Tigergesicht im Bambus
Hauskatze
Birmakatze auf Wiese
Sandkatze
Luchs am Wasser
Eurasischer Luchs
liegender Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 6

Kapitel 6 - Die Kinder der Armuth

Trockne deine heißen Zähren
Von dem bleichen Angesicht;
Bald wird Gott dir Trost gewähren,
Er vergißt dich ewig nicht.

In einer engen Straße lebte in einem kleinen Häuschen eine arme Familie. Sie bewohnte ein niedriges rauchgeschwärztes Hinterstübchen. Vater, Mutter und Kinder waren in Lumpen gehüllt. Der Vater lag auf einem Strohsack, welcher des Nachts als Familienbett diente; er hatte den ganzen Tag darauf gelegen in jenem halbwachen Zustand, den der Genuß geistiger Getränke, vereint mit Trägheit des Körpers und Verstimmung der Seele hervorzubringen 40 pflegt. Ob er nicht arbeiten konnte oder wollte? wer weiß das. Die Mutter arbeitete auch nicht, sondern saß auf einer hölzernen Bank und hatte ein dreijähriges Töchterchen auf dem Schooß, welches eben so schmutzig und ungekämmt war, als sie selbst. Ein anderes kleines Mädchen von 8 Jahren kauerte im Winkel und weinte; sie hatte Weh am Fuß, weil sie in einen Glasscherben getreten hatte; denn das arme Kind mußte immer barfuß laufen, weil die Eltern ihr keine Schuhe kaufen konnten.
Dieses kleine Mädchen hieß Dorothea und wurde gewöhnlich Dorte genannt.
„Mich hungert’s so sehr“, klagte Dorte, „wäre nicht mein bößer Fuß, so hätte ich Euch schon längst etwas heim gebracht. Wilhelm braucht immer mehr Zeit, um etwas zusammen zu betteln.“
„Wie kommt das nur?“ fragte die Mutter.
„Ja, er kann sich nie ein Herz nehmen, die Leute anzubetteln, da schiebt er mich immer vor; er maust viel lieber.“
„Halts Maul, Mädchen!“ schrie der Vater, „wenns Jemand hört, so —“
„Ich wollte ja eben, daß Vater und Mutter es hören möchten,“ sagte Dorte; „mir gehorcht Wilhelm nicht, und ich fürchte immer, daß er noch sich selbst und uns Alle ins Unglück bringt.“
„Wir armen Leute,“ erwiderte der Vater, „müssen eben so gut leben, als die Reichen, und wenn diese uns nichts geben, so nehmen wir’s.“
Dorte. Ich habe neulich in der Schule ein Verschen gelernt, welches ich immer befolgen will: „Du sollst nicht lügen und nicht stehlen, und was du findest, nicht verhehlen.“
Mutter. Dabei wirst Du aber nicht sehr reich werden!
Dorte. Und doch brachte ich neulich einen ganzen Thaler mit nach Hause. O der glänzte! Prinzeßchen hatte ihn mir geschenkt, als es im Winter so kalt war und ich so bitterlich weinte, weil mich so hungerte.
Mutter. Ich weiß wohl, daß du nie so gut weinen kannst, als wenn du Hunger hast.
Dorte. Darum schickt Ihr mich so oft mit leerem Magen zum Betteln aus.
Vater. Ja die Dorte zwingt es immer mit ihren Thränen, der Wilhelm aber mit dem Verstande. Das ist ein kluger Kopf! der wird es noch weit bringen.
Dorte. Bis zum Galgen! so meinte neulich ein dicker Herr.
Mutter. Wer war der Schändliche, der sich unterstand, das von meinem Wilhelm zu sagen?
Dorte. Ich kenne ihn nicht, es war am Sonntag.
Vater. Wo der Wetterjunge 12 Groschen nach Hause brachte.
Dorte. Ja! die er sich mit Lügen verdient hatte.
Mutter. Wie so denn?
Dorte. Er hatte sich an einer Straßenecke aufgestellt, wo viele Leute vorüber gehen mußten; dort that er, als ob er weine und etwas suche. Kam nun ein Mitleidiger vorüber und frug: was ihm fehle? so klagte er, daß er einen Groschen verloren habe, wofür er für die kranke Mutter Arznei habe kaufen sollen; nun werde er Schläge erhalten, wenn er nach Hause käme. Und mancher Vorübergehende schenkte ihm einen Groschen. So wie der Geber sich aber entfernt hatte, begann die Geschichte von Neuem.
Vater. Der Blitzjunge!
Dorte. Ja, und wie gut er weinen konnte! selbst wenn ich Hunger habe und mit leerem Magen betteln muß, kann ich es nicht so gut.
Mutter. Du wirst aber immer ein dummes Mädchen bleiben.
Dorte. Ich möchte aber auch nicht so ankommen, wie Wilhelm an jenem Tage.
Vater. Nun, wie kam er denn an?
Dorte. Ein dicker Herr, der ihm schon ein Mal einen Groschen geschenkt hatte, kam zufällig denselben Weg wieder zurück. Wilhelm erkannte ihn aber nicht wieder und begann abermals, um den verlorenen Groschen zu weinen und zu schluchzen. Da gab der Herr ihm eine Ohrfeige rechts und eine links und sagte: — „Vielleicht rettet dich das von dem Galgen.“

