Tigergesicht im Bambus
Hauskatze
Birmakatze auf Wiese
Sandkatze
Luchs am Wasser
Eurasischer Luchs
liegender Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 4

Kapitel 4 - Das Katzenconzert

Meine Freuden sind die Spiele
Mit Geschwistern lieb und hold.
In des Abends heit’rer Kühle
Seid ihr theurer mir als Gold.
Meine Freude ist die Liebe,
Die das Herz den Eltern weiht,
Des Gehorsams fromme Triebe
Und die reine Dankbarkeit.

Rosaurus war in seiner Angst über die lange Jenny, die ihn gekniffen, über Joly, der ihn verfolgt, über das Geschrei der Kinder, welches ihn erschreckt hatte, in raschem Laufe geflohen und durch alle fürstlichen Zimmer geeilt, um so viel als möglich Raum zwischen sich und seinen Feinden zu lassen; im letzten Zimmer hatte es im Kamin eine kleine Oeffnung entdeckt und war hineingeschlüpft, heilfroh sich in Sicherheit zu sehen, denn dorthin konnte selbst Joly nicht dringen; er setzte sich zufrieden auf seine Hinterbeine, schlug den Schwanz um seinen Körper und begann zu schnurren, was die Katzen immer zu thun pflegen, wenn sie über das Leben nachdenken. — Es war dunkel im Kamin, nur von hoch oben drang zur Oeffnung des Schlotes das Licht ein und erweckte in Rosaurus jenes Streben nach oben, jenes Bedürfniß der Seele, sich immer höher und höher zu schwingen, welches dem Katzengeschlecht angeboren ist. Er versuchte, in die schwarzberußten Wände des Kamins die scharfen Krallen zu fügen und siehe da! das kluge Thier, welches bisher nur auf ebener Erde und auf weichem Teppiche gewandelt hatte, es konnte klettern. Ja, Rosaurus kletterte und kletterte, bis er oben angelangt war, an das Ende der dunkeln Höhle, die nach einem neuen Leben führte. Rosaurus saß auf dem Dach; über sich hatte er den Himmel, zu seinen Füßen die Welt, d. h. den Schloßhof und einen Theil der Stadt. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne ließen die blechernen Dachrinnen in wunderbarer Pracht erglänzen; hie und da flatterte noch ein verspäteter Vogel. Der Hofrabe saß auf dem Balkon und krächzte sein Abendlied, während der Hofhahn sein letztes Kickeriki, welches wahrscheinlich eine „gute Nacht“ für seine Hühner bedeuten sollte, von sich gab; Rosaurus saß staunend und entzückt auf dem Dache und wußte gar nicht, was er über alle die Schönheiten dieser Welt, die sich ihm erschlossen, denken sollte.
Da sah er aus einem Bodenfenster drei Gestalten hervorkriechen, bei deren Anblick sein Herz heftig zu schlagen begann. Er hatte diese Gestalten noch nie gesehen, er wußte nicht, wie sie hießen, es waren keine Menschen, denn sie gingen nicht auf zwei Füßen, es waren keine Hunde, obgleich sie auf allen Vieren einherschritten; o nein! es waren Wesen höherer Art; es mußten Katzen sein. Er vermochte sein Auge nicht von ihnen hinwegzuwenden, ihre anmuthigen Bewegungen hatten einen unwiderruflichen Reiz für ihn — die kleinen Kätzchen sprangen an der Alten empor; diese legte sie sanft mit der großen Sammetpfote auf den Rücken und tändelte mit ihnen in freundlicher Herablassung; dann leckte sie die Kleinen. Dieses ist nämlich die Art und Weise, wie die Katzen der Reinlichkeit pflegen, und für Rosaurus war dieses Beispiel eine ernste Mahnung. Ach, wie sah er aus! Auf der einen Katerpfote hatte er noch den Spitzenärmel des Taufkleides; der übrige Körper war geschwärzt vom Ruß des Kamins. Rosaurus streifte den Aermel ab und begann nun auch sich zu lecken, indem er jedoch die Katzenfamilie immer im Auge hatte und dann und wann durch ein zartes Miau ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchte. Plötzlich erblickte die große Katze ihn; sie stutzte einen Augenblick und hielt ein mit dem Tändeln; sie setzte sich auf die Hinterbeine und sah ihn unverwandt an; dann näherte sie sich ihm mit dem Zeichen der größten Gemüthsbewegung! — Plötzlich fühlte Rosaurus sich von zwei zärtlichen Armen umschlossen und es ahnete ihm, daß seine Mutter ihn an’s Herz drückte. Ja es war Mies Mies, die Hofkatze, welche den verlorenen Liebling so unverhofft wieder fand, nachdem sie ihn vierzehn Tage lang beweint hatte. Heute zum ersten Mal führte sie ihre beiden zurückgebliebenen Kinder in die Welt ein, jetzt hatten sie nichts mehr vom unnatürlichen Vater noch vom bösen Hofraben zu fürchten, diesen Gefahren waren sie entwachsen; auch konnte die grausame Schloßmagd sie