Kapitel 1

Kapitel 1 - Die Ueberraschung

Meine Freuden.
Wollt Ihr meine Freude hören,
Ruft ein Mädchen voller Lust,
Nun ich will sie gern Euch lehren,
Hegt sie auch in reiner Brust.
Meine Freude sind die Blüthen
Und die Blumen groß und klein
Die des Himmels Lust und Frieden
Durch die weite Schöpfung streu’n.
Meine Freuden sind die Thiere,
Schäfchen, Biene, Schmetterling.
Denn in Gottes Lustreviere
Ist mir keines zu gering.

Die kleine Prinzessin Marie war 6 Jahr alt und führte ein glückliches Leben. Alle Welt war ihr gut und Jedermann bemühte sich, ihr Freude zu machen. Täglich wurden kleine Mädchen eingeladen, mit denen sie im schönen Wagen spatzieren fuhr und mit schönen Spielsachen spielte.
Die Spielsachen waren aber ganz außerordentlich schön. Sie hatte unter Anderm eine Puppenstube, welche so groß war, daß nicht nur die Puppen, sondern auch deren Besitzerin, nebst zwei ihrer Freundinnen darin Platz fanden. Kanapee, Stühle und der Tisch waren so eingerichtet, daß die Kinder sich ihrer bedienen konnten und oft wurde dort in Gesellschaft der Puppen von verschiedener Größe Chocolade getrunken. Der kleine Hund Joly wurde bei solchen Gelegenheiten ebenfalls eingelassen und erhielt einen Platz auf dem Kanapee, von wo aus er mit wahrhaft menschlicher Grazie, ebenfalls Chocolade trank und Bisquit fraß. Wenn er sich zuweilen vergaß und sich allzu gefräßig zeigte, so wurde er ernstlich ermahnt und das Prinzeßchen drohte mit dem Finger.
Die Puppen waren indeß von verschiedener Größe und von ganz verschiedener Art. Da sah man eine große Puppe als Königin angethan, mit einer goldenen Krone auf dem Kopf und dem Hermelinmantel um die Schultern. Neben ihr saß das Bauermädchen in der Landestracht, mit Bändermütze, kurzem Rock und goldgesticktem Latz. Ein kleiner Knabe und ein kleines Mädchen waren in den kurzen Flügelkleidern und weißen Beinkleidern mit den runden Strohhüten sehr hübsch anzusehen. — Außerdem gab es auch Puppen in Haus- und Ball-Kleidern und alle hatten ihre besondere Garderobe. Viele davon besaßen sehr schönes langes Haar, und es gewährte den Kindern große Freude, solches zu kämmen und zu flechten; andere hatten blos Locken, was ihnen auch sehr gut stand.
Alle diese Puppen waren aber, in dem Augenblick wo diese Geschichte beginnt, ganz vergessen und lagen in einer Ecke der Puppenstube über einander gehäuft, denn die Prinzessin hatte kürzlich eine Puppe erhalten, welche alle anderen aus ihrem Herzen verdrängte; das war nämlich eine schöne Wickelpuppe. — Kopf, Arme und Beine waren von Wachs und das Kinderzeug war äußerst vollständig. Es fehlte nicht an Windeln, Stopfläppchen und Wickelschnuren. Die Wickelkissen waren mit Bandschleifen versehen und mit Stickereien garnirt. Die Mützchen waren prächtig, ganz mit Spitzen und Bändern bedeckt. Es gewährte den Kindern große Freude, das Puppenkind zu wickeln und trocken zu legen, herum zu tragen und einzuschläfern, und ihm Brei zu geben, mit dem kleinen silbernen Breilöffel, aus dem vergoldeten Breinäpfchen. Des Abends wurde die Puppe immer in die Wiege gelegt, welche ebenfalls in der Puppenstube stand; und das war eine sehr schöne Wiege von Mahagoniholz, wie nur wenig Menschenkinder sie besitzen. Es schläft sich nun zwar eben so gut in einer einfachen Wiege; aber für die Puppe einer kleinen Prinzessin heißt es doch: „je schöner, je besser“. An dieser Wiege waren nun reiche Vergoldungen angebracht; ein vergoldeter Engel schwebte darüber und hielt in seinen Händen den grünen Vorhang von schwerem rauschenden Seidenstoff: Kopfkissen und Decke waren von rosa Atlas mit Ueberzug von gesticktem Tüll mit Spitzenbesatz.
Das schönste Eigenthum der Wickelpuppe war aber das Taufzeug. Es bestand aus einem langen Kleid von Spitzentüll über rosa Atlas. Das Kind lag auf einem Kissen von rosa Atlas und nun gab es Spitzen und Schleifen in Menge. Besonders schön waren die Aermelchen gestickt, und das Mützchen erregte allgemeine Bewunderung. Eine arme Stickerin hatte vier Wochen daran gearbeitet und von dem Lohn, den sie dafür bekam, ihre ganze Familie erhalten. Die Wickelpuppe sah aber in diesem Taufzeug gerade so aus, wie das Prinzeßchen selbst bei der Taufe ausgesehen hatte.