Rosaurus wird gestohlen

Man hörte hier die Hausthür gehen und herein trat Wilhelm mit einem sehr vergnügten Gesicht. Er hielt etwas unter der Rocktasche verborgen und als er sich versichert hatte, daß niemand Fremdes im Zimmer sei, zog er einen schweren Arbeitsbeutel von grünem Sammet hervor.
Der Vater erhob sich bei diesem Anblick von seinem Lager, die Mutter rückte dem Tisch näher, Dorte und die kleine Hanne blickten mit neugierigen Augen nach dem erbeuteten Gegenstande in der Hoffnung, etwas Erfreuliches daraus hervorlangen zu sehen. Vater und Mutter erwarteten Geld, die Kinder Lebensmittel. Wilhelm erzählte, er habe den Beutel einem kleinen Mädchen vom Arm geschnitten bei der großen Brücke. „Die wird sich wundern!“ sagte er; „sie hat gar nichts gemerkt; auch war es schon etwas dunkel.“
Er öffnete den Beutel und heraus kam — Rosaurus; er schien sich nicht ganz behaglich zu fühlen, ja sogar auf einen feindseligen Angriff gefaßt zu sein; denn er machte einen gewaltigen Katzenbuckel und begann zu knurren und zu pusten. Die Kinder lachten. „Nun,“ meinte der Vater, „da hättest du auch etwas Besseres erwischen können.“ Glücklicherweise fand sich nebst einem Taschentuch auch ein Fünfgroschenstück im Beutel; auch kramte Wilhelm einige Semmeln und Aepfel aus, die er in der Dämmerung von Bäckern und Höckern gestohlen hatte. — Man theilte solche unter sich und verzehrte sie.
Rosaurus fühlte sich keineswegs heimisch in dieser Umgebung, er war ja an den fürstlichen Palast gewöhnt; auch verschmähte er die Brodkrumen, welche Dorte ihm bot, und machte ein ganz philosophisches und nachdenkliches Gesicht. Vielleicht dachte er an seiner Pathen Versprechungen von Bisquit und Leckerbissen, denn er brach in ein klägliches Miau aus.
„Was sollen wir nur mit der Katze anfangen, Wilhelm?“ sagte die Mutter, „du wirst uns doch nicht zumuthen, unsere Kaffee-Milch mit ihr zu theilen. Wirf sie zum Fenster hinaus oder setze sie vor die Thür.“
„Das arme Thier,“ meinte Dorte; „es ist gewiß gewohnt, recht gut verpflegt zu werden und wird sich auf der Straße unbehaglich fühlen; wir wollen es bis morgen früh behalten, dann trag ich es in ein vornehmes Haus, wo man es gewiß aufnimmt.“
„Nein, nein!“ sagte Wilhelm, „die Katze ist mein und bleibt hier. Ich weiß schon, was ich mit ihr anfange. Morgen geht das Vogelschießen los, da bringe ich sie in die Menagerie und verkaufe sie als einen Braten für den großen Löwen. Wenn ich auch nichts dafür bekomme als den freien Eintritt. Ich sehe so etwas gar zu gern, besonders die Affen — von ihnen kann man recht geschickt stibitzen lernen. Auch giebt es dort gefüllte Taschen, erreichbare Taschentücher, unbeachtete Arbeitsbeutel — kurz eine gute Ernte für arme und geschickte Leute.“