hier nicht erreichen. O, das war eine große Freude des Wiedersehens! wie glücklich fühlte sich Rosaurus! wie hübsch spielte es sich mit den Geschwistern! welche zierliche Sprünge wurden im Mondenschein von den drei jungen Kätzchen aufgeführt! Die Mutter hatte ihre große Freude daran und schaute mit würdiger Miene dem muntern Treiben zu. Plötzlich drängten die Kleinen sich ängstlich um die Mutter, denn aus einem Bodenfenster leuchteten ein Paar unheimliche Augen, die sie mit Furcht erfüllten. Sie hatten aber keine Ursache zum Fürchten, denn es war niemand Anderes als Murr, der schwarze Hofkater, welcher nur noch zum Familienglück gefehlt hatte. Es gab eine rührende Erkennungsscene; dann setzte sich der Kater neben Mies Mies, und während die beiden Alten plauderten, spielten die Kleinen von Neuem und freueten sich des Lebens. Als sie das Bedürfniß nach Nahrung fühlten, führte Mies Mies sie alle nach der Bodenkammer, wo sie auf dem alten Strohsack eine leckere Mahlzeit anrichtete; dieselbe bestand aus Häringsgräten und Taubenknöchelchen. Rosaurus fand indeß keinen Geschmack daran; er rümpfte die Nase und dachte an die guten Bissen des prinzeßlichen Tisches.
„Ich habe,“ sagte Murr leise zu Mies Mies, „ein Sperlingsnest entdeckt; die Jungen müssen jetzt ziemlich flügge sein; wie wäre es, meine Liebe, wenn wir sie jetzt zusammen verspeisten, während die Jugend sich so herrlich belustigt.“
„Mein Lieber,“ sagte Mies Mies, „wie könnte ich schwelgen in solchem Genuß, während meine lieben Kleinen denselben entbehren müssen; ich habe schon längst ein solches Nest gesucht, um ihnen den ersten Unterricht zu ertheilen, in jenem schönen anmuthigen Vogel- und Mäusespiel, worin unser Geschlecht so große Geschicklichkeit entwickelt; denn wir stürzen uns nicht gierig auf unsere Beute, wie andere Thiere, wir zeigen uns nicht gefräßig und sinnlich: o nein, wir wissen den Genuß zu verlängern und bekunden dadurch einen höhern Ursprung. Unsere Kinder hatten noch nie Gelegenheit, dieses Talent zu entwickeln.“
Murr schien nicht große Lust zu haben, die gute Mahlzeit mit so Vielen zu theilen, indeß schämte er sich, seinen Eigennutz einzugestehen und so bewegte sich denn die ganze Familie nach einem andern Theil des Dorfes, wo in dem Winkel einer Dachrinne ein Sperlingspaar auf seinem Nestchen schlief. Murr ergriff die Sperlingsmutter mit scharfer sicherer Kralle, während das Männchen schreiend entschlüpfte. Ach, das Angstgeschrei des Weibchens erreichte sein Ohr. Murr hatte dasselbe der Mies Mies gebracht, welche die kleinen Katzen lehrte, wie sie den Vogel bald am Flügel, bald am Schwanz packen mußten, wie sie ihm bald eine Feder dort, bald eine hier entreißen sollten und wie sie das frische Blut zu lecken hatten; endlich fraß Murr das arme Thier, um ihnen zu zeigen, wie man mit Anstand einen Vogel verzehren müsse. Als nun Murr sich dem Neste wieder näherte, flatterten die jungen Vögel erschreckt auf; der Sperlings-Vater saß trostlos auf dem Schornstein, er schwang sich hoch in die Luft, von wo er Zeuge war des Todes seiner Kleinen; die ganze Katzenfamilie stürzte sich über dieselben her und entwickelte ihr Talent zum Vogelspiel; besonders Rosaurus zeigte sich sehr geschickt darin; er hatte sich nicht umsonst an Maraboutfedern, Knäulen und Puppen geübt; sein Vögelchen lebte am längsten — endlich fraß er es auf, wofür er eine derbe Ohrfeige vom Murr erhielt, welcher dieses auch hatte verzehren wollen, wie es mit den andern geschehen war. Diese Ohrfeige nahm Rosaurus sehr übel; er war nicht an eine so unwürdige Behandlung gewöhnt; auch verglich er im Stillen die guten Bissen in Prinzeßchens Zimmer, die Bisquits und gebratenen Fleische mit diesem Vögelchen au naturel. Mies Mies merkte seine Verstimmung, und um ihn auf andere Gedanken zu bringen, schlug sie einen Gesang vor. Mies Mies hatte eine wunderschöne Alt-Stimme, Murr einen guten Baß; Beide stimmten ein herrliches Duett an und die Discantstimmen der drei Kätzchen bildeten den Chor. Es war eine erhabene Musik! So etwas hatte Rosaurus nie am Hofe gehört. Thränen der Rührung traten ihm in’s Auge, als er im herrlichen Mondschein, so nah dem Himmel, seine Familie auf den Hinterbeinen sitzend, mit halbzugekniffenen Augen, weitgeöffneten Schnauzen und auf die Seite gebeugten Häuptern, so herrlich singen hörte.

