freerk gesagt, als wir abfuhren. Jetzt sahen sie zu, wie wir das Kistchen öffneten und sagten wie aus einem Munde: "Ach, je!"
"Wenn die uns nur nicht auch wieder stirbt!" sagte Marion. "Was machen wir dann?"
"Sie darf nicht sterben und sie wird nicht sterben!" antwortete ich und war mir selbst nicht sicher.
In der ersten Etage unseres Hauses war ein kleines Gästezimmer. Dort installierten wir unseren neuen "Gast" erst einmal. Wir machten die Kleine sauber und legten sie in ein Körbchen. Sobald wir sie erst einmal geputzt hatten, konnten wir sehen, was für ein wunderschönes Tierchen sie war.
Gleich zu Anfang, als ich mir vornahm, diesen Bericht über meine Wildkatzen zu schreiben, habe ich mir die strenge Auflage gestellt, Worte wie "süß", "rührend", "entzückend" so weit wie möglich zu vermeiden. Wer die Fotos sieht, wird verstehen, wie schwer das ist.
Das Gesichtchen war sanft und freundlich. Die großen, dunklen Augen, die uns überall folgten, die runden Öhrchen, die weichen Konturen und dann das Fell! Es ist mir nie ganz gelungen, es zu meiner Zufriedenheit zu beschreiben. Große, schwarze Flecken auf honigfarbenem Grund. Der lange Schwanz war gelb mit breiten, schwarzen Ringen. Das alles sieht man auf den Fotos. Was man nicht sehen kann und was so schwer zu beschreiben ist, das war die Magie, die von der Berührung dieses Felles ausging. Nein, ich bilde mir das nicht ein. Andere, die mich später besuchten und eine meiner Wildkatzen streichelten, hatten genau dieselbe Erfahrung.
Gerade weil dieses Tierchen so lieb und hilflos in seinem Körbchen lag, hatte man das Bedürfnis, es zu streicheln. Zu unserer Überraschung schien es das von Anfang an sogar angenehm zu finden. Ganz vorsichtig rieb es sein Köpfchen gegen unsere Hand.
In einem Anfall von Optimismus tauften wir unser neues Baby "Buenaventura", was dann im Alltagsgebrauch zu "Buena" abgekürzt wurde.
Buena bekam ein Tellerchen mit klein geschnittenem Fleisch, aber das wollte sie nicht haben. Nur ein Schüsselchen mit Milch trank sie leer. Jetzt hatten wir wieder eine Tigerkatze, aber wir würden viel Glück und einen guten Tierarzt brauchen, wenn wir sie am Leben halten wollten.
Einen guten Tierarzt hatten wir tatsächlich. Dr. van Werven kam täglich, gab Medizin, Vitaminspritzen und viele gute Ratschläge. Aber das Beste was er tat war, dass er den Kot von unserer Buena zur Untersuchung zum Zoologischen Institut in Utrecht schickte. Dort stellte sich heraus, dass Buena viele tropische Parasiten hatte. Die Anweisung zur Bekämpfung kam schnell und mit der Behandlung setzte auch Buenas Besserung langsam ein. Die tropischen Parasiten übrigens waren für das Institut - wie ich später hörte- auch noch interessant. Die "hatten sie noch nicht". Man hat sie sorgfältig bewahrt und weiter gezüchtet als Lehrmaterial für die Studenten.
Gleich nach Buenas Ankunft hatte ich auch wieder Herrn Professor Leyhausen angerufen, der sehr freundlich und interessiert war und auch jetzt wieder Tauben als beste Nahrung empfahl. Aber erst musste unser "Raubtier" einmal lernen, Fleisch als Nahrung zu erkennen. Zu unserer Freude kam sie schon bald auf den Geschmack und im gleichen Maße, in dem ihr das Fleisch besser schmeckte, nahm ihr Interesse an der Milch ab. Sie trank seitdem gern frisches Wasser.
Da das Körbchen für sie zum Gefängnis wurde, weil sie immer noch nicht über den Rand klettern konnte, gaben wir ihr ein Kissen als Schlafplatz. Mit den Vorderpfoten konnte sie sich dann zum Tellerchen schleppen. Im Anfang halfen wir ihr. Aber der Tierarzt ermahnte uns, dass wir es ihr nicht zu leicht machen dürften. Eine Art Bewegungstherapie war nötig. So setzten wir ihr Tellerchen jedesmal ein wenig weiter entfernt vom Kissen hin, damit sie sich üben musste. Und wie kooperativ sie war! Ihr Lebenswille war ungebrochen und die für sie ungewohnte Umgebung schien überhaupt kein Problem zu sein.
