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Die Spiegelperle

In der Bibel kommt die Katze nicht vor. Trotzdem ... Jesus könnte mit einer Katze aufgewachsen sein, wie das nachfolgende Märchen zeigt.

Die Spiegelperle

ein Weihnachtsmärchen von Andrea Mattivi

Als Jesus in einem kleinen Stall in der Nähe Bethlehems geboren wurde, sprach sich dieses Ereignis schnell herum und viele Menschen kamen, um dem kleinen Jesuskind gute Wünsche und Geschenke zu bringen. Aber nicht nur Menschen besuchten Marias Baby, sondern auch die Engel stiegen vom Himmel herab, um Gottes Sohn zu huldigen.

Als nach einigen Tagen wieder etwas Ruhe im Stall eingekehrt war, flog ein kleiner Engel in das bescheidene Heim der Heiligen Familie und landete mitten auf Marias Schoß. "T´schuldigung wegen der Bruchlandung." flüsterte das Engelchen und grinste Maria ein wenig frech an. "Ich habe auch ein Geschenk für Jesus mitgebracht, ich habe nur mit meinen kleinen Flügeln viel länger gebraucht als die anderen, um vom Himmel auf die Erde zu kommen." sprach es und überreichte Maria eine große, rosa schimmernde Perle.
Mit ihren sanften Händen nahm die Gottesmutter das Geschenk und dankte dem kleinen Himmelboten, der plötzlich aufgeregt auf ihrem Schoß hin und herrutschte. „Schau,“ erklärte dieser, "du kannst die Perle öffnen, darin ist ein Spiegel, der die Seele jedes Lebewesens zeigt, das hineinblickt.“

Maria öffnete die Perle vorsichtig und erblickte sich selbst klar und rein im Spiegel der Perle.

Zu der Zeit, als dies alles geschah, lebte in der Nähe Bethlehems eine Mutter mit ihrer Tochter Lena. Der Vater war vor langer Zeit gestorben und so hatte die Mutter alle Händen voll zu tun, ihr Kind alleine zu ernähren und zu erziehen. Das Leben in Armut hatte Lenas Mutter zu einer harten Frau werden lassen, die selten Lob oder ein liebevolles Wort aussprach und doch liebte Lena ihre Mutter sehr.

Von den Kindern Bethlehems wurde Lena gemieden und auch verspottet, da sie arm war , schäbige Kleider trug, keine Schule besuchen konnte und ein wenig humpelte. Lena war kein hübsches Mädchen und ihre Haare standen ihr immer wirr um den Kopf. Sie hatte keine Zeit, sich um ihr Aussehen zu kümmern, da sie Tag und Nacht ihrer Mutter mit den Ziegen und Schafen und im Haus helfen musste.
Der Spott der anderen Kinder verletzte sie sehr, aber da sie niemanden hatte, mit dem sie über ihren Kummer reden konnte, verschloss sie ihn in ihrem Herzen. Die Schafe und Ziegen waren ihre Freunde und sie kümmerte sich stets liebevoll um die Tiere.

Neuigkeiten drangen kaum in das abgelegene Haus von Lena und ihrer Mutter und so dauerte es fast vier Wochen, bis sie von der Geburt Jesu erfuhren. Im Gegensatz zu ihrer Mutter war Lena sehr aufgeregt und wünschte sich, das kleine Jesuskind zu sehen, aber ihre Mutter schimpfte sie nur und meinte, die Nähe eines kleinen, schmutzigen, humpelnden Mädchens würde das Gotteskind beleidigen. Somit verbot sie ihrer Tochter, die heilige Familie zu besuchen.

Lena war sehr betrübt, als sie an diesem Morgen auf die Wiesen ging, um die Schafe und Ziegen zu hüten. Um sich ein wenig zu trösten, nahm sie ihr Lieblingskätzchen Sheila mit auf die Weiden. Durch ihren Kummer war Lena an diesem Tag nicht sehr aufmerksam und sie bemerkte erst zu Mittag, dass eines der Schafe fehlte. Lena bekam Angst, da sie wusste, dass ihre Mutter sehr wütend sein würde, wenn sie eines der Tiere verlieren würde. So trieb sie ihre kleine Herde zusammen und machte sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf.