Das Katzenkonzert

Aber dieser Gesang sollte fürchterlich enden. Aus dem Schornstein tauchte ein schwarzes entsetzliches Wesen — es war ein Schlotfeger! Er schwang ein furchtbares Instrument und schrie gewaltig über den Katzenspectakel. Dann schleuderte er das Instrument mitten unter die Armen, welche in ihrer künstlerischen Begeisterung auf solche Störung keineswegs gefaßt waren; sie flohen nach allen Seiten zu unter lautem Jammergeschrei; das weiße und das schwarze Kätzchen waren schwer verwundet. Rosaurus entkam aber glücklich und fand auch das bekannte Kamin, wo er geschickt hinabsprang. Leise schlich er in die fürstlichen 31 Zimmer und legte sich allein in die Puppenwiege, als der Morgen schon graute. Rosaurus dachte: Ja, hier lebt es sich doch besser als auf dem Dach, hier ruht es sich besser als auf dem alten Strohsack und die Hofspeisen schmecken besser als die Hofgräten. Rosaurus nahm sich vor, noch fernerhin hier zu bleiben und nur dann und wann Spatziergänge auf das Dach zu halten, um sich den Genuß der herrlichen Concerte zu gewähren. — Groß war des Prinzeßchens Freude, als sie am andern Morgen Rosaurus das Frühstück reichen konnte; aber wie sah Rosaurus aus! Sein ganzes Fell war schwarz geworden vom Ruß des Kamins und er hatte auch die schöne Puppenwiege und des Prinzeßchens weißes Nachtkleid schwarz gemacht. Er saß neben der kleinen Prinzessin, als sie folgendes Gedicht in den Lehrstunden aufsagen mußte:
Die Katzen und der Hausherr
Murner, eine Cyperkatze
Gab unlängst den Gildeschmauß,
Und ersahe sich zum Platze
Eines Bürgers Wohnung aus.
Mensch und Thiere schliefen feste,
Selbst der Hausprophete schwieg,
Als ein Schwarm geschwänzter Gäste
Von den nächsten Dächern stieg.
Murner kommt, sie zu begrüßen,
Führt sie d’rauf in einen Saal,
Und setzt jeden auf ein Kissen
Von der feinsten Katzenzahl.
Sechzig feiste Mäusezimmel
Machten die Versammlung satt;
Ob geschickt, das weiß der Himmel,
Jeder giebt’s so gut er hat.
Von der Mahlzeit ging’s zum Tanze,
Wo der Wirth sich hören ließ,
Und auf einem Rattenschwanze
Manch verliebtes Stückchen blies.
Hinz, des Erstern Schwiegervater,
Sang darein erbärmlich schön,
Und zween abgelebte Kater
Quälten sich, ihm beizusteh’n.
Jetzo tanzen alle Katzen,
Poltern, lärmen, daß es kracht,
Zischen, heulen, sprudeln, kratzen,
Bis der Herr im Haus erwacht.
Dieser springt mit einem Stecken
In den finstern Saal hinein,
Schlägt um sich, sie zu erschrecken,
Schmeißet einen Spiegel ein.
Stolpert über einige Späne,
Stürzt im Fallen auf die Uhr,
Und zerbricht zwei Reihen Zähne.
Blinder Eifer schadet nur!
Was mochte wohl Rosaurus denken, als die Prinzessin dieses Gedicht aufsagte? Gewiß erweckte es in ihm Erinnerungen an die vergangene Nacht.