In dieser Gesellschaft brachte Rosaurus die Nacht zu, und schlummerte in Dortens Schooß so sanft, wie in seiner Puppenwiege.
Am andern Morgen ward es sehr bald lebendig, denn es war der Tag der Holzlese und Vater und Mutter gingen in den Wald. Beide waren dafür bekannt, daß sie lieber frische Aeste abbrachen, als sich mit dem alten Holz begnügten; dadurch fiel ihre Erndte auch immer reichlicher aus, als die anderer armen Leute.
Wilhelm und Dorte sollten in die Schule gehen; letztere wusch und kämmte vorher das Schwesterchen; dann gab sie Rosaurus ihre Milch und trank ihren Kaffee schwarz. Wilhelm dehnte sich aber noch lange auf seinem Strohsacke.
„Willst du nicht aufstehen?“ sagte Dorte, „es ist bald Zeit zur Schule.“ Langsam erhob er sich, frühstückte und machte Anstalt, die Schwester zu begleiten. Als sie die Thür hinter sich geschlossen hatten, sagte Dorte: „Es freut mich, daß Hannchen heute nicht so ganz allein bleibt, wie gewöhnlich.“
„Wer ist denn bei ihr?“ frug der Bruder.
„Nun das Kätzchen.“
„Potztausend! das hatte ich ganz vergessen,“ sagte er, indem er noch ein Mal die Thür aufriß, rief er in die Stube. „Hanne, wenn du mir das Kätzchen anrührst, so kriegst du Prügel!“ —
Hannchen war aber ein sehr unfolgsames Kind; sie war nicht zum Gehorsam erzogen worden, und man brauchte ihr nur etwas zu verbieten, so bekam sie Lust, es zu thun. Als sie sich also allein mit Kätzchen sah, ging sie auf dasselbe zu, um es zu streicheln. Rosaurus ließ sich das wohl gefallen und schnurrte; dann nahm sie das Kätzchen auf den Arm und trug es im Zimmer umher. — Dann meinte die Kleine, sie wolle etwas zum Fenster hinaus sehen; deshalb stieg sie auf einen Stuhl, machte das Fenster auf und lud Kätzchen ein, sich aufs Gesims zu setzen und die Vorübergehenden zu betrachten.
Rosaurus schien Gefallen daran zu finden und nahm seine philosophische Stellung auf den Hinterbeinen an und überlegte sich, was er thun wolle? Das Fenster war sehr niedrig, ein kleiner Sprung und Rosaurus war auf der Straße. Vielleicht konnte er sich dann leicht in der Stadt zurecht finden, und ins Schloß oder wenigstens zu einer Freundin des Prinzeßchens gelangen.
Rosaurus fand diesen Schritt sehr gerathen, er machte Anstalt, die innere Fensterbrüstung mit der äußeren zu vertauschen; — Hannchen wollte es nicht leiden und erfaßte den Flüchtling beim Schwanz — aber Rosaurus schlug seine Krallen in des Kindes Händchen und husch! — unten war er, worauf er in gestrecktem Laufe die Straße verließ.