Superfekundation bei Katzen
Promiskuität, Superfekundation & Koalitionsbildung bei Katzen
von Marcus Skupin | Welt der Katzen
Werden innerhalb eines einzelnen Östrus‑Zyklus mehrere Eizellen durch Spermien unterschiedlicher Kater befruchtet, so spricht man von einer Superfekundation. Die Katze bekommt im selben Wurf Nachwuchs unterschiedlicher Kater.
Bei Katzen ist Superfekundation besonders häufig. Dies ist auf mehrere reproduktionsbiologische Besonderheiten zurückzuführen, die Katzen von vielen anderen - ebenfalls promiskuitiven - Säugetieren unterscheidet. Eine Kombination aus Biologie, Verhalten und Fortpflanzungsphysiologie.
Biologische Hintergründe der Superfekundation bei Katzen
Häufige Paarungsbereitschaft – saisonal polyöstrisch
Katzen werden mehrfach pro Saison rollig, sobald die Tageslichtdauer etwa 10 bis 12 Stunden erreicht. Wohnungskatzen können durch künstliches Licht sogar ganzjährig rollig werden. Häufigere Rolligkeit erhöht die Wahrscheinlichkeit für mehrere Paarungen [3].
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Rolligkeitsverhalten
(es werden mehrere Kater angezogen)
Rollige Katzen zeigen typische Verhaltensweisen wie Rollen, Lautäußerungen, verstärktes Markieren und intensive Partnersuche.
Kater erkennen die Rolligkeit früher als Menschen, weil sie Pheromone wahrnehmen, die im Vaginalsekret enthalten sind. Hierdurch kommen oft mehrere Kater gleichzeitig zum Weibchen [3].
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Synchronisierte Rolligkeit in Katzengruppen
Pheromone können dazu führen, dass mehrere Weibchen einer Gruppe synchron rollig werden. Dies erhöht die Paarungsaktivität und die Wahrscheinlichkeit von Mehrfachdeckungen [3].
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Biologisch weibliche Strategie
Superfekundation ist eine biologisch weibliche Fortpflanzungsstrategie. Bei einigen Feliden steht dem als biologisch männliche Strategie der selben reproduktiven Dynamik die Koalitionsbildung gegenüber. Männchen kooperieren, um Zugang zu Weibchen zu sichern; selbst dann, wenn sie nicht miteinander verwandt sind [6].
Physiologische Grundlagen
Induzierte Ovulation - Eisprung durch den Deckakt
Bei Katzen erfolgt der Eisprung nicht spontan. Er wird erst durch mechanische Stimulation während des Deckakts ausgelöst (induzierte Ovulation).
Dies führt zu:
° Freisetzung mehrerer Eizellen innerhalb von 24–36 (48) Stunden
° einem verlängerten Befruchtungsfenster
° erhöhter Wahrscheinlichkeit, dass Spermien verschiedener Kater gleichzeitig im Reproduktionstrakt vorhanden sind
Begünstigt wird dies durch:
° LH‑Peak 30–40 Minuten nach Deckakt, Eisprung 24–36 Stunden später [1]
° 3–5 nötigen Kopulationen innerhalb von 2–3 Stunden nötig, um den LH‑Spiegel zu erreichen [3]
Die Folge: Mehrere Paarungen → mehrere LH‑Peaks → mehrere Eisprünge → mehrere mögliche Väter.
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Viele Eizellen gleichzeitig verfügbar
° Überlappende Follikelwellen ermöglichen bei der Katze die parallele Reifung mehrerer Eizellen [2].
° Im Östrus stehen bis zu 12 reife Eizellen, mithin eine hohe Anzahl befruchtungsfähiger Eizellen bereit [3].
Es wird damit sehr wahrscheinlich, dass mehrere Eizellen befruchtet werden.
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Spermien überleben mehrere Tage
Spermien bleiben im weiblichen Genitaltrakt bis zu 5 Tage befruchtungsfähig. Dadurch können Paarungen an unterschiedlichen Tagen desselben Zyklus zu Befruchtungen durch verschiedene Kater führen [1].
Auch dies steigert die biologische Wahrscheinlichkeit der Befruchtung mehrerer Eizellen deutlich.
