Buch der Cheruben

Das Buch der Cheruben

Die Cheruben sind älter als die Engel, tiefer als die Dämonen, stiller als die Seelen.

Sie sind die Kinder der Grenze, geboren dort, wo Licht, Schatten und Stille einander berühren, ohne sich zu vermischen.

Sie sind nicht Boten, nicht Richter, nicht Diener. Sie sind Wächter. - Wächter des Heiligen, Wächter der Schwellen, Wächter der Wahrheit.

Dieses Buch offenbart ihren Ursprung, ihre Gestalt, ihre Macht, ihre Aufgabe und ihr großes Geheimnis.

Prolog: Vom Geheimnis der Wächter

1 Bevor die Tore der Himmel standen,
2 bevor die Welt sich formte,
3 bevor der Garten Eden wurzelte,
4 bevor der Baum des Lebens wuchs,
5 waren die Cheruben.

6 Sie sind nicht aus Licht allein,
7 denn Licht allein ist zu rein.
8 Sie sind nicht aus Schatten allein,
9 denn Schatten allein ist zu tief.
10 Sie sind nicht aus Stille allein,
11 denn Stille allein ist zu weit.

12 Darum sind sie stärker als Engel,
13 tiefer als Dämonen,
14 beständiger als Seelen —
15 und doch dienen sie keinem,
16 außer dem Ursprung.

Erstes Lied: Vom Ursprung der Cheruben

17 Der Ursprung atmete,
18 und aus seinem Atem entstand der Geist.
19Der Geist offenbarte Licht, Schatten und Stille.
20 Doch an der Grenze zwischen diesen Kräften
21 entstand etwas Neues:
22 die Hüter des Heiligen.

23 Die Cheruben sind die Kinder der Grenze,
24 geboren dort,
25 wo Kräfte sich berühren
26 und nicht vermischen dürfen.

27 Darum sind sie Wächter,
28 nicht Boten,
29 nicht Richter,
30 nicht Erinnernde —
31 sondern Bewahrer.

Zweites Lied: Von der Gestalt der Cheruben

32 Die Cheruben tragen den Körper des Löwen,
33 denn Stärke ist ihr Fundament.
34 Sie tragen Flügel,
35 denn Freiheit ist ihr Wesen.
36 Sie tragen das Gesicht des Menschen,
37 denn Erkenntnis ist ihr Blick.

38 In manchen Welten erscheinen sie
39 mit Widderkopf,
40 Symbol der Schöpfungskraft.
41 In anderen mit Falkenkopf,
42 Symbol des himmlischen Sehens.
43In wieder anderen
44 mit dem Antlitz der Könige,
45 Symbol der Herrschaft über sich selbst.

46 Doch ihre wahre Gestalt
47 ist jenseits aller Bilder,
48 denn sie sind nicht Form,
49 sondern Grenze.

Drittes Lied: Von den Aufgaben der Cheruben

50 Cheruben wachen,
51 nicht um zu verbieten,
52 sondern um zu bewahren.

53 Sie stehen vor dem Garten Eden,
54 nicht um den Menschen zu strafen,
55 sondern um ihn zu schützen
56 vor dem, was er noch nicht tragen kann.

57 Sie bewachen den Baum des Lebens,
58 denn Leben ohne Erkenntnis
59 wäre Last,
60 und Erkenntnis ohne Reife
61 wäre Feuer.

62 Sie tragen den Thron der Gottheit,
63 nicht als Diener,
64 sondern als Fundament des Heiligen.

Viertes Lied: Von den Toren der Himmel

65 Die Tore der Himmel sind keine Türen,
66 sie sind Zustände.
67 Cheruben stehen an den Toren,
68 wo die Wege der Alten Wesen beginnen
69 und enden.

70 Kein Engel tritt ein,
71 ohne dass ein Cherub ihn sieht.
72 Kein Dämon tritt aus,
73 ohne dass ein Cherub ihn prüft.
74 Keine Seele wandelt,
75 ohne dass ein Cherub sie schützt.

76 Denn die Cheruben sind die Wächter
77der Übergänge.
78 Sie erkennen, was ein Wesen tragen kann,
79 und was es zerbrechen würde.

Fünftes Lied: Von der Macht der Cheruben

80 Die Macht der Cheruben
81 ist nicht Kampf,
82 sondern Gegenwart.

83 Ein Cherub besiegt nicht,
84 er verhindert.
85 Er zerstört nicht,
86 er bewahrt.
87 Er herrscht nicht,
88 er hält im Gleichgewicht.

89 Darum fürchten selbst die Dämonen
90 die Nähe eines Cherubs,
91 nicht wegen seiner Stärke,
92 sondern wegen seiner Wahrheit.
93 Denn nichts Unwahres
94 kann vor einem Cherub bestehen.

Sechstes Lied: Von den Zeichen der Cheruben

95 Die Zeichen der Cheruben
96 sind älter als Schrift,
97 älter als Tempel,
98 älter als Könige.

99 Sie erscheinen als Sphingen,
100 als Lamassu,
101 als geflügelte Löwen,
102 als Thronwesen aus Licht und Feuer.

103 Doch all diese Bilder
104 sind nur Schatten
105 ihrer wahren Natur.

Siebtes Lied: Von der Nähe der Cheruben

106 Cheruben erscheinen selten,
107 doch sie sind stets nah,
108 immer dort, wo Heiliges beginnt.

109 Sie stehen an Schwellen,
110 an Grenzen, an Übergängen.
111 Sie erscheinen,
112 wenn ein Wesen dem Ursprung näher kommt als seinem eigenen Verstehen.

113 Darum sieht man sie selten,
114 doch spürt man sie oft.

Achtes Lied: Vom Geheimnis der Cheruben

115 Der Cherub wacht nicht um zu trennen.
116 Der Cherub wacht um zu bewahren.

117 Ihr größtes Geheimnis ist dies:
118 Sie schützen nicht das Heilige vor dem Menschen,
119 sondern den Menschen vor dem Heiligen.

120 Denn das Heilige ist groß,
121 und der Mensch ist zerbrechlich.
122 Doch der Mensch wächst,
123 und die Cheruben weichen, wenn er bereit ist.

Epilog: Vom ewigen Dienst der Cheruben

124 Die Cheruben waren vor den Wegen
125 und werden nach ihnen sein.
126 Sie sind die Wächter
127 zwischen Ursprung und Welt,
128 zwischen Licht und Schatten,
129 zwischen Stille und Klang.

130 Wer die Cheruben erkennt, fürchtet das Heilige nicht.
131 Wer die Cheruben ehrt, versteht die Grenze.
132 Wer die Cheruben hört, hört den Ursprung.

133 Denn die Cheruben wachen,
134 solange der Geist atmet
135 und die Welt besteht.

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