Es war schon Nachmittag, als Lena plötzlich eine kleine Bretterhütte erblickte vor der ihr Schaf weidete. Schnell lief Lena zu dem Tier, um es zu holen, da hörte sie ein kleines Kind im Stall weinen und eine Frauenstimme, die ein Wiegenlied sang. Neugierig näherte sich Lena der Stalltür, die offen stand. In dem kleinen Häuschen erblickte sie Maria und das Jesuskind in seiner Krippe. Lena grüßte artig und Maria winkte sie freundlich zu sich.

Lena hielt ihre Katze fest auf dem Arm und betrat neugierig, aber auch ängstlich (sie musste an das Verbot ihrer Mutter denken) den Stall. Langsam kam sie näher an die Krippe, in der das weinende Baby lag.

„Wie ist dein Name?“ fragte Maria. „Lena und das ist meine Katze Sheila. Ich habe eines meiner Schafe verloren und deshalb bin ich hier, obwohl mir meine Mutter verboten hat, euch zu besuchen. Sie meinte, der Anblick eines kleinen, schmutzigen, humpelnden Mädchens würde euch beleidigen, aber nun bin ich doch froh, dass sich das Schaf verlaufen hat und mich zu euch geführt hat!“ Während diese Worte aus Lena hervorsprudelten, sprang ihre Katze vom Arm direkt in die Krippe und legte sich schnurrend zu dem kleinen Jesus, der sofort zu weinen aufhörte und vergnügt zu quietschen begann.
Ängstlich sah Lena die Gottesmutter an. Maria spürte den großen Kummer des Mädchens und lächelte sanft. Lena wusste nicht recht, was sie nun tun sollte und flüsterte: “Ich habe nichts, um Jesus ein würdiges Geschenk machen zu können, aber wenn er Gefallen an meiner Lieblingskatze gefunden hat, so will ich sie ihm gerne schenken.“ Mit diesen Worten wollte Lena den Stall wieder verlassen. Doch Maria hielt sie zurück: Warte, ich möchte dir auch etwas schenken, komm, setz dich neben mich!“

Als Lena neben Maria im Stroh Platz genommen hatte, zeigte diese ihr die große, rosa Perle und öffnete diese. „ Was ist das?“ fragte Lena neugierig. „In diesem Spiegel kannst du deine Seele erblicken.“ antwortete Maria und hielt Lena die Perle so, dass sie in den Spiegel sehen konnte. „Ich sehe einen riesigen See, ist das meine Seele?“ wollte Lena wissen. „Nein, das sind all deine ungeweinten Tränen.“ Während Maria das sagte, rollte plötzlich eine dicke Träne über Lenas Wange und fiel direkt auf den Spiegel. In diesem Augenblick verwandelte sich das Bild und Lena konnte eine hohe Mauer sehen. „ Ist das meine Seele?“
„Nein, das ist die Mauer, mit der du schützend dein Herz umgeben hast, um den Schmerz des Spottes nicht fühlen zu müssen.“ In diesem Augenblick hatte Lena das Gefühl, etwas in ihr würde zerspringen und sie fühlte sich leicht und frei. Als sie wieder in den Spiegel blickte, hatte sich das Bild wieder verändert, sie konnte nun ein kleines hübsches Mädchen sehen, das fröhlich über die Felder lief. Lena fühlte eine unbändige Liebe für dieses Mädchen, so als wäre es ihre Schwester. „Und wer ist das?“ fragte sie.

Maria streichelte ihr über das Haar, lächelte und sprach: "Jetzt siehst du dich, wie Gott dich sieht."

Die Jesuskatze

Wenn wir das vorstehende Märchen von Andrea Mattivi noch ein wenig weiter denken ... erklärt sich hieraus auch die Herkunft der Jesus-Katze, die ebenso als Muttergottes-Katze bekannt ist.

Jedenfalls ist gut vorstellbar, dass Lena sich nach diesem Erlebnis dankbar und glücklich auf den Heimweg zu ihrer Mutter machte und Sheila bei Jesus blieb. Sie tobte dann durch die Höhle, fing ab und an eine kleine Maus und ruhte ansonsten sicherlich schnurrend beim Jesuskind in der Krippe im Stroh, bis es eingeschlafen war. Maria wird sich liebevoll um die beiden gekümmert haben und Jesus und das Kätzchen wuchsen schnell heran.

Wenn Jesus fest schlief, könnte Sheila zu Füßen Marias gelegen haben, die ihr so oft gedankenverloren über die Stirn strich, dass Sheilas Stirnfell schließlich ein klares "M" prägte. Auch Sheilas Nachkommen sollten später dieses Marienzeichen tragen und dies wiederum an all ihre Nachkommen weitergeben. - Bis heute.