Deckakt begünstigt Superfekundation
Der Deckakt der Katze ist kurz, aber hochspezialisiert:
~ Duldungsreflex (Brunststellung)
~ Nackenbiss → Tragstarre
~ Penispapillen stimulieren Mechanorezeptoren und führen zur LH‑Freisetzung
~ Nachrollen nach dem Deckakt ist typisch [3]
Da zur Auslösung des Eisprungs mehrere Kopulationen nötig sind, steigt die Wahrscheinlichkeit der Beteiligung mehrerer Kater.
Embryonale Entwicklung
Die Embryonen der Katze erreichen den 2‑Zell‑Status nach rund 64 Stunden. Blastozysten entwickeln sich nach 124–148 Stunden [1].
Die Implantation, die Einnistung der Eizelle in die Gebärmutter der Katze erfolgt synchron an Tag 13–14 [1].
Die führt dazu, dass auch wenn die Befruchtungen zeitlich versetzt stattfinden, die Entwicklung der Embryonen gleichmäßig erfolgt. Alle Kitten wirken gleich alt.
Evolutionsbiologische Vorteile
Superfekundation bietet verschiedene evolutionsbiologische Vorteile.
~ Genetische Vielfalt erhöht die Überlebenschancen [2]
~ Sicherung der Befruchtung auch bei Deckung durch subfertile (eingeschränkt zeugungsfähige) Kater [1]
~ Weniger Infantizid, da Kater Kitten eher tolerieren, wenn einige ihre eigenen sein könnten [3]
Bedeutung für Katzenhalter und -züchter
Eine rollige Katze kann innerhalb weniger Tage von mehreren Katern gedeckt werden. Ein Wurf kann daher mehrere Väter haben. Kastration ist die einzige sichere Methode, dies zu verhindern [3].
Die Relevanz der Superfekundation bei der Fortpflanzung der Hauskatze ist erheblich. Die Katzenforschung hat nachgewiesen, dass in ländlichen Gebieten bis zu 22 % der Würfe mehrere Väter haben. In städtischen Gebieten lag der Anteil mehrerer Vätern gar bei 70 % bis 83 % der untersuchten Katzenwürfe. Dies zeigt, dass Populationsdichte und soziale Struktur entscheidende Faktoren sind [4].
Superfekundation bei wilden Katzenarten
Die Annahme, dass Superfekundation bei der Hauskatze kein isoliertes Phänomen darstellt, sondern Teil einer übergeordneten felinen Fortpflanzungsstrategie ist, wird durch Forschungsergebnisse zu Geparden zunächst gestützt [5].
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Gepard
Eine genetische Studie an wildlebenden Geparden im Serengeti-Nationalpark konnte nachweisen, dass bei einem Anteil von 43 % der Gepardenwürfe (mit zwei oder mehr Jungtieren) mehrere Väter beteiligt waren.
Weibliche Geparden paaren sich innerhalb eines einzigen Östruszyklus mit mehreren Männchen, obwohl die Männchen versuchen, sie durch territoriale Kontrolle zu monopolisieren.
Die Studie zeigt, dass diese Strategie bei Geparden – wie bei Hauskatzen – die genetische Diversität und reproduktive Sicherheit erhöht und mehrere evolutionäre Vorteile bietet [5]:
° Erhöhung der genetischen Vielfalt innerhalb eines Wurfs
° Vermeidung von Infantizid, da Männchen unsicher über die Vaterschaft sind
° Reduktion männlicher Belästigung während der Rolligkeit
° Erweiterte Partnerwahl trotz männlicher Territorialität
° Geringere Partnerbindung [A 1] über mehrere reproduktive Zyklen hinweg
[5]
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Doch es gibt auch abweichende Beispiele. Die Territorialität als Gegenmodell zur Superfekundation bei Feliden.
Iberischer Luchs
Eine Studie zum Iberischen Luchs (Lynx pardinus) zeigt, dass Superfekundation nicht bei allen Feliden gleichermaßen auftritt. Der Iberische Luchs ist ein streng territorial lebendes Raubtier. Genetische Analysen belegen, dass territoriale Männchen alle auswertbaren Würfe (42 von 43) innerhalb ihres Reviers allein zeugen. Die Vaterschaft stimmte mit dem im Revier ansässigen Männchen überein; Mehrvaterschaft war nicht nachweisbar [7].
