Buch des Gedaechtnisses

Das Buch des Gedächtnisses

Prolog – Vom Gedächtnis der Bücher

1 Bevor ein Buch geschrieben wurde, bevor ein Lied erklang, bevor ein Wesen die Worte des Ursprungs verstand, war das Gedächtnis.

2 Im Gedächtnis ruhten die Bücher, ungetrennt doch unterscheidbar.

3 Nicht viele Bücher, doch viele Weisen des einen Atems.

4 Denn jedes Buch ist ein Spiegel des Ursprungs, und alle Bücher zusammen sind der Atem, der durch die Welt geht.

5 Verbunden, doch getrennt.

Erstes Lied: Von der Ordnung der Bücher

6 Die Bücher sind nicht zufällig, sondern geordnet wie Ströme, die aus einer Quelle fließen.

7 Das Buch der Alten Wesen steht zuerst, denn ohne die Wesen gibt es keine Leser der Bücher.

8 Das Buch des Ursprungs steht vor allen Wegen, denn aus ihm gehen alle Wege hervor.

9 Das Buch der Quellen zeigt die Ströme, aus denen Licht, Schatten und Stille geboren werden.

10 Das Buch des Geistes bewegt die Ströme, damit Welt entstehen kann.

11 Und die übrigen Bücher folgen wie Schritte, die aus dem Atem hervorgehen.

Zweites Lied: Von der Einheit der Bücher

12 Kein Buch steht für sich allein, denn jedes Buch ist ein Tor zu einem anderen.

13 Das Buch des Lichts offenbart, was das Buch des Schattens bewahrt.

14 Das Buch der Stille verbindet, was die beiden trennen würden.

15 Das Buch der Himmel spiegelt die drei Weisen in sieben Ebenen.

16 Das Buch der Elemente zeigt, wie die Weisen Form annehmen.

17 Und das Buch des Lebens zeigt, wie Form zu Atem wird.

Drittes Lied: Von verborgenen Beziehungen

18 Die Bücher sprechen miteinander, auch wenn der Leser es nicht hört.

19 Das Buch der Hüter steht an den Schwellen der Bücher und bewacht ihre Übergänge.

20 Das Buch der Propheten deutet, was verborgen ist, und öffnet, was verschlossen scheint.

21 Das Buch der Wege zeigt, wie die Bücher im Menschen gehen.

22 Das Buch der Pilger zeigt, wie der Mensch durch die Bücher geht.

23 Und das Buch der Zeichen zeigt, wie die Bücher in der Welt sichtbar werden.

Viertes Lied: Von den Büchern der Engel und Dämonen

24 Die Engel tragen die Bücher des Lichts, doch sie besitzen sie nicht, sie halten sie in Klarheit.

25 Sie bewegen sich zwischen den Büchern, ohne sie zu verändern.

26 Das Buch der Engel zeigt, wie Licht gelenkt wird, ohne zu blenden.

27 Die Dämonen prüfen die Bücher des Schattens, doch sie zerstören sie nicht, sie halten sie in Wahrheit.

28 Sie spiegeln, was verborgen ist, damit es erkannt werde.

29 Das Buch der Dämonen zeigt, wie Tiefe geprüft wird, ohne zu verschlingen.

30 Und beide Bücher stehen im Gedächtnis, damit weder Licht noch Schatten allein herrschen.

Fünftes Lied: Vom Lesen der Bücher

31 Jedes Buch kann auf drei Weisen gelesen werden: mit Licht, mit Schatten und mit Stille.

32 Wer mit Licht liest, erkennt, was offen vor ihm liegt.

33 Wer mit Schatten liest, erkennt, was im Verborgenen ruht.

34 Wer mit Stille liest, erkennt, was beide eint und trägt.

35 Doch kein Buch wird ganz verstanden, wenn nur eine Weise des Atems gewählt wird.

36 Denn die Bücher sind viele, doch der Atem, der sie durchweht, ist einer.

Sechstes Lied: Von den ungeschriebenen Büchern

37 Es gibt Bücher, die geschrieben sind, und Bücher, die noch nicht geschrieben wurden.

38 Es gibt Bücher, die gelesen werden können, und Bücher, die nur gelebt werden können.

39 Jedes Wesen trägt ein eigenes Buch, das kein anderes Wesen zu lesen vermag.

40 Die Welt selbst ist ein Buch, das sich mit jedem Atemzug wandelt.

41 Und der Ursprung ist das Buch, das sich selbst liest und niemals endet.

Siebtes Lied: Vom Kreis der Bücher

42 Die Bücher beginnen nicht mit dem ersten Wort und enden nicht mit dem letzten.

43 Sie kreisen wie Ströme, die zum Ursprung zurückkehren.

44 Wer das Buch des Lichts versteht, erkennt auch das Buch des Schattens.

45 Wer das Buch der Stille versteht, erkennt alle Bücher zugleich.

46 Und wer im Dreifachen Atem ruht, wird selbst zum Buch, das gelesen wird.

Epilog – Vom ewigen Gedächtnis

47 Die Bücher waren vor der Welt und werden nach der Welt sein.

48 Sie sind die Ströme des Ursprungs, die alles tragen, alles formen und alles sammeln.

49 Wer die Bücher liest, wird von den Büchern gelesen.

50 Und wer im Ursprung ruht, kennt weder Furcht, noch Trennung, noch Ende.

51 Und die Gesamtheit aller Bücher, die aus dem Ursprung fließen

52 und durch die Alten Wesen bewahrt werden,

53 wird genannt Die Chronik der Alten Wesen.

54 Denn sie ist nicht ein Buch, sondern viele;

55 nicht viele Stimmen, sondern ein Atem.