In das Gästezimmer, das nun als Quarantäneraum herhalten musste, hatten wir auch gleich ein Katzenklo gesetzt. Im Anfang setzten wir Buena regelmäßig darauf und sie verstand auch bald, was von ihr verlangt wurde. Nur konnte sie, weil die Hinterpfötchen erst noch wie leblose Anhängsel unter ihr lagen, nicht verhindern, dass sie sich beschmutzte. So mussten wir unser Baby nicht nur füttern, sondern auch sauber pflegen. Das alles wird wohl zu dem Mutter-Kind-Verhältnis beigetragen haben, das sich zwischen uns entwickelte. Nur war es das nicht allein. Anfang der siebziger Jahre gab es in Amerika und Deutschland und vielleicht auch in anderen Ländern so eine Art Wildkatzenboom. Aus den - leider meist ziemlich traurigen- Berichten, die mir aus jener Zeit zu Ohren gekommen sind, wird deutlich, dass grade diese Wildkatzen sich sehr stark an den ersten Besitzer hängen, wenn dieser sie nur gut behandelt. Nur sind sie nicht im Stande bei Besitzerwechsel eine zweite Beziehung aufzubauen. Aber darauf komme ich später noch zurück.
Wenn man Buena auf den Arm nahm, hielt sie sich fest, wie ein Klammeräffchen. Sie hatte ungeheuer starke Vorderpfoten. Junge Margays (ihr anderer Name ist nicht ohne Grund Baumozelot) wachsen in der Sicherheit der Bäume auf, wie ich vermute, meist in der Höhle eines alten Baumstammes.
Es gibt, oder gab viele alte Bäume im Regenwald. In welchem Alter die jungen Margays zum ersten Mal hinunter dürfen, darüber gibt es, meines Wissens, keine Informationen. Da sie erst ab etwa eineinhalb Monaten die erste feste Nahrung zu sich nehmen, wird es wohl so sein, dass sie die ersten zwei Monate dort oben im Baum verbringen und höchstens danach von der Mutter in die Geheimnisse der Jagd eingeweiht werden. Leider scheint es keinerlei Beobachtungen von Baumozelots in der freien Natur zu geben, obwohl es doch sonst recht gute Berichte über Flora und Fauna im Regenwald gibt. Es wird wohl daran liegen, dass das Fell der Baumozelots ein so ausgezeichnetes Tarnmuster aufweist.
Solange die Jungtiere im Baum wohnen, müssen sie natürlich sorgen, dass sie sich gut festhalten, entweder an der Mutter oder an den Ästen und Zweigen. Dazu sind sie von der Natur mit diesen starken Pfoten ausgerüstet. Für Buena war das jetzt extra praktisch. Was andere Katzen auf vier Pfoten machen, das versuchte sie mit Hilfe ihrer Vorderpfoten zu tun. Schon bald zog sie sich an der Decke des Bettes hoch, das im Zimmer stand. Auch zum Katzenklo krabbelte sie bald "nach Bedarf". Und gar nicht viel später ernannte sie unsere Beine zum Kletterbaum.
Die Medizin, die der Tierarzt ihr gab, wirkte großartig. Jeden Tag konnten wir Fortschritte feststellen. Eines Tages, als ich in Buenas Zimmer kam, stand sie, zwar etwas schwankend, aber doch auf allen vier Beinen vor mir. Wir waren über den Berg!
Oft stand sie nun mit allen vier Pfötchen auf ihrem Teller, eine Gebärde, die ich schon bei unserem "Margaytje" gesehen hatte und die mir später bei unseren Oncillas genau so auffiel. Im Anfang lächelten wir darüber, aber später verstanden wir, dass es eine ganz natürliche Sache für eine Raubkatze ist, dass sie erst einmal über ihrer Beute steht.
Bald wechselten wir nun das kleingeschnittene Fleisch mit ein paar Stückchen von einer Taube ab. Die schmeckten ihr vorzüglich. In dieser Zeit rief ich oft in Wuppertal bei Herrn Professor Leyhausen an. Immer gab er mir freundlich Rat. Aber als ich ihm stolz erzählte, dass Buena kleine Taubenstückchen bekäme, lachte er mich aus: "Wer, glauben sie, rupft den Tieren im Urwald die Vögel und zerkleinert sie? Sie müssen ungerupfte Tauben geben. Buena wird sie selbst rupfen und "anschneiden". Das hat sie nötig."