Die Autoren führen dies auf zwei Faktoren zurück:
° geringe Populationsdichte, wodurch kaum fremde Männchen in das Territorium eindringen
° durch männliche Anwesenheit induzierter Östrus, der Weibchen im Revier hält
Dieses Muster steht im deutlichen Gegensatz zur Hauskatze, bei der hohe Populationsdichte, fehlende exklusive Territorien und ausgeprägte Promiskuität der Weibchen die Superfekundation begünstigen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Superfekundation bei Feliden stark von ökologischen Rahmenbedingungen und sozialen Strukturen abhängt. Territorialität kann die Vaterschaft nahezu vollständig sichern [7].
Abgrenzung: Superfekundation vs. Superfetation
Superfekundation
° mehrere Väter
° ein Zyklus
° Embryonen wirken gleich alt, bei Katzen häufig [1]
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Superfetation
° erneute Befruchtung während bestehender Trächtigkeit
° Embryonen unterschiedlich alt, bei Hauskatzen nicht gesichert [1]
Anmerkungen
[A 1] Im Gegensatz zu Hauskatzen zeigen etwa Geparde und auch kanadische Luchse eine gewisse Partnerbindung. Die Männchen bilden dort oft kleine, feste Koalitionen (oft mit Brüdern), um Reviere zu verteidigen. Diese Männchen-Gruppen paaren sich dann über längere Zeiträume bevorzugt mit bestimmten Weibchen, was einer "seriellen Monogamie" nahekommt und den Zugang zu mehreren Weibchen ermöglicht.
Ähnliche Ergebnisse bezüglich der reproduktiven Chancen und des gegenseitigen Nutzens wurden durch eine Studie an Löwen nachgewiesen. Männliche Löwen bilden ebenfalls Koalitionen, um sich den Zugang zu Weibchen zu sichern. Interessant: Mehr als 40% dieser Koalitionen bestanden aus nicht verwandten Männchen.
Kooperation lohnt sich scheinbar, wenn der gemeinsame Fortpflanzungserfolg höher ist als der individuelle. Die Verfügbarkeit von Weibchen beeinflusst dabei direkt die Konkurrenz. [6]
Quellen
[1] Johnson, A. (2022). Normal feline reproduction: The queen. Frontiers in Veterinary Science. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10845401
[2] Brown, J. L., & Comizzoli, P. (2018). Female Cat Reproduction. In M. K. Skinner (Ed.), Encyclopedia of Reproduction. vol. 2, pp. 692–701. Academic Press: Elsevier. http://dx.doi.org/10.1016/978-0-12-809633-8.20638-9, ISBN: 9780128118993
[3] Skupin, Marcus (2013/2026). Sexualverhalten der Katze. Welt der Katzen. https://www.welt-der-katzen.de/katzenhaltung/ethologie/verhaltensarten/sexualverhalten.html
[4] Say, L., Pontier, D. & Natoli, E., (1999): High variation in multiple paternity of domestic cats (Felis catus L.) in relation to environmental conditions, Proc Biol Sci. 22. Oktober 1999; 266(1433):2071–2074. doi: 10.1098/RSPB.1999.0889
[5] Gottelli, D., Wang, J., Bashir, S., Durant, S.M. (2007). Genetic analysis reveals promiscuity among female cheetahs. Proceedings of the Royal Society B. PMCID: PMC2275179.
[6] Packer, C., & Pusey, A. E. (1982): Cooperation and competition within coalitions of male lions. Nature 296, page 740–742, https://doi.org/10.1038/296740a0
[7] Palomares, F., Lucena-Pérez, M., López-Bao, J.V., Godoy, J.A. (2017). Territoriality secures paternity in a solitary carnivore. Scientific Reports 7:4494. DOI: 10.1038/s41598-017-04820-4.
Artikelinformationen
Skupin, Marcus (2026), Superfekundation | Welt der Katzen <online>
Autor: Marcus Skupin
Erstveröffentlichung: 29. Juni 2026
URL: https://www.welt-der-katzen.de/katzenhaltung/biologie/fortpflanzung/superfekundation-bei-katzen.html