„Wir wollen doch Taufens spielen“, sagte Lisi eines Tages, als eine Gesellschaft kleiner Mädchen bei der Prinzeß versammelt war. Lisi war die älteste von ihnen und pflegte gewöhnlich die Spiele anzugeben. „Wir wollen die Wickelpuppe taufen“, sagte sie, „und ich will der Pastor sein“. Die Kinder nahmen den Vorschlag mit Jubel an; Mademoiselle Gogo, die Bonne, hatte das Zimmer verlassen wegen eines Besuches und hatte die Kinder gebeten, recht still zu spielen; nun! bei der Taufe machte man auch gewiß keinen Spectakel. Lisi wickelte sich in einen schwarzen Shawl und machte sich von Papier Päffchen an den Hals. Ein kleiner Tisch wurde als Altar angeputzt. Nun putzten sich auch die Pathen. Das Prinzeßchen setzte ein Diadem ihrer Mama auf, welches diese wegen dessen Schwere auf einige Stunden bei ihr abgelegt hatte; ein goldgestickter Longshawl ward ihr als Schleppe angemacht. Die kleine Diana befestigte zwei Blumenkränze der Balldamenpuppe auf den Kopf und band ihren himmelblauen Mantel um die Taille, so daß er hinten Schleppe bildete; die kleine Amelie hatte eine Echarpe von rosa Flor auf dem Kopfe befestigt und hüllte sich hinein, so daß sie in einem jener Wölkchen zu stecken schien, welche Abends vor Untergang der Sonne so schön roth aussehen. Die lange Jenny hatte aber die Mütze des kleinen Prinzen aufgesetzt, einen Kindersäbel umgeschnallt und ein Paar Vorhangsquasten als Epauletten an die Schultern befestigt und wollte durchaus der Herr Gevatter sein.
Nun sollte die Taufe losgehen. Lisi hatte nämlich ihr Schwesterchen taufen sehen und nahm sich vor, es gerade so zu machen. Joly mußte sich auf die Hinterpfoten setzen, um das Mützchen zu halten, was damals Lisis Amt gewesen war.
Als nun die Vorbereitungen vollendet waren und die Kinder feierlich im Kreise standen, vernahm man plötzlich ein fremdartiges Geräusch, ein Poltern, Miauen, Winseln. Die Kinder wußten gar nicht, was es war, — die Wickelpuppe konnte es doch nicht sein!
Das Geräusch kam aus dem Kamin, welches im Sommer zugestellt wurde, damit der Wind nicht herein fauchen konnte. Die Kinder fürchteten sich und flüchteten schreiend und um Hülfe rufend in das andere Zimmer und Joly verfiel in ein fürchterliches Gebell. Ueber dem Lärm kam Mademoiselle Gogo herbei und frug, was es gäbe? Als die Kinder von dem Spektakel im Kamin erzählten, schüttelte sie bedenklich den Kopf; sie wußte nicht recht, ob es gerathen sei, das Kamin zu öffnen, es konnte ja eine Eule oder ein Uhu hineingeflogen sein; diese Vögel haben aber große Schnäbel und pflegen damit um sich herum zu hacken; es konnte auch eine Fledermaus sein und Mademoiselle Gogo fürchtete sich vor Fledermäusen. — Alles stand um das Kamin in horchender Stellung. — Ach, die Töne waren so leise, so hülfebedürftig, man mußte ahnden, daß ein Geschöpf Gottes sich sehr unbehaglich darin fühle. Lisi riß geschwind das Kamin auf und siehe, da lag ein kleines allerliebstes Kätzchen. Es konnte kaum 14 Tage alt sein und gefiel den Kindern ungemein. Es war ein buntes Cypernkätzchen. Es hatte einen langen Schwanz, den es anmuthig bewegte, kurze Ohren, die es klug zu spitzen wußte und ein Fellchen, so weich und glatt wie Seide. Dabei schnurrte es äußerst lieblich und schien sich im Schooß des Prinzeßchens sehr wohl zu befinden. Die Kinder holten Milch herbei und es leckte dieselbe mit seinem rosarothen Züngelchen. Man sah es ihm an, daß es ihm gutschmeckte. — Die Kinder hatten sich um das Prinzeßchen herumgekauert, um den kleinen Ankömmling recht betrachten zu können; alle waren davon entzückt, nur nicht Joly, welcher zur Thüre hinaus gebracht werden mußte, da er Lust zu haben schien, das arme Kätzchen zu beißen und aufzufressen.

Das Kätzchen wird im Kamin entdeckt
Das Kätzchen wird im Kamin entdeckt

Als Lisi aber die Freundinnen aufmerksam machte auf die Sammetpfötchen des Kätzchens und auf deren rosarothe Sohlen, wurden die Bedienten zum Abholen gemeldet und man mußte sich trennen. Das Kätzchen war im Schooß des Prinzeßchens eingeschlafen, und wir wollen es schlafen lassen, um zu erforschen, wie der kleine Gast eigentlich in das Kamin gekommen war.

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