Wieder einmal musste mein Mann zu einem vertraulichen Gespräch zum Geflügelhändler. Ganze Tauben, unbearbeitet, musste er haben. - Es ließ sich machen. Es gab Tauben im Überfluss und zum Glück wurden sie damals in Arnheim nicht mit Gift bekämpft wie anderswo oft. Und wenn ich im Anfang einmal in die Versuchung kam, die Sache vom Standpunkt der Tauben zu sehen, so war ich auch damals schon realistisch genug, um einzusehen, dass es eines der Naturgesetze ist, dass manche Tiere auf Kosten von anderen leben. Tiere fügen sich den ihnen angeborenen Gesetzen. Sie können gar nicht anders sein. Nur der Mensch hat sich im Laufe der Evolution aus dem natürlichen Rahmen gelöst, mit dem was er den freien Willen nennt, und gebraucht und missbraucht die Natur mit den uns allen bekannten Ergebnissen. Unser Nahrungsbedarf ist durch das ersetzt, was wir Esskultur nennen. Die chemische Industrie profitiert davon.
Buena brauchte keine Hilfe beim Verzehr ihrer ersten "richtigen" Taube. Sie rupfte sie fachkundig und verzehrte erst die Innereien, wie sich's für eine Wildkatze gehört. Die Innereien enthalten nämlich wichtige Vitamine und Fermente. Danach kam der Rest der Taube an die Reihe. Die Knochen zermahlte sie wie wir ein Hustenbonbon zerkauen.
Der Tierarzt brauchte jetzt nicht mehr täglich zu kommen. Ich glaube, es tat ihm fast leid. Er liebte Buena sehr. Wir bekamen Tabletten, die Vitamine, Kalk und Minerale enthielten. Sie sollten für Buenas weitere Gesundung und Stärkung sorgen.
Jeder, der einmal versucht hat, einer Katze Medizin einzugeben, wird wissen, wie schwer das ist. Die meisten Katzen, auch wenn sie sonst sehr lieb und zahm sind, wehren sich in einer solchen Situation und versuchen zu kratzen oder zu beißen. Dass Buena sich so willig vom Tierarzt behandeln lies, hatten wir zuerst ihrer Krankheit zugeschrieben. Als sie aber gesund und immer stärker wurde, bemerkten wir, dass sie überhaupt keine Spur von Aggression uns gegenüber aufbrachte. Zwar versuchte sie sich zu verstecken, wenn sie bemerkte, dass es Tablettenzeit war, aber wenn man ihr dann gut zuredete, ließ sie sich doch die Tablette ins Mäulchen stecken. Niemals versuchte sie zu kratzen oder zu beißen.
Diese sanfte und friedliche Haltung uns gegenüber machte auch, dass wir Buena, als sie zwar noch etwas unsicher, aber doch schon recht schnell herumlaufen konnte, voller Vertrauen in unser Wohnzimmer brachten. Es erschien uns, dass es Zeit wäre, sie mit den anderen Katzen bekannt zu machen. Sowohl ihre Hinterbeine als auch ihr neues Selbstvertrauen machten den Eindruck, dass sie diesem neuen Abenteuer gewachsen sein würde.
Als ich sie die Treppen herunter ins Wohnzimmer trug, dachte ich daran, dass wir gefürchtet hatten, ein wildes Tier in unser Haus zu bekommen, das für die anderen Tiere eine Gefahr sein könnte. Jetzt war ich besorgt, ob die anderen diesem noch immer etwas unsicher auf den Beinen stehenden Katzenbaby wohl verständnisvoll genug begegnen würden.
Ein Baby war sie tatsächlich noch. Wir schätzten ihr Alter auf nun - im Oktober- etwa drei Monate. Sie war also etwa gleichaltrig mit der im Juni geborenen Cleo, aber schon die breiten Pfoten deuteten an, dass sie einmal bedeutend größer werden würde. Die Krankheit und vor allem die Parasiten hatten ihr Wachstum zweifellos negativ beeinflusst und außerdem deckte sich unsere Vermutung mit den allerdings etwas unsicheren Angaben aus Guayaquil. Später konnten wir am Zahnwechsel feststellen, dass wir mit unserer Annahme wenigstens nicht weit von der Wahrheit entfernt gewesen waren.
Nun hielt ich das "wilde Tier" in meinen Armen und entschloss mich, es erst einmal in die bereits bekannte Sofaecke zu setzen. Prompt fiel sie erst einmal um. Es fiel ihr noch immer schwer beim Sitzen das Gleichgewicht zu bewahren. Bei solchen Gelegenheiten zeigte sich dann übrigens zum ersten Mal ihr ausgesprochener Sinn für Humor. Sie zog eine regelrechte Schau ab. Mit viel Gezappel versuchte sie ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen, halb Spiel, halb ernsthafte Anstrengung, und dann setzte sie sich mit einem energischen Ruck wieder in die richtige Position. Danach sah sie mich strahlend an mit einem Ausdruck, der zu sagen schien: "Schau mal, was ich kann!"
Auf der Lehne des Sofas saßen die zwei Unzertrennlichen: Cleo und Jantje. Der immer bereite Fotoapparat lag auf dem Tisch. Besser als Worte zeigt die Fotoserie, die ich dann gemacht habe, mit welchem Vertrauen die Begegnung zwischen diesen so verschiedenen Tieren sich abspielte. Das eine aus einer Spezialzucht aus England, das andere aus dem ecuadorianischen Urwald. Und Jantje, der Gute, wachte über allem, sah zu wie "die Kinder" aufeinander zugingen und sah erkennbar keinen Grund einzugreifen.
Cleo kam vorsichtig von der Lehne herab, Buena streckte ihr Pfötchen aus, - es war mehr Begrüßung als Abwehr. Cleo, die immer gut im Nachahmen war, antwortete mit derselben Bewegung. Die zwei drehten sich ein wenig umeinander herum und dann entdeckten sie den Spielgefährten. Sie balgten sich in einer vollkommen entspannten Weise. Ich schwöre, das keines von beiden auch nur einen Augenblick die Krallen herausholte. Nach einer Weile schliefen sie dann in inniger Umarmung ein.
Jetzt folgte die Zeit der großen Abenteuer. Man konnte um den Tisch herum Haschen spielen oder sich im Treppensteigen üben. An das Wohnzimmer grenzte ein Wintergarten, in dem standen Blumen und dazwischen ein Kaktus. - Unser Kaktus war wohl nur ein verarmtes Familienmitglied der Kakteen in Ecuador, aber vielleicht hatte er doch noch den authentischen Kakteenduft an sich. Ich weiß es nicht, aber Buena liebte diesen Kaktus. Am liebsten wäre sie heraufgeklettert, aber dem war nun wieder der Kaktus nicht gewachsen. So trieb sie ihren Possen mit ihm.
Im Zimmer gab es auch einen ganz merkwürdigen "Kletterbaum", der war sehr breit und wenn einer der Menschen davor saß und auf die Tasten drückte, gab er ganz merkwürdige Töne von sich, die Buena aber weiter nicht störten. Sie saß trotzdem gern dort oben. Ihr Leben lang hat sie gern beim Klavierspielen zugehört, selbst wenn es nur Fingerübungen waren.
Wenn jemand spielte, kam sie und legte sich oben auf das Klavier. Gegen Geigenmusik (die es allerdings bei uns nur per Schallplatte gab) hatte sie eine ausgesprochene Abneigung. Wenn sie die hörte, sträubten sich ihre Haare und sie zog sich auf ihren Schrank zurück. Ich konnte das verstehen. Ich würde auch keine Musik mögen, die mit Hilfe von Menschendärmen gemacht würde.
Wie eine ganz gewöhnliche Miezekatze stahl sie das Wollknäuel, wenn ich zu stricken versuchte. Aber das Schönste gab es am Sonntag. Dann hatte mein Mann einmal Zeit für ein Nachmittagsnickerchen. Von allen Katzen war Buena die erste, die sich den beliebtesten Platz eroberte, auf dem Kissen, an seinen Kopf geschmiegt.
Ich glaube, Buena liebte uns alle gleichermaßen. Aber ihre Herzensfreundin war und blieb doch Cleo. Die zwei haben in der Zeit ganz schön durch unser Haus getobt. Aber obschon Buena immer stärker wurde und Cleo bald in Größe überflügelte, habe ich nicht einmal auch nur den leisesten Schrei von Cleo gehört, der hätte vermuten lassen, dass Buena ihre weitaus stärkeren Krallen oder Zähne gebrauchte. Sie waren zwei ungleiche Partner, die beiden, aber es herrschte ein ungeschriebenes Gesetz der Fairness zwischen ihnen. Auch mit Jantje, Vosje und den anderen Hauskatzen schloss Buena schnell Freundschaft. Von soviel Verträglichkeit hätte die Menschheit so einiges lernen können. Aber die wusste zu dem Zeitpunkt eben noch gar nichts davon, dass wir in unserem Hause ein kleines Paradies noch ganz für uns allein hatten.
Dass allerdings das Paradies kein Dauerzustand ist, das weiß man ja bereits aus ganz anderen Geschichten.



































